Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 23 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- - ■ ' 5 . dieser negativen Stimmung gegen das Judentum positive Antriebe zum Austritt — Gesinnungen, deren Konsequenz die Loslöspng von jeder jüdischen Gemeinschaft, vor allem von der religiösen, ist.'Als Sprengstoff wirkt in unseren Tagen liier der Kommunismus. Die Idee des Klassenkampies arbeitet an der Zerstörung unserer Gemeinden. Neben diese aus Gleichgiltigkeit fliehende oder aus Grundsatz herbeigeführte Lossagung von Judentum und Gemeinde tritt aber in wachsendem Malte noch eine von namenlosen Mächten erzwungene Erscheinung, das neue* Marannentum unserer Tage. Eint wachsende Zahl von Juden fühlt sich gezwungen, ihr Judentum zu verstecken, wagt es nicht, sich frei zu ihm zu bekennen. . Der Angestellte eines Hotels verleugnet seinen Namen! und das Judentum, zu dem er sich innerlich bekennt Er hat! Angst, Gäste würden das Hotel melden, in dem sie ein jüdischer Portier empfängt, und würden den Chef zwingen, ihn zuj entlassen. Der jüdische Kellner hört am Stammtisch nationitlsozialistisclie Tiraden an, ohne mit der Wimper zu zucken und irgendwie zu verraten, dab er Jude ist. Buchhalter jin Büros schlucken Tag inr Tag unerkannt die antisemitischen Witze ihrer Kollegen hinunter und melden sich am Reisch llaschonoh und am Jom Kippur krank, um so wenigstens an diesem Tage die Synagoge besuchen zu können. Manche lassen sich von wildiremden Menschen adoptieren, um einen typisch jüdischen Namen loszuwerden. Denn solange sie Colin oder Levy heißen, werden sie boykottiert. Ein solchesj' Leben als Maraime bedeutet ein unsägliches Martyrium.! Alle diese aus so vielfachen Ursachen stammenden Formen der Loslösung sind ein schweres Unglück für viele, die sie vollziehen. Es fehlt ihnen der Halt und die Stütze, die eine Gemeinschaft ihren Gliedern gibt. Wer eine Stellung unter den Menschen zu behaupten hat, hat viel Antrieb zum Guten und ist jvor vielem Busen bewahrt. Wer auf niemanden Rücksicht zu nehmen hat, kommt leicht zu Fall. Wer keinen Zusammenhang mit der Gemeinde hat, kann, verkommen, ohne daß jemand seine Existenz oder sein Verschwinden auch nur bemerkte. Wer sich von der Gemeinschaft loslöst, bedroht deshalb [selber sein eigenes Leben an der Wurzel. Er raubt sich die Stärkung, die von. der gemeinsamen religiösen Erhebung jaüsgeht. In der Freude des Chanukkahfestes wie in der hinreißenden Macht des Bekenntnisses der gesamten Gemeinde jam Schlüsse des Jom Kippur spürt doch jeder, mag er sonst auch noch so einsam sein Leben verbringen, daß er iin letzten Grunde seiner Existenz nicht allein ist Von der großen.einmütigen Gemeinde, von der er im Augenblick nichts ist, als eine Welle im Strome, geht ein tiefer Trost aus. Hier gewinnt! und erneuert der einzelne Jude seinen Stolz und sein Selbstgefühl. Eine wachsende Zahl aber ficht den schweren Kampf des Lebens allein und nur auf sich selber gestellt aus. Aber über ihre Person hinaus wird ihr Unglück und ihr seelisches Entbehren zu einem Verhängnis für alle, zunächst für die jüdische Gemeinde. Demi die Gemeinde zieht ihre Kraft daraus, daß sie alle Juden ihres Bezirks umfaßt, daß sie-Sich alle zu ihr bekennen und an ihren Aufgaben mitarbeiteni