Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 23 (1.3.1933)
- Date
- 1933-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ fcr $erdniamta für Das (ffeerare 3uftentura e. Bezugspreis: Vlertelläbrllch 1,50 RM. zuzügllcb Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarlL — Bel Nlcbterscheinen infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch .auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag S clu iitlei tun <j: George Goctz IDle „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. Jedes Monats. I ^Redaktlonjin^GeschäItsstelIe^BerlIn SMMl^JIallescheStrK| Fernruf: F S, Bergmann 3358, 3359. Bankverbindung: Kreditverein iür Handel und Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 6t. Vereinigung Iür das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 69. Oh Vanhigung für da* ÜUral* Judentum abanlmmt nur für dhjtnigta Aufsätz*, dt* atudräcküch aU üt ihnm Nam*a oder ln Uu*m Auftrag* t*rfaSt g*k*naz*khn*t sind, dt* Verantwortung. AB» anderen Artikel, Aeeßerunganund VoncNÖg* entbehren unter d*t Verantwortung d*r Redaktion, Nr. 23 ' . Berlin, 1. März 1933 12. Jahrgang Wer vertritt unsere Rechte? Die „Reichsvertretung der deutschen Juden“ gegründet. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden gibt amtlich bekannt: Mit Rücksicht auf die durch die politische Entwicklung der letzten Zeit geschaffene Lage trat die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände Deutschlands am 12. Februar 1933 in Berlin unter dem Vorsitz des Präsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Kammergerichtsrat W o 1 f f, zu einer äußer-: ordentlichen Sitzung zusammen. Die Reichsvertretung ist bekanntlich durch Beschluß vom 31. Januar 1932 begründet worden mit der besonderen Aufgabe, die allgemeinen jüdischen Interessen bei den öffentlichen Stellen im Reiche wahrzunehmen. Sie setzt sich aus 13 Vertretern der Landesverbände und den führenden Herren des deutschen Rabbinerverbandes zusammen- In eingehenden Ausführungen wurde von den preußischen, bayerischen, badischen, sächsischen, hessischen, mecklenburgischen und hanseatischen Mitgliedern des Gremiums die politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation im Reiche und in den einzelnen Ländern ein- Umzug — Alsdann auch im neuen Heim die „Jüdisch-liberale Zeitung“ am 7. April Teilen Sie uns bitte Ihre neue Adresse umgehend mit, damit wir das Blatt rechtzeitig umleiten können. Der Hamburger Senat und die Juden. Ein Lichtblick In dunkler Zelt Zu einer feierlichen Uebergabe des Gedenkbuches für die jüdischen Kriegsgefallenen an die hamburgischen Behörden waren u. a. Vertreter des Reichswehrministeriums, des Hamburger Senats, der Bürgerschaft, der Polizei-Behörde, der Universität und Geistlichkeit erschienen. Nach der Rede des Vorsitzenden der Hamburger RjF.-Ortsgruppe, Dr. Siegfried U r i a s, erwiderte Senator Platen im Namen Eines Hohen Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, daß es ihm zur großen Freude gereiche, den Dank Hamburgs‘für die großen Leistungen, jüdischer Männer, (u. a. .Gabriel Rießer, Albert Ballin) öffentlich aussprechen zu dürfen. Der Senat ist sich nach wie vor vollkommen darüber einigt für das Interesse aller Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession oder der Rasse einzutreten. — Die Veranstaltung, fand, wie aus naheliegenden Gründen hervorgehoben sei, am 6. Februar statt. * . (Ueber die Bemühungen um Umbildung des Hamburger Senats vgl. die Tagespresse.) „Liberales Judentum und modernes Denken." Für die Delegiertentagung der World. Union for Progressive Judaism, die, wie in voriger Nummer mitgeteilt, vom 4. bis 7. August 1933 in Hamburg stattfinden wird, ist vom Governing Body-in seiner letzten Sitzung „Liberales Judentum und modernes Denken“ als Hauptthema festgesetzt worden. Führende jüdisch-liberale Gelehrte aus Amerika, England, Frankreich und Deutschland werden referieren. Die Gottesdienste werden in dem Gotteshaus der historischen Tempel-Gemeinde stattfinden. E5S=== ■ ^^=====^==H In dieser Nummer: Jüdische Schauspieler gehend besprochen. Es wurden auch alle Schritte erwogen, die zweckmäßigerweise jetzt oder in nächster Zukunft nötig werden könnten. Um etwaige Maßnahmen zu jeder Zeit und ohne irgendwelche Verzögerung ergreifen zu können, auch die dauernde Fühlungnahme zwischen den offiziellen- Organisationen des deutschen Judentums zu gewährleisten, wurde ein aus fünf Herren