Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 7 (1.7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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anschauung“ herausdestillieren! Wollte man ihnen glauben, so müßte man denken, die deutschjüdische Richtung werde nur noch von saturierten Notabein, Ehrenbeamten und Parteifunktionären repräsentiert, nicht aber von Menschen, die rüstig am Wiederaufbau unserer jüdischen Existenz arbeiten. Man muß das einmal lesen, wie wir geschildert werden, wie wir, die wir uns manchmal „Emanzipations-Juden“ nennen, geflissentlich immer! nur „Assimilations-Juden“ genannt werden, denen es auf jüdische Werte rnicht ankomme. In der „Jüdischen Rundschau“ vom 16. Juni z. B. wird rundweg bestritten, daß die Kreise des religiösen, in nationaler Hinsicht aber deutsch orientierten Judentums je „versucht hätten, aus dem Judentum eine lebendige Wirklichkeit zu machen. Die jüdische Betätigung erschöpfte sich meist in Abwehr und Apologetik . . . . . die Parole war, das Judentum möglichst unkenntlich zu machen.“ Die Solches schreiben, müssen sehr schlecht unterrichtet sein, oder es muß um ihre Sache doch nicht so sehr gut stehen, wie sie vorgeben, denn sonst würden sie nicht zu solchen Mitteln greifen! ■ Aber nein, sagen sie —: um ihre Sache stehe es gut, der Zionismus habe ungeheuren Zulauf, und viele seien durch die Geschehnisse „sehend“ geworden. Es scheint notwendig, diese „Sehenden“ und das, was sie angeblich sehen, auch einmal von u n s e r e r Seite anzusehen. Denen, die bisher vom Judentum nichts wußten, gänzlich außerhalb jedes jüdischen Gemeinschaftslebens standen, die weder von der religiös-geistigen, noch von der politischen, im Dienste der Emanzipation stehenden Arbeit der vergangenen Generationen eine Ahnung haben, muß es natürlich’kolossal imponieren, wenn sie plötzlich irgendwo etwas vom jüdischen Selbstbewußtsein lesen. Sagt man diesen Unwissenden dann noch, die bisherige jüdische Führung sei so gewesen .wie sie, nämlich ohne jüdisches Bewußtsein, so können sie nicht wissen, daß sie einer Irreführung aufsitzen, schreien mit, es müsse anders werden, und sind bereits halb für das zionistische Pseudojudentum gewonnen. So wird heute der Zionismus — entgegen demjenigen, was zu sein er vorgibt — zum Führer der unjüdischen Juden, derer, die zu ihrem Judesein nichts mitbringen als die jüdische Abstammung und die Unkenntnis. jüdischer Notwendigkeiten. Aber etwas anderes, bringen sie vielfach mit Angefaßt von einem Schicksal, das sie sich nie hätten träumen lassen, sind sie von den zwei Dingen erfüllt, die fast immer gemeinsam auftreten: Verzweiflung und Wunderglauben. In solcher Stimmung kann kein Kampfeswille gedeihen, sondern, wie jeder Psychologe weiß, nur der Wunsch, dem Verhängnis und den Schwierigkeiten auszu weichen. Und. auch das ■ kann nicht ausbleiben, dieses Ausweichen muß natürlich mit einer sogenannten Theorie unterbaut werden. Solche Theorie ist immer sehr rasch zur Hand. „Man unterschätzt in jüdischen Kreisen häufig die Tiefe des blutmäßig völkischen Be- , wußtseins in der deutschen nationalen Bewegung. Man beruft sich darauf, daß der oder jener Nationalsozialist von dem oder jenem Juden gesagt habe, er sei auch ein guter Deutscher. Solange wir mit diesen Illusionen spielen, werden wir die jüdische Sache nicht führen können“, schreibt die „Jüdische Rundschau“ in dem schon einmal erwähnten Artikel. Also klipp und klar: es ist eine Illusion, daß wir uns als gute Deutsche fühlen! Und auf d i e s e r' Grundlage glaubt man dann, die jüdische Sache führen zu können?!, glaubt man. Gleichberechtigung der Juden in Deutschland anstreben zu können?! Das wird nicht gehen! Mit Recht schrieb hier vor einigen Wochen Bruno