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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-07-01 · 7 (1.7.1933) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
7 (1.7.1933)
Date
1933-07-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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- ^tbeutf4e^itbetthtmimbj^idi9fe^bt|iwt Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitlcitung: George Goctz Fernruf’: F 5, Bergmann 3358, 3359, Bankverbindung: Kreditverein iür Handel und Anzeigen nach TariL — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Ansprach auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebübren.' Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und IS. jedes Monats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1. Gewerbe.e. G. m. b. 1L. Berlin N 24. . Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227-64. Nr. 7 ' Berlin, 1. Juli 1933 13. Jahrgang Worte des Gedenkens. Von Heinrich-Stahl.’ Vorbemerkung. Bel der Trauerfeier für den so^plötzllch dahingescbledeneu Prediger der Jüdischen Reformgemeinde, Rabbiner Dr. Joseph Lehmann, hat — wie ln der vorigen Nummer bereits kurz berichtet — n. a. auch Direktor Heinrich Stahl Worte des Gedenkens gesprochen. Dieser Nachruf, den der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin auf den Führer des Reformludentums hielt, ist von 'so programmatischer Bedeutung, unterstreicht, so nachdrücklich die Verbundenheit von Gesamtludentum und jüdischer Reformbewegung, daß wir Herrn Direktor Stahl gebeten haben, seine Rede durch Veröffentlichung in unserem Blatt weitesten Kreisen .zugänglich zu machen. S c h r 1 f 11 e 11 u n g. ' ‘Kv-'V «fc : iV- Geehrte Trauerversammlune! Der Vorstand der jüdischen Gemeinde nimmt sehr bewegten Anteil an dem jähen Schmerz, der die verehrten Leidtragenden und die Jüdische Reformgemeinde durch den ganz unerwarteten Heimgang des auch, bei uns so verehrten Rabbiners und Predigers Dr. Joseph. Lehmann betroffen hat. Ein Mann der ’ K^aft und. Geradheit, ein Kämpfer von besonderer Ge- ' Stite ’:eine^;atisge8lichene. reine Persönlichkeit ist mit ihmVlbahingegangen. .. ^'Wir^häben 'teider iri. uhserem engeri jüdischen.Kreis ■:keinen':Upberf]uß.:.’an?Menschen,-.die^,selbsü6s, für.,,uns W allen Seiten Hohe der Niveaus und'Klarheit Gleichschaltung des Schicksals- Von Qeoeqe Qoets,. Die deutsche Delegation hat sich gezwungen gesehen; die Internationale Arbeitskonferenz in Genf zu verlassen, weil seitens einer Gruppe dieser Konferenz überaus schwere Beleidigungen gegen Deutschland ausgestoOen, und weil — was stärker wiegt — diese Beleidigungen seitens der internationalen Konferenz-Leitung nicht gerügt worden sind. Die. London er Konferenz wird in dem Augenblick, da'diese Zeilen geschrieben werden, von der Tagespresse als „völlig festgefahren“ bezeichnet, und ,eine nationale Zeitung schrieb neulich von der eisigen Atmosphäre, von der die deutsche Delegation in London umgeben sei. Es'kann nicht die Aufgabe eines jüdischen Blattes sein, die allgemein-politischen Zusammenhänge zu erörtern oder zu werten, die Zielsetzung, Verlauf und Ergebnis dieser Konferenzen bestimmen. Wie aber die Judenfrage heute allerorten ihre Rolle spielt — ohne daß etwa die Juden, selbst dies verursacht hätten; das sei ausdrücklich festgestellt — so bieten auch die beiden letzt tagenden Konferenzen die Möglichkeit' Rückschlüsse auf die Problematik der Juden zu ziehen.und das tatsächliche Verhältnis der deutschen Juden\ zu Deutschland sowie das für beide Teile, d. h. für pichtjüdische und jüdische Deutsche wünschenswerte Verhältnis Deutschlands zu seinem jüdischen Bevölkerungsteil zu demonstrieren.;., , « Wie