Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 8 (15.7.1933)
- Date
- 1933-07-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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13. Jahrgang Nummer 8 3üÖifd)-libetale 3citung Religiöse Gleichschaltung. Von Stadtrabbiner 3k. JmuI JUeqec, Stuttgart. Deutschland durchlebt zur Zeit eine der gewaltigsten Umwälzungen: die Gleichschaltung aller deutschen Lebensäußerungeu auf den nationalsozialistischen Staat Die evangelische Kirche folgt im Augenblick, wenn auch nach einigem Zögern, der neuen Losung. Eine starke Gruppe, die Glaubensgemeinschaft deutscher Christen, ist entschlossen, ihr^ Bekenntnis grundsätzlich . dem Staate zu unterwerfen. Einer ihrer Wortführer, Ernst Bergmann, schreibt in seinem. Buche „Die deutsche Nationalkirche“ (1933): „Es ist die große Idee, des Volksganzen, bei dem der einzelne Deutsche, ob hoch, ob niedrig,. Schutz und Halt findet wie bei einem Gott, der ihn nicht versinken läßt. Diesem Gott d. h. unserem Volk wolieh wir.gern all unser Hab und Gut, all unser Dasein, Handeln und Denken opfern.“ Bereits vor, Jahresfrist hatte die NSDAP, die Losung „Eroberung der Kirche“ ausgegeben. Am 31. August 1932 wies allerdings auf katholischer Seite; die „Germania“ darauf hin, daß die Rassenlehre den christlichen Universalismus aufhebe. Demgegenüber erklärten sich aber Wortführer im evangelischen Lager dennocli für die „politische Theologie“. Im Zeichen dieser Entwicklung stand die Sammelschrift von Leopold Klotz „Die Kirche und das dritte Reich“ (Gotha 1932),. in der sich 23 Theotogen aus allen religiösen und politischen Lagern zum Problem des Nationalsozialismus äußerten. Die Mehrzahl der Theologen sprach sich allerdings in der Sammelschrift gegen die religiösen Absichten;des Nationalsozialismus aus: aber eine Reihe von ihnen stellte sich auch weltanschaulich auf die Seite der neuen Partei. I Eine entscheidende Stellung 'nahm in diesen Auseinandersetzungen die Judenfrage ein. Ernst Bizer empfand zwar, das Unrecht, das den Juden durch das neue Parteidogma geschieht. Paul Fiebig widersprach den Pastoren, die Jesus für einen Germanen erklärten. Ihnen trat aber Professor Karl Eger mit seiner Behauptung entgegen: „Sowohl Internationalismus wie Marxismus sind die listigen Erfindungen des jüdischen Geistes, die Seele des deutschen Volkes 'zu vergiften.“ So standen in dem Buche mannhafte Aeußerungen der Abwehr neben harten Bekenntnissen tiefgehender Judenfeindschaft. Inzwischen ist ein knappes j halbes Jahr mit ungeahnten Neugestaltungen dahingegangen, und die Partei der Deutschen Christen steht wortheischend und Eingang fordernd vor den Toren der evangelischen Kirche. Es wirkt mindestens auffallend, daß Pfarrer Trillhaas in der Frankfurter Zeitung vom 4.- Juni die neue Glaubensbewegung durch die dialektische Theologie vorbereitet sein läßt, die gegenüber allem religiösen Subjektivismus den Offenbarungscharakter, gegenüber aller Philosophie die Objektivität des Wortes Gottes betont und vertritt Tatsächlich sind es ja wesentlich politische Ideen wie die Beziehungen zwischen Glauben und~ Politik, Kirche und .Volk, Religion und Staat, die in der neuen Bewegung entscheidend hervorgetreten und die im Programm der neuen Qlaubensbewegung „Die Kirche gehört dem 'Volke" ihren schärfsten Äpsdruck erhalten haben. Der volkskirchliche Gedanke ist eben rassisch bedingt, so daß das Problem der Deutschen Christen geradezu die Üebertragung des antisemitischen Dogmas auf den Protestantismus bedeutet. Daß Christus Gottes Sohn und deshalb nichtiüdischen Ursprungs