Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 13 (1933)
- Issue
- 4 (15.4.1933)
- Date
- 1933-04-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*B in ich nicht für-mich — wer ist für mich?“ Jeder für sich, mit Anspannung aller seiner Kräfte! Jeder auf seinem Wege — zu seinem Ziele — zu seinem Rechte! Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Nur letzt nicht die Hände iu den Scholl legen und auf das Wunder warten! Das Wunder kommt nur zu dem, der es in sich vorbereitet hat „Bin ich nur für mich — was bin ich dann?“ “ Ein Egoist! Seibstbescbränkung, auch im Betätigungskreise, ist Beschränktheit. Nur im Zusammengehen mit anderen er* wächst die Kraft. Nur in Zusammenarbeit mit anderen ersteht der Erfolg. Nur ln dem Schaßen für andere geben wir dem Leben Sinn und Zweck1 * * * * VI. VII.,,erringen wir einen Platz im Haushalt. ' der Menschheit. „Wenn nicht jetzt — wahn dann?" Den Augenblick nutzen! Den rechten Moment ergreifen! Welcher Moment ist der wichtigste? Der, ln dem du gerade stehst! Welcher Mensch Ist der nächste? Der, mit dem du gerade zu tun hast! Kehre um eine Stunde vor deinem Tode! Lebe nicht f ü r den Augenblick; aber i m Augenblick sollst du Ewigkeit schauen, erleben und schaßen! Margarete Goldstein. einseitigen Berufsstruktur der deutschen Juden ist so oft die Rede gewesen, daß es überflüssig erscheint, heute über frühere Sünden-zuGericht zu sitzen, zumal uns die Möglichkeit einer Fortsetzung dieser Sünden genommen ist Unsere Jugend wird Dinge lernen müssen, die sie überall verwerten kann; Technik, Handwerk und Landwirtschaft werden dabei im Vordergründe stehen, und dementsprechend wird auch die Schulbildung sein müssen. Da ferner auch für große Teile, unserer Jugend Auswanderung nötig werden wird, so werden die modernen Sprachen einen der wichtigsten Unterrichtszweige darstellen.- Im übrigen soll hier auf das Schulproblem nicht weiter eingegangen werden, da es an anderer Stelle dieses . Blattes geschieht. VI. Indessen: zürn Neuaufbau der Existenz gehört, noch ein Drittes, oder, -anders ausgedrückt, die wirtschaftliche Basis bedarf der politischen Sicherung. Nun wurde schon gesagt,' daß Viele sich ihre Existenz werden im Auslande suchen müssen, und es kann wohl nicht erwartet werden, daß wir hier diel politischen Verhältnisse in den verschiedenen Abnahmeländern erörtern. Es ist nicht unmöglich, daß der Antisemitismus auf das eine oder andere Land übergreift, und Gefahr -besteht überall, wo die Juden als Landfremde gehäuft auftretert. Emigranten aber sind Landfremde,-und alles Vertrauen in die Humanität und Toleranz eines Volkes darf uns nicht veranlassen, uns Gefahren auszusetzen, die nun einmal tief in der menschlichen Natur begründet liegen. Tausendfacli ist deshalb jener Passus in dem Aufruf des „Zentralausschusses der deutschen- Juden für Hilfe und Aufbau“ (vgl. Nr. 3 der J.-l. Ztg.- vom 1. Mai) zu begrüßen, in dem: vor planloser und , überstürzter Auswanderung gewarnt wurde. VII. ' 7 Man kann es "als sicher annehmen, daß — wenn nicht ganz unvorhersehbare Ereignisse eintreten — die weitaus meisten der heute in Deutschland lebenden Juden und auch die weitaus meisten ihrer Kinder in Deutschland verbleiben werden. Und von Deutschland speziell muß deshalb die Rede sein, wejm die Frage nach unserer politischen Existenzsicherung aufgeworfen wird. Und gerade hier besteht neben all den .akuteq Gefahren, die uns jetzt bedrohen, einq Haupt- . gefahr, der beizeiten, d. h. vom e'rsten “Augenblick an,” ne--'' gegnet werden . muß, nämlich die einer falschen Grundorientierung von Anfang an. . ' VIII. - Es lag auf der Hand, daß die — schon in guten Zeiten oft-beklagte:— Selbstisolierung der Juden durch die uns jetzt von außen aufgezwungene Isolierung ins Ungemessene wachsen würde. Viele