Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 7 (1.7.1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613479-2613486--4390-2616067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Eltern haben den Religionsunterricht bisher häufig als Nebensache betrachtet. Judesein ist aber ■durch den Staat in das! Zentrum gerückt worden. Die Zentralisierung des Judentums verlangt seine geistige Intensivierung. Wir wollen sicher unsere Kinder nicht ins Ghetto zurückführen. Aber zurück ins Judentum heiüt noch nicht zurück ins Ghetto! Man braucht das Deutschtum gew.iQ nicht geringer zu schätzen, wenn man zur Erkenntnis der jüdischen Werte gelangt Ist' Die Liebe zum einen schadet der] Liebe zum andern wahrhaftig noch nicht. Eine gesinnungsvolle Verschwisterung beider Kulturen kann für die deutschen ljuden eine neue Segehsquelie werden. Das Wort Gabriel RleBeps, daß die Fjage an das Kind, ,0b es Vater oder Mutter mehr "liebe, ^ebenso ungerecht sei wie die, ob jwir das Deutschtum höher als das Judentum werten, darf zu neuer Geltung geweckt werden, ln der neuen Schule muß die so oit geforderte Synthese zwischen Deutschtum und Judentum iErziehungsgrun dsa t z sein., | Stadtrabbiner Dr. Paul Rieger, Stuttgart, cs ganz fremdländische Ouarticre, deren Bewohner wirtschaftlich tonangebend wären. In ausländischen! Hauptplätzen aber .trifft man solche Quartiere mit prominenten Deutsehen überall an.“ Würde dies alles, was ein konservatives Blatt über Deutsche und Deutschenhaß schrieb, nicht Wort für Wort auf Juden und- Judenhaß passen? Und muß inan nicht an die vielfach boykottierten Deutschen inj den nach 1918 abgetretenen Gebieten, ebenso aber auch an die nach der Reichs- Verfassung gleichberechtigten Juden in Deutschland denken, wenn man in älteren Zeitungen Dänemarks, des stammver- ’ wandten Dänemark!, liest:;„Der König kann deutsche Beamte einsetzen, denn alle Schleswiger, Holsteiner und Lauenburger, welche nach dem 30. Oktober 1864 geboren sind, haben ja in Dänemark Heimatsrechte behalten: aber kein deutscher Beamter darf in dem Kreise, wo er wirken soll, etwas anderes als Geringschätzung und Widerstand finden, bis er sich entfernt hat oder entiernt wird . . . Kein Handwerksmeister darf deutsche Gesellen gebrauchen: kein Bauherr - . ■ darf deutsche Arbeit'sleute gebrauchen. Dies ist Pflicht gegen das Vaterland. Geschieht es dennoch, so müssen die dänischen Handwerksgesellen ihre deutschen Kameraden meiden (vgl. das heutige Verbot für arische Studenten, mit jüdischen! Kommilitonen Umgang zu pflegen. Verfasser.). Keine deutsche Familie, selbst, wenn dieselbe p ri va t im .noch 1 so ’ ach tu n-kswert ist. darf Umgang in'Dänemark finden.“ Dergleichen Proben für die Gleichheit) von Judenhaß und Deutschenhaß ließen' sich ins Endlose vermehren. Näheres darüber findet man in zwei ausgezeichneten Werken: in dem Buche „Der Judenhaß und die Juden“ von Constantin Brunner (Oesterheld & Co., Verlag,1 Berlin) und in dem Kapitel „Antiteutonismus und Antisemitismus“ aus dem Buche „Rasse und Politik“ i;on Professor Dr. Julius Goldstern (Ernst Oldenburg Verlag, Leipzig und Wien I). Es zeigt sich aber, daß der Deutschenhaß nicht nur den Ausländsdeutschen, sondern, zumindest seit dem Weltkrieg, dem deutschen Volk im ganzen gilt Aus der Literatur und Presse der ganzen Welt lassen sich Zitate gegen das deutsche Volk Zusammentragen, die oft wörtlich übereinstimmen mit den Vorwürfen, die Deutschland den Juden macht In diesen Tagen erschien eine Schrift — an allen Bahnhofsbuchliändlungen hängt sie aus — „Juden sehen dich an“. Im Vorwort heißt es u.