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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-03-01 · 23 (1.3.1933) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
23 (1.3.1933)
Date
1933-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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12. Jahrgang Nummer 23 3ttötfdf-llbetale 3eitung Beilage 15. Februar 1933 Fritzi Massary — Elisabeth Bergner. Von Doris.Wittner. XkTenn wir diesen musischen Winter unseres Mißvergnügens rückschauend betrachten, so weiß unser Gedächtnis eigentlich nur von zwei ganz großen und besonders starken Eindrücken zu berichten. Beide, die eine dem Film, die andere dem Theater entnommen, verdanken wir zwei Glaubens- und Stammesgenossinnen, deren Rui und Ruhm längst auf beiden Hemisphären gegründet und verankert ist Beide Frauen kamen dereinst zu uns als „Mädchen aus der Fremde“, und zwar beide aus dem gleichen österreichischen Bruderland. Allgemach aber glauben wir uns durch Liebe, Bewunderung und ■Verehrung einen Eigentumstite! aui sie erworben zu „haben, so daß wir, auch wenn beide Frauen sich zuweilen durch die metallischen Lockungen ungezählter Piunde und Dollars in die Ferne rufen lassen, doch mit Stolz und Genugtuung versichern dürfen: „Denn sie sind unser.“ Als die Massary- Premiere des vergangenen Winters unter Jubel, Blumen und der spontanen Begeisterung eines überfüllten Hauses ausklang, wußte man, das Champagnerlied der Saison hatte angehoben. Fritzi Massary war zurückgekehrt an das Metropoltheater, d.h. an die Bühne, von der aus ihr Stern auigegangen, ihr Glanz in die Welt hinausgestrahlt ist. Von der Sprechbühne war sie reuig ,zur Operette zurückgekehrt, und zum erstenmal sah man sie in der Rolle einer Mutter, einer. Mutter allerdings,'geeignet,'die schönsten und verführerischsten Töchter auszustechen. Worin besteht nun eigentlich das Geheimnis der Fritzi Massary, die als „Eine Frau, die weil), was sie will“ sich Generationen unterwirft, sich eine ganze Welt, ohne Ansehen von Klassen und Rassen, untertan macht? Nichts ist schwerer zu definieren als der Zauber, den die Massary ausübt. Denn sobald sie auf der Bühne ist, versinkt alles um sie und neben ihr. Sie herrscht, sie dominiert, sie hypnotisiert, sie beglückt und berückt Und hätte sie vielleicht nur das ABC oder das Einmaleins wiederzugeben, so würde ihr sieghafter Charme, ihr sprühender Geist, ihre wirbelnde Laune und ihre ewige Jugend nicht minder triumphieren. In politisch und wirtschaftlich schwer umwölkten Not- „ standstagen eines Staates und einer Stadt, eines Volkes und einer Bevölkerung,' trällert eine Frau mit süß gespitztem Munde eine übermütige Weise von Leben und Liebe, hebt sie sich auf zierlicher Fußspitze zu graziösen Rhythmen; plaudert sie mit der Beredsamkeit ihres funkelnden und vielsagenden Auges verschwiegene Kapitel einer verschwiegenen „ars amandi“ aus -r- und siehe, das Unwahrscheinliche und schier Unglaubhafte: hier wirds Ereignis; das Wunder, vollzieht sich: Nöte und Sorgen werden (auf Stunden wenigstens) vergessen. Heute und Morgen, Von grauen Schleiern umwallt, versinken vor der sieghaften Geste einer verführerischen Weiblichkeit; Hunderte und' Aberhunderte blasierter Großstadtmenschen, mürrisch, vielgeplagt, gehorchen dem Wink .einer schönen Frauenhand und folgen ihrer Spur: — auf nach Cytherei- Berlin, das machtvoll-ohnmächtige Berlin vergaß einen ganzen Abend — nein, mehrere hundert Abende — hindurch sich selbst-und seine vielfältigen Mißhelligkeiten, weil es seine genialste Soubrette wieder begrüßen durfte. Seine „genialste Soubrette“? — Nein, ach nein! Fritzi Massary, die unvergleichliche Könnerin, ist viel, viel mehr und ganz, ganz anderes als „nur“ eine noch so geniale „Soubrette“. Die