Faktoren kommen da zusammen; einige mögen hier aufgezählt werden. Manche, die sich bisher als Deutsche fühlten, sind unsicher geworden, weil die herrschende Mehrheit des deutschen Volkes unser Deutschtum nicht gelten läßt und uns sogar die Existenzmöglichkeit in ihrer Mitte nehmen .will. — Andere sind von einem falschen Stolz befallen, „wollen sich nicht aufdrängen, wo sie. unerwünscht sind“, wobei sie freilich übersehen, daß dieser Stolz nur Personen gegen-, über gelten kann, nicht aber im Verhältnis zu dem Land und Volk, . von dem man selbst ein Bestandteil ist. — Dritte wiederum wissen nichts oder wollen nichts wissen von der jüdischen Religion; sie sehen nur, daß sie ihrer jüdischen Abstammung wegen zurückgesetzt werden, und so entdecken sie plötzlich ihr jüdisches Gemeinschaftsbewußtsein, wobei sie dann — weil dieses Gefühl ihnen ebenso neu ist wie. die jüdische Gemeinschaft selbst, in die sie sich so unerwartet hineinversetzt sehen — nicht wissen, daß es in keinem Gegensatz zu ihrem deutschen Nationalgefühl steht und daß es nur dann wertvoll ist, wenn es den Anfang zu einem geistigen Judesein bildet!-— Das sind, wie gesagt, nur einige der vielen psychologischen Motive für die heutige jüdische Selbstisolierung: es gibt noch mehr, und ihnen allen ist gemeinsam, daß sie die Reaktion der Juden auf die ihnen' von außen aufgezwungene Isolierung sind. Notgedrungen sieht heute jeder von uns alles unter dem Gesichtspunkt der Judenfrage; und das ist ja auch begreiflich, denn wo immer lahmgelegte Anwälte,,von der Kasse oder aus Vertrauensstellungen abgedrängte Aerzte, entlassene Angestellte, brotlos gewordene Künstler jeder Kategorie usw. Zusammenkommen, da ist es ihre jüdische Abstammung, um derentwegen sie aus ihrer bisherigen Existehz entfernt worden sind,' und wie dem König*: Midas alles zu Gold wurde, was er berührte, so wird auch ihnen unter den Händen alles und jegliches zur Judenfrage. Das ist aber außerordentlich schlimm und verwirrend, und es kann für die Zukunft sogar verhängnisvoll werden. Denn es gibt, genau besehen, heute überhaupt nur zwei jüdische Probleme, ein geistiges und ein praktisches. Das geistige besteht darin, in den Juden, die heute mehr als je auf ihre jüdische Abstammung sich hingewiesen sehen, das wahre Wesen, die.Lehre und seelenerhebende Idee des Judentums lebendig zu machen (wodurch dann auch der Außenwelt das Judentum wieder in seiner wahren Gestalt als Geistesmacht, nicht als Abstammungsgemeinschaft, sichtbar gemacht würde), und das praktische besteht in der Arbeitsbeschaffung für die Juden. Alles andere aber sind, tiefer betrachtet, keine jüdischen Probleme; und insbesondere die Frage unserer Einordnung in unsere deutsche Nation ist ein deutsches Problem. Es ist wichtig, daß auch wir Juden das erkennen, denn so begreiflichjes ist, daß unser jüdisches Unglück uns heute alles überdeckt, so unerläßlich ist es, daß wir aufhören, uns überall und zuerst nur als Juden (Juden der Abstammung nach) zu empfinden, anstatt zu sehen, daß von vielen Erscheinungen nichtjüdische Deutsche in großer Zahl genau so getroffen werden wie wir. ' IX. Dies zu beweisen, mag mit einer Sache begonnen werden, die uns Juden relativ fernliegt: mit dem erzwungenen Rücktritt dgs Stahlhelmführers Oberstleutnant a. D. D u e s t e r-" berg. Vieser Rücktritt des bisherigen zweiten Bundesführers des „Stahlhelm“ mußte erfolgen, weil Duesterbergs Großvater väterlicherseits, der als Militärarzt an den Befreiungskriegen teilgenommen hat, Jude war. Dies Beispiel zeigt uns am ' deutlichsten, daß hier keine jüdische Problematik Vorliegt Justizrat Gustav Zander (Danzig), Vorsitzender der Synagogengemeinde Danzig, die am 1. April 1933 auf ihr fünfzigjähriges Bestehen zurückblickte. . (Vergl. den Artikel in-dieser Ausgabe