gewesen, läßt sich dogmatisch vertreten! Aber die Apostel und die Evangelisten sind ohne Zweifel. Nichtarier gewesen. Das kann alle Dialektik nichtwegdisputieren. Daß Christus im Alten Testament, der. Bibel der Juden! seelisch verwurzelt war, daß er in der Luft der Propheten und Psalmisten geatmet, wird alle deutsche Begeisterung nicht ableugnen können. Novum testamentum latet in vetere, vetus testamentum patet in novo — „Das Neue Testament wurzelt im Alten, das Alte Testament ergießt sich ins Neue“ —, das kann kein Rassenamt aus der Welt schaffen. Eine Kirche ohne Bibel, ohne Offenbarung, wäre ein Gebilde ohne inneren Halt Die Offenbarer, die Lehrer der Bibel, sind Juden gewesen. Das ist das auf einen Satz gefaßte Problem der neuen Kirche, welche die Juden ausschaltet, .aber die jüdische Bibel bejaht Die deutsche Jüdenheit-hat keinen Einfluß auf-die Vorgänge innerhalb der evangelischen Kirche und auch kein Recht, in sie einzugreifen, wenn sie auch durch die Stellung zur Bibel an ihnen mitbeteiligt ist. Vielleicht dari sie deshalb auf die biblische Stellung zur Gleichschaltung "hinweisen, Auch die jüdische Geschichte hat eine Periode der Gleichschaltung erlebt Es war natürlich, daß bei dem Einzug in Kanaan die' Verbindung Israels mit den heidnischen Völkern streng verboten ward (5. Mose, 7, 3). Es gab für die junge Eroberergeneration keine größere Gefahr als die Zersetzung durch Blutmischung, wenn auch sie schon durch ägyptische und midjanitische Mischehen viel .fremdes Blut in sich aufgenommen hatte. Mit Israel zog ein ägyptisches Volksgemisch aus Gosen, von dem die Bibel mancherlei zu berichten weiß (2. Mose 12, 38). Noch intensiver war die Blutmischung mit kanaanitischen Stämmen wie mit den Gibeoniten. Aber seltsam! So ernst der Gesetzgeber der Bibel die Blutmischung mit den Kanaaitern ablehnte,’ er forderte Rechts-, gleichheit für sie in allen Teilen der Bibel. Er ging so weit zu verlangen: „Wie ein Einheimischer sei euch der Fremdling, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst“, und er begründete dieses Gebot in der eindrucksvollsten Weise, „denn Fremdlinge wäret ihr selbst im Lande Aegypten und ihr wißt, wie es dem Fremden ums Herz ist (3. Mose 19, 33, 34 und 2. Mose 23, 9).“ „Einerlei Gesetz und einerlei Recht sei für euch und für den Fremdling, der bei euch weilt (4. Mose 15, 16 und 3. Mose 24, 22).“ „Gott schafft Recht dem Waisenkinde und der Witwe, er liebt den! Fremd-, ling, ihm Brot uncT Kleidung zu geben. So liebet den Fremdling, denn Fremdlinge wäret ihr im Lande Aegypten (5. Mose 10, 18, 19).“ Möge die evangelische Christenheit diese biblische Gleich-' Schaltung nicht vergessen! Das Judentum mag nach dem Urteil der Gegner rassisch minderwertig sein, in1 seinen religiösen Forderungen und vom Standpunkt der Menschlichkeit bleibt es auch für die Gegen Wartsmenschheit daJVcuchtende Vorbild. Beschlüsse des deutschen Rabbinerverbandes. Am 6. Juni tagte in Leipzig der Zentralausschuß des Allgemeinen Rabbinerverbandes, ln den Verhandlungen wurden die sämtlichen durch die Zeitverhältnisse bedingten Fragen erörtert Es wurden die folgenden Entschließungen gefaßt: 1. Der Zentralausschuß des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland dankt seinem Vorsitzenden Dr. Baeck dafür, daß er in den Ereignissen der letzten Wochen die Aufgaben eines leitenden Rabbiners der Deutschen Jüdenheit erfüllt hat und daß es ihm gelungen ist, in seiner Person alle positiven Kräfte des Deutschen Judentums zusainmenzufass'en. 2. Der Zentralausschuß des Allgemeinen'Rabbinerverbandes in Deutschland