Woyda, es müsse „Schluß gemacht werden damit, daß das gleiche' politische Recht gefordert wird für national deutsch eingestellte- und für zionistisch orientierte Juden“, und die Reichsvertretung der jüdisch en - Landesverbände Deutschlands ist auf einem Irrweg, wenn sie geglaubt hat durch ihre platonische „Entschließung“ vom 11. Juni die Tatsache aus der Welt schaffen zu -können, daß in Deutschland nur gleichberechtigt sein kann, wer sich zur deutschen Nation bekennt Dieses rückhaltlose Bekenntnis zum Deutschtum — nicht als ewig ausposaunte „Anbiederung“, aber als selbstverständliche Grundlage unseres Emanzipationskampfes — ist wichtiger als ' papierne Resolutionen. Aber wir können nicht beides tun: Gleichberechtigung verlangen, weil Deutschland unser Vaterland sei, und zugleich sagen, Palästina sei unser Vaterland, auf das wir uns zurückziehen, wenn wir hier einmal nicht weiter wissen. Das. oder dem Aehnliches wird aber in der Tat gesagt So iern es uns liegt, aus der tragischen Ermordung Arlosoroffs agitatorisches Kapital schlagen zu wollen, so wenig können wir doch andererseits daran vorbeihören, daß eine in Jerusalem von allen zionistischen Verbänden veranstaltete Versammlung eine Entschließung angenommen hat, in der es heißt, die- Judenheit werde „nun erst recht ihre Arbeit im Dienste des Vater 1 andes verdoppeln“. Ferner: Professor S. Brode tzki hat es in London als „wichtigste Aufgabe des bevorstehenden Zionistenkongresses“ bezeichnet „zu zeigen, daß Palästina für das Problem der deutschen Juden eine dauernde und konstruktive Lösung zu bieten vermag“, es gelte, „ein jüdisches Gemeinwesen aufzubauen, dessen Machtgrundlage nicht nur im geistigen Einfluß, sondern auch in der Zahl seiner Mitgliederbesteht“ — Die Institutiton eines derartigen Reserve- Vaterlandes mag außerordentlich praktisch sein für Leute, die nicht lieben, hartes Holz zu bohren; aber es hat' kein Land nötig, auf dergleichen Doppelspiel einzugehen. Die deutschen Juden sollen deshalb nicht nach solch bequemem „Ausweg“ Suchen, sie sollen kämpfen wie ihre Vorväter in den .Zeiten Mendelssohns und Rießers. Und sie sollen selbstverständlich bei diesem Kampfe um den Platz in ihrem Vaterland ihr Judentum nicht „unkenntlich“ machen. Im Gegenteil: es ist notwendig. das wahre Judentum wieder kenntlich zu machen: die jüdische Religion und die ewig, darum auch heute gültige Lehre der Propheten. Der Emanzipationskampf, ist bei der heutigen politischen Lage schwer, und die Arbeit für den Gedanken der Religion ist in dieser noch immer unreligiösen Zeit höchst unpopulär. Dennoch werden die Edleren sich für das entscheiden, was uns in der Zeit wie in der Ewigkeit Existenz und Halt gibt: für das eineJVaterland und für den einen Gott. Der Mord von Tel Awiw. Wie durch die Presse bekannt, ist am 16. Juni abends Dr. Chaj'im Arlosoroff auf einem Spaziergänge, den er mit seiner Gattin am Strand von Tel Awiw unternahm, einem Revolverattentat zum Opfer gefallen. Der Ermordete war der politische Leiter der Jewish Agency-Exekutive in Palästina und — trotz seiner vierunddreißig Jahre — einer der führenden Köpfe des Zionismus. Die dem Zionismus und der Jewish Agency nahestehenden Kreise der Judenheit haben einen unersetzlichen Verlust erlitten, aber auch die weltanschaulich entgegengesetzt denkenden Juden stehen — mit allen gesitteten Menschen der Welt — tief erschüttert und voll Abscheu vor der Tatsache des politischen Mordes. In Palästina, in Polen: England, Amerika und auch in Berlin haben Trauerfeiern aus Anlaß des Todes von Arlosoroff stattgefunden, und unter den bei der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 'eingegangenen , Kondolenzbriefen befindet sich auch ein herzlich gehaltenes Beileidsschreiben