Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 5 (1.6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2613366-2613479-2613484--4374-2616049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
pln Jude bin ich.“ — Als einst der Prophet nach Hei- »•"-i mat und Volk befragt wurde, lautete seine Antwort: „Ein Hebräer bin ich, und den Herrn, den Gott des Himmels, bete ich . an, der das Meer und jdas Trockene geschaffen hat.“ Im rückhaltlosen Bekenntnis zu seinem Glauben, mitten im tobenden Sturme [der Wogen, kennzeichnet er, wie er verstanden werden'will: ln der tiefen Gottverbundenheit liegt der Grund seines, Wesens. Durchdrungen von dem Streben, die Wahrheiten göttlicher Lehre zur Verwirklichung' zu führen, weiß der Jude, daßer erhobenen Hauptes von seinem Judentume sprechen dari. Jude sein (ließ immer jund heißt-auch heute: unentwegt in Dienste der Kultur stehen, für soziale Gerechtigkeit wirken, durch Pflege der Wissenschaft das Heil und das WohlergehenI der Menschen fordern, in der Betätigt «g der Kunst] zur.; Erhebung und zur seelischen Beglückung der_Menschen beitragen. Bedeutungsvoll ist die Leistung, mit der der jüdische Name in den Blatten der Kulturgeschichte -verzeichnet ist und bleibe ,i v. :d. Jude sein besagt aber, und vielleicht noch weit mehr als das Stoffliche an dieser Leistung, die s.ttlhlie Haltung, aus der heraus - . sie quillt. Das sollte mit groß rem Nachdruck, als es oft geschah, betont werden, (in- Gegensatz zu feind-, seligen Entstellungen muß deutlich werden, daß den Juden nicht Eigennutz anspornt, sondern der heiße Wunsch, Edles zu wirken, daß Reinheit des Wollens. Echtheit der Gesinnung. Gradhcit des Lebensweges ihn zum großen Lebensziele hinstreben läßt. „Lin Jude bin ich“, dieses Bekenntnis, immer offen abgelegt, soll bezeugen, daßjjude sein heißt: mit unantastbarem Charakter, unbestechlicher Wahrhaftigkeit, makelloser Rechtschaffenheit, aus J reinsttr Liebe zu den Menschen im Dienste der Menschen wirken. ' I Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig. einseitigen Neuorientierung bestärkt werden, glauben sje. ihr Seelenheil in neuer Einseitigkeit wiedergewinnen zu können. Alan gewinnt aber noch kein Verhältnis z tt ni J u d e n t u in, wenn in a n - s i c li aus {dem' Deutschtum löst, wird nicht dadurch zuni selbstbewußten Jaden, daß man das Bekenntnis zum deutschen Volkstum durch, ein Bekenntnis'zu .einem iüdifOhen Volkstum ersetzt. Judesciiu ist keine Angelegenheit elfer Volkszugehörigkeit, Jiideseiii-' ist bedingt durch Bekennen zur religiös-sittlichen Gedankenwelt des Judentums, bedingt auch durch das Streben, eine Persönlichkeit jüdisch-religiösen Gepräges zuwerden. Das aber tangiert nicht die Fragender Volkszugehörigkeit, ist etwas im Wesen Anderes. Ist; hui tauch das noch klari auszusprcchcii, der schärfste Gegensatz l/.ur „jüdischen" Ueberlieblichkcit. die als Reaktion auf Uijiildcu liier oder dort zu finden ist. Jtidesein bat Demut zur Voraussetzung, Wissen um göttliche Vollkommenheit und -inemclilidie Unvollkommenheit., um die Gottesebenbildiiclikeit aller fylenscliini. hat zur {Voraussetzung das Wissen um die Verantwortung jedes Einzelnen für sein eigenes Tun. Sich zum . Judentum bekennen, das heißt darum nicht etwa ein neues Vokabularium erlernen. |es heißt Vorkämpfer sein l'ür das religiös-ethische Gut des Judentums, heißt heute mehr denn