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Jüdisch-liberale Zeitung · 1933-01-01 · 19 (1.1.1933) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
19 (1.1.1933)
Date
1933-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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jüdische Darlcliuskassun, die unter der Leitung der Herren Dipl.-fng. Brunn-Wo yd a und Dr. K r e.u t z b e r g e r die erforderlichen Arbeiten nutgemmunen hat. Hezirksdarlehnska'ssen werden errichtet, um den Juden der kleinsten Gemeinden eine wirksame Hilie zu bringen. In den letzten Monaten sind die iieinüliungen der Zentralstelle um den Aus- und Umbau der bestehenden und um die Errichtung von neuen jüdischen Uarleliuskasseu von. mannigfachen Erfolgen begleitet gewesen. In-Oberscblesieu und Brandenburg,' in Nord- und Südbayern, in Leipzig, Erfurt, Hamburg. Chemnitz und vielen anderen Orten und Landesteilen sind die Vorarbeiten so weit gefördert. dali die Vermittlung voil Krediten und der Ausbau der Uarleliuskasseu vor-dem Abschluß stellen oder bereits durchgeführt werden konnten. Wieso Cs kam, dali die Zentralstelle für jüdische Uarlehns- . kassen in den Stand gesetzt wurde, diese praktische Arbeit zu leisten, darüber wird weiter unten im Zusammenhänge mit der Foundation noch zu sprechen sein. Das bisher Gesagte aber zeigt: überall werden neue Wege beschritten, um den jüdischen /Mittelstand vor dem gänzlichen Erliegen zu retten, um Existenzen neu auizubauen. um die Gemeinden instandzusetzen, ihren bedrohten Mitgliedern produktive Hilfe zu bringen. III. Es leuchtet wohl ein, dali nichts verfehlter wäre, als gerade jetzt, da mau froh sem darf, das Stadium des bloßen Tlieoretisierens hinter sielt zu haben, einen theoretischen Streit vom Zaune zu brechen und damit die segenvolle praktische Arbeit der IJarlelmskassehzentrale zu sabotieren. Noch viel schlimmer aber; ist es, daß man bei diesem Streit, der. wollte man ihn ‘überhaupt für zulässig erklären, nur ein rein wirtschaitstheoretischer sein könnte und folglich nur rein sachlich geführt werden dürfte, die Empfindung nicht los wird, als ob sich hinter den mehr oder weniger sachlichen Argumenten, die ja, praktisch gesehen, sich als Störungsversuclie der jetzigen Arbeit darstellen, ganz andere Motive und z. T. höchst persönliche Aspirationen verbergen. Gewiß, iiiiin kann auch die Frage Genossenschaftsbanken oder Darlelinskassen irein sachlich 'erörtern. . Das ist früher oft geschehen. Wer die Dinge verfolgt' hat, weiß: die Dar- Ichnskasscn sind seit Jahren allseitig gefordert worden, auch; sie können aui genossenschaftlicher Grundlage errichtet Werden, in gewisser Weise sind die jüdischen Gemeinden, die ja nichts anderes als die Vereinigungen ihrer Mitglieder sind, selbst Genossenschaften, mau kann die bei ihnen gebildeten Darlelmskassen als Genossenschaftsdarlehnskassen führen, und, alles in allem, darüber waren sich bis vor kurzem alle einig, die Darlehnskassc ist die modernste, zweckmäßigste; weil produktive Ergänzung der Wohlfahrtspflege. Aber seltsam: in dem Augenblick, da die Arbeit am Ausbau der Darlelmskassen ihre ersteh sichtbaren Erfolge zeitigt, ist das alles gar nichts; plötzlich sind Darlelmskassen nur noch eine bürokratische. Form überlebter Philanthropie, wie sie die rückständigen, verkalkten Liberalen bevorzugen. Der Zionismus allein in seiner Modernität, kann (wie immer!) die Rettung bringen: er hat, wie Columbus Amerika, die Genossenschaftsbanken entdeckt. Verelirte Herren, wer hat Sie eigentlich früher, vor dem Ausbau der Darlelmskassen, daran gehindert, den bedrängten Glaubensgenossen durch Gründung von Genossenschaftsbanken zu helfen? Darlelmskassen, früher auch von Ihnen gefordert, sollen bürokratisch sein? Wir hätten einer gewissen jüdischen Genossenschaftsbank, u. a: in einem gewissen Falle, ein bißchen von der büromäßigen Korrektheit der Darlelmskassen gewünscht! Und die jüdische Genossenschaftsbank sei eine zionistische Erfindung? Ach nein. An .der Spitze der ersten jüdischen Genossenschaftsbank stehen, neben Angehörigen aller Parteien, vorwiegend Liberale, an der Spitze der „Gesellschaft zur Förderung des Genossenscliaitsgedankeiis ufiter den Juden in Deutschland“ steht Direktor Dr. Klee man n. Und mit Nennung des Namens dieser Gesellschaft können wir den Streit um die Einzelheiten verlassen und zu der ganzen Frage das Grundsätzliche sagen. Oder vielmehr Dr. Kleemann hat im Namen dieser Gesellschaft das Grundsätzliche gesagt —: wir zitieren einen Bericht der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ Nr. 46(47 vom 25. November 1931 über eine Pressekonferenz, die die eben erwähnte Gesellschaft am 10. November 1931 veranstaltete; es heißt da: „Direktor Ktcemann betonte einleitend, daß er nach wie vor ein Gegner spezieller jüdischer Kreditgenossenschaften sei, und zwar nicht nur aus politischen Gründen, weil er die immer weiter um sich-greifende- Selhstisolierung der Juden bekämpfe, sondern ebensosehr aus -wirtschaftlichen Gründen, weil mit Genossenschaften auf konfessioneller Grundlage, auch katholischer uder evangelischer, die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht worden sind. Lediglich in Berlin mit seinen 231) DOi) Juden lüge die Sache anders; hier sei genossenschaftlicher Zusammenschluß der Juden untcrein- . ander möglich und könne nach Meinung des Herrn. Direktor Kleemaun sogar im Hinblick auf die Parteiverhältnissc in der Gemeinde befriedend und überbriiekeud wirken: auch batten die bisher in Berlin bestehenden beiden Kreditgenossenschaften sich bestens bewährt. Draußen im Reiche über liegen die Dinge völlig anders. Die Gesellschaft zur Förderung der genossenschaftlichen Bewegung unter den Juden hat daher auch keineswegs das Ziel, ln den verschiedenen Städten Jüdische Kreditgenossenschaften -zu gründen. sondern sic beabsichtige vielmehr, die deutschen Juden, die in der Hauptsache dem Mittelstände angeboren, für den Genossenschaftsgedanken zu erziehen. Wo es geht, sollen die Juden sich den vom Staate geförderten allgemeinen Genossenschaften anschlleßen, von denen es 22 000 in Deutschland gibt. Die Gesellschaft wolle die jüdischen Mittelslandsangehörigen beraten, insbesondere darüber, welche allgemeinen Genossenschaften für ihren Beitritt in Betracht kämen. Die Gesellschaft wird die Zugehörigkeit von Juden zu allgemeinen Genossenschaften registrieren und die Bewegung überwachen. Es sei zu hoffen, daß die bereits bestehenden jüdischen Genossenschaften später einmal von der allgemeinen Bewegung aufgesogen werden, denn 'die gesunde Grundlage jeder Kreditgemeinschaft sei gemeinsames berufliches oder wirtschaftliches- Interesse, und es liege auf der Hand, daß Innerhalb eines wirtschaftlichen Gebildes, wie es Jede .Genossenschaft Ihrem Wesen nach sein muß, der konfessionelle Zusammenschluß ein Fremd- ‘ körper Ist.“ Diese Anschauungen des Herrn Dr. Kleemann dürften wohl diejenigen aller wirklich Sachverständigen sein, und die deutschen Juden haben — von den ganz großen Städten wie z. B. Berlin mit seinen besonderen Verhältnissen abgesehen —‘ weder nötig, sich durch Gründung separater Genossenschaftsbanken, also durch Meidung ihrer zuständigen Berufsgenossenschaften; immer weiter zu isolieren, noch brauchensie sich sehenden Auges die traurigen Erfahrungen auf den, Leib zu holen, die nach Dr. Kleemanns Ausführungen andere konfessionell, und d. h. wirtschaftsfremd orientierte Genossenschaftsbanken längst gemacht haben. IV. Nein, es war wahrlich nicht nötig, den Arbeitern am Ausbau der Darlehnskassen durch einen längst erledigten theoretischen Streit just in dem