Gallmeyer, die Geistinger, die Frieb-Blumauer, Anna Schramm in ihrer Maienblüte, sie alle mögen „geniale Soubretten“ gewesen sein. Die Massary aber ist eine Klasse iür sich. Sie hat keine ' Vorgängerin, noch wird sie je eine Nachfolgerin haben. Sie ist ebenso genial als Schauspielerin wie als Sängerin oder Tänzerin;'ebenso hinreißend wie erschütternd als Tragödin.' In dieser jüdisch'en Frau sind alle Urformen des Weibes: Lilith und Evä, Helena, Salome und — Maria. Darum gebietet sie mit unfehlbarer Sicherheit über alle Naturen und Künste des Weibtums; und darum vermag sie dem schwer zu stimmenden. leicht zu verstimmenden Instrument „Publikum“ jegliche Schwingung zu entlocken: Dankbarkeit und Begeisterung ebenso wie Ekstase und Emphase. Alles an „Unserer Lieben Frau vom Hörselberge“, Fritzi Massary, ist Klasse und Rasse. 'Wenn sie ein scheinbar unaussprechliches Bonmot von purpurn gefärbter Lippe schnellt, so tut sie das mit so unnachahmlich geistreicher Anmut,' daß man ebenso gut vermeinen könnte,' sie habe soeben einen -Aphorismus d,’Alemberts oder des Weisen von Ferney versprüht. Dieses überhaupt ist so recht ihre eigene und eigentliche Note: die Kunst, das Unmögliche möglich zu machen, letzte Geschmacklosigkeit noch durch eigenen Geschmack zu adeln und zu beseelen., Fürwahr:'„Eine Frau, die weiß,, was sie will“, und die ebenso genau weiß, daß es nichts gibt, was sie nicht kann, oder vielmehr nicht- könnte. - Wer den Entwicklungsgang solcher Persönlichkeiten, in denen der göttliche Funke hell lodert, mit den scharf beobachtenden Augen des Chronisten verfolgt, dem wird als Charakteristikum äuffallen, daß selbst eine so kühle und kri- - tische Stadt wie Berlin, bezwungen von der Außerordentlichkeit derartigen-Menschentums, auf derlei Gestalten iast immer das besitzanzeigende Fürwort anwendet. Es erscheint uns selbstverständlich, daß wir von „unserer Massary“, aber auch „unserer Bergner“ sprechen, ebenso'wie Italien die von ihm durch das Leben in einen tragischen Tod gejagte Eleonora Düse nie anders als „la nostra“ bezeichnete. Der primitive Glaube des Volkes, daß das aus seinem Boden zwar nicht immer gebürtige, jedoch auf seinem Humus erwachsene Genie ein Teil seiner selbst sei, leiht ihm den ^gleichzeitig überheblichen und doch zärtlidien Ausdruck nicht nur einer Zusammengehörigkeit, sondern eines Besitzanspruches „Sans Phrase“. Vielleicht gehört die Erhebung und Geltendmachung solchen Besitzanspruches zum höchsten Ehrgeiz derartiger Individualitäten, obzwar sie im Grunde vielleicht gar keinen Zusammenhang mit eben dieser Besitzestitel verkündenden „Masse Mensch" haben, sondern zumeist unter ihrer eigenen, sie von den Vielen wie dem Einzelnen scheidenden,-- peinvollen- Einsamkeit leiden. Eleonora Düse glich einer Dolorosa, deren Antlitz durchpflügt war von den Furchen einer zwiefachen Passion — der des Lebens und der der Liebe — und hatte sich allmählich zu einer Ahasvera entwickelt, die, in Sehnsucht-nach Ruhe sich verzehrend, doch niemals aui einer noch so kleinen Bodenspanne heimatlicher oder fremder Erde Frieden zu finden vermochte. Fritzi Massary — „unsere Massary“ — obwohl irr künstlerisch homogener Ehe gebunden, vergräbt sich in auircibender, nervenzerriittender Arbeit, oder aber sie rast mit ihrem kilometcrfresserischcm Mercedes Berge, Straßen, Städte entlang, allzeit unrastig, von einer „splendid "isolation“ vorwärts gepeitscht! Und Elisabeth Bergner? Dieses grazile. Geschöpf, mit dem Körper eines Kindes, den todestraurigen Augen eines waidwunden Edelwildes und der grandios emporgewölbten Stirn, auf der die tausendjährige Weisheit und der tausendjährige Schmerz ihres Stammes zu hausen scheinen? Manchmal glaubt man, in ihr ein süßes, liebreizendes Spielzeug