je, darauf hinzuwirkcu, daß dieijüdische Gemeinschaft in ihrer geistigen Reinheit beispielgebend zu wifjtöt vermag, daß sie aus religiösem, Geiste' die! religiöse ■ Tat’iormt Das mag Neulingen als zu wenig, vielleicht auch als zu abstrakt erscheinen; der religiiise Mensch weiß, daß' es das Letzte in sich birgt, daß es-ms Urkraft Wirklichkeit gestaltend ist I Heute will es in- Deutschland ’ieJeti so scheinen, als könne nicht der Maßstab der Religio; Geltung beanspruchen, sondern nur der einer neuen Rasseiideologi.e, Der 1 religiöse Mensch aber weiß, daß durch dies Betrachtungsweise sein ^srsönlichkcitswert nicht beurteilt werden kann.;Und den Müsen Juden „tröstet“ das Bevußtsein. daß sein reiigiöshcr Maßstab in den Jahrliunerteii. der Geschiehte auch V Führern des Geistes aneitannt. wurde, die {nicht .der KV Gemeinschaft aiigehürtc. ( bildier notwendigen Aufbaiirrbeit 'sei liier die Rede. Sie ftegeiht zuletzt für uns deutche.Juden darin, dem Zerrdann ientums das wahre Eid seines Wesensgelialts ent- Werdenn. Beginnen wir uden bei uns selbst damit: Leid entgwir als Juden sihweler verwundbar werden, rfurcht, Stolz md Würde etzen wissen. I L * j Zeiirl auch ieredi/ zlini Guten Rein^btrieb ne ve/iiiuten: * er‘sto >hönrer Klarheit fi' Recht und Wahrheit. Viele H. "U" Sl;l":e (Uliland.l s'Hrec/ieii?m,”ndpf.l| ä-'^f'iitsprrngt innerer Notwendigkeit, ruug“ darin „„I,,, --- „e‘’.u überwinden, umes auszue", mdisetweise werden eine „Anbiedo- B^ner eine ,.Denunziation“, ui;d Ein falsdi die, die es hören sollten, sie werden es überhören. Aber dennoch muß ich es sagen. Das Geschick, das >n den vergangenen Wochen den deutschen Juden bereitet wurde, war hart, war von den deutschen Juden nicht verdient, war Unrecht. Man hat den selbstbewußten deutschen Juden nicht in seinem Judentum verletzt, wohl aber in seinem deutschen Empfinden. So ist.es erklärlich, daß deutsche Juden :— ihre Mehrheit bekannte sich ja uneingeschränkt zum deutschen Volkstum — in ihrem Zugehörigkeitsgefühl zum deutschen Volke irre wurden. Man stieß sie fort: wen kann es wundern, daß Seelenfäden zerrissen? Aber für die Mehrheit wird gelten und gilt, was galt: das Bekenntnis zum deutschen Volkstum. Das kann überhört werden, kann verächtlich glossiert werden, die Tatsache bleibt. Wenn man dem jüdischen Deutschen die Gleichberechtigung im deutschen Volke nimmt, wenn man ihm die wirtschaftliche Lebensgrundlage entzieht, wenn man ihn gar zwingen würde, seine Heimat aufzugeben: das Deutschtum könnte man ihm nicht nehmen. Das bliebe sein Besitz. Die jüdischen Deutschen sind in ihrer politischen Stellung keine homogene Masse, alle Denkrichtungen des deutschen politischen Lebens finden sich bei ihnen wieder. Und wenn sie weder in der Dentsclinationalen Volkspartei noch in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei organisiert waren, so kann man das ihnen ja. wohl nicht zum Vorwurf machen, da man sie dort ausschloß. Betrachtet man aber die deutsqjie Judenlieit nicht nach der Einstellung der Einzelnen, sondern als ein Kollektivum, das nach dem Willen der Führerschaft beurteilt wird, dann kann nur ein Urteil gelten: Für die jüdischen1 Deutschen ist Deutschland das Vaterland und soll Deutschland das Vaterland bleiben. Aus dieser Gesinnung heraus aber werden die jüdischen Deutschen auch nie darauf verzichten.