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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-04-15 · 4 (15.4.1933) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
13 (1933)
Issue
4 (15.4.1933)
Date
1933-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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uns heute geschlagenen Wunden dereinst nur noch Narben sein werden, nie verschwindende wohl freilich, die aber das nicht hindern, was uns und aller Welt bitter nottut und dessen Kommen so heilig und gewiß ist wie nur irgend eine andere Realität: Versöhnung, Friede, Aufbau, Sicherung, lieber allem: ein Leben aller in Heiligkeit „Wen solche Lehren nicht erfreun. Verdienet nicht ein Mensch zu sein,“ ' sondern wir fügen hinzu: wer die Entwicklung der Menschen nach diesen Zielen, hin nicht iür Realitäten hält, der war kein Jude.’ Und was die Emanzipation der Juden betrifft, so ist klar, daß diese Ziele nicht nur im liberalen Staat des vorigen Jahrhunderts, sondern — wie u. a. das Beispiel des von Antisemitismus freien Italien zeigt — in i e d e m Staat Realität werden können. Georg eGoetz Numerus clausus — was nun? Numerus clausus iür die Hochschulen! Numerus claiisus für alle höheren Schulen! Eine harte, aber unumstößliche Tatsache! Wir beklagen sie im Interesse unserer Jugend, der damit fast völlig der Zutritt zum akademischen Studium verriegelt ist Wir dürfen sie beklagen, wie viele Maßnahmen, die uns den Betätigungsraum beschränken. Wir dürfen aber nicht klagen, sondern müssen uns, und zwar sofort, auf das Gegebene einstellen. Von .vielen Seiten ist gerade in den letzten Wochen darauf hingewiesen worden, wie seit Jahren und Jahrzehnten von der Notwendigkeit der Berufsumschichtung im -Judentum gesprochen und" geschrieben worden ist, und zwar ohne daß erheblich Praktisches dabei geleistet wurde. Jetzt kommt keine Umschichtung mehr in Frage, jetzt ist nur eines noch möglich: Umstellung, und zwar sofortige, völlige Umstellung. Umstellung bei allen, denen Alter und Kraft noch die Umstellung gestatten. Umstellung vor allem im Beruf, aber auch Umstellung in Lebensführung und Lebensauffassung. Der akademische Beruf ist, verschlossen:, in Deutschland ist er es fast völlig, und die Universitäten der Nachbarstaaten sind von den Angehörigen des eigenen Staates in solchem Umfange in Anspruch genommen, daß — abgesehen von dem -großen Kostenaufwande — nur für eine geringe Zahl unserer deutschen Glaubensgenossen die Möglichkeit bestehen dürfte, draußen ihr akademisches Studium durchzuführen. Gelingt es — was dringend zu wünschen wäre — wenigstens denjenigen unserer jüdischen Akademiker, die kurz vor dem Abschluß ihrer Studien stehen, in der deutschen Heimat oder auf den Universitäten fremder > Länder ihr Studium zu beenden, so wird dies schon mit erheblichen , Schwierigkeiten verknüpft sein. Für die Zukunft aber muß es für unsere Jugend heißen: Fort von dem" akademischen Studium; und diese" Parole sollten auch alle diejenigen Schüler der höheren Lehranstalten befolgen, die Untersekunda- oder Primareife erreicht, haben. Noch wissen wir nicht, wie sich unsere. Zukunft gestaltet, aber eines wissen wir schon jetzt: unser Leben wird hart, unsere Lebensmöglichkeit karg sein. In erster Linie werden wir auf unserer Hände Arbeit angewiesen sein, und deswegen müssen wir unsere Jugend, und.zwar sofort, darauf umstellen, daß sie im Handwerk oder in der Landwirtschaft Unterkommen und Brot findet Landwirtschaft und Handwerk müssen der - Boden sein, auf dem unsere Jugend in ihrer breiten Masse sich so bald als möglich heimisch zu fühlen hat; und deswegen: fort von den höheren Schulen! Der vollständige Besuch der Volksschule, später fleißiger Besuch der Fachschule, müssen als Schulunterlage für die praktische"Betätigung als Handwerker in der Regel genügen. Aber in der großen Zahl unserer Kinder wird es, wenigstens für die nächste Zukunft, immer noch eine nicht unerhebliche Anzahl geben, die, aus den verschiedensten Gründen, sich für. eine kaufmännische oder gewerbliche Tätigkeit entscheidet trotz der. Schwierigkeiten^ die. .selbst bei Aufhören der Wirtschaftskrise,'dieser Beruf noch für lange Zeit bieten dürfte. Für diese Kinder wird in der Regel der Volksschulunterricht nicht genügen, zumal für sie, wenn nicht überhaupt eine Tätigkeit im Auslande, so doch rege Beziehung mit dem Auslande erwünscht ist Hier haben nun die jüdischen Organisationen, lind insbesondere die großen Gemeinden, ein weites Zur Schulfrage. CvlIM liUJeriinaiinnaraleiaflO.fl.fi, Bin. SO 1B, HelChlOfSlr.59-43 Snez.: flaiokBliler. Benaral, Fassaden-Abputz und Anstrich Treppenflure, Wohn- und Geschäftsräume Feld der Betätigung: sie mögen diesen Kindern, deren Eltern die" Mittel und den Willen haben, ihre Kinder trotz der. eingangs geschilderten Bedenken einem solchen Beruf zuzuführen, Möglichkeiten schaffen, eine Bildung zu erwerben, die sie in die Lage versetzt; im In- und Ausland sich gewerblich bzw. kaufmännisch zu betätigen. Hierzu bedarf es keiner Schulen mit Berechtigungsabschluß, keiner Schulen mit Unterricht in Latein oder Griechisch oder höherer Mathematik, aber Schulen, in denen neben den sogenannten Elementarfächern und der dringend notwendigen körperlichen Ausbildung, lebende Sprachen als Sprechsprachen gelehrt und kaufmännisches Rechnen und Wirtschaftsgeographie — um nur einiges herauszugreifeh — als selbstverständlicher Unterrichtsstoff gewertet werden. Diesen Schulen wird aber, besonders in der jetzigen Zeit' und in der Zukunft, wie allen unseren jüdischen Schulen, die besondere Aufgabe zufallen, unsere Jugend für den speziellen jüdischen Lebenskampf sittlich und geistig vorzubereiten. Wir Juden in Deutschland, die wir in der großen Mehrzahl'seit mehreren hundert Jahren auf deutschem Boden gelebt, seit vielen Generationen mit deutscher Sprache und Kultur verwebt und verwachsen sind, sind Deutsche und bleiben Deutsche, auch wenn es uns noch so oft und noch so energisch bestritten wird. Wir werden unser Deutschtum ebenso wenig aufgeben, wie wir unser Judentum in all den Jahrtausenden, trotz beispielloser Bedrängung. aufgegeben haben. Und unsere Lehrer, denen wir unsere Schuljugend in die Hände geben, werden es verstehen, diesen Geist, der uns beseelt, in die' Seelen unserer Jugend zu pflanzen und dort zu pflegen. Sie werden aber daneben die herrliche Aufgabe haben, unsere Jugend zu selbstbewußten, aufrechten Juden zu erziehen: zu Juden, die Kenntnis von ihrer großen geschichtlichen Vergangenheit, ihrer Kunst und Literatur in allen Zeitepochen und vor allem von ihrer sittlichen Berufung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben. Unsere Jugend soll wissen, wessen Jugend sie ist, und für welche Jugend sie dereinst verantwortlich Sein soll. Unsere Jugend, soll wissen, wofür sie leidet, aber auch wofür sie zu kämpfen hat Wer in Zukunft' jüdische Kinder in Deutschland unterrichtet, und wer für einen solchen Unterricht verantwortlich ist, muß sich dies vor Augen halten. Nur wer dies tut und sich dann getraut zu unterrichten, nur der ist dazu berufen. Nur wer in voller Hingabe an diese Ideen sich ganz diesem Streben weihen will, kann diese Aufgabe übernehmen, denn die Aufgabe ist schwer, und der Lohn wird