der I „Jüdisch-liberalen Zeitung“.) — Zu dem gleichen Ergebnis wird man gelangen angesichts der Nachricht daß der Sohn des früheren Reichsaußenministers und Reichskanzlers Stresemann in Berlin nicht zum Assessorexamen zugelassen wurde, weil sein Großvater mütterlicherseits Jude war. — Auch die Aktion, die heute „wider - den undeutschen Geist“ unternommen wird, indem man Bücher jüdischer Autoren aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt und öffentlich verbrennt, ist durchaus nicht nur unter dem Gesichtspunkt jüdischer Problematik zu betrachten. Einmal, weil es sich keineswegs nur um jüdische Autoren handelt, sodann aber weil Dichter und Schriftsteller wie z. B. Schnitzler, Arnold. und Stefan Zweig auch vielen Nichtjuden als Repräsentanten deutschen Geistes gelten, Und man darf sagen,- daß es sich dabei durchaus nicht um einen, kleinen Prozentsatz der deutschen Bevölkerung handelt — Nicht anders liegt es auch mit der Professoren-Beuriaubung. Wie stets in diesem Blatte, so sei auch heute wieder auf die Aufzählung der Einzelfälle verzichtet Man weifl, daß unter den jüdischen .Geistesgrößen, die ihren bisherigen! Wirkungskreis verlassen, Männer sind, die — wie z. B. Professor Haber, der das Verfahren zur Gewinnung des Stickstoffs aus der Luft entdeckte — die Deutschland Unendliches geleistet haben, und gerade jetzt hat Heinrich Stern im Berliner Gemeindeblatt einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er die jüdischen Leistungen für die deutsche Wissenschaft aufzählt Das geschieht nicht aus „Anbiederei“, sondern weil mit allen diesen Männern und Leistungen dem deutschen Volke etwas genommen wird. Dies hat ja auch der Berliner Universitätsprofessor Dr. Wolfgang Köhler ausgesprochen; in seinem mannhaften Artikel spricht er weniger von seinen, Sorge für die Juden als vielmehr von der Sorge um die deutsche Nation. Bei dieser Sorge kann auch nicht ganz davon geschwiegen werden, wie das Ausland über alle diese Erscheinungen denkt über die Verabschiedung von Geistesgrößen, die Bücherverbrennungen — Autodafes — oder darüber, daß die aus Anlaß der hundertsten Wiederkehr des . Geburtstages von Johannes Brahms ursprünglich geplante Reichsfeier unterbleiben wird, weil der Großvater des Komponisten nach neuesten Feststellungen Jude gewesen sein soll. . X. Und nicht nur deutsche, auch allgemein menschliche, auch chris.tliehe Probleme werden angerührt Die Erzbischöfe Bayerns haben an ihre Djözesane einen Hirtenbrief gerichtet, in dem es u. a. heißt: „Wie wir für unsere deutschen Brüder in fremden Ländern Gleichberechtigung fordern und Ausnahmegesetze verurteilen, so müssen wir gegen- -über Angehörigen der eigenen Staaten jede Rechtsverletzung und Rechtsungleichheit grundsätzlich ablehnen. .... Niemand soll sich der großen Aufbauarbeit entziehen; es darf aber auch niemand zurückgestoßen werden.“ Auch der P a p s t hat sich in . ähnlichem Sinne ausgesprochen. Von gleichgerichteten Kundgebungen auf evangelischer Seite konnte hier in der vorigen Nummer aus der Schweiz berichtet werden; jetzt hat auch die holländische Zweigorganisation des Weltverbandes der protestantischen Kirchen den Antisemitismus als unvereinbar mit dem christlichen Gewissen, erklärt, und in London hat Lloyd George auf einer Tagung der britischen und ausländischen Bibelgesellschaft unter Hinweis auf den neutestamentlichen Satz: „Das Heil kommt von - den Juden“ die Zurücksetzung der Juden als ein Unglück für Deutschland und > die Welt bezeichnet — Es scheint ja wohl einleuchtend, daß das Christentum, welches stets seinen Charakter als Universal-! d. h. Menschheitsreligion betont und unter allen Völkern und Rassen Mission getrieben hat, in schwerste innere Konflikte käme, wollte es sich das Rasseprinzip zu eigen machen, anstatt seine