Sie ist nur dann stark, wenn sie in ihrem Kreise auch wirklich alle Juden umschließt. Das hat die Gemeinde der alten Zeit getan. Die Würde, die ihr auf Grund dieser Vertretung zufloß, mag mit ein Grund gewesen sein, daß sie sielt als die „heilige Gemeinde" bezeichnen durfte. Heute aber ist dieser hohe Anspruch durch die Gleichgiltigkeit der Mitglieder iind durch Austritte gefährdet. Die Einmütigkeit ist dahin, die bis vor wenigen Generationen die jüdische Gemeinschaft beherrschte und jedem einzelnen Juden in ihr eine Ffeimat schuf. Immer schwerer fällt es der Gemeinde, die nach vielen Seiten auseinanderstrebenden* Richtungen auf ihrem Böden zu vereinigen. Vor einem Meuschenalter noch mochte man meinen, daß ausschließlich gegensätzliche Meinungen über die Gestaltung des Gottesdienstes und in der Einstellung zum Religionsgesetz die deutschen Juden auseinandertrieben. Die radikale Sprengung, die ein entschiedener Kommunismus hervorgebracht hat und ständig weiter hervorbringt, zeigt aber, daß heute noch ganz andere Fragen ihre Lösung fordern. |Die althekanntc Scheidung des deutschen Judentums in Orthodoxe und Liberale tritt diesen neuen Problemen gegenüöer.jn den Hintergrund. Mitten hindurch durch diese Lager und durdi unsere Gemeinden ziehen sich neue Grenzen. Angesichts der verhängnisvollen Vereinsamung so vieler Juden und der | drohenden Zertrümmerung des früher einheitlichen Judentunis . ändert sich notwendig unsere Stellungnahme zu yielen einzelnen Streitfragen, die die Gegner seit .Jahrzehnten erhitztenl und heute noch erregen und verbittern. Der Gemeinde erwachsen neue Au,(gaben. Synagogen stehen überall. Jetzt verlangt die neue Zeit neben ihnen mit steigender Dringlichkeit andere Stätten der Versammlung, Gemeindehäuser, Jugendheime und Schulen. Die Uebprzeugung von ihrer unbedingten Notwendigkeit besteht überall, an vielen Orten sind sie bereits errichtet, und wo sie noch fehlen, trägt nur der drückende Mangel an Geld die Schuld. Es wächst die Wichtigkeit jeder Art von Fürsorge, der sozialen für weite Schichten, wie der persönlichen, insbesondere der Seelsorge, für ungezählte einzelne Menschen. Der Ausbau des Bildungswesens wird zu einer Lebensfrage für den inneren Zusammenhalt der Gemeinschaft. Vorträge. Kurse, Gemeindeabende bringen den Hörern Wissen. Aber vielleicht :noch wichtiger ist ihre gesellschaftliche Bedeutung. Sie führen Juden zu Juden und-schaffen damit die Voraus-, Setzung für Freundschaft und Zusammenhalt. Sie führen den Einzelnen zum Ganzen. Innerhalb der Gemeinde steigen an Bedeutung alle Vereinigungen, gleichviel, welcher besonderen Gruppe, Altersschicht oder Partei sie dienen. Ist im Augenblick die jüdische Gemeinde nur schwer imstande, alle die zerstreuten Individuen zu fassen, die sie ihrer Bestimmung nach Umschließen muß, und gleichen wir heute wieder, wie einst in biblischen Tagen, einer Herde, die keinen Hirten hat, so mag es uns wenigstens eine Hoffnung sein, daß möglichst viele überhaupt zu irgendeiner Form der jüdischen Gemeinschaft sich bekennen und nicht völlig für sich allein durchs Leben gehen, selber unglücklich und das Judentum durch ihre Gleichgiltigkeit schwächend. Der Kampf, der religiösen und politischen Richtungen und ihrer Vereinigungen gewinnt