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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-02-15 · 22 (15.2.1933) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
22 (15.2.1933)
Date
1933-02-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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von '- der Theinenstclluiiit, von literarischen Nebenelemeuten, die nianclinial in Betracht kommun. Spcciiiiina jüdischen Wesens? — Langsamer irttu; es bei den Juden mit der Plastik und Architektur. Duch iviichst auclt liier die Zahl der jüdischen Künstler (Hitzig. Messel, lirich .Mendelsohn; besonders der letzmeiiauute ist ein Lrvecker der neueren deutschen Baukunst). So haben Juden als Künstler, wo immer sie auttrateu. ausgezeichnete, oit glanzvolle Arbeit geleistet, -die . sich ganz in die nationale l'hamäsiesehöii/ung ihres Heimatlandes einordnet.. Sie werden, auch wenn ihnen in der dunkel verhängten Zukuuit unseres Landes Steine' aui ihren Künstlerweg geworieu werden, nicht auihoren. sieh zu bewähren. I)r. Kurt Zielenziger, stellvertretender Pressechef der Stadt Berlin, sprach über «.luden int öiientliclicn Dienst". Dieser 3b. Januar, könne ein historischer lag erster Ordnung u erden. Die Tätigkeit der „Juden im 'öffentlichen Dienst ist mehr als die der Schriit- ■steller und Künstler abhängig Vom Stande der Emanzipation, ist also die echteste Erscheinung des liberalen Geistes. Vor der liberalen Aera bestimmte die' Regierung, wer ihr zuverlässig iiir Eintritt in den Staatsdienst' schien; der jüdische Glaube war nicht vorschrittsmällig. aber aui die Charakterlosigkeit der Tauig wurde die Prämie der Bciördcrungswiirdigkcit gesetzt. Es ist einer der vielen tragischen Fülle im Drama der jüdischen Geschichte, dali in dem Augenblick, als das Idol des damaligen Bürgertums, der Kescrveoinzier. auch für die Juden Wirklichkeit wurde, bereits ihr wirtschaftlicher Abstieg begonnen hatte. Die Entwicklung war sehr allmählich gekommen; von den Hoiiudeu bis zu Mcno Burg, der 1853 als Kgl. preußischer Feldmesser starb, geicieU vom'preußischen Militär und der jüdischen Gemeinde., Die Lage in den geistigen Berufen war derart, daß Hugo Freuß. bis ihn Eberl beriet, nie ein Ordinariat erhielt. Zu 'erinnern ist ferner u. a. au Kurt Roscnield. Hugo Hause. Iliign Simon. Walter Rathenau u. v. a. als Minister, ferner au ^.Mitglieder der Miuisterialbürokratie, der Kommunalpolitik, der öffeutliehen Unternehmungen ttsw. Wichtig wäre es. daß Juden ihre Kinder wieder der unteren Beauitculaüibahu zttttiliren. als Lokomotivführer. Postschaffner usw. Es ist iaiscli. daß Juden immer nur prominent sein wollen! Zitsamluciiiässcnd ist. trotz all der schlimmen Ereignisse, mit Goethe zu sagen: ..Die Deutschen gehen nicht zugrunde, ebensowenig wie die Juden, weil sie Individuen sind." Bernhard Citrou. Handelsredakteur des ..Montag M-orgeu" hatte sich «Die Bedeutung der Juden für. das deutsche Wirtschaftsleben“ als Thema erkoren. Heute’ sei dies Thema nur eine These, die es zu verteidigen gilt. Nicht nur wird ja die Bedeutung der Juden für das Wirtschaftsleben geleugnet, sondern es wird sogar im Gegenteil uns die Schuld am Zusammenbruch gegeben. Gegen diese Meinung ein sogar den Nationalsozialisten unverdächtiger Zeuge ist Werner Sombart. der gesagt hat: „Wie die Sonne geht Israel übet Europa: wo es hiukommt. sprießt neües Leben hervor: wo es wegzieht, da. modert alles, j was hier geblüht hat." Das wird u. a. au der Geschichte; Spaniens. Hollands.'Englands und Polens bewiesen. Selbst Bismarcks Taten bestätigen das (Bleichriidcr). ebenso diejenigen Metternichs (Rothschild). Doch ist die wirtschaftliche Be-; dcutuug der Juden mit ihrem politischen Einfluß keineswegs : 0"'.'diel gegangen. Durch Aufbau der Großunternchuiungcn i besonders in Banken. Eisenbahn und'Schiffahrt (Ballin) haben i sie die Verstaatlichung dieser Betriehe vorbereitet, dem j ireien Unternehmertum und damit sieh selbst vielfach das i Grab gegraben. Wirtschaftslheoretiseh wie philosophisch sind J Juden auf beiden Uieru.zu treffen: aber auch, wo sie mate- } realistisch waren, waren sie es aus ethischen