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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-02-15 · 22 (15.2.1933) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
22 (15.2.1933)
Date
1933-02-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Fortgang der Reichsverbands-Verhandlungen. Zur bevorstehenden Ratstagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. punkte! „Jüdische Selbsthilfe" — und warum nicht Zusammengehen mit jenem edleren Teil der nichtjüdischen Deutschen, die „angesichts der geschaffenen Bedingungen" nicht weniger leiden als wir? Und zu deiien wir so eng gehören, daß unsunser Bekenntnis zu ihnen noch zu keiner Stunde ein „Versuch der Selbstverleugnung", sondern vielmehr das Aussprechen eines heilig bejahten Tatbestandes war und ist! Das bekennen wir — mit „unbeugsamem Stolz auf unser deutsches Volkstum", an das wir uns. nicht erst „anzupussen" brauchen, weil wir ein Teil von ihm sind. Den „Boden unter den Füllen verlieren“ aber würden wir gerade jetzt, wenn wir in der Stunde der Gefahr uns auf ein „jüdisches Volkstum" besännen, das. es [nicht gibt und für das Deutschland keinen Platz hat: fremdes Volk, geh in dein fremdes Land, würde Deutschland iagen, mit Recht, und durchaus nicht nur das Deutschland Hitlers. Deshalb folgen wir nicht der falschen und gänzlich abwegigen Parole des Zionismus, mag'-auch noch soviel von „jüdischer Solidarität“ gesungen werden: es gibt sie nicht! Aber eine Solidarität der freien Geister in Deutschland gibt es — sogar über die Schranken der verschiedenen Religionsbekenntnisse hinweg. Deshalb bekennen wir uns mit unbeugsamem Stolz zu unserer jüdischen Religion und in unbeirrbarer Treue zu "unserem deutschen Volkstum. So hat es in diesen Tagen der geniale Romain Rolland ausgesprochen: .gegen den' Imperialismus und die schwarze Pest des Fascismus „müssen die Juden kämpfen mit uns, den freien Christen!“ Und, fügt Romain Rolland hinzu: „Euer Jerusalem ist nicht die Vergangenheit des Ruhmes eines Volkes. Ls ist die Zukunft der Gerechtigkeit für alle Völker der Erde.“ * Ob es kurz dauert oder lange, und wie schlimm es auch werde: wir werden dieses Schicksal tragen, weil esi als deutsches Schicksal, unser Schicksal ist. Wir werden ihm. gemeinsam mit allen nichtjüdischen Freiheitskämpfern, wehren, weil wir. als deutsche Bürger, ein Recht haben, das deutsche Schicksal zu gestalten oder doch an seiner Gestaltung mitzuwirken. Hier nur ist unser. Platz, hier auch sind wir eingeordnet in jenen gröberen abendländischen Kulturkreis, von dem auch Deutschland nur ein Teil ist und aus dem wir nicht heraus können noch wollen. Deshalb werden wir in Treue ausharreii und mitschaffen, daß einst das Wort „Deutschland" wieder-gesprochen und gehört werden kamt in jener Eindeutigkeit seines Sinnes, der jede Rückfrage unnötig macht, . jeden Zweifel ausschlielit, jeden Schmerz beseitigt, denn —: hört, ja hört nur in unserui nationalen Liede den m e s s i a n i s c h e n (darum auch religösen, auch jüdischen) Klang: „Einigkeit und Recht und Freiheit!" Volks trau ertag und Purim. Per Deutsch-Israelitische 'Gcmeiiidebuud läßt folgende be-_ aclitliche Kundgebung verbreiten: ■ j Auch in diesem Jahre hat der Volksbuhd Deutscher Kriegsgräberfürsorge, in dem auch die jüdische Glaubensgemeinschaft vertreten ist. beschlossen, einen Volkstrauertag zur Ehrung des Andenkens der im YVeltk . jg gefallenen Soldaten zu begeht, n. Paiijr ist SoUfUaj;. der 12. Mär/ 1933, be> stimmt worden. ■ ■ Bei .der Festsetzung dieses Termins auf den für den Vo/kstranertäg bereits traditionell gewordenen Sonntag Reniiniscere hat unser Vertreter nicht verfehlt,, darauf hinzuweisen. daß dfeser Tag diesmal bedauerliciierwei.se mit dem Purimfest zusammemallt. so. daß die religiöse Feier für die jüdische Glaubensgemeinschaft bereits am Tage vorher, am Sabbath in üblicher Weise begangen werden muß. Es ergibt sich aber weiter die Konsequenz, daß