unter diesen Umständen ein neues Gesicht. Ihre erbitterten Gegensätze sind offenbar. Offenbar aber auch die Grenzen, die einer jeden von ihnen gesetzt sind. Keine von ihnen kann für sich allein alle Juden in Anspruch nehmen. Das kann nur die Gemeinde. Zwingend ist unter diesen Umständen die Erkenntpis, daß jede dieser Vereinigungen eine Ergänzung aller anderen ist, unentrinnbar die Einsicht, daß jede die anderen als ihre Ergänzung fordert und sie deshalb bei allem Kampf doch' im tiefsten Grunde als Mitarbeiter zu dem gleichen Ziele begrüßen muß. Wir brauchen sie alle1 miteinander, damit eine jede an ihrer Stelle die. sammle, die zu ihr gehören und von einer anderen nicht umfaßt werden können. Als Aussicht füreine ferne oder nahe Zeit muß für sie alle stehen die alte, erneuerte jüdische Gemeinde, die wieder ist, was sie war und wieder werden muß: heilige Gemeinde, Kehilloh kedoschoh. Kammergerichtsrat Leo Wolff, Präsident des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, wurde an die Spitze der Reichsvertretung der deutschen Juden berufen. Harun al Raschid besucht den 2. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Eine große und — wie in diesen trüben Zeiten besonders hervorgehoben sein mag — Erfreuliche _Ueberraschung haben wir in diesen Tagen erlebt. Wir glauben,. im allgemeinen über die Ereignisse im jüdischen , Leben nicht schlecht unterrichtet zu sein_; aber heut^ erfuhren wir, daß wir ein Vorkommnis s'ozusagen im eigenen Hause nicht gewußt haben. J An der Liberalen Synagoge in Cleveland (USA.), der zweitgrößten liberalen Gemeinde Amerikas, wirkt Rabbi Abba Hillel Silver, ein Mann, der zu den füh- . runden Juden Amerikas gehört und der sich zur Aufgabe gemacht hat,- das System der in Deutschland üblichen Einheitsgemeinden in Amerika einzuführen. Rabtii Silver bereist .zurzeit Europa; er war in Italien und hatte eine bedeutsame Unterredung mit Mussolini, deren Inhalt in der italienischen und deutschen Presse veröffentlicht wurde. Ebenso hatte er in Prag eine Unterredung mit dem Staatspräsidenten M a s a r y k. Das: alles war uns natürlich bekannt; ebenso war uns auch bekannt, daß er Ende Januar, Anfang Februar einige Tage.in .Berlin weilte. Völlig überraschend kommt uns jedoch die Nachricht der Jüdischen Telegrafen-Agentur vom 20. Februar, daß nämlich Rabbi Silver, der es liebt, wie Harun al Raschid als stiller Beobachter un- erkannt durch die Lande zu ziehen, unserem A b e n d „Männer der Feder sprechen“ als Gast beigewohnt hat. (Wer mag ihn nur auf die Idee gebracht und wie mag er-sich nur die Eintrittskarte verschafft haben, da dies auf unserm Büro notorisch nicht geschehen ist!?) Er berichtet nun in der amerikanischen Presse über seine Eindrücke in Deutschland und hat diese auch in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter zum Ausdruck gebracht. Die JTA weiß zu berichten, daß er voll Bewunderung für die straffe Organisation der deutschen Judenheit ist, sowohl für die der Gemeinden als auch für die der Parteien und Vereine; und der- Bericht fährt dann fort: „Rabbi Abba Hillel Silver fand sowohl bei den Liberalen als auch bei den Zionisten ein intensives jüdisches Leben vor. Die Veranstaltung der „Jüdischliberalen Zeitung“ im Cafe Leon, der er beiwohnte, und