kosen zu sollen; manch’ anderes Mal dünkt sie unnahbare Herrin, grausame Gebieterin, und zum djritten vermag sie Furcht und Schrecken einzuflösen. weil diese Stirn, hinter der die Erfahrungen, die Gesichte und Lüste vieler tausender Jahre wohnen, bevölkert scheint von allen Dämonen und Naturgewalten, die in ewige Verderbnis zu reißen vermögen. Elisabeth Bergner, die Frau mit den hundert Gesichtern, offenbarte sich uns in diesem Winter außer in der ihrer Persönlichkeit besonders adaequaten schauspielerischen Rolle der östlichen Jüdin Hannali Elias in Gerhart Haiiptnmnns schwächlichem Alterswerk „Gabriel Schillings Flucht“, die sie meisterhaft. verkörperte, am überzeugendsten durch ihre virtuose Leistung in dem Film: „Der träumende Mund.“ Was sie hier rein pantomimisch darbot, war ein ganz großes und seltenes Ereignis. Der kluge Kritiker, feinsinnige Schriftsteller und nicht zuletzt durch alle sieben Höllenkreise gewanderte Theaterdramaturg Arthur Eloesser hat sich gelegentlich in einem Büchlein von etwa 90 Seiten zu einem Rhapsoden Elisabeth Bergners gemacht. Mit seltener Beredsamkeit hat er in diesem Werklein erzählt, was er von diesem Kindweibe und Weibkinde wußte, und inan konnte viel daraus lernen. Man. erfuhr von ihm „daß sic mehrere Jahre vor dem vielgenannten „fin de sißelc“, selbstverständlich in Wien, geboren ward; daß die liebenswürdig gefällige Menschheit Wiens ihr glatt und lieblich cinging wie Limonade und, daß, wenn sie wohl auch der Nähe des Naschmarktes entsprossen sei, sich .doch gewisse Beziehungen zur Leupoldstadt nicht verleugnen ließen. Die Lcopoldstadt aber ist für den Kundigen identisch eben mit dem Volk vom „tausendjährigen Schmerz“, und es ist daher nur zu verständlich, daß sie von diesem unsterblichen Leid der Menschheit beschattet wird.“ In vielfältigen Variationen schildert Eloesser den Kampf des Kindes aus bürgerlicher Familie um die ihm., von seinem eigenen Genie vorgeschriebene Laufbahn: „Ein Märchenkind, das zuweilen fabelhaft klug und sogar sehr logisch sein kann. Ein schmales Persönchen in einer Rüstung von Stahl, die auch dem. besten Diafcktikcr keine Fuge bietet. Ein ■ Kind, eine Prinzessin, eine Katze, schmeichlerisch und gefährlich, in feinster Miniaturausführung ein sehr vollständiges Weib, leicht verstimmbar und wiederum unbestimmbar, und in lctztcu dunklen Verstecken unauffindbar.“ Und wenn Eloesser ihr auch, analog einem Worte von Joseph Kainz, das Gefühl zubilligte: „Merkwürdig, überall, wo ich bin, ist Sonntag,“ so nannte er doch als „den grüßen Mittler zwischen ifir und den Menschen den heiligunheiligen Eros“ und charakterisierte sie schließlich als „die entzückendste und vollständigste Ausgabe von femme-enfant, die wir längst noch nicht zu Ende gelesen haben. Ein Kind, das jeder adoptieren will, in dem er aber auch nicht ohne besondere Zärtlichkeit das Weib meint.“ Und gerade der schmerzhaft-liebevoll-leidenschaftlich „träumende Mund“ Elisabeth Bergners verriet uns, daß der berauschte-Rhapsode, der zu ihren Ehren aus dem nüchtern nordischen Kritikus Eloesser erwuchs. Recht hat: „In Elisabeth Beniner wohnen Dämon, Zauberin, . verwunschene Prinzessin, ein Wc.ib, das von den Menschen vielleicht gefürchtet werden muß. vor allem aber ein Kind, das niemals lieb genug gehabt werden k a n u , zugleich." Und wenn Eloesser, der sielt selbst auf dem Wege der großen Passion entdeckte, sein Büchlein mit der alten Stummlmchzeilc schloß: „Wer Dich lieber hat als ich. schreibe sich hinter mich“, so können wir dieses skurrile Wort mir mit der leidenschaftlichen Uebcrzeugung unseres Herzens und unseres Kopies unterschreiben. ‘ Zwei Darstellerinnen, vielleicht unbewußt durch die Erfahrungen und das Wissen, die in ihrem Blute rauschen und