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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-08-01 · 9 (1.8.1933) · page 7

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
9 (1.8.1933)
Date
1933-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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m.. ygwjBBroü uw»—» 13. Jahrgang Nummer 9 JfiMfdi'ltbetale Leitung 2. Beilage 1. August 1933 Der andere darf. Von Elkan Lurla (Amsterdam). „Bei mir ist das natürlich ganz , ■ was andres.“ Dem objektiven Beschauer bietet heute — und nicht erst heute — die jüdische Presse in Deutschland ein seltsames Bild, von dem aber angenommen werden muß, daß es dem zwischen den verschiedenen jüdischen Strömungen bestehenden Verhältnis entspricht Wer seit vielen Jahren im Auslande lebt und also außerhalb der Verwicklungen und Leidenschaften des deutsch jüdischen Lebens steht, andererseits aber dieses Leben von früher her und infolge ständiger Verbindung genau kennt, hat den Eindruck, daß vieles anders sein müßte und könnte, als es ist Man spricht eine Binsenwahrheit aus, wenn man sagt, daß heute die gesamte deutsche Judenheit ohne Unterschied, mag sie auch innerlich ungebrochen sein, so doch nach dem äußeren Tatbestand in die Rolle des Besiegten gedrängt worden ist Gerade deshalb aber wirkt es unverständlich und nachgerade unerträglich, daß der eine Teil unserer deutschen Glaubensgenossen, nämlich die Zionisten, dem anderen Teile mit einer den tatsächlichen Verhältnissen wenig entsprechenden Si e g e r m i e n e gegenübertritt Sagen die vaterländisch empfindenden jüdischen Mitbürger — zu denen auch ich als Auslandsdeutscher mich freudig rechne — ihre Meinung, so wird ihnen bedeutet, sie hätten nichts mehr zu melden_ und müßten eigentlich abtreten. Die Zionisten hingegen dürfen alles, können alles und fühlen sich, wie gesagt, als Herren der Lage. Warum eigentlich? , Vielleicht gibt es eine Erklärung, ln der deutschen Politik hat der Rassengedanke gesiegt, und mit denjenigen nichtjüdischen Deutschen, die diesen Gedanken ablehnen, gehören auch die ihn gleichfalls ablehnenden jüdischen Deutschen, das sind die Nichtzionisten, zu.den Unterlegenen. Dieser Sachverhalt führt und verführt die Zionisten und ihre Mitläufer zu den seltsamsten Konsequenzen. Ein Beispiel für viele. Auf Burg Saaleck wurde eine-Gedenktafel zu Ehren der beiden Offiziere enthüllt, die nach der Erschießung Walther Rathenaus: Selbstmord begingen. Das Hauptorgan der deutschen Zionisten schreibt hierzu einen Artikel, von dem rückhaltlos anerkannt werden soll und sicher auch von Judengegnern anerkannt wird, daß er mutig und würdig geschrieben ist. Immerhin aber kann das zionistische Blatt es nicht unterlassen, einen persönlichen Seitenhieb gegen den „zu ehrgeizigen“ Rathenau zu führen und sehr deutlich auszusprechen, daß es die Uebernahme eines hohen politischen deutschen Amtes durch einen Juden nie gebilligt habe. Wir begreifen das, denn es entspricht völlig der völkischen, d. h. sowohl der deutsch-völkischen wie der jüdisch-völkischen Auffassung. Daß Rathenau diesen Standpunkt nicht teilte, daß alle Nichtzionisten sich als Deutsche jüdischen Glaubens und darum als gleichberechtigt empfinden, ist natürlich den Zio-, nisten bekannt, so wie es uns bekannt ist, daß sie Deutschtum und Judentum für „zwei Welten" und den deutschen Juden zur Vertretung deutscher Interessen für „nicht legitimiert“ halten. Wirklich — halten sie das? Ich kann mich noch sehr deutlich darauf besinnen, welchen Sturm der Entrüstung es vor einigen Jahren hervorrief, wenn von meinen jüdischen Freunden erklärt wurde, die Uebernahme des preußischen Presseamtes durch Ministerialrat Goslar sei mit dessen zionistischer Gerinnung unvereinbar, und ebenso auch -die Amtsausübung des preußischen Ministerialdirektors Badt, der ebenfalls Zionist ist Erklärten meine Freunde und ich, Zionismus und. Uebernahme deutschpolitischer Aemter für unvereinbar, so wurden wir als Hochverräter am Judentum angeprangert: dergleichen durfte — in Verbindung mit den Zionisten Badt und Goslar — nicht gesagt ^werden. Nun aber sagt es — in Verbindung mit dem Antizionisten Rathenau — die „Jüdische Rundschau“ selbst und begründet es geradezu ebenso wie wir selbst: mit dem zionistischen Standpunkt nämlich! Sie