in der etwa zehn prominente jüdische Schriftsteller vor 600 Zuhörern sprachen, machte auf ihn einen tiefen Eindruck, ebenso die Feier der Eröff- ’ nung des Museums der Jüdischen Gemeinde,“ Wir glauben, der in der vorigen Nummer erstattete . Bericht über den Verlauf des Abends wäre nicht vollständig, wenn wir unsern Lesern von der Anwesenheit Rabbi Silvers und seiner bedeutsamen Aeußerung nicht wenigstens nachträglich Kenntnis gäben. Vom sogenannten „Welt"- Kongreß. Die große Blamage, der sich einige Zionisten verschiedener Länder im vergangenen Sommer mit ihrer Jüdischen „WeIt“-Konferenz ausgesetzt haben, hat die Veranstalter nicht gehindert, ihre Kongreß-Idee weiter zu verfolgen. Wie das geschieht? Selbstverständlich hach der vom Zionismus seit "Jahrzehnten erprobten Methode, alle zionistischen Angelegenheiten „neutral“ aufzuzifehen. Man kennt das: Bar Kochba ist ein Turnverein, Hechaluz eine Organisation zur- Ausbildung von Landwirten: Turnen und Landwirtschaft sind „neutral", der Keren Hajjeßod ist „neutral“, die Jewish Agency ist „neutral“ und;,überparteilich“ — wie sollte es der Jüdische Weltkongreß nicht auch sein? Daß er eine rein nach „volklichen“, d. h. zionistischen Prinzipien arbeitende Institution sein wird (wenn er überhaupt sein wird), geht schön allein aus der Tatsache hervor, daß. in Frankreich „alle drei Sektionen des Judentums Frankreichs“ vertreten sind. Drei Sektionen des I ' 2)teThudie dec „Jüdisch:MecalettZeituHg." | Ein „Gentleman" laus einer versunkenen Welt. .! Federzeichnung nach dem Leben. Von H e n r y T. S c h n i 11 k i n d. Hille! Eterkowitz lebt in Roxbury, einem Vorort von Boston. * 1 Ec hat gerade seinen 90. Geburtstag gefeiert Er trägt noch den langen seidenen Rock und den runden Filzhut des litauischen” Ghettos. Sein Körper ist verkümmert, seine Manieren sind keineswegs in Einklang mit Knigges Lehren, und seine Züge-sind ausgesprochen'semitisch. Kurz — er ist kom „Gentleman“ nach amerikanischem Muster. Wenn man ilm auf der Straße begegnet, würde man ilm für einen jener mißliebigen „Israeliten“ halten, die die Regierung in Washingtonheute so gern vo'njden Grenzen des Landes fernhalten will. Nach] Ansicht jener, die heute für unsere Gesetze maßgebend sind, ist Hillel Bcrkowitz ein unerwünschter Typ. Er interessiert sich weder für Baseball und Feehtturnierc noch für den Krieg.- Er hat niemals in seinem Leben eine Flinte angerührt. F.r betrachtet sie als ein Spielzeug für böse Kinder. Es scheint ihm lächerlich, daß Erwachsene je Verwendung für so ein -seltsames Instrument haben solltdff Berichte von physischem Heldentum lassen ilm kalt. Internationale Kämpfe um die Führerschaft, um ökonomische Expansionen, um einen Platz an der Sonne lächern ihn höchstens. -Der persönliche Wettstreit iimjdie finanzielle, soziale oder politische Herrschaft bedeutet ihm eine törichte Farce, über die man nur lachen kann. Er hat. sich nie uin Geschäfte gekümmert Der Handel war ihm immer-widerwärtig, wie er es tatsächlich manchem Juden zu seinem eigenen Glück ist Der Handel ist bei den Juden ein erworbenes_Talent ein Werkzeug, das er widerwillig angenommen hat, um siclrin seinem Daseinskampf zu behaupten, bei all dem schweren Unrecht das ihm widerfuhr. Von seiner Mutter lernte