olt,;wenn bei irgendwelchen internationalen VerHand- -UungenDeütichlanddievon ihm'angestrebten Ziele nicht oder pfp!chtlvoji ienel<Ätc^lwenn Deutschland, einen wirklichen oder cschelwareh'JJ^fferfolg; erlitt-bat^es geheißen,’ die- Juden seien ^scjipldSSa&SPaflegJailljL-.difcintenttüopalen Beziehungen .als der Richtung unseres Blattes lohend hervorgehoben. Immer zahlreicher werden auch die Zustimmungen, die wir aus ganz Deutschland erhalten. DieVerbundenheit zwischen unserenLesern und der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ gewinnt ständig an Festigkeit. Das ist uns Beweis für die Richtigkeit unseres Weges und Ansporn iu weiterem Ausbau unserer .Zeitung. Unsere Bitte an die Leser geht dahin, die Entwicklung der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ auch künftig mit Interesse zu beobachten.;Religiös-liberales Judentum und >Kfüdisch- \ liberale Zeitung“ sollen auch in Zukunft zueinander gehören. eintreten und zu "den Berufenen gehören; darum trifft uns. Joseph Lehmanns Verlust außerordentlich und schwer. „ . Wenn ich auch erst kurze Zeit an der Spitze unserer Gemeinde stehe, so möchte ich dennoch gerade in dieser Stunde der Verbundenheit unserer Verwaltung mit allen .Institutionen Ausdruck geben, die gleich der Gemeinde die geheiligten Güter unseres Judentums pflegen. Die Zeiten sind vorüber, in der die Reformgemeinde mit einem Mißtrauen, das stets unbegründet war, betrachtet und für eine Organisation gehalten wurde, die vielleicht aus dem Judentum herausführen könnte. Im Gegenteil! So1 großen Wert wir darauf legen, jeder Richtung gerecht zu werden und auch die strengste Ueberlieferung in wahrem Liberalismus zu beschützen, so großen Wert legen wir darauf, zu bekunden, daß mit der Berliner Reform im eigentlichen Sinne eine Rückführung zu den Urquellen unserer Lehre geplant und verbunden war. Wenn dies erreicht wurde, dann hat neben den verklärten Gestalten, eines Holdheim, Ritter, Oppenheim, Klemperer, Lewin und Koblenz, neben, der schöpferischen Munifizenz von Männern wie Rudolf Mosse und Georg Minden, deren Gedenken uns in dieser bewegten Zeit in besonderer Wehmut nahe steht, der verewigte Joseph Lehmann vollen und gesegneten Anteil. Durch nichts wird das besser bewiesen als durch seinen Entwicklungsgang. Als Jüngling, der, orthodox beeinflußt, mit .seinem Gotte heiß gerungen .hat, ist er nach' seinen eigenen Das' eklatanteste, aber beiweiterÄhlcht.'einzlge Beispiel ist der Krieg, dessen Verlust 1918 wir Juden‘verschuldet haben sollen.' Drei Dinge sind es,‘die hierbei vergessen werden: daß internationale Beziehungen bei allen Weltreligionen selbstverständlich sind, aber bei anderen Gruppen, z. B. beim Hochadel, weit intimer und enger sind als bei den Anhängern der jüdischen und der andern Uiiiversalreligionen; daß diese Beziehungen bei uns Juden keifien änderen als rein religiösen und charitativen Charakter tragen;, und daß ein „Verschwörertum“, wenn es existierte, immer nur uns selber tTeffen müßte. Sehr wahr hat der neue Berliner Gemeindevorsitzende Direktor fieinrich Stahl jüngst auf einem Gemeindeabend gesagt: „Jeder Schlag, der in der Vergangenheit das deutsche Volk getroffen hat, hat aiich uns mitgetroffen.“ Mit Recht auch konnte er hinzufügen: „Die Besten von uns haben alle höchsten Gaben eingesetzt, um den Wohlstand Deutschlands zu mehren.