Augenblick in -den Arm zu fallen, als diese Arbeit nicht nur aus dem Stadium der Theorie, sondern sogar aus dein der Vorbereitung und Bemühung heraus war und die ersten sichtbaren Erfolge sich zeigten. Aber auch die Gegner ließen es bei Theorie und Bemühung nicht bewenden, auch sie gingen zur Praxis über, und dafür das geeignetste Mittel schien ihnen offenbar die journalistische Denunziation; wie wir noch sehen werden, sogar die Denunziation vor dein Ausland. Natürlich darf und kann man nicht behaupten, daß ein Zusammenhang besteht — aber doch kann und darf und muß man die Tatsache feststellen, daß zur selben Zeit, zur selben Zeit, als der Hauptgegner der Darlelmskassen, Direktor Kareski, seinen theoretischen Aufsatz über die oben erwähnte Streitfrage in einem deutschjüdischen Blatte veröffentlichte, ein Redakteur eben dieses Blattes, Herr Esriel Ca rieb ach, sich, freilich in einem anderen, in-einem polnischen (!) Blatte zu der Behauptung verstieg, die jüdischen Gemeinden in Deutschland hätten das ihnen für die Gründung und den Ausbau der Darlelmskassen aufgedrängte Geld gar nicht nehmen wollen! Wie kommt man zu solch ungeheuerlicher Behauptung? Richtig ist, und das hängt jwolil mit dem vielbeschrieenen „Bürokratismus“ der Darlelmskassen zusammen, daß die Gelder nicht leichtfertig, daß sie punkten gegeben, und daß-die festgesetzt, die Möglichkeiten nacli geschäftlichen Gesichts- Bedingungen der Rückzahlung der Rückzahlung geprüft wer- 4m i.-'üü;4 . A«t •NfeV Lily H. Montagu (London), die Ehren-Sekretärin des Weltverbandes für liberales Judentum, gründete kürzlich in der Tschechoslowakei, in Ungarn und Oesterreich liberale Landesorganisationen. (Vergl. die Berichte in der „Jüdisch-liberalen Zeitung" ' Nr. 15 vom 1. 11. 1932 und Nr. 16 vom 14. 11. 1932.) den. Und es wird niemanden geben, der das nicht in der Ordnung findet, zumal die Foundation das Geld nicht etwa als Geschenk, als Spende gibt, sondern als Darlehen, für dessen Rückzahlung bestimmte Bedingungen festgesetzt wurden. Ueber diese Bedingungen mußte verhandelt werden, und nicht jede Gemeinde konnte sie erfüllen; vielleicht kam es wegen dieser Bedingungen sogar einmal zu einer Ablehnung. Was aber schreibt Herr Carlebach? Wir. zitieren aus der in Warschau (!) erscheinenden jiddischen Zeitung „Hajnt“ (Nr. 233, November 1932) einen Artikel, dessen Ueberschrift lautet: „Es'riel Carlebach: Eine Geschichte mit polnischen Jolnt-Geldern. Fünfzigtausend Dollar, gesammelt für Polen, werden unter deutsche Gemeinden verteilt. — „Jehudlm“ behaupten, sie brauchen nichts, sie hätten genug.“ . Es heißt da im Text u. a.: „In einigen der größeren Gemeinden entstand aber bei der Vorlage des Joint-Proiektes eine charakteristische Diskussion: Es habensich nicht wenige gefunden, die behaupten, daß -sie das Geld ■ überhaupt nicht brauchen. Man hat dort eigene Kassen, die schon irgendwie der Not beikommen können, und es gibt noch alte Fonds aus einstmals guten Jahren, und wenn man das Geld vom Joint annehmen würde, so würde, man damit nur eine Schuld, eine Last der Gemeinde aufladeni - Man wird sie zurückzahlen müssen, das Geld' wird dann unter Juden verstreut sein, die nicht imstande sein werden. es abzuzahlen, —• kurz die Gemeinde wird es aus eigener Tasche zahlen müssen.das lohnt nicht .....