Hillel in seiner frühen Jugend: „Thorah ist die beste S’chorah“, was bedeutet, daß „Lernen viel -wichtiger ist als verdienen“, und ferner: „Wer seinen Sohn lehrt, Handel zu treiben, ist gleich dem. der ihn Diebstahl lehrt“. Wenn die Menschen Geschäftserfolge in seiner Gegenwart besprechen, schüttelt er mit nachsichtigem Lächeln den Kopf, j 6 „Rockefeller ist über 90 Jahre alt und ich auch“, sagt er. „Rockefeiler hat so viel Geld, daß er es nicht zählen kann, und ich hab so wenig, daß ich es nicht zu zählen brauche. Könnt Ihr mir sagen, wer von uns beiden der Erfolgreichere ist?“ Deshalb haben Dinge, "wie Krieg, nationale Expansion, persönliche Konkurrenz und ähnliches keinerlei Anziehungskraft für ihn. Seine Welt ist eine völlig andere! Seine Interessen sind weit entfernt von jenen der großen Mehrheit seiner christlichen und jüdischen Freunde.- *■ . Welches sind die Interessen dieses litauischen Juden, der in den Strudel amerikanischen Lebens verpflanzt worden ist? Er besitzt vor allem einen leidenschaftlichen Gerechtigkeitssinn! Er hat keinerlei Achtung vor Gesetzen als solchen — es sei denn, daß sie. nach seiner Ansicht gerechte Gesetze sind! Die meisten Gesetze, behauptet er, sind zu dem Zwecke gemacht, um den Starken gegen den Schwachen zu schützen, statt umgekehrt. „Wenn der Schwache und der Arme ‘ irgendeiner Nation je die Gesetze dieser Nation machen könnten“, sagte ei einst, „was für ein überraschendes Gesetzesdokument würde dabei herauskommen.“ Und so kümmert er sich auch sehr wenig um die Gesetze seines Landes. Aber keiner — selbst seine Feindenicht — kann ihm je den Vorwurf machen, ein Gesetz verletzt zu haben. Denn in allem, was er tut, wird er von einem einzigen schlichten Gesetz geleitet, das er sich selbst gegeben hat: Niemals irgendeinem Geschöpf Gottes Schmerz zuzufügen; Wenn er jemals in einem Augenblick der Gedankenlosigkeit andre etwas weniger edelmütig behandelt, als er selbst; wünscht, von ihnen behandelt zu werden, so macht er es später wieder gilt. Letzten Sommer war ich Zeuge eines amüsanten Streites zwischen ihm und seiner Frau: Einer der Freunde war im Begriff, von Amerika aus sein Heimatdorf in Litauen zu besuchen. Hillel bestand darauf, diesem Freunde 15 Dollars mitzugeben, die er einer christlichen Bäuerin in jenem Dorfe für ein Huhn schuldete, das er vor etwa 50 Jahren bei ihr gekauft habe. „Aber. Du hast es ihr damals bezahlt, Du törichter alter Mann . schalt seine Frau. „Ja, ich zahlte, aber nicht genug. Ich gab ihr 50 Kopeken. Ich betrog die Frau. Das Huhn war mindestens 60 Kopeken wert Ich habe das Gefühl, daß ich ihr für diese Ungerechtigkeit hoch etwas nachzahlen m u ß.“ ■ Sein Weib widersprach. Aber er ließ sich nicht kirren. Er gab seinem Freunde 15 Dollars und bat ihn, die Frau oder ihre Kinder in Litauen aufzüspüren. Um die alte Schuld, die er nach seinem Gewissen hatte, samt Zinsen und einer Entschädigung zurückzuzahlen. . * Dieses eigenartige Gerechtigkeitsgefühl, das sein Leben . beherrscht stammt nicht aus irgendeiner Angst vor Strafe, sondern es ist ein jüdisches Mitleidsgefühl für jedes lebende Geschöpf. Von einem jüdischen „Gentleman“ sagt man. er sei „der barmherzige Sohn barmherziger Eltern“. Dieses Gefühl des Mitleids, der Barmherzigkeit gegen jene, die mit einem Leben voll Leiden beladen sind, ist ein weiterer Zug in Hilleis Charakter. Vor einigen Jahren' gingen wir in einem Park spazieren, als ein kleiner Knabe ihm „Ju“d“ nachrief und ihn mit Steinen bewarf. Hillel wandte sich mit einem Lächeln mir zu: „Der kleine Bube hat’s gut, gelt?