“ Denn unsere wirtschaftliche Existenz und unser1 Geschick sind nun einmal mit demjenigen unseres Heimatlandes und Heimatvolkes so unlösbar verbunden, sind — um dieses neu aufgekommene Wort auch einmal in unserm Zusammenhänge zu gebrauchen — sei völlig gleichgeschaltet, daß Deutschlands Wohlstand unser Wohlstand, Deutschlands Niedergang unser Niedergang ist-Ja, noch mehr: daß der Judenhaß, früher nur in verhältnismäßig kleinen Gruppen herrschend, heute so weite Kreise des deutschen Volkes ergreifen konnte, - das schreiben wir nicht zum geringsten Teile der entsetzlichen Wirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit und Not zu, für die das verelendete und verzweifelte Volk einen Sündenbock sucht Der Sündenbock, ja, das sind wir Juden und wissen, geht es erst wieder bergauf, dann wird auch das Gros des deutschen .Volkes wieder ruhiger denken, -wird gerecht und'tolerant werden gegen-nns kleine Gruppe. Wollte man also selbst unsere Liebe und Treue gegen das deutsche Volk in Abrede stellen, so müßte man doch erkennen, daß schon unser reiner Selbsterhaltungstrieb uns jeden Erfolg, jeden Aufstieg und Jede Blüte Deutschlands wünschen läßt An diesem Bergauf haben wir früher aktiv mitgearbeitet und werden dafür wieder „alle höchsten'Gaben einsetzen“, sobald man uns läßt Aber auch jetzt, da man uns von aller aktiven Mitarbeit ausgeschlossen hat, gehen alle unsere Wünsche auf dieses Ziel, Gerade diejenigen, die immer sagen, unsere Jüdische Intelligenz sei zum fürchten, sei Gefahr, gerade sie niüütcn einsehen, daß diese 'unsere Intelligenz — auch in Zeiten, da man uns entrechtet — nicht Wege gehen wird, die für uns selbst zum Fürchten wären, well sie mit dem deutschen Volke uns selber ln verzehnfachte Geiuhren stürzen müßten. Nein; ganz nüchtern und ohne die hoben Worte des Pathos:, wir sind mit unserm deutschen Volke eins — diese Gleichschaltung des Schicksals ist das tatsächliche Verhältnis der deutschen Juden zu Deutschland — und wenn der Verlauf der internationalen Konferenzen wieder einmal das schwere Schicksal klarlegt, das dem deutschen Volke b'eschieden ist, so müssen wir, aus innigsten Gefühlen wie aus nüchternsten Erwägungen, wünschen, daß all den Bemühungen'der deutschen Regierung um Gleichberechtigung. um Verständigung, um Arbeitsmöglichkeit schließlich doch ein voller Erfolg beschieden sei. Und nur. eines bliebe zu beklagen: daß dieser Wunsch — Selbstverständlichkeit für jeden deutschen .Staatsbürger^uni Volksgenossen j— von uns überhaupt noch erst ausgesprochen werden muß, weil man uns als Feinde des Vaterlandes glaubt bezeichnen und behandeln zu dürfen. * Gleichschaltung des Schicksals zwischen Deutschen und Juden besteht aber noch in einer anderen, höheren Art; einer .^Gleichschaltung“, nicht von. Menschenköpfen erdacht und. . nicht von Menschenhand gemacht, aber vorhanden-In der Qeschichte und erkannt von denjenigen Forschem und- Denkern, denen zugleich mit' der Kenntnis' der .historischen Tatbestände, auchdiedermenschlichea.Psycheelgneti'.elneQleichschalierrdefr»rt»!TühfüBg,*ahVe] trauten’Völker anzuwenden. , , r :; : [v> ' Wir schreiben 1933; im Zusammenhang mit der Mlnderheiten-Debatte, die auf der Völkerbundstagung ln Genf! fm vorigen Morfat aus Anlaß der sogenannten Bemhelm-Petitton stattgefunden hat, ist verschiedentlich darauf hingewiesen' worden, daß dreißig Millionen Deutsche im Auslande leben, d. h. außerhalb des Deutschen Reiches, zum .größten Teil als Bürger anderer Länder (Polen, Oesterreich usw.), wie! ]a auch die Juden Bürger ihrer Heimatländer sind: Aber 1832 schloß Karl Julius Webe r die Augen,'jeher bekannte ..Demokrit-Weber“; und von ihm. der kein Jude war, stammt;der Ausspruch: „Man „kann die Deutschen füglich die Juden des neuen Europa nennen, denn wir sind wie diese verstreut-iind leider an manchen Orten solchen gleich gerechnet." .Gleich gerechnet —es. ließe sich hinzufügen, daß die Juden vlelenorts die treuesten Bewahrer des Deutschtums sind. Die