-für sich die volle Gleichberechtigung als deutsche Volksgenossen zu erstreben. Der Emanzipationsanspruch der jüdischen Deutschen ist keine Frage der deutschen Staatsform, so wenig wie ihr Bekenntnis zum Deutschtum: er gilt, in der Monarchie wie in der Republik, im Ständestaat wie bei Diktaturgewalt. Er kann auch nicht abgegolten werden durch Zubilligung irgendwelcher Minderheitenschutzreclite oder-gar durch internationale Garantien. Die Ehre und das Deutschtum, die in uns leben, werden unseren Anspruch auf vollwertige Anerkennung als deutsche Volksgenossen nie zum Schweigen bringen. Die Wahrheit, aber gebietet, auch offen zu betonen, daß in den vergangenen Jahren von führender jüdischer Seite auf dem liier zur Erörterung stellenden Gebiet schwerste Felder beäugen wurden. Es muß endlich Schluß gemacht werden damit, daß das gleiche deutsch-politische Recht gefordert wird für national deutsch eingestellte und für. zionistisch orientiertet Juden. Und diese Unterscheidung muß aucli Geltung erhalten bei der Leitung des jüdischen Gemeindelebens und bei der Auswahl der Rabbiner und der Jugenderzieher. ich habe seit Jahren im jüdischen Gemeindelebeh die verhängnisvolle Auffassung bekämpft, daß in der Leitung deutscher' Religionsgemeiuden national deutsch Gesinnte und national jüdiscli Fühlende gleichberechtigt mitbestimmen können. Und es kann nur ein einziges Gebiet geben, auf dem die Gegensätze zu schweigen haben, das der sozialen Hilfsarbeit. In diesem Zusammenhang soll aucli noch offen ausgesprochen werden, daß von der politische!) Führung der deutschen Juden diejenigen auszuscheiden haben, die. in den vergangenen Jahren und bis aut den heutigen Tag nicht den geraden Weg, sondern nur den Zickzackkurs kannten, die bald im Centralvtrein die „unbeirrte Pflege deutscher Gesinnung“, bald in der Jewish Agency,—ith; Keren Hajjessod, im dem Unrecht und t \ . ™ iaiscfftvPronh#>i für un ^ig‘onsunterricht ■Von Haus R o s h v.; t/ " "m Zuiull fÜKte es, daß \ Alartm Buber dort 1 \ade in Berlin war, al - ‘"lV Atai. tidiendirektor i. R. . seinen Vortra, 1 d u n g s m e t h o d e i . ' ■ Yuu , , ... u i 11 u li u b e r dort. .miV über „B i I d li u g s z i e i ü.itVj der j ü d i s cli en Scli u 1 e“ h;v!t.\ Wird eine-Verkehrtheit mit b;V.H Worten gesagt, st erkennt sie auch der Durcliscltuiti:.l\.r meist als das. wai ste ist: als Verkehrtheit. Aber sie wtL,„ einer Gefahr, woni sie sich im Gewände der <ieteiirsamyt 0(jer ear l'er ”r0 phetie gibt. Um sri WM Direktor Heinrich Stahl, der neue Vorsitzende des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. _ .ivieiirsaiiiU 0der gar der F puctie gibt. Um so erfreulicher, daß Vere Lehrerschaft , denn für sie und vor ihr fand der VouK statt; — Mehrzahl gebildet genug ist, um Herrn Iwr die Gcfolgseht ij zu versagen. Unsere jüdischen Lehrer a\ten die Persönlich! keil.- das hohe Ethos und die Hingabe diyes Mannes Marti! 'Ruber, aber über die jüdische Schule Indien sie sich eit erheblich anderes Bild, als er es zeichnet.V . Es ist nicht möglich, den Vortrag in Wer DMize *1,el wiederzugehen. Deshalb sollen nur die ivei wichtigste! Punkte liier erörtert werdi n. \ _ .! Herr Buber wart die Frage auf. ob in unser t künftig et jSdisdie.u Schulen (sofern wir solche errichten dirfen) ml deutsche Kultur im Aliiii-i «„-m unser Z __ ... H.iovt k IVUIÜ .. .