Bekenner aus allen Rassen gleich hoch zu achten. XI. Alle diese hier berührten Dinge und die Interessen vieler .niclitfüdischer-Kreide stndT Realitäten, mit'denen wir rethnen dürfen und sollen. fViele dieser Menschen haben es nicht weniger schwer als wir, leiden nicht weniger als wir. Zwar können sie praktisch nicht allzu sehr'mit uns gehen, weil sie bei-der herrschenden Meinung Gefahr laufen,-sich als „verjudet“ zu kompromittieren. Aber sie sind da und zeigen uns: es gibt keine von der übrigen Menschheit losgelöste Judenfrage. Denn was für den kleinen Kreis der deutschen Juden „Judenfrage“ heißt, daß heißt für den größeren Kreis des deutschen Volkes, der Christenheit, der Menschheit: die Äntisemitenfrage. Es muß statthaft, ja es muß möglich sein, sie-in dem Sinne zu überwinden, daß wir — geistig im Judentume wurzelnd wie andere im Christentum oder im Islam — uns als -vollgültige Bürger desjenigen Volkes wiederfinden, dem wir nach Geburt, Sprache, Kultur, Bildung und Willen angehören.' Es muß statthaft und möglich sein, inmitten solcher Realitäten'die Annahme unseres Fremdseins, unseres Minderseins, unseres Feindseins als das zu erweisen, was sie ist: als Fiktion. Es muß statthaft und es muß möglich, sein,'daß-die Die TloveUe dec „Jüdisch:iihecaien Zeitung," ' ■ r i Heimgefunden. Von Irma Leß.'. . Kreischend und in dem nassen Schnee schleudernd verlangsamte der Autobus seine Fahrt, hielt an und entließ eine Anzahl Fahrgäste, Anja unter ihnen, aui den 'Kurfürstendamm, der trotz des unwirschen Dezemberuachmittages mit den in weihnachtlichen Dekorationen strahlenden Schaufenstern einen festlichen Anblick bot Zusammenschauernd schlug Anja den Kragen ihres Pelzmantels hoch und bog ras,ch in eine Seitenstraße ein. Die .hier herrschende trübselige. Beleuchtung und Toteip stille machten die Nässe und Kälte noch unerträglicher. Mit einem Aufatmen der Erleichterung betrat Anja das Haus, in dem sie wohnte. -Sie freute sich auf die Wärme ihrer gemütlichen kleinen Junggesellenwohnung. Nachdem sie ihre nassen Sachen abgelegt hatte, betrachtete sie sich prüfend in-dem Spiegel der winzigen Diele. Sie \var mit sich zufrieden. Die hohe gutgewachsene Gestalt in dem einfach, aber tadellos gearbeiteten Kleide, der interessante Kopf mit dem glatten schwarzen Haar, den tiefliegenden Augen, der feingebogenen Nase und dem ' etwas großen, aber reizvollen Mund verrieten Rasse und ließen Anja wohl auch begehrenswert erscheinen. Nur wenn sie wie heute abgespannt war, konnte man dem Gesicht ansehen, daß Anja über die erste Jugend hinaus war. Ja, wenn man als Redakteurin an einer großen Zeitung ein gutes Gehalt bezog, dann wurde auch viel Arbeit dafür verlangt. Es war hohe Zeit, wieder einmal auszuspannen. Mit einem Seufzer betrat Anja das Wohnzimmer. Das auiilammende Licht zeigte einen sehr geschmackvoll eingerichteten Raunt. Aber das. Gesicht des Mädchens verfinsterte sich, als es den' für -zwei Personen gedeckten Tisch erblickte. Jetzt wurde ihr der Grund ihrer tiefen Verstimmung bewußt. Der Zank mit Ernst!. Dabei hatte sie sich-so von Herzen gefreut, daß er sie trotz des Hundewetters heut von der Redaktion abgeholt hatte. Wie gemütlich war das Kaffeestündchen in der netten1 kleinen Konditorei gewesen, bis sie von der geplanten gemeinsamen Winterreise zu sprechen begann. Er wurde ganz bekniffen und verlegen, bis er bekannte^ daß er nicht mitfahren könnte, weil seine Familie seine Anwesenheit anläßlich des Besuches der' Antwerpener Verwandten zum Fest dringend wünschte. „Ach so!; Da wird wohl die Partie mit der Brillanten- Kusine perfekt werden!