einst aus Deutschland nach Polen ausgewanderten-Juden bildenjaus oft gekennzeichneten Gründen eines der markantesten Beispiele hierfür, und wenn wir alle an diesem 28. Juni ,VoU Trauer des Tages von Versailles gedacht haben, so darf, wohl wieder einmal auf die zahllosen jüdischen Familien-verwiesen " werden, die die abgetretenen posenschen und oberschleslschen- Gebiete verlassen haben, um in Deutschland zu leben, lund' '■ auch auf die Stellung, die die aus äußerem Zwange In-fetzt; abgetretenem Land verbliebenen Juden seit Versailles | bis' heute eingenommen haben. Man hat — mit Weberzu reden . -.1 — die „Deutschen den Juden gleich gerechnet", aber manj hat 4 in jenen Ländern deutscher Diaspora mit Fug auch die Juden ' ‘ den Deutschen gleichgerechnet, und der Haß, der beide trifft,’ rechnet, wahrlich auch gleich und hat zur HauptsacheI die \ gleichen Ursachen. „Kein Volk der Erde", so schrieb die „Süddeutsche konservative Korrespondenz“'lange vor dem Kriege, " V „ist im gesamten Ausland so verbreitet wie das deutsche L .; Ueberäll gibt.es vollständige deutsche Niederlassungen i mit,.'v ausgesprochen deutschem Gepräge . . . Diese Tätigkeit! der Deutschen im Auslande in Vorzugs- und leitendem ‘ Stellungen ist es, die den Deutschen als solcfüm Im Aus-x lande unbeliebt macht ... In keiner Stadt Deutschlands igibt*“'-- *¥if kii R:S§ Worten aus der seminaristischen Schulung strenger Observanz geschieden und hat alle. Unbilden, die mit diesem Schritt: verbunden waren, in hohem Bekennermut ertragen. Das Vorurteil, das daraus entstand, ging vor Jahrzehnteln so weit, daß auch die liberalen Kreise unserer Gemeinde damals nicht wagen durften, ihm die Stellung im rabbinischen Leben zu geben, die ihm nach seinem Können und seinen Fähigkeiten gebührt hätte. In voller Konsequenz und in klarer Erkenntnis ist er von jener Stunde an als ein berufener Künder der prophetischen Lehre in den Kreis der Reformgemeinde getreten und hat hier nicht nur als Prediger, sondern vor allem als Rabbiner — darauf fegte er entscheidenden Wert — das erhebende Werk des Ausbaues begonnen und zu seiner jetzigen Größe geführt, ein Werk, das auch durch die Ungunst der Gegenwart nicht verdunkelt werden kann. Was er als Lehrer, als Verfechter unseres Rechts in unserem deutschen .Vaterlande, was er als Seelsorger ühd vor allem,als edler, reiner, von der Liebe zum; Heiligen erglühter Mensch, als feuriger und begeisterter Jude geleistet hat, das wird uns erst angesichts sefneg,. Hintrittes bewußt, das bleibt.. von Joseph Lehmann> erhalten. Möge sein Andenken, gesegnet sein, und mögen iiplt;;. unserer gesamten trauernden Gemeinde alle in Liebe und Freundschaft mit ihm Verbundenen den Trost empfangen. den ein edles Herz inr Leben und aus der Ewigkeit spendet. , i . Am Freitag, 23. Juni, versammelte sich noch einmal im Logentempel Kleiststraße eine, große Trauergemeinde, um mit ‘der Jugend sich des Heimgegangenen Dr. Lehmann zu .erinnern. Alfred Hadra las die Freitagabendliturgie und Heinz Kellermann las Psalmen, die der- Verstorbene liebte. Usq WoJfflegte ‘ihrer Ansprache das Wort des Propheten MIcbaT zugrunde: „Es ist Dir gesagt, o Mensch, was gut Ist und:was der Ewige von Dir fordert“ Sie schilderte .das Verhältnis der Jugend zu dem Heimgegangenen. Dora Peyser-sprach als; ehe? -malige Schülerin und zeichnete ein ausführliches Bild! von seiner Lehrer- und Erziebertätigkeit In dieser .-Stunde1, des Gedenkens gelobte die Jugend dem Dahingegangenen noch ein-, mal unverbrüchliche Treue und daß sie in seinem Sinne weiter-. wirken wird. „ 1 ' ... . . . . ' .. i „ . J Ob IVJ -! - <% V V ’

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