erblickt in der jüdischen Schule eine wesentliche segensvolle Kraft zur Erhaltung der deutschen Juden. Diese jüdische Schule darf kein Notbehelf sein, sondern soll der lebendigen jüdischen Erziehung dienen. Eine Voraussetzung für dieses Schulwerk ist es daher, daß die in ihm tätigen Lehrer bewußt im Judentum stehen. „Die Aufgaben des Rabbiners in unserer Zeit.” Auf der Generalversammlung des Süd westdeutschen Rabbinerverbandes in Mainz hielt der bisherige Vorsitzende Levi (Mainz) ein Referat über „Die Aufgaben des Rabbiners in unserer Zeit“. Er beleuchtete die Tätigkeit des Rabbiners in bezug auf. Predigt, Schule, soziale und gemeindliche Arbeitsgebiete und Wirksamkeit in der nichtjüdischen Oeffentlichkeit In Hessen sehe sich der jüdische Religionsunterricht mehr Schwierigkeiten gegenübergestellt als in anderen deutschen Staaten. Den Fragen der Berufsumschichtung und der Auswanderung müsse der Rabbiner besonderes.Augenmerk zuwenden, für die Erhaltung der Gemeinde seine ganze Kraft einsetzen. In der anschließenden Diskussion waren u. a. besonders bemerkenswert die Berichte einzelner Kollegen über die verschiedenartige Wirkung der Zeitereignisse auf die Jugend und auf’ den Besuch des Gottesdienstes. — Die anregend und harmonisch verlaufene Tagung wurde mit der Neuwahl des Vorstandes beschlossen. Gewählt wurden zum 1. Vorsitzenden: Rabbiner Dr. Paul Lazarus (Wiesbaden), zum Schriftführer: Rabbiner Dr Bien heim (Darmstadt). 2. Beilage 15.! Juli ,1933 Wo bleibt das viele Geld? egenden gehören zum eisernen Bestand jüdischen Schrifttums in alter und neuer Zeit. Wie die alten Weisen, w müssen auch die heutigen Prediger ihre .Reden durch Erzählung von Legenden veranschaulichen; Legendehsauunluugen fehlen aui keinem jüdischen Büchertisch, ultd auch der jüdische Journalist muß int Feuilleton von Zeit zu Zeit Legenden erzählen. Das schließt nicht aus, daß' ihm gewisse Vorkommnisse des Lebens gelegentlich die Pflicht auferlegcu. im nichtfeuilletonistischen .Teil seines Blattes Legenden zu zerstören. Die katastrophale Lage der deutschen Juden hat nahezu in allen Ländern Hilfskomitees erstellen lassen; und wohl überall lag diesen Komitees eine doppelte Aufgabe ob. Einmal handelte es sich darum, denjenigen Glaubensgenossen Hilfe zu bringen, die Deutschland verlassen hatten; in allen großen Städten: Paris, London, Antwerpen, Amsterdam, Kopenhagen usw., waren Juden aus Deutschland eiugetroffen (und zwar‘durchaus nicht in jedem Falle „deutsche Juden“, d. h. Juden deutscher Reichsangehörigkeit, sondern vielfach sulche, die zuvor als Ausländer hier gelebt hatten), für die die Wohlfahrtsstelleu der jüdischen Gemeinden keine Mittel bereit ' hatten, str daß die Gründung besonderer Kumitees nötig wurde, um die erforderlichen Gelder aufzubringeh. Dieser Teil des Hilfswerks stellt sich also als eine Art; Selbstschutz. der von der Einwanderung betroffenen Gemeinden dar, die es nicht zulassen konnten, ein umherirreudes, hungerndes jüdl- * scltes Einwandererproletariat unversorgt in den Straßen ihrer Stadt zu lassen. Mit dieser Feststellung soll nicht etwa die Hochherzigkeit der gewährten Hilfe verkleinert! werden, für die wir im Gegenteil dankbar zu sein haben; es soll nur-möglichst klar der Gegensatz zu dem anderen und wichtigeren Teil des Hilfswerks herausgearbeitet werden. I Die weitaus meisten der 560 0(10 deutschen Juden werden ja. wie heute ganz allgemein erkannt wird, in Deutschland verbleiben; und die konstruktive Hilfe für sie. der Wiederaufbau ihrer Existenz ist die zentrale, an Wichtigkeit alles überragende Aufgabe dieser