- a.: „Damit jedermann sieht, welche Teufel in Menschengestalt Deutschland mit neuer Judenherrschaft bedrohen, haben wir sie,hier! abgebildet." Weiß man aber, daß es schon einmal eine solche Photographienfammlupg gegeben hat? Währeod des Krieges gab Lord Headly, sie heraus und schrieb im Daily Graphic dazu: „Schön seit _ einiger Zeit bemerkte ich den eigenartigen sardonischen — odervielleicht - richtiger, satanischen -»*->! Ausdruck auf den Photographien von fast ällen deutschen Führern, vom Kaiser bis zum letzten General.“ Es folgt dann eine lange Aufzählung mit entsprechenden Charakteristiken, und ain Schluß heißt cs: „Man muß die englischen Generale und Admirale, sowie die Heerführer des Vierverbandes anschauen — es ist als ob mau aus unterirdischen Höhlen in den Himmel kommL Nicht ein. Gesicht befindet sich darunter mit dem unauslöschlichen -Stempel des Bösen, den die Deutschen tragen. Unsere Leute sehen nicht aus wie Vieh und Teufel.“ | Der Krieg ist vorbei, und die Feindseligkeit gegen Deutschland äußert sich nicht mehr in so krankhaft fanatischer Art: der Verkehr zwischen den Völkern findet längst wieder in den Formen der Konvention und Sitte statt. j Wer aber will ermessen, was alles an Gefühlen sich hinter Europens übertünchter, nein ü b e r t ü n c h e n d e r Höflichkeit verbirgt? Die Welt'Will uns nicht wohl, uns Deutschen nicht, und was wir überall e'rleben, wir Deutschen, zeigt wieder eine erstaunliche „Gleichschaltung“ mit dem, was wir Juden in Deutschland erleben. Werden nicht deutsche Waren, u. a. besonders auch deutsche Heilmittel im Auslände boykottiert, und haben nicht.diese Maßnahmen eine traurige Aehnlichkeit mit dem. was-jüdische Geschäftsleute, aber z. B. mich, jüdische' Aerzte hier erfahren? Jüdische Sänger, Schauspieler, Filmkünstler, _Musiker, Schriftsteller, Maier in Deutschland, und deutsche Kunst-aller Kategorien im Ausland — sindl sie nicht.in der Tat „gleichgeschaltet“ durch die Vielfache Aussperrung? Wenn gerade in den allerletzten Tagen noch die deutsche Tagespresse einen Fall anführte, daß die deutschen Minderheiten im Auslande entrechtet werden — stehen wir| Juden, die wir eine zahlenmäßige Minderheit in Deutschland sind, wenn auch nicht •„Minderheit“ im völkerrechtlichen Sinne [des Wortes, ‘ stehen 'wir anders da?_Und schließlich: hat es nicht lange genug gedauert bis es der" neuen deutschen Regierung gelang, auch nur einige der mit uns in Beziehung stehenden Mächte von unserem Friedenswillen zu überzeugen: und ist das nicht eine Parallelerscheinung dazu, daß man uns Juden trotz aller Leistungen und Opfer in Krieg und Frieden den so oft bewiesenen nationalen Aufbauwillen abspricht? . | - In der Tat: es liegt eine Gleichschaltung des Schicksals vor, die kein Klarblickender übersehen kann. Aber mehr noch: Ruhe, Behaglichkeit, ideale Unterkunft wird älterem Ehepaar oder 2 älteren Personen in Villenhaushalf in Bad Kreuznach geboten. Volle und vorzügliche Verpflegung. Vermieter leben in geachteter Stellung und gewährleisten gute Aufnahme und Familienanschluss.. Anfragen erbeten unter D 226 andleGeschäftuteliederJüd.-liber.Zeihing, BerlfnSWft muß man nach allem Dargelegten mit Weber die „Deutschen die Juden des neuen Europa nennen“, tragen also die Deutschen das Judenschicksal, so tragen wir deutschen Juden dop-, peltes- Judenschicksal. „Jeder Schlag, der das deutsche Volk trifft, trifft auch uns“, denn — das wurde im ersten Teil bewiesen — eingetan in die allgemeine deutsche Wirtschaft trifft jeder antideutsche Boykott auch uns, aber uns. treffen auch die Schläge, die das deutsche Volk heute gegen unsere wirtschaftliche Existenz führt. Sind diese Schläge berechtigt? Die gegen Deutschland sind es nicht; das brauchen wir nicht erst zu sagen, die deutsche Regierung vertritt mit Recht diesen Standpunkt überall, bei jeder Gelegenheit,, und auch jetzt auf den internationalen Konferenzen. Aber warum, nimmt-sie dann an, wie kürzlich noch