bestehendes. Präsidium der Reichsvertretung gewählt, das ermächtigt, ist, alle ihm erforderlich scheinenden Schritte dauerncL'als Vertretung des gesamten deutschen Judentums einzulciten und durchzuführen. Das fünfgliedrige Präsidium setzt sich aus drei preußischen und zwei süddeutschen Mitgliedern zusammen. Sein Sitz ist Berlin. Am Schluß der Verhandlung wurde von allen Seiten ■ die Notwendigkeit betont, daß alle jüdische Arbeit im Geiste der Gemeinsamkeit geleistet werde, um in der jetzigen ernsten Zeit bei den deutschen Juden in Stadt und Land das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Zusammenstehens zu stärken. Sicherstellung der jüdischen Beamten. Ratstagung, des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. " ‘ Mit der Tagung des Großen Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, die am 19. Februar stattfand, ist eine der bedeutendsten Aufgaben, die der Landesverband überhaupt Hat bis unmittelbar vor den Abschluß gebracht worden: die Schaffung einer Pensionskasse für jüdische Beamte. Wie wichtig es ist. die jüdischen Beamten .alter Kategorien in der gleichen Weise zu sichern, wie der Staat seine Beamten sicherstellt,‘darüber braucht hier kein Wort mehr gesagt zu werden; es ist bei früheren Gelegenheiten oft genug geschehen, und es ist. eigentlich wohl auch an sich selbst klar. Lieber alle Einzelfragen zu diesem Thema ist hier ausführlich in der Nummer vom 1. April 1932 geschrieben worden. Wir konnten auch (ohne uns dem Verdacht auszusetzen, unsere Parteifreunde besonders herauszustreichen) den Nachweis erbringen, daß seit der Uebernahme des Pensionskassen-Dezemats durch Dipl.-Ing. Bruno Woyda— der Dezernatswechsel war eine Folge des Berliner Wahlergebnisses vom 30. November 1930 - — diese vorher acht Jahre hindurch verschleppte Angelegenheit in wenigen Monaten abschlußreif gemacht worden war.- Dennoch tauchte auf den Rats- und Verbandstagungen des Jahres 1932 ein neues Hindernis auf: die Vorlage hatte damals aus Gründen der Prämienverbilligung wohl eine Alters- und Witwenrente, nicht aber eine Invalidität- und Waisenrente vorgesehen, die aber von einem Teil der Beamtenschaft verlangt wurde. Der Verbandstag vom April 1932 hatte deshalb den Rät ermächtigt, einen Pensionsvertrag unter Ermöglichung auch der Invaliditätsrente abzuschließen. Woyda konnte nun der diesjährigen Ratstagung auf Grund umfangreicher Vorarbeiten eine entsprechende Vorlage machen, und der Rat hat das Dezernenten-Kollegium zum Abschluß ermächtigt Zweifelr\ie früheste Charakteristik des Judentums findet sich in ■ der Thorah. Bileam, ein Fremder, kein Israelit, nennt die hebräischen Stämme „ein Volk, das einsam wohnt und unter die Völker sich nicht rechnet“. Einige hundert Jahre später aber, als die Zerstreuung bereits eingesetzt hatte, nannte Haman die Juden „ein Volk, zerstreut unter die Völker und geschieden von den Völkern“. Einsamkeit erschien also diesen frühesten Beurteilern als das Schicksal des Judentums. Aber der einzelne Jude ist bis auf unsere Tage nicht einsam gewesen. Er hatte seine Heimat unter den Seinen. Erst in den beiden jüngsten Generationen hat sich das Bild geändert Die jüngsten Jahrzehnte haben die jüdische Gemeinschaft gelockert Sie haben damit einer wachsenden Zahl einzelner Juden als schweres Schicksal eine Einsamkeit beschieden, von der frühere Generationen : nichts gewußt haben. Das Judentum auf dem flachen Lande wie in der Kleinstadt geht in ganz Deutschland unaufhaltsam zurück. Es gibt genug Orte, in denen nur noch ein Friedhof . an die große Gemeinde erinnert die vor nicht langer Zeit dort blühte und von der nur noch zwei oder drei,Familien zurückgeblieben sind. Sie sind isoliert und.einsam. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei den zahlreichen jüdischen Familien, die sich an Orten niederlassen, in denen bisher Juden noch nicht wohnten, und denen doch trotz erheblicher Seelenzahl die religiöse, zusammenfassende Kraft fehlt eine Gemeinde zu begründen. Wo aber Gottesdienst und Religionsscbule fehlen, stirbt die Tradition ab, und mit ihr die Verbindung mit der Vergangenheit und mit der jüdischen Gesamtheit von heute. Der Schwung bleibt aus, den das religiöse Leben einer Gemeinschaft ihren Gliedern gibt Dem einzelnen Juden verllOlllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Dje^JüdwidWUberale^Zeitung” wird immer besser so schreibt uns , Herr Dr. med. Leo Caro Repräsentant der Jüdlsdicn