Zeit, eine Aufgabe, die nicht ohne gewaltige Geldmittel geleistet werden kann, so daß wir zur Bewältigung auch auf die Hilfe unserer ausländischen Glaubensbrüder angewiesen sind. Diese Hilfe zu leisten ist die zweite und wichtigere Obliegenheit der Hilfskomitees, denen man nicht dankbar genug sein kann, daß sie die Notwendigkeit der Stunde erkannt haben und hochherzig an die Lösung dieser Aufgabe herangegangen sind. . Es ist darüber auch schon berichtet wordeii. Aber diese Berichte sind es nun, die zu einer gefährlichen Legendeubildung geführt haben. Denn mau las von Millloiieuziffcru: zwei Millionen Dollar will der Joint aufbringen.i 62000 Pfund Sterling seien in London, mehrere Millionen Francs in Paris gesammelt worden usw. Müssen solche Nachrichten nicht zwangsläufig dazu führen, daß sielt phantastische Hoffnungen daran knüpfen? Jeder möchte von dem Geld | hüben, Pläne werden geschmiedet, Projekte sollen finanziert werden. Und wenn daun eine Ablehnung kommt, so beginnt [der Legende zweiter Teil: was haben die Herren in Berlin, jdie „Bonzen" in den Organisationen mit „unsertn" Geld gemacht, wo ist das viele Geld geblieben? I Wir sind in der Lage, hierauf die Antwort zu geben; vielleicht ist sie’manchem allzu ernüchternd, dafür aber hat sie den Vorzug. Wahrheit zu sein und Klarheit zu schaffen. Bisher ist das ganze Hilfswerk ausschließlich von [den jüdischen ' Organisationen in Deutschland selbst finanziert! worden, uiid cs ist von all den auswärtigen Sammlungen.noch kein Pfennig herelngekominen. Wir. glauben, daß es heilsam ist, dies zu wissen, denn es macht vielen romantischen Luftschlössern ein Ende, stärkt dafür aber das Vertrauen in diel eigene- Kraft; Statt ungesunder Phantasterei klares Urteil. Denn das, was. unsere zentralen Hilfsstellen bisher geleistet haben und noefr' leisten, ist vor aller Augen, und es weiß nun jeder, mit welchen Mitteln, aber auch mit welchen Energien er] rechnen darf.' Mit dieser Feststellung soll nicht gesagt sein, daß'dic Nachrichten über die; auswärtigen Sammlungen; auf Unwahrheit beruhen. Im. Gegenteil: wir sind den Hilfskomitees! den führenden Persönlichkeiten und all den hochherzigen und hilfsbereiten Brüdern und Schwestern Dank schuldig, daiT ste, gleich den Juden aller Zeiten, -Opfersinn .für die bedrängte Glaubensgemeinschaft beweisen, und wir hoffen auch zuversichtlich, daß cs gelingen wird, die aufgebrachten Mittel für die deutschen Juden nutzbar zu machen. Wir hoffen zuversichtlich, daß es gelingen wird, die aufgebrachten Mittel für die deutschen Juden nutzbar , zu machen .das will u.' a. heißen: wir hoffen, daß nicht einzelne deutsche Juden die bestehenden Absichten konterkarrierenr“ Die klugen Leute, die [ bei jedem inncrjßdischcn Meinungsstreit so erhaben äußern, es käme jetzt auf „Ideologien“ nicht an. man müsse vor allem praktisch arbeiten — all diese-klugen Leute seien heute auf ein Beispiel dafür hingewiesen, wie Gasfsfälleh ln denen Sie sich 'wohlfUhlen. ... 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Postschedcguthaben 82369 Sonstiges . 3.001.180 . _ * 427.957.763 - | 427,957.763 Aas dem Uebersdiaß wurden den mit Gewinnanteil Vermicbertea der Lebensversicherung.-' Abteilungen RM 8.700.115 zugewiesen; es betragt die Dividende in der Abteilungder grÜBeren Lebensversicherungen für die Versicherungen nach dem alten und dem Bn Gewinnplan.. . . 3 % nach dem Gewinnplan Bo/n . . . .r. . .;..2,4% . von der bedingnogsgernäfien Summe der gezählten gewinoberechtigteo Prämien üoa in der Lebensversicherung ohne Untersuchung (OU) 21 % der Jahrespramie. ~