einer der allerhöchsten nationalsozialistischen Regierungsfunktionäre gesagt haben soll, das Schicksal der Juden sei „hundertfach verdient"? Nein, das' Judenschicksal ist nicht verdient, nicht' das Judenschicksal der Deutschen und nicht das Judenschicksal der Juden. Das müßte jeder nichtjüdische Deutsche einsehen, dem der Deutschenhaß, der „Antiteutonismus“ des Auslandes Schmerz bereitet und der deshalb an der Entgiftung Europas mithelfen will, wie gerade unsere Regierung auf den internationalen Konferenzen an dieser europäischen Gesundung arbeitet. Gerade daraus ergibt sich aber die Forderung, auch das Judenschicksal der Juden als unverdient zu erkennen. Die tiefen psychologischen Gründe des Hasses, der sich als Deutschenhaß und Judenhaß, aber auch sonst in mancherlei Gewandung unter den Menschen aller Zeiten und Zonen zeigt, mag man bei Constantin Brunner nachlesen; die Größe und Wahrheit, seines Werkes wird erst einer späteren Zeit strahlend aufgehen. Der heutigen Generation aber, die eine Bereinigung der politischen und wirtschaftlichen Atmosphäre sehnlichst herbeiwünscht, und den Regierenden, die an dieser Bereinigung arbeiten, sei Julius Goldsteins Wort zugerufen: „Wer an der Entgiftung Europas arbeiten will — und an dieser Entgiftung hängt unser Schicksal—, der-darf innerpolitisch nicht den Antisemitismus fördern." Wer den Antiteutonismus, den Haß gegen die Deutschen, bekämpft, der darf nicht den Haß gegen die Juden, den Antisemitismus, fördern. Wie das deutsche Volk gleichberechtigt seih will unter den Völkern der Erde, so wollen es, die deutschen Juden sein in ihrem deutschen Volke. Gleichberechtigung — das ist das für Deutsche wie für Juden „wünschenswerte [Verhältnis“, von dem am.Anfang gesprochen wurde. * Gleichschaltung des Schicksals im Bösen wie im Guten. Wer also das Gute erstrebt, der möge das Gute gewähren. Nicht religiöser Glaube nur, auch geschichtsphilosophische Erkenntnis und realpolitische Einsicht lehren: Gottes Segen, Blüte und Wohlstand hängen an dieser Voraussetzung. Den Schlüssel habt ihr, so kommt und öffnet das Tor in die goldene Zeit, die wir alle, Juden und Christen, ersehnen. i Rabbiner Dr. Benzion K e 11 e r m a n n, gestorben am 22. Juni 1923. Zu seinem zehnten Todestage. (Vgl. den heutigen Aufsatz „Wege ins Neuland“.) Das Reserve-Vaterland. Von Oberstudiendirek'tor i. R. Hans Rosby.' as ist das Schönste! — daß unsere Jugend das nicht mitmacht Vor mir liegen Berichte aus Nord- und Süd-, Ost- und Westdeutschland, zweimal kam die Jugend in dem schönen Jugendhaus zusammen, das die Berliner Gemeinde in Lehnitz besitzt! Zu Pfingsten gab es dort ein viertägiges Treffen der „Jüdischen Kinderscharen" gemeinsam mit Gruppen des „Ringes deutschjüdischerJugend“. Den 160 Kindern und Jugend: liehen „war es Wohl heiligster Ernst, wenn sie, im Kreise stehend, ihre-Arme einander auf die Schultern legten und sich im deutschen Volksliede die Liebe zur Heimat und die Verbundenheit mit dem Boden, auf dem sie hier standen, gelobt ten“, heißt es in dem Bericht, der mit den Worten schließt:- "„Wir sind und bleiben deutsche Juden!“ Und man glaube nicht, daß dabei das Jüdische zu kurz gekommen sei, das vielmehr als religiöses und soziales Element diese ganzen Tage durchzog. Nicht anders auch war es bei der. Führertagung, die der Deutsch-Jüdische Jugendverband am >18. Juni, ebenfalls in Lehnitz, veranstaltete. Der Bericht, der zweifellos noch durch die jüdische Presse gehen wird, zeigt imir, wie klar und eindeutig die jüdische Jugend sich von denjenigen innerjüdischen Bewegungen trennt, die — unter Ausnutzung der. allgemeinen politischen Lage — uns Juden eine Gesinnung aufschwatzen wollen, durch deren Anerkennung wir uns für immer in Deutschland heimatlos machen würden. Wenn