„wem wir solche errichten dirfen) altur im .Mittel Hinkt stehen w erde; vohgemerl: e n li a n -. mit der deutschen Kultir sei ui - , —~“wi »erde sie den M ttelpunkt bilden: Und e lulir fort: Mittelpunkt des Leben.: sowohl für den Einzelne wie für die Gemeinschaft könne nur das sein, iw-cran ms i 'einer aktiv Anteil hat. I'.id mm lütte man meinen sollen. v| k.- vor vjer Wochen Piofessor"— --- ■ - war. hätte den ‘ ■ktive Anteilnahme am 'emetdet? Nichts derg. .w.nuiKi. stenett werde: v ohgemerl.t ....ci z. u s a m m e tt li a n-. mit üsbar. aber werde sie dm ttlir dort: Mittelpunkt de: ie für die Gemeinscluc über aktiv Anteil hat- " __ er bis vor vier Wochen Fioiessor’an einer deiischen Uri irsität war. liiitt» a„„ Anspruch der deutsdien Juden au dentsclien Kulturleben wieder an — uergleiclen kam aus seinen Munde. Dfgen sprach er einmal — Jas ist buchstäblich wahr — yc-, der ..sogenannten Emanzipation“, und im übrigen hörte man poetisch hohe Worte: wie zwei Parallelen. naclt der Lehre der Mathematik erst im Unendlichen sich schneiden, so begegnen sielt aui der höchsten Höhe der Gedanken Deutschtum und Judentum, die aber in den Niederungen des Lebens ewig geschieden seien. Ewig? Vor wenigen Monaten noch nicht, und wir hoffen, im Gegensatz zu Herrn Buber, daß es gelingen wird, uns wieder zu gleichberechtigten Vollbürgertt unseres Vaterlandes aufzuscliwingett. In dieser Gleichberechtigung eiblicken wir ein Gebot der Gerechtigkeit, und deshalb können wir nicht glauben, daß w-ir für ewig der aktiven Teilnahme au Leben unseres deutschen Volkes beraubt sein sollen. Und eben deshalb ist die Schule', d e r e n S clt aff u n g Herrn Proiessor Martin Buber vorschwebt, nicht unse re. Sch u 1 c. Das muß deutlich gesagt werden. Höchst peinlich wirkte, was Buber über, oder richtiger: gegen den Religionsunterricht vortrug. Denn dieser Teil seiner Ausführungen war eine Aneinanderreihung von Gemeinplätzen und war bewußte Demagogie. Religion könne nicht „unterrichtet“, sondern nur gegeben werden —: das weiß heute nachgerade der letzte Dorfschulleltrer. Religion sei keine Abteilung. sondern solle das ganze Leben beherrschen: deshalb könne inan nicht dreimal in der Woche eine Stunde Religion unterrichten! Auch hierauf ist zu erwidern: der mittelmäßigste Religionslehrer weiß heute, daß er seinen Kindern beibringett muß: was iclt euclt in dieser Stunde sage, das muß alle Stunden eures Lebens in euch'wirken. Sollte Herr Buber allein dies nicht wissen? Und wollen wir — nach seiner Argumentation — nicht gleich auch den Versölinungstag abschaffen, weil Versöhnutigswille ja nicht nur einen Tag im Jahr, sondern das ganze Jahr hindurch uns beherrschen soll!? Wenn, wie Herr Buber wörtlich sagte, „Religionsunterricht an sic.lt etwas'Unjüdis c li e s“ ist dann wäre — immer nach Bubers eigener Begründung — auchder Versölinungstag unjüdisch. Herr Buber mag ein großer Prophet sein;-unser Prophet ist er nicht. Pro-Palästina-Komitee und ähnlichen „neutralen“ Organisationen die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ betreiben. Unsere Zeit fordert Entscheidung, und sowohl die Schwankenden als auch die, die überall dabei sein wollen, sind nicht zu Führern berufen. So ist Aufbauarbeit in doppelter Hinsicht. zu leisten. Gegenüber unserer deutschen Umwelt, damit wir erwerben, was unsere Vorväter erkämpft und wir ererbt hatten: unser Recht als Deutsche. Und innerhalb der jüdischen Religionsgemeinden die Ausschaltung