öffentliche Purimfeiern, die sonst am 12. März veranstaltet worden wären, mit Rücksicht auf die Trauerstiiimuiug des" gesamten deutschen Volkes am besten .verlegt werden, und wo dies nicht angellt, doch jede öffentc liclie Freudenbekimdüng vermieden wird. Am 19. Februar wird der Große Rat, vielleicht auch der Ständige Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden zusammentreten; Gegenstand der Beratungen wird u. a. wieder die Schaffung des Reichsverbandes sein. Zu Anfang des letzten Sommers hatte es so ausgesehen, als stünden wir nun endlich unmittelbar vor der Gründung; leider haben alle diese Hoffnungen getäuscht. Die Gründe hierfür sind verschiedener Art. Nocli immer spielen Differenzen zwischen den norddeutschen und süddeutschen Landesverbänden eitle Rolle, und leider haben auch die Konservativen ihre ijir die Liberalen iin Rahmen eines Einlieitsverbandes unannehmbaren Forderungen nicht nur nicht iallen lassen, sondern durch Aufstellung neuer Forderungen die Situation erschwert. Die Schaffung des Reichsverbandes ist aber angesichts der allgemeinen Entwicklung in Deutschland dringlicher als je, und auch die Konservativen sollten deshalb einschen, daß sie nur die Gleichberechtigung der verschiedenen religiösen Richtungen fordern dürfen, daß sie aber das große Projekt zum Scheitern bringen, wenn sie noch weiter den Versuch machen, den Verband als solchen auf die Grundlage des orthodoxen Religionsgesetzes zu stellen. Bringe» die Konservativen dieses Verständnis für den allein möglichen Charakter des Reichsverbandes auf, und wird die Bearbeitung besonders seitens des Preußischen Landesverbandes endlich gebührend beschleunigt,, so könnte der Reichsverband zum Segen der gesamten deutschen Judenlieit bald gegründet sein. Ein weiterer Differenzpünkt ist die Frage der Sondermandate der sogenannten Kulturträger in der leitenden Körperschaft, der „Reichsvertretung“. Man kann darüber geteilter Auffassung sein, ln den Gemeinden waren es vor allem die Liberalen, die Jahrzehnte.hindurch darauf drangen und schließlich aucli erreicht haben, daß die Rabbiner, zumindest mit beratender Stimme dem Vorstand angeboren. Im Rat des Preußischen Landesverbandes und der anderen Landesverbünde müssen sogar laut Verfassung eine bestimmte Anzahl Rabbiner und Lehrer sitzen. Bei den Beratungen zum Reichsverband dagegen wird gerade von liberaler Seite vielfach betont, daß diese Kulturträger die Möglichkeit haben, sich kraft ihrer 'Persönlichkeit so weit durchzusetzen, daß sie auf Grund der nach demokratischem System erfolgenden Wahlen Sitz und Stimme in den Körperschaften erhalten, so daß sie aut das Privilegium eines verfassungsmäßigen Sondermandates verzichten können. Auch diese Auffassung hat viel für sich. Kommt aber ein Kulturträger-Paragraph, so ist unter allen Umständen zu fordern, daß nicht mir Vertreter der Rabbiner - und Lehrer, sondern ebenso auch Vertreter der Kantoren' Sitz und Stimme erhalten. Es wirkt nachgerade, wie eine Selbsterniedrigung der jüdischen Religionsgemeinschaft, daß sie den wichtigsten Träger des Gebetes und des Gottesdienstes aus den' ihm zukommenden Stellen ausschließt. Aucifdie in den Entwürfen, vorkommende Forniulierung „Lehrer oder Kantoren“ scheint nicht ausreichend. „Kulturträger“ sind: Rabbiner, Lehrer und Kantoren. — Dies alles, wie gesagt,.nur, wenn man überhaupt diesen sehr umstrittenen Kulturträger- Paragraphen will. Auslands-Chronik Lodz. („ORT" verschafft den Lodzer jüdischen Handwebem Arbeit.) Aui Initiative des ORT fand eine Beratung jüdischer Industrieller statt, in der die anwesenden Textilfabrikanten sielt verpflichteten, einen Teil der demnächst zu vergebenden Aufträge den Lodzer jüdischen Handwebern zu geben, obwohl dabei die Kosten sich etwas höher stellen als bei Vergebung der Aufträge in der Provinz. Es wurde ierner beschlossen, in der gleichen Angelegenheit mit sämtlichen jüdischen -Textilfabrikanten Polens zu