darf, wir dürfen nicht — eine kuriose Welt! Natürlich können die Herrschaften auch anders. Daß Gouverneur Lehmann in .New York, Lord Reading, Sir Herbert Samuel in England hohe politische Aemter innehabeu, — das ist natürlich wieder richtig. Jedenfalls liest man nichts davon, daß die Zionisten dies „nicht billigen“. Sind doch die genannten Regierungsfunktionäre sämtlich'— Zionisten! Ja, und Lord Melchett war sogar bis jetzt englischer Lord, also Oberliausmitgiied, Zionist und Christ in einer Person! Erst jetzt ist er, der sich seit langem führend in der zionistischen Bewegung betätigt, zum Judentum zurückgekehrt, seine Frau blieb Christin, wie seine Mutter. Auch der Vater des jungen Lords, der frühere Lord Melchett und vormalige Sir Alfred Mond, konnte im zionistischen Lager eine Führerstellung bekleiden, obwohl er seine Kinder der anglikanischen Kirche zuführte! Dergleichen hätte sich einmal bei den Nichtzionisten ereignen sollen! Denn die dürfen das nicht. Aber sie wollen es auch nicht. „ - Diese Beispiele lassen sich mehren. Welch Geschrei z. B. hat es gegeben, als in der Berliner Gemeinde die Liberalen nach ihrem Wahlsiege von 1930 darangingen, einige Beamtenposten umzubesetzen. Nach Meinung derer, die aus der Ferne beobachten, ist in dieser Richtung noch viel zu wenig geschehen, aber noch bis in die allerjüngste Zeit konnte man hören, daß die Zionisten entsprechend den alten parlamentarischen Methoden überall ein ihrer Zahl entsprechendes Mitbestimmungs- und Kontrollrecht fordern und — gewährt erhalten (z. B. die Wahl des Herrn Dr. Moses in den Repräsentantenausschuß, der das Berliner Vorstandsdirektorium „kontrolliert“, ebenso auch die Wahl Kollenschers in dieses Direktorium selber).- Der krasseste Fall auf diesem Gebiet "ist die Hereinnahme der Zionistischen Vereinigung in die Reichsvertretung der deutschen Juden und den ihr angeschlossenen „Zentralausschuß“. Die heutigen politischen Gleichschaltungsmethoden scheinen sich also für die 'Verwaltung der Religionsgemeinschaft wenig zu eignen — außer natürlich, wenn die Zionisten oder ihre Freunde sie anwenden. Denn es ist ja noch unvergessen, daß an die Vorstandsmitglieder der Berliner' Gemeinde ein „Exposö zur Schulfrage“ versandt werden konnte, in dem als erste Forderung aufgestellt wurde: „Kein Lehrer, der sich zur Assimilation als Weg zur Lösung der Judenfrage bekennt, darf Beschäftigung im jüdischen Schulwerk finden.“ Den Nichtliberalen ist, obwohl sie die Minderheit darstellen, selbstverständlich jede radikalste Gleichschaltung gestattet; wie hier, so immer: der Andere darf. - Gerade jenes Schulexpose ist in Kreisen auslandsdeutscher' Juden aus naheliegenden Gründen viel besprochen worden. Man hat uns geschrieben, sein Verfasser, Dr. Hermann Gerson, sei kein Zionist, sondern gehöre dem C.-V. an. Das hat unsin unserm Eindruck nur bestärkt. Denn ganz wie bei den Zionisten ist auch in diesem Exposö immer nur von der negativen, der entjüdischenden Assimilation, nicht aber von der Emanzipation mit ihrer Synthese von Deutschtum und Judentum die Rede. Statt dieser unentwegt: „gesamtjüdische Haltung“, oder, in der C.-V.-Zeitung: „Gruppen-Emanzipation“. Merken denn die Herren, die sich jetzt zu ungewählten Führern der größten jüdischen Organisation in Deutschland aufgeschwungen haben, gar nicht, daß es eine „Gruppen-Emanzipation“ nur für einen geistig und wirtschaftlich völlig unabhängigen, abgeschlossenen und autarken jüdischen Wirtschaftskörper. geben könnte und daß sie mit ihrem Mißprogramm die Geschäfte de9-Zionismus betreiben?--Vielleicht-merken sie’s wirklich: aber, auch dann gibt es ein Rezept; es sei „jetzt nicht die Zeit, lediglich ideologische Fragen zit diskutieren“. Verstehst du: sie dürfen alles sagen; wir aber, die Gegner ihrer unmaßgeblichen Meinung, dürfen nicht diskutieren; ihre Auslassungen sind „notwendige Fortbildung auf Grund der neuen Situation“, wir aber treiben natürlich nur ganz „unfruchtbare Ideologie“. Oder wir führen'innerjüdischen Kampf, während doch Frieden und Einheit nottut. Mit einem Wort: sie dürfen alles sagen, aber wir dürfen ihnen nicht widersprechen. Und, selbstverständlich: wenn wir wie früher sagen, wir seien Deutsche, so sind wir gänzlich veraltet Wenn sie aber, ebenfalls wie früher, sagen, sie sind