der Vereinigung für das liberale Judentum. Auslands-Chronik Amsterdam. (Die Kosten der deutsch-jüdischen Auswandererhilfe.) Das Amsterdamer Hilfskomitee für deutsche Juden gibt gegenwärtig wöchentlich 15000 holländische Gulden an Unterstützungsgeldern für Wohnung und Beköstigung von über tausend jüdischen . Auswanderern aus Deutschland aus. Czernowltz. (Ein rumänischer Universität sorofessor stellt seine Vorlesungen zum Protest gegen antisemitische Uebergriffe ein:) Der Professor an der juristischen Fakultät der Czernowitzer Universität. ,Dr. Radulescu. hat seine Vorlesungen zum Protest dagegen eingestellt, daß die cuzistischen Studenten beschlossen haben, jüdische Hörer nicht mehr zu den Vorlesungen zuzulassen. Professor Radulescu hat erklärt, daß er seine Vorlesungen nicht wieder aufnehmen werde, solange jüdischen Studenten der freie Zutritt zu den Vorlesungen verwehrt bleiben würde. Klausenburg (Rumänien). (40 Studenten wegen antisemitischer Exzesse relegiert) Cuzistische und eisengardistische Studenten haben an der Medizinischen Fakultät der Klausenburger Universität -jüdische Hörer am Betreten der Hörsäle und Laboratorien gehindert. Das Dekanat hat daraufhin die Schließung der Fakultät bis zum Schlüsse des laufenden Studienjahres verfügt 40 Studenten, die sich an den Ausschreitungen gegen die jüdischen Hörer beteiligt hatten, wurden verhaftet und auf Beschluß des Universitätssenats relegiert. Prag. (Mischehen in der Tschechoslowakei.) Aus den letzten Veröffentlichungen des Statistischen Staats- .amtes über die demographische Entwicklung in den Jahren 1925 bis 1927 geht hervor, daß die Nuptialität bei den Juden in der ganzen Tschechoslowakei stabil ist und eher einer, kleinen Aufstieg als einen Rückgang zu verzeichnen hat 1925 wurden von Personen israelitischer Konfession 2921 Ehen geschlossen, 1926 1951 Ehen, 1927 bereits 3024. Auch in den historischen Ländern (d. h. Böhmen, Mähren und der, tschechische'Teil von Schlesien) ist die Zahl jüdischer Ehen annähernd stabil. Auffällig ist der große Prozentsatz von Mischehen, die für die ganze Tschechoslowakei 1925 von’ 2921 Ehen 558, d. h. 19 Prozent, ausmachen. 1926 und 1927 wurden 549 Mischehen eingegangen. In den historischen Ländern bilden die Mischehen in diesen drei Jahren annähernd 33 Prozent aller jüdischen Ehen. Saloniki. (Staatliche Subventionen für jüdische Institutionen.) Die griechische Regierung hat einer Anzahl jüdischer philanthropischer Institutionen in Saloniki staatliche Beihilfen im Gesamtbetrag von 430 OOO Drachmen bewilligt. Außerdem-wurde dem jüdischen Schulwesen in Saloniki eine Subvention von einer Million Drachmen gewährt. Auch die Gemeindeverwaltung von Saloniki hat jüdischen Institutionen Beihilfen in der Höhe - von 640000 Drachmen bewilligt BRASCH & ROTHENSTEIN —.—i-- Internationale Spedition -——;- Zentral-Büro:' Berlin NW 40, Lüneburger Strafe 22 Telefons C 5 Hansa 5440 . Palästina-Transporte bürg, Bremen uw. 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Das Männlein; spielt einen Sänger, dem es. trotz herrlichster Stimme, ob [seiner Kleinheit fast unmöglich gemacht wird, nach oben, zur Sonne zu gelangen. Wie gesagt, es zappelt sielt w.eidlich ab: wenn es aber den Brustkasten anspannt, zu singen unliebt und seine Arien schmettert, dann donnert der Applaus, obwohl der Sänger-gar nicht leibhaftig vor seinem Publikum; stellt, sondern nur auf Leinwand gebannt ist. Nun merkt aber auch der Unkundigste der-Zuhörer und Zuschauer, daß. das Männlein ein Jude ist. Und der lüdische Kinobesucher wartet förmlich auf das LnslireChen des Tumults, uui Pfeifen oder Zischen. Aber nein, nicht» geschieht. Im Gegenteil feeur sich männiglich über die Pracht solcher Stimme, keine erhitzten Gemüter prallen aufeinander.