verhandeln. Sofort nach Beendigung der Beratung haben die anwesenden industriellen größere Aufträge an die jüdischen Handweber erteilt. - Genf. (Der Oberrabbiner gestorben.) Im Alter von 73 Jahren verstarb der Grand Rabbin von Geni, S.Balizer. Er war eine prominente schweizerische Persönlichkeit und in seiner Gemeinde sehr populär. An der Bestattung nahmen iast die gesamte jüdische Gemeinde von Genf und eine große Zahl Nichtjuden teil. Die Mitwirkenden des 2. Abends der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Von links nach rechts (sitzend und stehend): Bernhard Citron, George Goetz, Julius Bah, Oberkantor Friedmann, Alfred Jaulus, Hanns Loewenstein, Dr. Kurt Zielenziger, Fritz Engel, Dr. Erich Eyck, Dr. Max Osborn. Sparen macht arm.; Eine Klewstadtgeschicbte aus der guten alten Zeit. Von - Frieda Me h le r. . Ctill und behäbig ktg düs kleine' Städtchen W. in jener .*•7 Gegend, aus der nach eitler unbewiesenen Behauptung alle Bewohner der Reichshauptstadt stammen .sollen.' weit östlich vom Schlesischen Bahnhof. Eine Kleinstadt, wie viele andere auch, und doch ein besonders guter Boden für manches Original, das sich eben niir in der guten alten Zeit im Tempo der Vorkriegszeit entwickeln konnte. Es lag noch fern von der Eisenbahn, hatte nocli Petroleumbeleuclitimg und hatte doch fertiggebracht, was in dem aus polnischen, deutschen uiid jüdischen Elementen gemischten Menschenkrcis gar nicht so leicht war. Die paritätische Zusammensetzung der Oberleitung war von wahrhaft salomonischer Weisheit. Es gab zwölf Stadtverordnete, vier davon waren katholisch oder, wie man dort sagte, „polnisch“, vier waren evangelisch oder „deutsch" und vier waren Juden. Und wann auch immer gewählt wurde, dieser Status blich, das war ungeschriebenes Gesetz. Anders lag die Sache heim Alugistrat. Da waren neben dem Bürgermeister vier Alagistratsmitglieder, einer davon ein Dole, einer ein Deutscher und einer ein Jude. Bür den letzten aber gönnten die Polen den Deutschen die Alajorität nicht, und die Deutschen den Polen ebensowenig. so wurde als viertes Magistratsmitglied auch wieder ein Jude gewählt, nicht zum Schaden für die Kleinstadt. Und es wäre zu wünschen, daß diese Methode heute auch einmal im Großen ausprobiert werden könnte. ' 1 I Antisemitismus war ein Moment, das erst in der Stöckerzeit gäuz vorübergehend aus Pommern eingeschleppt^wurile. Und an diese Stöckerei knüpft sicli eine derihiettesten JGeinstadtgescliicliten. Unter den Juden der Stadt W. gab es eine Familie, die unumstritten die Hautevolee bildete, die führende Oberschicht, und wer nicht mit dieser Familie verwandt oder verschwägert war. zählte zur zweiten Garnitur. Einer der bekanntesten und ältesten aus dieser Familie war der ehrenwerte Meier Salonion. der ein langes Leben in seinem Geschäft. gearbeitet, sich teils durch Fleiß, teils durch eine auf die Spitze getriebene Sparsamkeit'ein großes Vermögen erworben hatte .und nun mit seiner Frau Ernestine von seinen Renten lebte. „Ernestine“, pflegte er zu sagen, „kauf ranzige Butter, die kann man dünn schmieren und schmeckt sie. doch.“ Als einmal die Frau verreist war und seine Enkelkinder noch am Abend vergnügt um die Petroleumlampe zusammen saßen mit einigen guten Freunden, öffnete sich plötzlich die Stubentür. Meier, der", um Licht zu sparen, um 8 Uhr zu Bett ging, erschien im langen weißen Nachthemd, weißer Zipfelmütze, trat an den Tisch, pustete die Lampe aus mit den Worten: „Abends um neun brauche ich keinen Besuch“, und. ging langsam, aufrecht, weiß und lang aus dem Zimmer. Als die antisemitische Welle nun auch in das liebe, kleine Nest. gedrungen war, verbreitete sich plötzlich, niemand wußte woher, das Gerücht, am Fronleichnainstage. wenn die Bauern von allen Seiten in die Stadt kamen, utii die Prozession mitzumachen, sollte ein Pogrom stattfinden und die reichsten Juden sollten ausgeplündert werden. Irgend jemand hatte etwas sagen hören, ein