geheimnisvolle Mären raunen, zii den höchsten Gipfeln der Künstlerschaft emporgereiit, als Künstlerinnen einander entgegengesetzt. menschlich aber verschwistert, ja mehr als das, vegetativ verbunden: uns dünkt: wir haben sie beide sehr lieb: Fritzi Massary ebenso wie Elisabeth Bergner.. Darüber hinaus aber ist die deutsche J u d c n h e i t stolz, daß zwei ihrer Frauen unbestritten imd unbestreitbar a n der Spitze der d e u t s c h e u T h e a t e r k u 11 u r schreiten'und noch den grünen Lorbeer unvergleichlichen Weltruhnies um ihre schönen Frauenstirnen flechten dürfen. Dem Mimen flicht die Nachwelt. dennoch Kränze. Adolf von Sonnenthal zu seinem' 100. Geburtstag. Von S. M e i s e 1 sWien. A doli von Sonnenthal wurde am 31. Dezember 1832 zu Pest -'*• geboren*). Seine Eltern waren brave Bürgersleute, die ein gut jüdisches Haus führten und kein höheres Ziel im Lehen kannten, als ihre sechs Kinder, drei Söhne und drei Töchter, zii’ wohlanständigen, tüchtigen Menschen zu erziehen. Besondere Miihe und Sorgfalt wandten sie auf die Erziehung ihres Zweitältesten. Adolf, der schon als Knabe eine außerordentliche Begabung zeigte. Der kleine Adolf besuchte die Pestcr Normalhaiiptscluilc. Der aufgeweckte Knabe lernte fleißig und gut und zählte zu den besten Schülern seiner Klasse. Merkwürdig genug, schon im Knaben regte sich eine Art von Spiel-Trieb, die Lust an schauspielerischer Darstellung. Den alljährlich in der Schule veranstalteten SchülerauffiUirungen folgte er mit heller Begeisterung. Und als er später seihst an einer solchen Aufführung initwirken durfte, "da wurde er vollends von der Theatersticht befallen. Nunmehr war das Theaterspielen sein kindliches Ergötzen, er deklamierte zu Hause, mimte zuweilen vor seinen Geschwistern, dachte unausgesetzt an Biiliue und Schauspieler, und er, der Normalschfller, der nicht ganz zwölf Jahre zählte, hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als uuf der dritten Galerie im Deutschen Theater einer .Vorstellung beizuwohnen. Allein, seine frommen Eltern untersagten ihm den Theaterbesuch, denn in ihrer konservativen Denkart sahen sie im Theater eine- Giftpflanze, deren Blüten und Früchte entsittlichend auf ein junges Gemüt wirkten. ». Das strenge Verbot der Eltern steigerte indes nur seine Theatcrsclmsucht. Wie stark iit diesem Sprößling aus einer theaterfeindlichen,. jeglicher „Spielerei" abholden Familie der Hang zum Theater war, geht aus der Tatsache hervor, daß der junge Sonnenthal an seinem Bur-Mizwah-Tage sich von seinen Eltern als Konfirmationsgeschenk eine Theaterkarte erbat. - Und am Tage seiner Dar-Mizwah besuchte der Junge Sonnenthal das erstemal das Theater. Sein Biograph, Josef Eisenberg, berichtet darüber folgendes: „Adolf hatte. sein Kapitel aus der Thprarolle in der Synagoge ohne Fehler und mit dein Ausdruck des Verständnisses zur Zufriedenheit auch der strengsten Schriftgelehrten vorgetragen; er hatte zu Hause eine warmeinpfundcne Rede gehalten, in der er vom Spiele der Kinderzeit Abschied nahm und sich dem Ernst des Lebens ziiwendete. Der Beifall, den ihm alle Fcstteilnelmier gezollt, hatte die Herzen der Eltern bewegt und sie stolz gemacht auf ihren Sohn. Seine Bitte, mit dem Buchhalter auf die zweite *) Die Angabe in den Nachschlagewerken, Sonnenthal sei 1834 geboren, beruht auf einem Irrtum. ’ Mathematisch geschulter Organisator zur technischer) und akquisitorischen Unterstützung bestehender Organisation und zum weiteren Ausbau des Vertretemetzes wird von der Direktion einer führenden Lebensversicherung* - Gesellschaft gesucht Angebote unter B 1781 an die Geschäftsstelle der „Jüdisch-liberalen Zeitung*, Berlin SW 11. Kämpft für die Freiheit! Wählt Liste r‘ _ . .

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