karg, sein müssen. . Denn bei der grundsätzlichen Einstellung zur .Berufsfrage, wie wir. sie eingangs skizziert haben, wird jeder Unterricht der weiterführt als bis zum Ziel der Volksschule — so bedauerlich und hart es klingt — für die meisten als Luxus und deswegen als,, ein JJaterricbt.angesghen werden, müssen,, der lediglich auf Kosten der Erziehungspflichtigen erteilt werden darf. Die Mittel der jüdischen Gemeinden, auch der größten, werden in naher Zukunft aufs Stärkste schrumpfen, die Anforderungen an die Gemeinden aber werden wachsen und außergewöhnlich sein. Das Schulwerk, an das hier gedacht ist, wird sich also selbst erhalten.müssen. Es wird dies tun müssen und wird' es auch tun können, wenn Eltern und Schüler, und in besonderem Umfange die Lehrer, sich des Großen bewußt sind, um das es geht - Möge unsere große, alte Jüdische Gemeinde recht bald in die Lage versetzt sein, mit einem solchen vorbildlichen Schutwerk führend voranzugehen. K. ERNST HANKE, Malermeister FERNSPRECHER: 1 Was diesmal bemerkte: Fragen Sie. den Arzt! t Es Wird wohl keinen Juden gegeben haben, der nicht aus vollstem Hetzen -zugestimmt hätte, als ln den-letzten Wochen mehrfach von Männern der neuen deutschen Regierung erklärt wurde, die Koiijunkturjäger sollten sich keine Hoffnungen machen, man werde sich vor ihnen zu schützen wisseru_Diese, wie gesagt begrüßenswerten Erklärungen können aber natür- . lieh nicht verhindernd daß es naclf wie vor Konjunkturjäger gibt, die ihr Heil versuchen: und auch solche Leute gibt es, die mit ihrer Gesinnung Geschäfte machen möchten. Am unerfreulichsten unter diesen sind wohl diejenigen, die glauben,- schon positiv national zu sein, sobald sie negativ irgend etwas, gegen Juden äußern;; und die meinen: nicht von Juden abzustammen, sei an und ifilr sich schon eine Leistung; Riesengroß annonciert da eine Firma ihre Zahnpasta und ihre Hautcreme: „Keine jüdische Hautcreme benutzen! Unser Fabrikat ist gleich gut .ist billiger und rein deutsch!“ Das sollte wahrhaftig nicht erlaubt sein: das jüdische Fabrikat ist also auch „gleich gut“? Aber weiter: was ist jüdische Hautcreme? Man erinnert sich jener urkomischen, well grammatikalisch falschen Wortverbindungen: Echt türkischer Zigarettenladen, nichtuniformierter Kriegerverein, dreistöckiger Hausbesitzer.^ als wären, nicht die Zigaretten türkisch, sondern der Laden; als wäre nicht das Haus dreistöckig, sondern sein Besitzer. So haben wtr es hier auch mit „kosmetischen Fabrikänten“ zu tun. die zwar anzeigen, ihre Firma sei „Arisch seit Gründung“ — wieso nur nicht-schon früher? —i die aber offenbar Holländer, Schweden oder Dänen zu sein scheinen, weil sie mit der deutschen' Sprache so auf Kriegsfuß leben. Denn wirklich, sie drücken sich unklar aus, undwir wissen nicht: meinen sie nun jüdische Creme für die Haut, oder meinen sie Creme für die jüdische Haut? Bei ihrem nichtjüdischen Fabrikat aber —: wer'bürgt mir dafür, daß nicht zur Herstellung ein chemisches—Verfahren benutzt wlrdr welches irgendeine arme jüdische Haut entdeckt hat? Und noch tiefergehende Fragen bestürmen einen, wenn man solch gesinnungstüchtiges kosmetisches Inserat liest .... ich bin kein Philologe und möchte wissen: hängen'Kosmetik und — Ethik eigentlich zusammen? Viel Fragen und keine Antwort. Doch halt, jetzt sehe ich wenigstens, wo ich mir die Antwort holen kann. Die Leutchen; scheinen das aus Erfahrung zu wissen, denn sie schildern die Wirkungen,ihrer Zahnpasta und schließen mit den Worten: „Fragen Sie Ihren Arztl“ Dr. Jur. et rer.,pol. Bertel Preuß-Lehmann ßerichtl. beeid. Dolmetscher der holländischen Sprache für sämtliche Berliner Gerichte, Notare und Standesämter BERlIlN W 30, Eisenacher Str. 121 Telefon: B 7 Pallas 5700 ‘ Beglaubigungen, Uebersetzungen, auch unbeeltk, engl, u. franz Rechtsbeistand Max Hähnal Berlin-Steglitz, LaydeoaBee 75 (Nun Bünh.). -Tel.: c r si«*ma was SprachUnnilen: 3-7 Uhr oachmlttu«; «ol Wunich Koah «oSerhalb de« Hau«. Hafaraaxaa v< if Waaach Koafereaiaa aach Steuer für Anftragarenuittlung habe Vergütung, übernimmt Bearbeitung an allen Plätzen de* Reichen. Chiffre B.F.263 an die Jüd.