alledem, was die Jugend — nicht nur in Lehnitz, sondern überall im Lande —in diesen Tagen als Anschauung. und Programm verkündet hat die entsprechenden Taten folget», so kann man in der Tat dem Dezernenten des Jugendpflegedezemats im Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herrn Wilhelm Graetz, zustimmen, der jene Führerkonferenz als einen der schönsten Tage seines Lebens bezeichnet hat. Nun soll man aber nicht denken,, dieses Bekenntnis zum Deutschtum und diese klare Absage an den Zionismus hätten nur die Bedeutung einer akademischen Auseinandersetzung und seien eine Fortsetzung der von vielen so genannten „leidigen innerjüdischen Kämpfe“. 0 nein! Wenn jemals die restlose Trennung vom Zionismus eine praktische, eine Lebens frage gewesen ist, dann heute, dann für die jüdische Jugend in Deutschland. Denn die Jugend ist ja ihrem deutschen Vaterlande gegenüber in einer völlig andern Lage als wir Alten. Das darf man nicht vergessen. Zwar hat es Antisemitismus in Deutschland immer gegeben, aber nicht in dem 'Ausmaß wie heute. So sind wir groß geworden in einem Land, das sich im ganzen nie feindselig gegen uns gab; es wurde uns nicht schwer gemacht, uns als Deu tsche zu fühlen; Wir genossen die Segnungen dieses Landes, mit dem aufblühenden Deutschen Reich kamen . auch wir zu Wohlstand; so gaben auch wir diesem Lande alle unsere Kräfte, im Frieden, und zogen mit hinaus, als es galt. im Krieg das Reich zu verteidigen. Wird uns dies alles heute schlecht gelohnt, so vergessen wir doch nie, was wir besessen hatten und daß wir Kinder'dieses Landes sind. — Ganz anders die Jugend. Sie kennt nur ein Deutschland, in dem der Antisemitismus riesengroß immer gefahrdrohender anWuchs, sie - sah den Eltern das' Leben. erschwert, hatte selbst manches in den Schulen zu ertragen, erlebte dann jenen schwarzen Boykott-Sonnabend und sieht sich heute zum großen Teil um Ausbildungs- und Fortkommensmöglichkeit getäuscht Und dennoch: wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen, wollen Deutsche sein, hier leben und hier Erfüllung ihres Seins erkämpfen. Wer das nicht als bewundernswert empfindet, dem hat die Natur die Gabe versagt Großes von Kleinem zu unterscheiden; und ich möchte meinen, daß gerade auch im Läger der Judengegner eine Haltung Nachdenken und Achtung her vorauf em muß, die sich auf die-.Formel jenes Verses bringen läßt: „Und im Unglück nun erst recht!“ Doch nicht um Lob oder Achtung geht es; es geht ums Leben. Unsere Jugend weiß das. Und wenn man uns Alten vielleicht nachsagen kann, daß wir in unserm Verhältnis zum Deutschtum, durch unsere Jahre und unsere Verwurzeltheit, gleichsam die „Besitzenden“ seien.— unsere Jugend, die ja erst am Anfang ihres Lebens steht hat das von uns Verlorene nie besessen, und so ist ihr Bekenntnis zum Deutschtum Aus-, druck eines unbelasteten, darum gesunden Lebenswillens. Was wiegt solchen Ereignissen gegenüber das Geschwätz jener Halbgebildeten, die von einer .„Auflockerung der Weltanschauungen“'sprechen, und daß unter dem Eindrücke der Geschehnisse ’ „umgelernt“ werden müsse;, nur daß sie selber' nicht umgelernt haben, sondern unentwegt aus den neuen Ereignissen ihre alte, unaufgelockerte zionistische „Welt- Schützt den Gottesdienst! Der Gedanke, durch Schließung von Synagogen Einsparungen zu erzielen, ist bisher von allen am Gottesdienst wirklich Interessierten abgelehnt worden. Wie das eben erwachende religiöse Leben an der Peripherie Berlins, um das -sich die liberalen Synagogenvereine bemühten, wieder stocken wird, werden wir in Wenigen Wochen beobachten können: dies Exempel wird genügen, um nicht auch noch an die großen Synagogen die Axt der Sparsamkeit anzulegen. Derjenige aber hat seinen Vorschlag nicht zu Ende gedacht, der (wie es neulich-geschah)'zwar