Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 20 (15.1.1933)
- Date
- 1933-01-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I ' __ Der Delegiertentagung der „ARGE“ und dem Breslauer »Jli“ zum Gruß. - Dem Julülütmisgniß des verehrten Herrn Rabbiner pr. (j i) 1 d ni a-n'n an den Breslauer „Jli“ schlichen sich alle offiziellen Stellen des jüdischen Liberalismus von Herzen an. Insbesondere die Vereinigung für das libe-- rale Judentum weili, was sie an ihrem Breslauer „Jli“ hat. was er in Jahren der Bewegung 'geleistet, wie viele und wie prächtige Menschen, aus ihm hervorgegangen, heute in den Körperschaften nicht nur der Vereinigung selbst. Mindern auch der Gemeinde Breslau und des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden sitzen, wie viele in anderen Gemeinden Deutschlands wirken, und dali sogar zwei hervorragende Rabbiner aus ihm hervorgegangen sind: pr. Albert Wolf (Dresden). der der .Inbilänmstagung beiwohnen und sie durch eine l^ede schmücken wird,' und Pr. Loch', der Rabbiner von Göteborg-in Schweden. Dem Breslauer „Jli“ gilt also der Grub der Vereinigung und ihres Organs, der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Aber nicht mir deni „Jli“. Alle „Jljs“ .in Deutschland sind bekanntlich zusaunuenge.schlo.ssen in der „ARGE“' (Arbeitsgemeinschaft Jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands). Und die „ARGE“ hält. anschlicUcnd an das Jubiläum, in Breslau ihre 'Delegiertentagung ab. Auch ihr gilt unser aller Gruß. Und es gelten ihr die gleichen Wünsche, wie Dr. Goldmann sie geüuBert. Dr. Goldmann spricht von den Irrungen und Wirrungen sonstiger jüdischer Jugendarbeit., Nun, es wäre Selbsttäuschung. zu glauben. daB die liberale Jugend von den Fehlern der allgemeinen Jugend gänzlich frei sei oder auch nur frei sein-k fit ne. Aber relativ am freiesten davon war sie bisher und soll es bleiben! Und essoll ihr gelingen. der jüdischen Jugend zu zeigen, daB das Judentum eine Idee ist und daB der Mensch: wieder lernen inuB. wie die Menschen des Altertums, in der Idee seinen Halt, sein Leben zh finden. Dann -iiflr wird unser Auslands-Chronik Budapest. (Eröffnung des U n gfi r i s c h e n jüdischen La n d e s in u s e u in s.) Das Ungarische jüdische Laiidesmuscmn im Kultur-Palais der Bester Isr. Religionsgemeinde neben der Hauptsynagoge ist seinem Zweck'übergehen worden. Bei der Eröffnungsfeier wies der Vereinssekretär I)r. Munkacsi darauf hin,-daB beim Bau des Kultur- Palastes der Bester Isr. Rcligidusgcmeilide aucli die Schaffung einer würdigen Heimstätte für das Museum, gesichert worden war. Mit ausländischen jüdischen Museen soll zwecks Austausches, Erwerbung von Kopien. Photographien usw. Fühlung genommen werden. Bukarest. (Schwere Krise der (je me in de.) Die seit einiger Zeit infolge der schwierigen finanziellen Verhältnisse in der Bukarcstcr Jüdischen Gemeinde herrschende Krise hat .durch den Rücktritt des Präsidenten, l)r. Wilhelm Fildermami, und eines groBcu Teils der Mitglieder des Getneindevorstandes eine wesentliche Verschärfungerfahren. Es sind Bemühungen im Gange, neue Persönlichkeiten und Gruppen zur Leitung der Gemeinde heranzuziehen, um der drohenden, Desorganisation vorzubeiigen. London. (N c u k o u s t ij u t i o n d e r „Foundation“.) Ende Dezember hat liier die Fortsetzung der Vlll. üeneral- •vcrsammlimg, sowie die XXI. Sitzung des Rates der American Joint Reconstruction Foundation stattgefunden. Sir Leonard Cohen wurde zum Präsidenten wiedergewälilt. Unter den neugewählten Ratsmitgliedern ist u. a. Dr. Eduard B a e r w a I d (Frankfurt a. M.) zu neunen. Auf Grund des Berichtes der Managiug Directors pr. Bernhard Kahn (Berlin) und Dr. Louis Oungrc (Paris) faßte der Council eine Reihe von Beschlüssen über die laufende Arbeit der Foundation und bewilligte neue Kredite für Polen, Litauen, die Tschechoslowakei und Rumänien im Gesamtbeträge von 175(100 Dollar. Leben „jüdisch“ sein, dann mir wird auch von Judentum und Juden wieder Wirkung ausgehen in die Welt. Nicht aber, wenn wir, gänzlich erblindet für diese Idee, glauben, uns mit jedem von irgendwelchen Juden gemachten Pies oder Das als. mit jüdischen „Problemen“ beschäftigen zu müssen —: Steine, statt Brot; Beschäftigung. aber keine Arbeit. Auch die liberale Jugend ist, wie gesagt, von diesem Fehler, von diesem aus Ideenlosigkeit herrührenden Fehler, nicht gänzlich frei. Nicht nur auf der gerade jetzt in Frankfurt a. M. abgehaltenen Tagung des neutralen „Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands“, auch auf .Ili-Abenden hören. wir oft von Vortragsthemen, die seltsam zu jüdischer Arbeit passen wollen. - Aber —: heut sei alle Kritik beiseite gelassen, sei nicht kritisiert, sondern jubiliert. Penn Grund genug, dies Jubiläum und die Freuden der Delegiertentagung mitzufeiern, haben wir, das hat Dr. Goldmann gezeigt, und das hat auch die jüdisch-liberale Jugend selbst gezeigt, als sie in unserer „Jüdischliberalen Zeitung" (Sondernummer „Unsere Jugend", Nr.. 17 vom 1. Dezember 1932) durch eine Anzahl ihrer besten Vertreter zu den mannigfaltigsten jüdischen und Jugend-Problemen selbst hier das Wort nahm. Unsere liberale Zeitung, die nun schon seit langen Jahren eine eigene und ständige Rubrik „Die j ii d i s c h -1 i b e r a 1 e Jugend“ führt, will auch künftig mit der Jugend gehen; in diesem Sinne rufen wir der in Breslau versammelten jüdisch-liberalen Jugend zu, daB wir der Jugend, ihrer besonderen, in dieser schlimmen. Zeit besonders schwierigen Situation, ihrem veränderten Weltbild, ihren neuen Notwendigkeiten und ihren Sehnsüchten gerecht werden wollen, daß wir — nach einem (nur wenig abgewandelten) Bibelwort — die Jugend hören wollen; ba'ascher hu schom: „d o r t w o s i e i s t!“ George Qoctz. Landgerichtsrat Dr. M a r t i n L e s s e r, Erster Vorsitzender des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“, leitet den 2. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ am 30. Januar ds. Js. Zum Tode von Prof. Moritz Sobernheim. Mit Professor Dr. Moritz Sobernheim ist eine der .bekanntesten Persönlichkeiten des Berliner jüdischen Lebens dahingegangen; sein Hinscheiden wird allseitig Schmerz und Erschütterung auslösen. Noch im August 1932 konnte er in voller Frische, und Gesundheit seinen 60. Geburtstag begehen; die gesamte jüdische Oeffentlichkeit, insbesondere die Wissen-, schaft, nahm an diesem Ereignis teil. Ist doch Professor Sobernheim seit langen Jahren nicht nur äußerlich-formal der Vorsitzende der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ gewesen, sondern er war auch durch seine tätige Mitarbeit einer ihrer erfolgreichsten Vorkämpfer, so daß die Gesellschaft anläßlich seines 60. Geburtstages eine Festschrift ihm zu Ehren herausgab; das gleiche tat auch die ^Vorderasiatische Gesellschaft“, deren Schriftführer der Verstorbene gewesen ist. Auch der D. J. G. B. stand seit Jahren unter seiner Leitung. Innerjüdisch stand Professor Sobernheim auf dem Standpunkt der „Religiösen Mittelpartei für Einheit und Frieden in der Gemeinde“, deren Mitbegründer er war. Weit über den engen Kreis seiner Glaubensgemeinschaft war er bekannt, besonders seit seiner im Jahre 1918 erfolgten Ernennung zum Legationsrat im Auswärtigen Amt, in welchem er das Dezernat für jüdisch-politische Angelegenheiten verwaltete. — Professor