-lib. Zeitung, - i Berlin SW 11. Spezial-Behandl. nur für Ischias In Hüften, Geeiß und Bein, wenn ärztlich featgeeteiit, in~15 Tagen aiod achwere Fälle beaeitirt worden. Unantaatbaro Heilerfolge. Begang 9 ut 1—Sonntag 10—1Z Jaeoby. schwierig war.. Ein jüdischer Arzt hatte es nicht leicht in der IGeinstadt- So waren Fritz und sie immer weiter auseinander gekommen. Sie fand ihn langweilig und spießig und fühlte, daß er auch manches an ihr auszusetzen fand. Durch die Freundschaft mit einem reichen . Studenten, dem Sohn eines Großindustriellen, war i sie in einen Taumel von Vergnügen und Betrieb hineingeraten. Autofahrten, Tennistourhiere, Bälle und andere mondäne Vorhaben ließen sie nicht zur Ruhe und zum Studium kommen, bis sie schließlich übersättigt und zugleich erleichtert war, als der flotte Junge durch eine Weltreise, die er angetreten hatte, aus ihrem Gesichtskreis entschwand. Dann erlebte sie die große heiße Liebe, deren Gegen-' stand ein begabter Maler war. Noch jetzt wurde ihr manchmal glühend heiß, wenn sie an den schönen Jüngling dachte. Wie der Bämberger Reiter sah' er mit seinem Blondhaar und den leuchtenden blauen Augen aus. Seinen besessenen Kampf um seine Kunst mit dem.ständigen Wechsel zwischen Ueberschwang und Depression" hatte Anja mit-ihrem Herzblut mitgefochten, bis sie zu der schmerzlichen Erkenntnis gekommen war, daß' er außer seiner Kunst wenig Wertvolles als Mensch^ zu bieten hatte. ' '• In den unendlich schweren Tagen der Besinnung und des Verzichtes nach diesem Erlebnis hatte sie den Doktor gemacht und war als Berichterstatterin nach Paris und London gegangen. Nach Berlin zurückgekehrt hatte sie in ernster und unermüdlicher Arbeit die Stellung errungen, die ihr das schöne Heim und die Genüsse eines kultivierten Daseins verschaffen konnte. Die Freundschaft mit dem jungen Juristen rundete ihr Leben harmonisch ab. Ernst' war ein feiner und kluger Kamerad. Seine besonnene Ruhe bildete eine gute Ergänzung ihres oft labilen Wesens. . Nur eines störte - manchmal. ’ Seiner Weichheit behagte ihre zuweilen etwas aggressive Selbständigkeit oft ganz und gar nicht. Seine „echt jüdische“ — wie Anja spottete — Abhängigkeit von seiner Familie, besonders seiner herrschsüchtigen Mutter, verhinderte eine endgültige Bindung und bildete immer häufiger den Grund zu Unstimmigkeiten zwischen ihnen. So war es auch heute'wieder gewesen. Schließlich würde er ihr doch entgleiten und die belgische Kusine heiraten. Anja hatte so gar keine Lust, in einen Kampf einzutreten. Was wurde aber aus ihr? Wieder eine neue Freundschaft beginnen und abermals Höhepunkt und Abstieg erleben? Schließlich bekommt man auch das Suchen einmal satt und möchte einen schönen Hafen anlaufen. Man wurde auch nicht jünger; und der Beruf füllt doch eine Frau nicht ganz aus... Grenzenlose Angst vor dem Alleinsein überfiel Anja und schnürte ihr die. Kehle zu. Ein Geräusch störte sie aus ihrem Sinnen auf. Ein Brief war in den Kasten gefallen, sicher der gewohnte Sonnabendgruß von zu Hause. Da mußte es schon 7 Uhr geworden sein. Also hatte Ernst doch nicht angeläutet, um Frieden mit ihr - zu schließen, wie sie gehofft hatte. Ein öder Sonntag stand ihr bevor, vor dem ihr in tiefster Seele graute.. Sie holte den Brief und konnte sich nicht entschließen, ihn zu öffnen. Was würde er denn auch schon enthalten? Die üblichen Nachrichten aus dem engen Kreise ihrer Eltern, die gewohnten Bitten um ausführlichere und häufigere Nachrichten und um einen Besuch. Wie lange war sie eigentlich nicht mehr zu Hause gewesen? Sie schämte sich der Feststellung, daß sie die Eltern schon seit mehr als einem Jahre nicht gesehen hatte. „Wir werden alt“, schrieb die Mutter, „und wir möchten unsere Einzige wieder einmal bei uns haben. Wie schön wäre es, wenn Du wie einst beim Anzünden der Chanukkalichter wieder zu. Hause sein würdest.“ Als Nachschrift hatte sie hinzugefügt: „Dr. Fritz besucht uns häufig und fragt stets nach Dir. Er. ist ein prächtiger Mensch, hat eine gute Praxis und,ist Stadtverordneter geworden.“ Die gute Mutter! Sie hatte also ihren Lieblingsplan noch nicht aufgegeben. Nachdenklich lächelnd schob Anja den Brief in den Umschlag zurück und ging ins Nebenzimmer, um ihn zu verwahren. Sie brauchte kein Licht zu machen, da wie gewöhnlich das Gegenüber im Gartenhaus die Vorhänge nicht zugezogen hatte, so daß der Lichtschein auch ihr Zimmer erhellte. Sie trat ans Fenster. Richtig! da saß der Mann wieder in Hemdärmeln, ohne Kragen, stopfte die dick belegten Butterbrote in sich hinein 1 und las die Zeitung; ihm gegenüber müde und verdrießlich seine junge Frau. Sie mußte wohl mitverdienen, damit sie ihr Auskommen finden könnten. Stundenlatfg saß sie an der Schreibmaschine; dazu die Wirtschaft und ein kleines Kind. Die hübsche junge Person hatte sich die Ehe sicher ganz anders vorgestelit, nicht so niederdrückend alltäglich, sondern wie im Kino, wo alles so-romantisch und vornehm zugeht. Ein Bedauern überkam Anja, von dem sie nicht genau wußte, ob es ihr oder ihrem enttäuschten Gegenüber galt. Nein, liebe Mutter, dachte sie. Ich heirate Fritz nicht. Ich will nicht in der Kleinstadt versauern. Ich komme auch nicht in deii Feiertagen nach Hause, um in jüdischer Sentimentalität und gutem Essen zu schwelgen. Lieber bleibe ich! in Berlin, oder ich fahre allein zum Wintersport, in das Abenteuer. Wer weiß, was ich erleben werde!; - Die junge Frau gegenüber hob jetzt lauschend den" Kopf, trat ins Nebenzimmer und kam bald mit dem Kinde auf dem Arm zurück. Wie niedlich san es mft dem zersausten Lockenköpfchen und den schlafroten Bäckchen aus. Leise schlich sich die Frau zu dem lesenden Manne heran und patschte ihm mit des Kindes Händchen auf seihen Kopf. Er ließ die Zeitung sinken und umfaßte liebevoll das junge Weib, das mit einem seligen verzückten Lächeln auf das Kind herabschaute. Aus der eben noch so mürrischen Kleinbürgerin - war eine verklärte Heilige geworden, Rührung, .Schmerz und Sehnsucht rissen an Anjas Herz. Rasch trat sie vom' Fenster zurück, als ob die Leute; gegenüber i ihre Erregung sehen könnten: ln einem heißen Tränenstrom lösten sich alle.Spannungen, Hochgefühle und! Enttäuschungen der letzten Jahre. Nachdem sich Anja ausgeweint und beruhigt hatte, setzte sie sich an den Schreibtisch und teilte ihren Eltern mit, daß sie zu Chanukka nach Hause kommen würde. In einem Nacjrwort bat sie, Fritz herzlich zii grüßen, und unterstrich dieses „herzlich“ so energisch, als wollte sie einen Schlußstrich unter einen Abschnitt machen. Tief und traumlos schlief sie lange , in den Sonntagmbrgen hinein und freute sich der strahlenden Wintersonne, die das schlimme Wetter des Vortages besiegt hatte.! - .

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