Prinzipien. Auch j Rathenau hat viel zur Entpersönlichung des Besitzes und da- mit für die Eigcnlebcndigkeit der Wirtschaft beigetragen: das i Wenige, was am nationalsozialistischen Wirtsebyitsprogramm j gut und richtig ist. Ist -meist von Ratheuau abgeschrieben. | Zu allen Zeiten haben die Juden im Wirtschaftsleben schöpfe- 1 rische Initiative entfaltet: und ist auch die Zukunft I in Nebel gehüllt, so werden wir doch niemals aufi hören, der Allgemeinheit zu dienen, indem wir die Sorge um | das eigene Wohl derjenigen um das allgemeine: Wold völlig einordnen. . Schriftsteller Julius Bab sprach über „Juden im literarischen Schaffen". Auch aui die-, sein Gebiete heiß: es immer, der Jude sei nur von Eigennutz und Geschäftsgeist geleitet. Stichproben sind notwendig, um zu erkennen, mit' welch grotesken Zerrbildern von uns Juden diese „These" in völkischen Blättern „bewiesen" wird. An Zitaten aus dem „Angriff zeigt der Redner, daß man „Juden" zeichnet, die nicht in der Wirklichkeit existieren, weil die Wirklichkeit nur Menschen, aber keine Karikaturen hervorbringt. Wohl kommen auch bei Juden solche Menschen vor. wie in jeder Gruppe, aber wir müssen der beschämend blöden Meinung entgegentreten, als kämen sie nur bei Juden vor: es gibt wahrlich auch unjüdische Menschen, die von skrupellosem Geschäftsgeist beseelt sind, und es gibt Juden, die sich auiopfern iiir die Allgemeinheit. Wie soll man aber die Menschen belehren, da man sich nur an Menschen wenden kann, die belehrt sein wollen! Soll inan die Geschichte der letzten ISil Jahre aufrollen? Redner zitiert einen Brief Goethes an Raliel (3.' April 1825), er verweist aui das Eintreten von Juden für Hebbel, er erinnert an den Idealismus Fritz Mauthners — alles keine Taten des „Geschäftsgeistes“. Aber es kommt nicht daraui an. durch Beispiele zu „beweisen“. Die geistige Reaktion macht sich den Instinkt zunutze, daß die Trägheit alles „Fremde“ (Engländer. Franzosen usw.) haßt, und so stellt sie alles'ihr Verhaßte von vornherein als „jüdisch" hin. z. B. schon 1835. die literarische Bewegung „das junge Deutschland”, obwohl Laube, Gutzkow und viele andere gar keine Juden waren, und obwohl z. B. Heine nur zum Teil dieser Bewegung zuzurechnen war. Sö ist es auch heute: Juden sind revolutionär, aber nicht nur Juden Sind das: und außerdem gibt es auch unter den Juden nationale und konservative Geister. Aber in einem haben die Gegner recht und werden hoffentlich immer recht behalten: lri dem Sinne sind ahe Juden „liberal“, daß sie die Herrschaft des Geistes und nicht der Faust wollen. Es ist die dreitausend jährige Tradition in ihnen, die immer wieder der Vergötterung der Gewalt und all den trüben Mächten entgegentritt — wie Wollenstem es gesagt hat: „Der Boden kann verlorciigehen. das Geschick kann sich wütend immer wiederholen, weil man es nicht erkennt. Ewige Zerstreuung. Jerusalem kann wieder zerstört werden. — Die schwebende Sendung nicht." Die Reihe der Redner beschloß Hanns Loewenstein. der Mitherausgeber der „Jüdisch-liberalen Zeitung" mit einer „Ausklang" betitelten Ansprache. Immer, so sagte er. werden Juden die Diktatur ablelmcn. immer werden sie mit den Waffen des''Geistes kämpfen. Der Geist des Judentums ist stärker gewesen als seine Feinde-in Altertum. Mittelalter und Neuzeit. So wird cs auch in Zukunft sein. Jüdischer Geist, und zwar der Geist des liberalen Judentums, hat auch die Juden aus dem Ghetto lierausgefübrt. iiat sie in die deutsche Kultur eingeheu lassen, ohne daß sie deshalb aufluirten. Juden zu bleiben. Müssen wir wieder einen Weg durch die Wüste machen: das Endziel unserer Wanderung wäre nicht ein Palästina jüdischer Isoliertheit, sonderii ein von allen Schlacken gereinigtes Deutschland und Europa der Emanzipation und des geistigen Liberalismus. Dieser Geist, der den Weg des Judentums in der Welt vorzeichnet, manifestiert sich im jüdischen Schrifttum. Kannte man in früheren Zeiten nur das Buch, so ist in den letzten Jalirzehenten din Zeitung und Zeitschrift als integrierender Bestandteil jüdischen Schrifttums 'hinzugekommen. Bei der Einordnung der Juden in die Umwelt kommt gerade der jüdischen'Zeitung