vor der Schließung der Gotteshäuser warnte, aber durch „Vereinfachung“ des Gottesdienstes Einsparungen zu machen glaubte. Der Vorschlag, Gottesdienste in unseren modernen Synagogen zu veranstalten ohne Chor und. also, ohne den gewohnten formalen Stil, ist widersinnig, bedeutet nichts anderes, als daß das Haus geöffnet bleibt, während der in ihm gepflegte Geist geschlossen wird. Denn diese gottesdienstliche Form war nicht willkürlich so erdacht, sondern organisch gewachsen als die einzige, die für den größten Teil des modernen Publikums noch erlebnisvoll ist. Dabei muß betont werden, daß schon heute durch die zahlenmäßige Kleinheit der Chöre in den großen Berliner Syn- - agogen die musikalische Leistungsmöglichkeit auf ein Minimum herabgesunken ist. Man kann — das wird jeder verantwortungsvolle Dirigent bestätigen — die Chöre nicht weiter verkleinern, sind es doch jetzt schon kaum mehr Doppelquartette; und gegen die Möglichkeit, die Chöre durch freiwillige, unbezahlte Sänger zu verstärken, wehren sich mit Recht die Chorangestellten, die durch eine solche' unsoziale Maßnahme auf die Straße geworfen werden sollen. Gerade diese unsoziale Haltung ist es auch, die den „Verband der Chorangestellten“ veranlaßte, zu diesen Vorgängen in einer überfüllten Generalversammlung Stellung zu nehmen und seine berechtigten Forderungen anzumelden. Der Vorsitzende des Verbandes, Herr Julius Berggruen, sprach in klarer, und sachlicher Form, der man doch die Erschütterung über die Maßnahme anmerkte, die der Gemeindevorstand über die Chöre verhängt hat, und über ihre unausbleiblichen Konsequenzen. Die Hälfte der Chorängestellten soll entlassen werden; dafür wird ihnen eine nach ihrem Dienstalter gestaffelte Abfindungssumme geboten. Ueberspitzt wird diese Situation dadurch, daß auch die Pensionsberechtigten nur äbgefunden werden sollen, also keine Renten erhalten und, falls sie darauf nicht eingehen, auf den Klägeweg gewiesen werden. So traurig ein solches Schauspiel — Klage von Juden gegen einen jüdischen Gemeindeyorstand — in dieser Zeit wäre, so bliebe doch den so Behandelten keine andere. Möglichkeit; denn es geht bei den weitaus meisten von ihnen um die Existenz, da jede anderweitige künstlerische Tätigkeit Juden heute unmöglich gemacht worden ist! Es ist nicht wahrscheinlich, daß an einem Posten, der nur ein Prozent des Gesamtetats beträgt, erhebliche Einsparungen gemacht werden können: unvorstellbar aber ist es, daß die Gemeinde ihre Aermsten aus den letzten Positionen jagt und sie zu unausbleiblichen Verzweiflungsschritten treibt Alle diese Erwägungen und manche Anregung wurden in der Versammlung seitens des Referenten und der Diskussionsredner zum Vortrag gebracht Es ist außerordentlich bedauerlich, daß der Gemeindevorstand, der zu der Versammlung eingeladen worden war, keinen Vertreter entsandt hatte, und daß ferner auch von der Gemeindeverwaltung niemand erschienen war. Das entspricht zweifellos nicht demjenigen Verhältnis, das zwischen Vorstand, Verwaltung und den Beamten aller Kategorien bestehen sollte; es.beweist wenig Verständnis für die Achtung, die die Träger unserer Gottesdienste für ihre Arbeit beanspruchen können, und es erleichtert auch nicht die Klärung der Fragen, zu deren Lösung in Rede und Gegenrede gerade diese Versammlung beitragen sollte. Dennoch bleibt zu hoffen, daß doch noch ,im letzter Minute statt des — immer weiter schwächenden Abbaus .— die Möglichkeit einer Stützungsaktion erwogen und gefunden werde. Kreditverein für Handel und Gewerbe e. G. m. b. H. Häuzerverwaltungnn Berlin N 24, Oranienburger Straße 3, (am Hackeschen Markt). Sammel-Nr. D 2 Weidendamm 0852 i B a n k d es j ü d i s c h e n M i ft t eist an des Ausführung sSmtl. bankmäßigen Geschäfte InkBisoabtellung