Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-02-15 · 22 (15.2.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
22 (15.2.1933)
Date
1933-02-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2613366-2613456-2613476--4309-2615978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

12. Jahrgang Nummer 22 JflDif^'Ubecale Reifung Beilage 15. Februar 1933 „Ttlätmec Äec Hedet sptechen.” 2. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Pionierarbeit für - liberales Judentum" batte das Motto des ersten Abends der „Jüdisch-liberalen Zeitung" gelautet.' der am 23. Mai stattfand, und von dem es damals hier hieß, es sei „ein Novum in der Versammlungsgcseluclite des Berliner jüdischen Liberalismus, wie es . wohl überhaupt das" erste Mal sein dürite, daß eine jüdische Zeitung in Deutschland eineil eigenen Abend veranstaltet hat". Und noch ein Wort aus dem damaligen Bericht muß hier, zitiert werden: „Daß es für die Veranstalter keine Aktion in eigener Sache war. zeigte das Thema des Abends." — Nun: Pionierarbeit für liberales Judentum hat die Zeitung in der seither vergangenen wie in der früheren Zeit-geleistet, und nicht das schlechteste Stück dieser Pionierarbeit war ihr zweiter Abend, der unter dem Motto: „Männer der Leder sprechen“ am 30. Januar „Glaubensgenossen, die mit einer Mission im Dienste den Allgemeinheit und großen Wirklichkeit da draußen begnadet sind, als Mitbauer au dem Werke des liberalen Judentums zeigte", wie der Redakteur des Blattes mit berechtigtem Stolz ausiühreu durfte. Darin lag wohl' das entscheidende Verdienst dieses Abends., der mehr als 7(10 Menschen, die den-großen Saal des Cate Leon bis auf den letzten Platz füllten, herbeigelackt hatte. Und gesehenes freilich: daß es keine Angst vor. der „Nacht der laugen Messer" bei. uitsern Glaubensgenossen gab. Am Vormittag war das Hitler-Kabinett ernannt worden, abends durchzogen die.SA-Trupps wie die ganze Stadt, so auch den Kiiriürsteudaium: aber die Freunde der jüdisch-liberalen Bewegung waren da: in großer Zahl und in ruhiger, zuver- Anstelle des'leider erkrankten Vorsitzenden des „Liberalen Vereins iür. die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin", Herrn Laüdgeriehtsrat Dr. Martin Lesser. hatte Herr Direktor Alired Jaulus den Vorsitz übernommen, der unter herzlichem Beitall milteilte, er werde Herrn' Dr. Lesser Grüße' und beste Wünsche für baldigste Wiederherstellung namens der Versammlung übermitteln. Sodann-gab Herr Jaulus seiner Freude Ausdruck, eine stattliche Anzahl von Vertretern der jüdischen Oeiientliclikeit begrüßen zu können: Rabbiner. Mitglieder des Rates und des Verbundstages des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. des Vorstandes und der Pepräsentantenversammlung der Berliner jüdischen. Gemeinde, sowie auch der Peioringeineiude und der „Liberalen Synagoge Berlin", der verschiedenen liberalen Organisationen und Jugendgruppen, ferner au auswärtigen Gästen Frau Geheinirat Else Dormitzer (Nürnberg) und Herrn Nathan Friedmauh (Dresden). ■— Die Veranstaltung war umrahmt Von künstlerisch vollendeten Gesängen unseres oft bewährten Freundes Herrn Oberkantor Wilhelm-F r i ed in an u, den Frau Lili üootz am Flügel begleitete. Den Reigen der Redner eriiünete George Goetz, der Chefredakteur der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, mit einer Ansprache über das Thema: „Die Jüdisch-liberale Zeitung innerhalb des deutschen Kulturkreises.