Sobernheim gehörte einer der letzten großen jüdischen Patrizierfamilien an; von ihm und seinem Hause darf man rühmen, daß sie alle der deutschen Oeffentlichkeit Erhebliches geleistet und dadurch auch den jüdischen Namen innerhalb der nichtjüdischen Umwelt zu Ehren gebracht haben — sowohl dürcii diese allgemeinen Leistungen wie auch dadurch, daß sie es niemals, nach dem schlechten Beispiele so mancher Anderer, verschmähten, inmitten äußerer Erfolge sich zum Judentum zu bekennen und für das Judentum zu arbeiten. — Ganz plötzlich scheint über diesen frischen und liebenswürdigen Mann, der in sich die Naturen: des Gelehrten und des Weltmannes vereinigte, die Krankheit gekommen zu sein, die ihn innerhalb weniger Wochen zu Fall brachte. Sein Andenken wird bei allen Glaubensgenossen ohne Unterschied der Partei. fortbestehen als das einerläuteren Persönlichkeit, deren Leben der jüdischen Wissenschaft geweiht war. . A1 f r e d J a u 1 u s. Die „Germania” und Pauli Römerbrief. Von Justizrat Dr. Wittelshöfer, Fürth i. B. Ende August v. J. sagte die „Germania“ in einem Artikel ihrer kulturellen.Beilage, daß die Grundlage der katholischen Einstellung zu uns jüdischen Deutschen der paulinische Römerbrief bilde und daß ..dieser die Worte enthalte: „Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk (d. i. uns Juden. Dr. Wittelshöfer) verstoßen? Nimmermehr. Ich bin doch auch ein Israelite, ein Nachkomme' Abrahams, aus dem Stamme Benjamin.“ Es ist dies die Stelle: Brief an die Römer Kap. 11 V. 1. — Die duldsame und wohlwollende Haltung gegen uns Juden, die von der „Germania“ aus dieser Stelle abgeleitet wird, ist natürlich sehr erfreulich. — Aber die Redaktion der „Germania“ betont selbst, daß ihr Artikel nur eine prinzipielle Betrachtung in katholischer Schau und hur eine Anregung zu weiterem individuellen Durchdenken und Nachdenken sein solle. Bei diesem -Durchdenken und Nachdenken kommt man aber -auch auf eine andere Stelle des Briefes Pauli an die Römer, auf Kapitel 5 Vers 14, wo Paulus schreibt, daß der Tod von Adam an bis auf Moses auch über die herrschte, die nicht mit gleicher Uebertretung wie Adam gesündigt hatten. Hieraus folgt, daß nicht erst, wie das Christentum lehrt, die Lehre Christi, sondern schon die Lehre Moses d. i. unsere jüdische Religion die Erbsünde Adams und den Tod überwunden habe und zur ewigen Seligkeit führe. Wenn also die spätere und jetzige Christliche Lehre uns Juden die Befähigung zur Seligkeit abspricht, so ist dies eine judenfeindliche Ver-, änderung der Lehre Pauli. Zwar getrosten wir uns, daß wir auch trotz der jetzigen christlichen Lehre, wenn es ein jenseitiges Leben geben sollte, in den Himmel zu kommen oder doch kommen, können. „Hie hett Bismarck nix to seggen“, „hier hat Bismarck nichts zu sagen“, soll einmal der Fürst von Lippe-Detmold ausgerufen haben, als ihm seine Untertanen bei einer Verordnung opponierten, hier hat das Christentum nfchts zu sagen, so wenig wie das Judentum. Aber fürdas friedliche und freundliche Zusammenleben der. Religionen wäre es doch viel besser, wenn uns von der-christlichen-Lehre, nicht von vornherein in der kränkendsten Weise abgesprochen werden würde, daß wir selig werden können. Das Christentum .würde sich mit der Abschaffung dieser judenfeindlichen Lehre nicht das Geringste vergeben, sondern einfach zur Lehre Pauli zurückkehren. Das Kapitel 11 des Briefes Pauli an die Römer fährt in Vers 2 fort: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor erselien hat.