aller undeutschen Strömungen wobei mit dem Wort undeutsch kein Werturteil, sondern nur die Feststellung einer Tatsache bezeichnet sein soll —, so daß ihr Charakter als der einer deutschen religiösen Gemeinde dem Kundigen und dem Unkundigen' offenbarwird. * Nicht auf ewig ist der Elende verlassen; ■ Auf immer nicht der Leidenden^ Hoffnung dahin. (Psalm IX.) Ergibt sich die innere Grundlage der wirtschaftlichen Wiederairfbauarbeit des deutschen Judentums bereits aus dem, wasvorher gesagt wurde, so müssen nun noch einige Sonderhinweise erfolgen, die leider vielfach in der praktischen Arbeit übersehen werden. Die wirtschaftliche Not allüberall in der Welt ist durch die besondere Not der deutschen Juden nicht geringer-geworden. Gab es schon vor dein jetzigen Anwachsen . der Krise eine gewaltige Arbeitslosigkeit in fast sämtlichen Ländern der Welt, die dfe eigenen Volksgenossen. zum Kämpf um den Arbeitsplatz öder zur Arbeitslosigkeit zwang, so kann heute die Welt, bei allem Verständnis für die Lage der Juden in Deutschland, diesen Arbeitsplätze nur in äußerst geringem Umfange zur Verfügung stellen. Die Auswanderung ist schon aus diesem, rein äußeren Grunde, — von den inneren Gründen wurde in den vorhergehenden Kapiteln ja bereits gesprochen — keine Gesamtlösung für die deutsche Judenlieit. Wohl kann sie in einzelnen Fällen zweckmäßig, ja sogar empfehlenswert sein, weshalb sie ja auch von den staatlichen Auswanderungsstellen verständnisvoll gefördert wird. Aber selbst bei einer Verstärkung der Auswanderung wird^die Mehrzahl der deutschen Juden, wenn nicht eine neue Gesamtsituation zu einer neuen Betrachtung zwingt, eine Existenzgrundlage in Deutschland gewinnen müssen. Audi Palästina, dessen Umfang und politische Lage ja durcli die Krise in Deutschland nicht verändert wurden, kann nur für Einzelne, nicht aber für die Gesamtheit eine Lösung bringen. Darüber kaifn auch die augenblickliche wirtschaftliche Konjunktur in Palästina nicht liinwegtäuschen, die ja weniger durch die inneren Verhältnisse des Landes als durch das hereinstrümende Geld und die neu ankommenden Menschen bedingt isL Daß insbesondere aber eine Rückwanderung jüdischer mchtdeutscher Staatsangehöriger aus Deutschland in ihre Heimatländer gefördert werden tnuß, ist selbstverständlich. Das Entscheidende, das für eine Gesundung der Lage der jüdischen'Deutschen geschehen muß, ist demnach unzweifelhaft eine tiefgehende Aenderung der Berufsstruktur der deutschen Judenheit. Alle Fragen sind zweitrangig und haben zurückzutreten gegenüber der einen Hauptaufgabe, konstruktive Maßnahmen für die in Deutschland verbleibenden Juden durchzuiüliren. Die Erfüllung dieser Auigabe hat zwei Voraussetzungen: Eine geistige: die Erkenntnis, daß es eine Wertungsskala der Arbeit nur nach einem Maßstabe gibt: nach der Nützlichkeit und Notwendigkeit der vollbrachten Arbeit für die menschliche Gesamtheit;, die Erkenntnis, daß jede Arbeit den Menschen adelt, daß jene Stufenleiter in der Auffassung der Vergangenheit — Arbeiter, Handwerker, Angestellter, Kaufmann, Akademiker ■— völlig abwegig war.' Und sie hat zur zweiten Voraussetzung, daß vom Staate Berufe den Juden nicht nur verschlossen werden, jene Berufe, in denen sie die „Prozentnorm“ übferschreifen,' sondern daß auch neue Berufe ihnen geöffnet —werden. -Man . kann nicht . gleichzeitig - den IntellektueUeh ''Vernichten