“ Anknüpfend an das Schlagwort von der „jüdischen Presse“ iührte er aus. daß nur die von Juden iür Juden geschriebenen/von Judentum und Judenheit handelnden Blätter „Jüdische Presse“ genannt werden dürfen, deren Einfluß „innerhalb des deutschen Kulturkreises“ so gering sei wie der der Wannseedampfer innerhalb der Weltschiffahrt, Und die zudem meist so geschrieben seien, als wären die „Juden ein kleiner. Völkerstamm, der nur mr sich allein lern und alles Weltgeschehen aut sich bezieht“. Fliegt heute Piccard in die Stratosphäre: morgen werdet ihr lesen, daß er Jude ist oder von Juden abstammt; ebenso war es beim Tode Edisons — also ganz wie in der antisemibseheii Presse, nur in umgekehrter Absicht. Dieses Verhalten erklärt sieh aus der jahrtausendelangen Verteidigungsrolle der Juden. Aus ihr und der dadurch oft bedingten jüdischen .Selbstisolierung.müssen wir heraus. Wie wir in glückl.eiteren Zeiten uns unser Judentum durch die Lockungen der Welt nicht rauben ließen, so jetzt nicht unser Deutschtum durch die Feindschaft einer ganzen Welt! Wir wollen innerhalb des deutschen Kulturkreiscs leben und wirken: ja. ich gehe noch weiter: innerhalb des europäischen Kulturkreises! Die unter den heutigen Wirren neuwerdende abendländische Weif ist unsere Welt. Noch der 1932. gefeierte Spinoza mußte, um nt der allgemeinen Welt ein Werk zu leisten, vom jüdischen Mutterboden sich lösen: das ist es. was wir nicht wollen. Wir wollen, dälj. das Judentum in lebendigster Verbindung mit der Umwelt stehe, damit Juden in der Welt etwas leisten und das Judentum Wirkung in der Welt hervorfufe. Emanzipation wird so zu einer religiösen Aufgabe, weil sie die realpolitische Seite dessen ist, was itn Bereich des Religiösen Messianismus genannt wird. Die iüdisch-liberale Bewegung hat deshalb seit je .ein weltaufgeschlossenes Judentum erstrebt: die „Jüdisch-liberale Zeitung“ hat. wie der Redn.er an Beispielen aus der Redaktionstätigkeit seines Vorgängers Bruno Wo.vda erläutert, vom Standpunkte der jüdischen Religion zu den Dingen des Lehens Stellung genommen. Auch das Bild der heutigen Veranstaltung. die hochangesehene Männer aus allen Teilgebieten der allgemeinen Kultur als Mitbauer an unserem Werke mit vereint; ist eine lebendige Jlliistration mr die Verbundenheit der von der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vertretenen Bewegung mit der deutschen Kultur und ein Symbol für den Kerngedauketi des liberalen Judentums: „Mitwirkung unseres ewigen Judentums bei der Neuordnung unserer Weit: Durchjudentums!" — Als zweiter Referent sprach der Schriftsteller Fritz Engel über „Liberalismus als Weltanschauung“. Liberalismus in dein Sinne, von dem hier die Rede sein soll, ist der Stern meines Lebens gewesen: ich hatte ihn in mir als Deutscher und als Jude, vollkommen einheitlich, ohne daß der Deutsche dem Juden-oder der Jude dem Deutschen in den Weg gekommen wäre. Liberalismus als Weltanschauung ^isl etwas^F.nige- .Karrieresucht zeitweilig unsichtbar Werden: er muß deshalb gepflegt und aktiv gemacht werden. „Liber“, das heißt „frei", aber „Liber" heißt auch „Buch“. Daß der liegtift „frei" zusainnienfällt mit dem Ausdruck iür Geschriebenes, Gedrucktes. iür die Meinung von Deukern und Dichtern, eröffnet manche Perspektive, nicht zuletzt auch auf diesen Abend, an dem „Männer der Feder" sprechen. Die ältesten „Bücher" beginnen mit der Sage vom Paradies, von Eintracht und Frieden aller Kreatur und von Duldung. Moses ^scli reib t 'solid i keiner Weise zu identifizierenutig zuriickgehen. Das zeigt lieuiid nach l.s-ts: mit der die pur-, i Juden begann, l.s-19 erklärte imitier Versuchen, die Fähigkeit Beckenrath im Landtag gegfi zur Bekleidung eines Mandai . .... ..„ . Religion abhängig zu machen, mau dürfe „keinem seiner Brüder darum ein Recht entziehen, weil er festhäll au dem. was auch jedem von uns das Höchste is(. nämlich, daß 'er Gott nach seiner Ueherzeiigmig diente,— AiiiMibcrale Strömlingen zu gewissen Zeilen): und umgekehrt ist der Antisemitismus daher niemals mir eine jüdische Angelegenheit. So halte 1SS1 L a s k e r an B a e r w fl 1 d geschrieben: „IHe Sache selbst hisse ich ausschließlich vom liberalen Standpunkt auf, weil ich völlig davon überzeugt bin. daß; die im allgemeinen Staalsintercsse getalirliche Jiidenlietzc nur ein Manöver ist. .welches der Reaktion im Verlauf der midisten Wahlen .praktischen Nutzen bringen soll." Dr. Eyck gab daun einen Uchcrlilick über die Persönlichkeiten der im parlamentarischen Lehen als Liberale licrvorgetrelvneii Juden, u.a.: Sinison. Rießcr. Laskcr. Hainberger. Cassel.. Waldstein, tlaas. Preuß. Ratlienau. Lcvi (Pfalz), deren Persönlichkeit und Wirken er schilderte und von denen, er uachwics. daß auch ihre Leistungen , für das deutsche Volk sehr erheblich waren. Er schloß mit dum Dichter- Blick Ins Publikum bei der Veranstaltung „Männer der Feder sprechen“. Tcilansicht des überfüllten Saales. dein Armen gilt. Durch das Buch, den deutschen Pentateuch. bereitete Mendelssohn Freiheit und Gleichheit der deutschen Juden vor. wie die Enzyklopädisten die französische Revolution, die wiederum, zugleich mit dem Bürgertum. auch uns üie Freiheit gab. Die Dichter des „Jungen Deutschland“, darunter Heine und Börne, kämpften gegen die antihberale Zensur. Dieser Kampf hat die deutsche Sprache noch geschmeidiger gemacht zutn Dienste an tler Freiheit. Liberalismus, der weltanschaulich gegründete Wunsch nach Befriedung. Vereinigung. Gleichheit, war auch der treibende Motor für die Verkünder eines einigen Deutschland; manche Juden waren darunter. Die Weltanschauung des Liberalismus ist iin Kern rein ethisch, ist die Weltanschauung der. Menschenliebe. mit dem Glauben an den Menschen. Wir sprechen von einem „liberalen Menschen“ als von einer hochherzigen, großdenkciidcn. freigebigen, toleranten Seele; darum auch von „liberalen Berufen“, das sind alle, die der Allgemeinheit dienen wollen, vor allem wieder die Schriftsteller. Der Liberalismus glaubt an die Autorität des (ieistes. die andern an die des Befehls. Er will erziehen, die andern wollen dressieren. Er sagt: „Du darfst!“, die andern: „Du mußt!“ Wenn diese Weltanschauung stürbe, sthrhe diu Welt. Aber das Geschwätz vom Ende des Liberalismus entspringt nur der Furcht, er könne wieder da sein, und diese Furcht ist hciechtigt: er ist immer da. Besonders in dieser Zeit der völkerverbindenden Technik. -Doch muß er wieder aktiv werden. Man muß stell zu ihm bekennen. Wir wollen treier sein, als die Väter waren! - Der dritte Redner war der Stadtverordnete R.-Anw. Dr. Erich Eyck: sein Thema lautete: „Jüdische liberale Parlamentarier.“ Der Redner wies einleitend darauf hin. daß politischer und reliwort: .„Der ist in tiefster Seele Iren, der die Heimat so liebt Dr. phll. Max Osborn. _ Kunstkritiker der „V o s s i s e li e n Zeit u u g '. behandelte dasTliema: „Juden als Künstler“. Die Rassciitlieoric. so sagte er. wird durch nichts nachdrücklicher widerlegt als durch ■die Situation in der bildenden Kunst. Wie u. a. das gerade ietzt erötineie „Jüdische Museum" zeigt, spricht das Blut nicht sichtbarlich aus der schöpferischen Arbeit des Künstlers. Uchcrull zeigt sich in Formgebung. Gestaltung und Ausdruck das Aulgellen der indischen Maler. Bildhauer. Kunsthandwerker in der Kunst des Landes, in dem Sie leben. Nie gab es eine spezifisch jüdische Kunst. Der mystische, nur auf das Gedankliche gerichtete Geist des altiüdlselien Volkes ließ die sinnliche Gestaltung, hitdender Künste überhaupt kaum zu; seit den frühesten Zcitcn.dcr Diaspora aber -richteten sich die jüdischen Künstler nach der Umwelt. Das beweisen, die jüdischen Katakomben in Rom. die romanischen und gotischen Synagogen späterer Epochen. Im lß. Jahrhundert arbeiten jüdische Graphiker. Manzenlind Mcdaillcmnachcr III Berlin mellt anders als ihre christlichen Kollegen. Nach der Emanzipation das gleiche Schauspiel. Der erste jüdische Maler von Rang. Moritz Daniel Oppenheim aus Frankfurt am Main, vollzieht sofort die gründlichste Annäherung an die Kirnst . seiner Zeit; Camille Pissarro (Milte des 19. Jahrli.) war von Kopf zu Fuß Pariser Impressionist. Jozel Israels- Typ des nationalen holländischen Malers, auf der Terrasse des neuen Rathauses von _Stockholm stellt die Statue von Ernst Josenlison. neben der des größten schwedischen Dichters August -Strindberg. Max Licherniaun wurde Verkünder des deutschen Naturalismus. Lesser Ury Vorkämpfer einer neuen koloristischen Anschauung. Wo bleiben, abgesehen Kämpft für die uste 2 Sozialdemokraten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.