anderer wulite es schon, ganz, genau, und zuletzt stand es fest, wie das Amen nach der! Predigt. Uiid wer war reicher und also mehr gefährdet als Meier Salonion? Wenn nach der . Prozession der Schnaps in seine Rechte trat, wer konnte wissen, was dann geschah? Also besser, man packte sein Geld.und seine Papiere und Wertsachen in eine Kassette und verließ am Morgen des Fronleichnamtages die Stadt. Meier hatte doch einen verheirateten Sohn in einem Städtchen, das von der nächsten Bahnstation aus in einer Stunde Fahrt zu erreichen war. Aber es war vielleicht doch gut zu 'telegraphieren und sich anzu-' melden, und Meier rief seine Nichte und gab ihr den Auftrag, wenn er ging, ein Telcgramm aufzugeben, das seine Ankunft in K. meldete. Damals gab es noch keine ürundtaxe. sondern ein jedes-Wort kostete fünf Pfennig, und als sie nun aufschrieb: „Ich komme. Meier Salonion“, strich er. zwei. Worte und ließ nur stehen: „Komme!• Salonion.“ Dann zog er mit seiner Geldkassette ab und fuhr fort. Aber ehe er dort eintraf, hatte der Sohn das Telegramm in Händen und meinte, nicht anders, als daß man sein Kommen verlange. Und obwohl er genau so knauserig veranlagt war wie sein Vater, meinte er doch, er müsse sofort' fahren, es könne demalten Herrn etwas zugestoßen sein. Er eilte zum Bahnhof, erreichte, aber den Zug nicht mehr, und in seiner Sorge nahm er sich für sechs Taler einen Wagen und fuhr nach W. Dort war inzwischen die Prozession ganz ruhig verlaufen, und alles war in schönster Ordnung, nur sein Vater saß in K. Voller Wut, und um wenigstens den Vater, da er nun einmal an ihm vorbeigefahren war, noch in K. anzutreffen, telegraphierte er ebenso sparsam: „Komme zurück. Salonion“, setzte sich in seinen Wagen und fuhr los. Als aber der Vater in K. das Telegramm erhielt, glaubte er nicht anders, als daß er zurückkommen solle, und daß der Sohn dort auf ihn wartete, ging zur Bahn und kam mit dem Abendzuge nach Haiise. So fuhren sie am gleichen Tage zweimal aneinan-; der vorüber, beide in dem stolzen Bewußtsein, zehn Pfennig an ihrem Telegramm gespart zu haben. Das Lebenswerk Idelsohns. Das Monumentalwerk A. Z. Idelsohns „Hebräisch-Orientalischer Melodienschatz“ ist nunmehr vollständig erschienen. In zehn stattlichen Folio-Bänden erschließt es der Musikwissenschaft eine ungeahnte Fülle jüdischer Musik aller Zonen und Zeiten. Die Vertagsfirma Friedrich Hofmeister in Leipzig hat die abschließende Herausgabe des Werkes durchgeführt. Von der englischen Ausgabe werden noch im Laufe dieses Jahres die Bände 111. IV, V und Vll erscheinen. Die in Hamburg erscheinende Zweimonatsschrift des Allgemeinen Deutschen Kantoreu-Verbaudes „Der. jüdische Kantor“ gibt aus Anlaß der Vollendung des Lebenswerks A. Z. Ideisolms eine ldelsolm-Nuinmer herausrtiie u. a. eine Besprechung des Bandes VI „Der Synagogengesang der deutschen Juden im IS. Jahrhundert“ aus der Feder des Altmeisters Prof. E. Kirscliner. eine wissenschaftliche Untersuchung über den Mögen övos-Steiger von Idelsolm selbst und eine Besprechung von.A. Z. idelsohns „The Kot nidre Tune“ vom Redakteur der Kanioren-Zeitschrift Leon Kornitzer (Hamburg) enthält. Edith Herrnstadt- Oeffingen spricht den „Hiob“. „Spricht“: nicht: „liest“. Denn sie ■ sprach das .ganze lange Prosakapitel aus Joseph Roths Roman auswendig, ohne das Büch vor sich zu haben. Hatte man anfangs darüber gestaunt, so verlor sich das bald, weil jeder Gedanke an das Technische sich verlor: man sah ja auch die Vortragende nicht mehr, man sah und hörte nur noch Roths Gestalten sich bewegen' und sprechen. Und nur' zum Schluß wußte man wieder: die Rhapsoden der Antike sind nicht ausgestorben; Edith Herrnstadt-Oetthigen ist eine von jenen. — Vorange,- gangen war ein geistvoller Vortrag des Rabbiners Emil Bernhard Cohn über den biblischen Hiob. Die Veranstaltung diente den Zwecken der jüdischen Altershilfe. George Goetz.

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