“ Er ging ein paar Schritte weiter und summte und lächelte vor sich hin. „Laß ihn geh’n und spielen“, sagte er. schließlich. „Wenn er groß ist, hat er genug Zeit, zu leiden.“ Ich mußte diese Haltung unwillkürlich mit der eines gewissen Professors in Harvard vergleichen. Eines Tages wurde dieser Professor von einem Schneeball getroffen, den ein kleiner Junge in Cambridge warf. Er lief dem erschreckten Knaben nach, fing ihn und schleppte ihn vors Gericht. Er bestand . darauf,, daß der Richter den Jungen zu einer Strafe von 10 Dollars verurteilte, und als die Geldbuße erhoben wurde, zahlte er sie aus seiner eigenen Tasche. Dieser christliche .; Gentleman, der an der Havard Universität lehrte, war darauf bedacht, daß der Buchstabe des Gesetzes erfüllt werde. Der jüdische Gentleman hingegen war mehr darauf bedacht, ein Unrecht zu vergeben. ' - . ' Einst las Hillel den „Kaufmann von Venedig“ vor. Er kann nur sehr unvollständig englisch, und hin und wieder mußte ich ilrni eine Stelle ins Jiddische übersetzen, damit er den Sinn ganz verstand. Eine der Stellen, die ich ihm übersetzte, war die der Porzia: „Die Art der Gnade weiß von keinem Zwang.“ * Er schüttelte ungläubig den Kopf, als ich ihm die Stelle vorlas, und als ich fertig war, sagte er." „Da muß irgendein Fehler sein. Sicher hast Du nicht richtig übersetzt“ „Warum? Was meinst Du?“ fragte ich ihn. „Shakespeare war ein viel zu großer Geist um eine Nichtjüdin einem Juden eine Lektion über Gnade erteilen zu lassen. Wußte er denn nicht, daß Gnade und Mitleid von je jüdische Tugenden sind? Wußte er denn gar nichts vom Talmud, in dem unsre Rabbinen . berichten, wie die Engel einen Triumphzug über die im Roten Meer ertrinkenden Aegypter anstimmten, und wie Gott ihnen zu schweigen gebot und ihnen sagte, es sei unrecht, sich am Leiden, selbst seines Feindes, zu freuen? Wußte denn dieser christliche Dichter nicht, daß der Jude Jesuj als erster den Heiden die Lehre vom Mitleid verkündete?“ ' * . * Schon in seinem ersten Unterricht, in der litauischen Jescliiwah, xvurde Hillel dieses Mitgefühl für seinen Nebenmenschen eingepflanzt Und zu diesem Mitgefühl kam ein anderes verwandtes Gefühl — ein Gefühl der Toleranz allen Nationen, Rassen und Glaubensbekenntnissen, gegenüber. -Er lernte in der Jugend, daß in Jehovas Augen alle menschlichen Wesen gleich geliebte Kinder sind. Und diese Lehre haftet ihm sein Leben lang. ' Wie für die alten Rabbinen seiner Glaubensgemeinschaft, so haben auch für ihn die Gerechten aller Nationen im Himmel und auf Erden gleichberechtigt Platz nebeneinander. Denn seine Religion hat ihn gelehrt, daß der gute Nichtjude in einer künftigen Welt ebenso gut behandelt werden wird wie der gute Jude. Er hat im Talmud, das Wort . gelesen: „Ein Heide, der Gutes tut, ist ebensoviel wert wie der Hohepriester Israels.“ — Der alte Hillel ist daher keineswegs ein Snob. Er bildet sich nicht ein, einer „besseren Rasse“ änzugehöreri. Er ist völlig frei von