Gemeinde su Berlin los wird dieser Abschluß fn allerkürzester Frist erfolgen, womit dann unsem Rabbinern, Kantoren, Lehrern, Schächtern usw. eine große Sorge für alle Zukunft genommen sein wird. Eineii breiten Raum nahm die Beratung des Haushaltsplanes für das Jahr 1933/34 ein. Es wurde beschlossen, die Umlage in der bisherigen Höhe von 1 Prozent des Reichseinkommensteuersolls zu erheben; außerdem sollen diejenigen Gemeinden, denen Zuschläge zur Vermögenssteuer zuflieiieh, auch von diesen' einen Teilbetrag an den Landesverband nbführen. Dagegen fand eine Notumlage von 0,15 Prozent nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit; es stimmten u. a. die Vertreter der Gemeinden Berlin, Breslau. Königsberg, .Hannover usw. dagegen. Der Voranschlag beläuft sich dieses Mal auf 778500 RM gegen 936 050 RM im .Vorjahre. Das bedeutet: daß der Verband, um seinen wichtigsten Aufgaben gerecht zu werden, einige in den-letzten Jahren übernommene zusätzliche Aufgaben nicht oder nur in vermindertem Umfange .welterführen kann. Das ist in dieser Notzeit selbstverständlich, und so klang die Tagung in einem freudigen Bekenntnis aus, das alle anwesenden Gemeindevertreter für den Landesverband und sein segenvolles Wirken zur Erhaltung der leistungsschwachen Gemeinden und der wichtigsten jüdischen Elnrlch-' tungen und Anstalten ablcgten. Um uns nicht dem Vorwurf schönfärberischei; und unobjektiver Berichterstattung auszusetzen, müssen wir freilich erwähnen. daß sich in den Nachmittagsstunden 'ein schwerer Zwischenfall persönlicher Art ereignete. Indessen haben wir keinen Anlaß, dieses Ereignis ausführlich zu schildern,, und wir möchten den Wunsch aussprechen, daß wir auch künftig keinen Anlaß erhalten, darauf zurückzukommen, da wir der Ansicht sind, daß; solche Vorkommnisse der Oeffentllchkelt erspart werden können. In dieser Auffassung wissen wir uns einig mit unserem verehrten Freunde Kammergerichtsrat LSJfWolff. der sich in seiner Eigenschaft als Präsident des Rates ehrlich bemüht, hatte, die betreffende Auseinandersetzung auch der Rats-Versammlung zu ersparen, dabei aber auf der Gegenseite nicht das nötige. Verständnis fand, so daß diese .die Allein-, schuld an dem Zwischenfall trifft, auf den wir. wie gesagt, hoffen, nicht zurückkonunen zu müssen. Einen andern negativen Punkt müssen wir freilich hervorheben: die Angelegenheit des Reichsverbandes hatte . auf der Tagesordnung gestanden und war dann doch wieder abgesetzt worden. Wie lange sollen die deutschen Juden auf seine Gründung-noch warten? Mit Hillel fragen wir: „Und. wenn nicht jetzt — wann denn?“ siegt hier der starke Quell von Lebensfreude und sittlichem Halt, der für seine,Väter floß. Aber unser deutsches Judentum ist in wachsendem Maße ein Großs tad tj uden t um geworden. In der Stadt und gar in der Großstadt findet de»£iüde Juden. Sein Leben kann sich in jüdischer Atmosphäre abspielen; wenn er will und sich darum bemüht Denn geschenkt wird Ihm auch dieses Gut nicht In den meisten Städten wohnen die Juden über das ganze Weichbild zerstreut Gesellschaftlich .ist er dabei von der nichtjüdischen Bevölkerung in der Regel mehr oder weniger streng geschieden, lind wenn er sich nicht um Freundschaft mit Juden bemüht, ist er bald allein. Verstärkt wird diese Wirk-ung d e r'ze r s t reu fen Siedlung noch durch berufliche Verhältnisse. In Berufen, in denen Juden zahlreich vertreten sind, findet der Jude leicht jüdische Freunde. Um so einsamer kann er sein, wenn' er ein Fach ergriffen hat in dem Juden nur spärlich sich finden. Der jüdische Arbeiter, der Ingenieur, die in einem großen Betrieb die einzigen Juden sind, sind unter Umständen völlig auf sich allein gestellt wenn ihre Berufsgenossen nur fachliche und nicht auch menschliche Beziehungen zu ihnen unterhalten. Diese Vereinsamung. mitten unter den Menschen ist ein Schicksal, das auf die Dauer einen Menschen der stärksten seelischen Belastung aussetzt. Die Einsamkeit' vieler. moderner Juden auL dem Lande und in der Stadt naheliegend, oft sogar erzwangen schon durch die räumliche Verteilung und durch den Druck beruflicher Verhältnisse, kann aber auch gewollt sein. Ein allgemeines, unbestimmtes Verfangen: nach Assimilation war in weiten jüdischen Kreisen im ganzen 19. Jahrhundert wirksam, tn unseren Tagen treten aber zu Die Sammlung der Zerstreuten. Vom neuen Marannentum unserer Tage. Von Rabbiner Dr. M a x E s c h e I b a c h e r. Düsseldorf.