“ Hält man also die. beiden Stellen Kap. 5 Litwa. Von Karl IJurkcrt.' Es ist ein schmutziges Dorf in Russisch-Polen. Eine ganz goldene Kirche ist darinnen, die eigentlich gar nicht hierher paßt. Heiß wurde um das Huri gekümpit. Doch die Deutschen haben's genommen. Jetzt wellt die Flagge des Roten Kreuzes vom Kirclidach. Heu ist in dieser Kirche aufgeschüttel. Heu und reines Stroh. Das Kirchgcstühl liegt draußen unter dem offenen Himmel, dörrt in der sengenden Mittagsliilze. wird beträufelt vom Tau der Nacht. Weißes Linnen ist über das gelbe Stroli gespreitet, reines, weißes Linnen. Aber da und dort ist ein großer blutiger Fleck zu sehen, oder die Spur von einem Schmierstieiel. Verwundete Soldaten liegen in der Kirche. Zwei lange Reihen. Eine hüben, eine drüben längs der Kirehwand. -Wimmern und Stöhnen hört man. Manchmal ein Bröcklein von einem lelzteii Scuizcr. Jetzt lächelt einer. Dann wieder sinken einem traurig die Augen zu. Und dann sieht man einen schwarzen Engel neben ihm stehen, düster und feierlich. Altäre sind in dieser Kirche."mit schlanken, goldigen Leuchtern vor verräucherten Heiligenbildern. Sanite Madonnen lehnen, wie träumend, in den halbhellen Nischen.” Blütensträiille. bald frische, bald welke, haben sie zu ihren Füßen liegen. Zuweilen des Nachts blinzt durcli das zerschossene Gewölb .des Chors ein Stern herein. Ein ganz ferner, reiner Himmclsstcru. ln die Soldatenherzen senkt er seinen süßen Trost. Ein deutscher Arzt wirtschaftet in der Russenkirche. Nein, nicht so! Frist noch nicht abgestumpft von seinem Berui. Mehr einem -Legendenritter gleicht er. Tag und Nacht kämpft.er mit allen Waffen der Wissenschaft gegen den hundertfachen Tod, der immer wieder solch ein frisches, junges Soldatenleben fressen will. Glieder sägt er, verstopft und verbindet Wunden. All das starke, brausige Leben möchte er retten. Die Schmerzen sucht er. so gut es geht, zu lindern. Den Schlafenden blickt er prüfend ins Gesicht, »zu den Wachenden spricht er mitunter ein munteres, auch derbes Wort. Ein deutscher Piarrer. mit einem schönen Einsiedelbart, geht zwischen den Lagern der Soldaten umher, weilt hier, weilt dort. Mitunter beugt ersich tief hernieder auf ein bleiches Antlitz. Oder er kniet gar und schreibt einen Brief, einen letzten herzroten Wunsch auf einen Block. Mit feinem iel.ör nimmi er die leisen, vergehenden Worte von den in i E teil Lippen. '.Manchmal, wenn vorne die Kirchcnpiorte sich auftut, ruii. eu eia paar alte Walliahrtsiahnen. wie iin Traum bewegt, ihre verblichenen, seidenen Quasten. ■— Aber was wäre das alles ohne Litwa? Litwa ist ein junges, jüdisches Mädchen von der preußischen Grenze. Zur freiwilligen Krankenpflege ist sie hierher gekommen. Sie hat wunderschöne, korugelbe Haare. Sie hat einen kleinen, süßtraurigeu Mund. Ihr Herz ist ein stilles, gramvolles Kämmerlein. Aber in jedem Herzwinkel - funkelt es wie lauteres Gold. Die Soldaten nehmen sie nicht für ein gewöhnliches Mädchen: sic glauben, sie sei ein Engel. Von Liiwas Schläfe duftet immer ein Frühling, mit blauen Veilchensträußen und gelben Primeln. Ein unsichtbarer, verhohlener Frühling. Ein Frühling, den man nur ahnen kann. Ihre- . Schritte sind leise wie Vogeltritte. Man denkt kaum, daß diese Füße den Boden berühren., Sic scheinen nur immer zu schweben. ' - Fort und fort hat Litwa alle Hände voll zu tun. Sie rückt Kissen zurecht. Sie trägt Speisen. Sie mißt Temperaturen, ordnet Verbünde, die sich verschoben haben. Und noch andere hundert Dinge verrichtet sie. Auch Brieic muß sie schreiben. An die Bräute der Soldaten. Briefe mit Küssen darinnen. Mit so viel heißen Küssen darinnen, als man dem alten Pfarrer denn doch nicht auftragen möchte. Daneben läuft sie noch hinaus in die granatenzerwühlten Dorfgärten und holt dicke, lachende Blumensträuße herein. Für die Soldaten, daß sie sich ircucn können. Litwa hier, dort und überall. Litwa geschäftig bei Tag und bei Nacht. Wann schläft Litwa eigentlich? Manch einer von den Soldaten hat darüber nachgesonnen. Hatte sich's vorgenoinmen. sie bei nächster Gelegenheit darum zu fragen. Einmal zu später Nachtstunde iragt sie der Arzt: „Litwa, wollen Sie jetzt nicht ein bißchen schlafen gehen?” Lächelnd bewegt sie den feinen Mädchenkopf: „Nein, ich bin gar nicht müde.