“ hatte Anja bitter bemerkt. Sie wußte aus Emsts Erzählungen, daß ihn seine Eltern gern mit dieser schwerreichen. Verwandten verheiraten wollten, obwohl er sie nicht im Zweifel darüber gelassen hatte,, daß er gar nicht daran denke,' das hübsche, aber oberflächliche und verwöhnte Mädchen zu seiner Frau ztj machen. Anja hatte bisher klug geschwiegen, wenn Ernst ihr davon berichtet hatte. Nun aber hatte sie sich von ihrer Enttäuschung über die verpfuschten Reisepläne hinreißen lassen und klagte ihn ' heftig der Schwäche seiner Familie und der Rücksichtslosigkeit! ihr gegenüber an. .Ein Wort gab das andere, bis Ernst wütend davon gestürzt und sie allein nach Hause gefahren war. Da stand nun alles so nett auf dem Tisch angerichtet. Frau Rabitz, ihre alte Aufwartefrau,- deckte nach stillschweigender Uebereinkunft stets für zwei Personen. Anja spürte nicht die geringste Lust, sich, allein zuih' Essen zu setzen. Sie knipste das Licht aus und legte sich müde auf die Couch. Einsamkeit und Lebensüberdruß senkten sich wie schwere schwarze Schatten" apf sie herab. Sie hatte das trostlose Gefühl, als wäre ihr Leben gänzlich verpfuscht Merkwürdig! bisher war sie sich; stets wie ein rechtes Sonntagskind vorgekommen.j Sie hatte eine gute, glückliche Jugend gehabt. In einer kleinen Stadt der Grenzmark geboren., war sie als das einzige zärtlich behütete Kind in einem guten jüdischen Hause aufgewachsen. Das Textilwarengeschäft geiwährte ihren Eltern eine behagliche, wenn auch bescheidene Existenz. Der Vater war ein aufrechter, allgemein geachteter Mann, die Mutter eine anmutige, sehr kluge Frau, die ihren Gatten nie ihre große Ueberlegenheit merken ließ." Wie in so vielen jüdischen Ehen war sie die Seele des Hauses und verstand es meisterhaft, dem einfachen und so engen Leben Glanz und Schimmer zu verleihen!'- Wie schön waren die Freitagabende, wenn die Mutter die Sabbatlichte entzündet hatte, die Hände vor die Augen legte und das Gebet flüsterte. Und die Festtagszeremonien, die so viel Geheimnisvolles und Erhebendes hatten! Eigentlich, dachte Anja, habe ich nie wieder so weihevolle Stunden wie zu Hause an den hohen Feiertagen verlebt. Jetzt ist man gewöhnlich zur Erholung verreist, und die üblichen Hotelfeiereien mit ihrer gemachten Lustigkeit sind doch wirklich entsetzlich öde. So gut wie zu Hause hatte ihr der Gänsebraten nirgends geschmeckt. Die Mutter strahlte, wenn der Vater das gute Essen lobte und sich glücklich pries, eine in allem so vorzügliche Frau zu haben. 'Ob die Mutter auch so zufrieden mit dem in der Enge der Kleistadt verbrachten Leben war? Sie blieb immer gleichmäßig und beherrscht, aber die .leidenschaftliche Anteilnahme an den Schul- und gesellschaftlichen Erfolgen des vergötterten einzigen Kindes ließen Anja erkennen, wie wenig Erfüllung das Dasein der stolzen und klugen Frau gebracht haben mochte. Als Anja das Abitur bestanden hatte und studierte, bemühte sich die Mutter stets, mit ihrem Kinde Schritt zu halten. Anja war oft erstaunt über die Gediegenheit des Wissens und die Treffsicherheit des Urteils ihrer Mütter, weijn sie, wie sie es so gern tat, an den Gesprächen der Jugend teilnahm. Frjtz, der begabte Sohn des jüdischen Lehrers und Anjas langjähriger Verehrer, zog die Mütter stets zu ihren Diskussionen über Gott und die Welt hinzu, obgleich Anja oft ärgerlich darüber war und seine altmodische Rücksichtnahme auf die Alten verspottete. Kein Wunder, daß es der ■ Lieblingswunsch der Mutter war, aus Fritz und ihr ein Paar zu machen. Aber Anja war absolut nicht dafür zu haben. Was für ein stiller und alltäglicher Mensch war aus dem himmel^ürmenden Jüngling geworden, der ihr in den Berliner Studienjahren ein begeisterter Führer durch die geistigen Genüsse der Hauptstadt gewesen war. Er hatte inzwischen sein Studium beendet und sich als Arzt in -der Vaterstadt niedergelassen. Wenn sie in den Ferien, zu Hause war, hatte er selten-Zeit für sie gefunden, da der Aufbau der Praxis sehr anstrengend und