Natimiuljudeu. dann sind sie höchst modern. Man sieht: wenn zwei dasselbe tun, so ist cs nicht dasselbe, und die Zionisten haben natürlich die heutige Rassenlehre iiir sich. Daß sie sich damit aber Sieger fj||ilen — —: haben sie denn ^pnz vergessen, daß es gerade-dieser. Rassengedanke selber ist. mit dem sie und alle deutschen Juden besiegt wurden? Dies schreibt Einer, der seit vielen-Jahren im Auslände lebt, aber mit jeder Faser seines Herzens Deutscher_geblieben ist; und — man darf es glauben: auslandsdeutscher Jude zu sein ist nicht leicht. Deutschlaml bat viele Feinde, und immer glauben sie. wir, die im Vaterlande Entrechteten, seien zu ihnen übergegangen. Wir sind aber unverändert Deutsche geblieben und wollen einst-zurück in das Land, dessen Kinder wir sind. Und wir würden es begrüßen, wenn diejenigen jüdischen Organisationen, die diesen gleichen Standpunkt vertreten. sich zu einer großen, einheitlichen Gruppe zusammenschließen wollten. Der schwedische Oberrabbiner Professor Dr. Marcus Ehrenpreis, Stockholm, sprach in diesen lagen von einer ' „Zerklüftung“ der deutschen Juden, die überwunden werden müsse. In ganz anderem Sinne als er nehme icli dies- Wort auf: der einen kleinen Gruppe, der Zionisten stellen die vielen- Grüppchen deutsch orientierter Juden gegenüber, größtenteils mit drittrangiger Führung. Sie sollten unter einem starken Manne zusammengefaßt werden, der im Namen der deutschen Juden spricht: die. jüdischen Frontsoldaten sollen dahei wieder in vorderste Front. Schaffen die deutschen Juden sich eine solche wirkliche Vertretung, daun sind sie üueh imstande, ihre kulturelle und vor allem wirtschaftliche Einordnung in die Hand zu nehmen. Alle andern aber, die die deutschjüdische Idee nicht wollen, die den Mischmasch oder die Ausgliederung wollen, haben sich von deutschjüdischem Wort und,, Werk zurückzuhalten. Der Andere darf nicht! " Kulturbund deutscher Juden. Mit, zwei großen Kundgebungen ist in diesen Tagen, eine - Vereinigung an die jüdische Ocffenttichkeit getreten,_dic größter Beachtung, wert und dieser Beachtung vielleicht auch schon deswegen sicher ist, weil ihre Gründung nach Verhandlungen mit Herrn Staatskonunissar Hans Hinkel von der Preußischen Regierung ausdrücklich genehmigt worden ist.' Die Auswirkungen des Beamtengesetzes haben eine große Anzahl jüdischer Künstler aller Kategorien erwerbslos gemacht, und es ist eine unabweisbare ethische Pflicht-der jüdischen Gemeinschaft, diesen brachliegenden, aber großenteils wertvollen Kräften neue Betätigungsmöglichkeiten zu schaffen. Dies ist in nuce der Zweck des „Kulturbundes deutscher Juden", den Dr. Kurt Singer. der ehemalige Intendant der Berliner . Städtischen Bühnen und Dirigent des Aerztechors. in Gemeinschaft mit Julius Bab ins Leben gerufen hat. Es ist bcab-. sichtigt, zunächst in Berlin eine Theatergemeindc zu schaffen, deren Mitglieder Anspruch auLjnouatllch einmaligen Besuch einer Theateraufführung, eines Konzertes und eines Vortragsabends haben sollen. Es soll ein eigenes Schauspiel- sowie ein Opern-Ensemble, durchweg aus jüdischen Künstlern bestehend, sowie ein Orchester geschaffen werden. Die Theateraufführungen (Schauspiel und Oper) sollen In einem zu.1 pachtenden Theater täglich stattfinden.. Bei der Auswahl der zur Aufführung gelangenden Stücke sollen neben allgemein künstlerischen Gesichtspunkten auch die Notwendigkeit der Förderung jüdischer Künstler und das Bedürfnis des jüdischen Publikums nach Darstellungen, in denen jüdische Stoffe behandelt werden,-Berücksichtigung finden. Für die musikalische Leitung der Oper würde der ehemalige Generalmusikdirektor ~dcs Mannheimer Nationaltheaters Josef Rosenstock gewonnen, der auch als Komponist bekannt ist und fünf Jahre lang an der Metropolitan-Opera in New York tätig war. , Wenn einleitend gesagt wurde, dieser Kulturbund verdiene weitgehende Beachtung, so zielt diese! Bemerkung keineswegs nur. auf die Wiederbeschäftigung erwerbslos gewordener Jüdischer Künstler. Vielmehr sind es dieser soziatc^Zweck und II II Buchdruckerei Budihandlung Gummistempel eigener Herstellung, Papierwaren Leo Heymann Berlin W15, Uhlandsfr. 165/166 Fernsprecher: J1 Bismarck 5571 BMedaii nur bei EmU Unger, C2,SpandauerStr. 19 (U. d. J. G ). 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