wollen und ebenso den Angestellten auf die Straße setzen, beim Bauern eine Blutsprobe anstellen und im Handwerk den Zugang verwehren, ohne sich dadurch dem Vorwurf des Vernichtungswillens auszusetzen. Es wird besondere Aufgabe der nächsten Wochen sein, nach den Vorgängen der letzten Zeit in Besprechungen zu klären, welche konstruktiven Pläne die Regierungskreise für die Zukunft der deutschen Judenheit besitzen oder unterstützen wollen. Die deutsche Judenlieit wird bereit sein, die Führer des deutschen Volkes in jeder Weise dabei zu unterstützen, daß in Deutschland keine jüdische Irredenta entstellt, sondern-eine Neuverwurzelung erfolgt. Gerade wer, sich seit Jahren mit Fragen der Berufsstruktur der deutschen Juden befaßt hat, der weiß, daß es Schäden zu beseitigen gilt. Entschieden werden aber muß die Frage, ob diese Beseitigung der Schäden in Form einer Ver-' nichtung oder einer organischen Wandlung'erfolgen soll. Vorerst gilt es, die bestehenden Möglichkeiten auszuschöpfen und durch die Schaffung insbesondere landwirtschaftlicher und handwerklicher Ausbildungsmöglichkeiten den not- ' wendigen. Berufswandel vorzubereiten. Daß diese Arbeit geleistet werden muß unbeschadet der innerjüdischen Auseinandersetzungen und von jüdischen Persönlichkeiten, die nicht der Ehrgeiz, sondern Arbeitswille und Sachkenntnis treibt, sei vorerst als zarte Andeutung betont. So gilt auch hier das alte Wort: Arheiten und nicht verzweifeln! Vieles ist zerstört worden, aber ein Bück in die jüdische Geschichte und die Hoffnung auf unsere eigene Kraft, sowie die Ueberzeugung von der Gerechtigkeit im Laufe der Welt, sie müssen uns Ansporn sein zu neuem Tun, zu einem Wiederaufbau auf festen Fundamenten in neuer Weise, die aus eigener Kenntnis die Schäden der Vergangenheit beseitigen will. Keine Bedürfnxszuschüsse für Synagogengemeinden in Preufjen. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat Kultusminister Rust angeordnet, daß von der Bewilligung von Bedürfniszuschüssen an Synagogengemeinden zur Besoldung sowie Ruhestands- und Hinterbliebenenversorgung der Rabbiner für die Rechnungsjahre 1932 und 1933 abgesehen wird. * Die Tragweite dieser Meldung ist ohne weiteres für jedermann ersichtlich. Wir halten es aber für wünschenswert, wenn der preußische Landesverband jüdischer Gemeinden dieOeffentliclikeit darüber informieren würde, wie er sich mit dieser, Situation abfindet, und in welcher Weise und mit welchen' Mitteln er glaubt, seine Arbeit fortsetzen zu können. Die seit einigen Monaten vonseiten des Landesverbandes geübte Methode permanenten Schweigens ist um so mehr zu bedauern, als dadurch das allgemeine Interesse am Landesverband sinken muß, und das in einer- Zeit, die eine Hebung des Landesverbandes, seiner Aurorität und Wirksamkeit notwendiger macht als je! . Keine Sdiulgeldermäßigung für jüdische Schüler. Der Berliner Magistrat hat beschlossen, daß Schulgeldermäßiguhg vom 1. -Oktober 1933 ab iür Schüler und Schülerinnen. die von jüdischen Eltern oder Großeltern abstammen, nicht gewährt wird, solange ihre Anzahl über den Beteiligungssatz der Juden an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches hinaüsgehL Der Oberbürgermeister wird'Vfen Zeitpunkt bestimmen, von dem ab‘-die Gewährung von Ermäßigungen nach.der Sclmlgeldstafielung bei .Schülern und Schülerinnen jüdischer Abstammung wieder zulässig ist.