—alles ist nur bemüht, nach Leibeskräften Beifall zu klatschen und auf solche Weise den Dank der entzückten Zuhörer zuin Ausdruck zu bringen. „Ars. longu, vita brevis". sagten die- Römer "und meinten damit, daß die Kunst länger daure als' das Lehen. Joseph Schmidt beweist, daß die Kunst; sogar noch schwerer wiegt als der Haß. Der Leser fragt nach der Nutzanwendung des hier Geschriebenen? Ob du. Jude, singst, oder oh du atu Operationstisch stehst; ob du als -Rechtsanwalt deine Mandanten betreust, oder ob du als Kaufmann deiner Pflicht nachgehst, eines Tages wird man auclt dich wieder zu würdigen wissen. Eines Tages wird inan wieder zu deinen Leistungen Stellung nehmen, nur diese unmittelbar auf sich wirken lassen und nicht mehr fragen nach Rassenzugehörigkeit und Geburtsschein. Wenn es aber so weit erstmal gekommeii-ist. wenn wir alle aufs neue geachtet und nicht mehr verachtet sind, dann wird unser Lied um die Welt gclieii. ln dein wir [wieder von Hoffnung, Glauben, Zuversicht. — von Deutschland singen dürfen. „.: . . Ha„„s Loewensteln. „Reichsverband des Jüdischen Mittelstandes” gegründet. Ain 15. Juni 1933 wufde-in Berlin der „Reichsverband des Jüdischen Mittelstandes“ gegründet. Aus der Entwicklung, in den letzten 6 Monaten war bei vielen Tausenden von-Geschäftsleuten, Gewerbetreibenden und Angehörigen-der freien Berufe der Wunsch nachi einem engeren wirtschaftlichen Zusammenschluß entstanden. Diesem .Wunsche ist durch .diese Gründung Rechnung getragen worden. Der Verband sieht seine Hauptaufgabe darin, zur Existenzerhaltung jüdischer Menschen beizutragen und die Interessenvertretung in wirtschaftlichen und lebenswichtigen Fragen des gesamten jüdischen Mittelstandes zu werden. Der Verband soll eine Parallelorganisation des Zentralvcrbandes jüdischer Handwerker Deutschlands werden,* dessen Führeiisich der neuen Organisation auf Grund ihrer langjährigen Erfahrungen in allen den jüdischen Mittelstand betreffenden Fragen zur Verfügung, gestellt haben. Durch eine organisierte Zusammenarbeit wird der neue Verband in der Lage sein, seine Tätigkeit sofort aufzunehmen. :! — Das Präsidium setzt sich zusammen aus den Herren .Wilhelm Marcus, Louis- Wolff, Alfred Jaulus!! Martin K a 11 m a n n, Alexander S k u r n i k. Dem Beirat gehören an Robert Gütheim, Franz Katzenstein, Fritz Vogel, J. Eisner, H. Gornltzki, B. Jordan, Lothart Mess o w, Salo Metz. Die Zusammensetzung des Beirats! ixt aus den verschiedensten Berufsgruppen erfolgt und soll nach dieser Richtung hin noch weiter ausgedehnt werden. Der Reicbsverband wird als einzige wirtschaftliche Organisation in der Lage sein, die Interessen aller ihm angeschlossenen Mittelständler, ganz gleich aus welchen Berufszweigen, zu vertreten und eine Lücke auszufüllen, die bisher Em jüdischen Leben bestanden hat — Das Verbandsbüro befindet sich vorläufig: Berlin NO 18, Große. Frankfurter Straße 801 (Louis Wolff), ab-11. Juli d. Js.: Berlin W50 Nachodstraße 8 (Louis Woiff). Wir fordern alle Angehörigen des gewerblichen Mittelstandes und der freien Berufe auf, sich bei uns nur! schriftlich zu melden. Weitere Nachricht über unsere Arbeit erfolgt in Kürze. * j •■III UUI »Mi H. Kramarski, 2S£ Vorstandsmitglied des jüdischen Handwerkerveieins Berlin W5T, Wlnierfeldfstr. 24 / Tel.: B7, Pallas 3297 LEOPOLD POBESCHIN Werkstätten für Möbel nach Zeichnung u. Innenausbau in allen Holz- und' Stilarten. Spezialität: Mahagoni- Chippendale - Speisejimmer BERLIN SO 36, Reichenberger StreSe 87 '! Fernsprecher: F 8 Oberbenin 8967 Kaufe und verkaufe _ l . jeden Posten gebrauchte deutsche Eierleisten Klelen-vertrlel» Friedrich Lehmkuhl Reinickendorf-West, Spandauer Weg (ehern. Munitiouanitalt) TeUfon; D 9 Rebidteadoff 1938 I reserviert