“ Nun. das ist wohl nicht wahr. Man sieht es ihr an. wie sie erschöpft ist. Ihr Gesicht ist bleich wie der Mondschein, der durch die hohen Fenster der Kirche geistert. Und ein Leutnant liegt da, von der Petersburger Garde. Er hat einen schlimmen Bauchschuß weg. Keine Hoffnung mehr. Er weiß es selbst am besten. Ungeheure Schmerzen toben in ihm. Er beißt die Zähne zusammen. Er schämt sich, zu wimmern wie ein Knabe. Schon eine ziemliche Weile blickt er mit schrägem Kopf nach dein müden Mädchen hin. Er bekommt ganz wehe Augen dabei. Jetzt öffnet er klein die Lippen: „Doktor —“ sagt er hauchleise. ..Sie •wünschen?“ — Der Offizier hebt ein wenig den Kopf: „Doktor... ich bitte Sie.... das Kind dort!... Bitte, schicken Sie das Kind jetzt.endlich zur Ruhe!“ .. . . ' Da zupft der Arzt das Mädchen ein bißchen an der Schulter: „Hören Sie es, Litwa? Es leidet keinen Auischub mehr. Gute Nacht denn!“ Da schreitet sie noch einmal durch die Reihen der Verwundeten. lächelt hierhin und dorthin, grüßt mit ihren weichen Augen alle, die noch wach sind, segnet im Herzen die Schlafenden, und dami schwindet sie wie ein Hauchbilddurch den Spalt der Türe. In einer schlechten Lehmhütte, nicht weit von der Kirche, schläft Litwa. In einer dürftigen Kammer. Zahllose, friedsame Sterne wandeln in währender Nacht über diese Arniutsliütte hin. Aber Litwa hat dennoch schreckvolle Träume: Von Dörfern träumt sie. die zum Nachthimmel fackeln. Von trunkenen Kosakenhorden, die das bißchen Hausrat zerschlagen. Von einer Frau im Schulbrunnen. Einer Frau, die ihre Mutter gewesen ist. Von ihrem Vater, der mit starren Augen uui dem blutbesudelten Teppich in der kleinen Kantorstubc. liegt. Der Mund steht ihm noch offen. Von den zwei wehen Worten, mit denen er seine Seele ausseufzte:'„Schina Jisroel!“ Und der Ringfinger fehlt ihm an der rechten-Hand. Der Ringfinger — oh! — Angstvoll stöhnt Litwa im Traum. Wenn des Morgens die Sperlinge in den Ki’rchHnden zu schilpen beginnen, ist Litwa schon wieder munter. Dann tätig wie alle Tage. Heute hilft sie drei Tote begraben. Sic legt ihnen frische Blumen auf den- Hügel. Alle Tage geht es mit einem oder mehreren zu Ende. Der Doktor weiß es so ungefähr, wer jeweils mit dem Sterben an der Reihe ist.' Litwa weiß es so ziemlich auch. Kummervoll tritt sie heute immer wieder an das Lager von Aljoscha. Aljoscha ist ein Kosak. Den ganzen Tag liegt er nur noch bei halbem Bewußtsein, ißt nicht, trinkt nicht, spricht nicht; starrt nur fortwährend empor zu den Wölbungen des Kirchenschiffes. Ein düsteres Bild ist dort zu sehen. Eine grelle Malerei. Hin und wieder scheint Aljoscha mit den Augen zu winken, -Tritt man herzu, fragt man nach seinem Begehr, bekommt man nie eine Antwort. Seit fünf Tagen liegt der Kosak auf Leben und Tod. Und noch immer w® er sich nicht fügen. Freilich, bis solch ein Riese einsieht,' daß es sein muß, daß sein Leben dahin ist. und bis er endlich klein beigibt! An einer Steinsäule lehnt Litwa, schaut fort und fort zu ihm hinüber. Und über dem muß sie an Vater und Mutter denken... Sie überlegt. Aber nein: Aljoscha tat das nicht! Er hat so gute Augen! Augen fast wie ein Kind! :— Warum er wohl nie verlangt hat, daß man Briefe für ihn schriebe? Briefe