ein, nicht geringes Verdienst zu. Claude G. Montefiore schreibt in' seinem Standardwerk „Umrisse des liberalen Judentums“, daß „das Gute das Schwierige, daß kein ideal geruhsam, sondern .aufrüttelnd, und daß keine Errungenschaft ohne Kampf erreichbar“ ist. Deshalb will die „Jüdisch-liberale Zeitung“ jüdisch und liberal sein, will darüber wachen, daß der Geist des Judentums nicht getrüht' noch verwässert werde. Der jedem Juden innewohnende Trieb zum „Lernen“ dari sich aber heute nicht in den lebensfernen, mittelalterlichen Deuteleien der Orthodoxie auswirken: er muß sieh auf das Wesentliche des jüdischen Schrifttums konzentrieren und alles nutzbar machen, was sich in die heutige Epoche einordnen läßt. Deshalb will die „Jüdisch-liberale Zeitung“ die fruchtbare Scholle jüdischen W.ssens umgraben, damit lebenskräftiges liberales Judentum darauf wachse. Von größter Bedeutung ist es für die Fortentwicklung des Juden- Tüissen Sie schon, daß seitens einer Kommission jüdischer Gelehrter unter Führung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums seit vielen Jahren an einer deutschen Bibelübersetzung gearbeitet wird, die jetzt im Druck erscheint? daß die neue Notverordnung des Reichspräsidenten auch die Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft unter Strafe stellt, weil sie bestimmt, daß Zeitungen verboten werden können, „wenn in ihnen eine Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechts, ihre Einrichtungen, Gebräuche oder Gegenstände ihrer religiösen Verehrung beschimpft. oder böswillig verächtlich gemacht werden“? daß bei einem nächtlichen Zusammenstoß in der Berliner Exerzierstraße am 28. Januar ein Trapp Nationalsozialisten in das jüdische Krankenhaus flüchtete, das jüdische Krankenpersonal mit „Schwestern“ anredete und sich schließlich mittels Telefouanruts durch ein Ueberfallkommando der Polizei abholen ließ? - daß Adolf Hitler früher Gregor Strassen „seinen besten Mann“ .genannt hat, daß aber jetzt — nach dem Abfall — Dr. Goebbels erklärt hat, die „jüdische Abstammung“ von Gregor und Otto Strasser sei „einwandfrei erwiesen“? daß die Leitung der Wiener Technischen Hochschule mit der Absicht umgeht, den „arischen“ Studenten andere Legitimationsformulare zu geben als den jüdischen und daß in jüdischen Kreisen' hierin eine Art Wiedereinführung, des mittelalterlichen „Gelben Flecks“ erblickt wird? daß der Oberrabbiuer einer holländischen Gemeinde kürzlich die Beschneid.ung eines Knaben verboten hat, weil seine Eltern von dem der liberalen Richtung angehörenden Rabbiner einer mitteldeutschen Einheitsgemeinde getraut worden sind — und daß er die Zustimmung von der nochmaligen Trauung der Eltern durch einen holländischen orthodoxen Rabbiner abhängig machte, obgleich es sich um das zweite Kind handelt und die Eltern schon mehrere Jahre verheiratet sind? - daß die Board oj Education (Oberschulbehörde) in New York auf jüdische Intervention den „Kaufmann von Venedig“ vom Lehrplan absetzte? tums, daß iüdische Schriftsteller der deutschen Nation auch" in den Reihen ihrer Glaubensgemeinschaft mitwirken. Der herzliche Dank au die Referenten des heutigen Abends eröffnet daher zugleich den Ausblick in frohere Zukunft: Wir waren, wir sind, wir werden sein! — * . Fast ging es aui Mitternacht, als die Reihe der Ansprachen beendet war. Oberkantor Friedmann gab durch ein religiöses Lied der festlichen Stunde den festlichen Abschluß. Und als Herr Jaulus den Abend schloß, gab es nur eine Stimmung, nur eine Meinung: dies war Erhebung über das .Grau der Wirklichkeit: aber die Wirklichkeit wird werden, wie wir in dieser Stunde der Erhebung sie sahen. Nationalsozialistische Trupps durchzogen die Straßen: viele in ihren Reihen trugen Fackeln in den Händen. Das Licht in uns war stärker. K. M. Geschäftliche Mitteilung. Die Origlualkurca des Rheumabades Ptstyan ln Berlin. Die Gefahrzune für Rheuma, Gicht. Ischias - Erkrankungen sind erfahrungsgemäß die Wintermonate. Schmer/.linderung bringen Original-Pistyan-Schlammpackungen nach der Jahrhundertealten Kurmethode des Rheumabades der Welt Pistyan. 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