“ Daß sich eine Zeitung fand, die derartiges überhaupt druckte, ist schon traurig genug; wie es aber zu bewerten ist, daß ein deutscher Journalist, ohne sich auch nur vorher bei den zuständigen Stellen zu informieren, derartiges in einer polnischen Zeitung schreibt — darüber kann es wohl unter gebildeten Menschen keinq, Meinungsverschiedenheit geben; höchstens könnte man fragen, ob — da doch das jüdische Wirtschaftsleben in Deutschland ein Teil des gesamtdeutschen Wirtschaftslebens ist — in einer Darstellung, als werde dieses Geld hier gar nicht benötigt, nicht der gleiche Tatbestand vorliegt, den man in der Politik als Landesverrat bezeichnet; mögen die Juristen das untersuchen; wir können es nicht behaupten. V. Das Unglaubliche und in der Geschichte der jüdischen Journalistik bisher wohl Einmalige ah Carlebachs Vorgehen nämlich ist der Versuch, die Juden anderer Länder gegen die deutschen Juden aufzuwiegeln. . Schon in der oben wiedergegebenen Ueberschrift ja spricht Carlebach die Behauptung aus, es wären 50 000 Dollar, die ursprünglich für die polnischen Juden gesammelt seien, unter die deutschen Juden verteilt worden. Im Artikel selbst behauptet er, die betreffenden deutschjüdischen Stellen hätten sich das in Deutschland bestehende Ausfuhrverbot für Geld zunutze gemacht, hätten nicht einmal den Versuch zur Erlangung einer Ausfuhrbewilligung unternommen, geschweige, denn abgewartet, bis das Ausfuhrverbot fällt. Nein, sie hätten es den Gemeinden gegen deren Willen aufgedrängt. Der Aufsatz, dessen Ton schon charakteristisch genug ist, beginnt folgendermaßen: - ‘ .. „Ein merkwürdiges und schreckliches Gerücht: Soeben ist Herr Dr. Bernhard Kahn aus Polen zurückgekehrt und hat die dortigen führenden jüdischen Persönlichkeiten in größter Unzufriedenheit gelassen durch die Erklärung, daß er den jüdischen Forderungen nicht nachgeben könne, da er nicht-über die nötigen Mittel verfügt, — und da wendet sich derselbe Jointmit -der flehentlichen Bitte - an die: deutschen Gemeinden, ihm nicht mehr und nicht weniger als — 50 0U0 Dollar abzunehmen! Wie streng geheim bekanntgegeben wird, ist der Sachverhalt folgender: ' Beim Joint in Berlin ist ein Betrag von 50 000' Dollar ver- blieben, der aus Amerika gekommen ist. Das Geld war für Polen bestimmt und hätte schon vor längerer Zeit verteilt werden müssen.“ Alles dies schreibt Herr Carlebach in einer polnischen . Zeitung, ohne sich vorher zu informieren, dann fragt er noch: „Weiß die amerikanische Oeffentlichkeit davon?“, und dann — muß er alles wieder zurücknehmen; denn, wie die Zentralstelle für jüdische Darlelmskassen öffentlich erklären;' konnte, handelt es sich erstens nicht um den (amerikanischen) Joint, sondern um die Foundation, die Kooperative des Joint und der Ica; und zweitens handelt es sich nicht um Gelder, die vorher für Polen bestimmt gewesen und dann den deutschen Zwecken zugeführt worden wären;_und drittens ist der Beschluß, die 50000 Dollar für das jüdische Darlehnskassenwesen in Deutschland zur Verfügung zu stellen, nach langen Vorverhandlungen mit den leitenden Direktoren der Foundation, Dr. Bernhard Kahn (Berlin) und Dr.LouisOungre (Paris) in einer, öffentlichen Sitzung des Council der Foundation in London am 26. Juni 1932 gefaßt und alsdann von der gesamten jüdischen Presse aller Länder bekanntgegeben worden! Die p o 1 n i's c h e n Vorstandsmitglieder der Foundation haben, wie Herr Carlebach selber zugeben mußte, an diesem Beschluß mitgewirkt! Auch die amerikanischen -Vorstandsmitglieder der Foundation haben ihre Zustimmung gegeben. VI. - Hatte inan aber geglaubt, Herr Carlebach werde den-nun Unvermeidlich gewordenen Widerruf seiner ungeheuerlichen Beschuldigungen — er selbst muß von ihrer „Haltlosigkeit" Entwurzelt. Novelle von H e d w i g R i e s. Aus dem Tor der Universität trat ein großes, schönes .Mädchen mit sichtlichen1 Zeichen von Aufregung und zornglülienden schwarzen Augen. Ihr zur Seite ging ein blonder junger Mann, der eifrig auf sie einsprach. „Ursula, warufii mußtest du diese Kannibalen herausfordern. gerade du?“ „ ...la. gerade ich! Weil ich Unrecht hasse, weil ich Brutalität nicht ertrage, am wenigsten von den sogenannten „Spitzen der Nation“, weil ich von deutscher Ehre und Würde zu hoch denke. Und weil man meinem dunklen Kolorit das Deutschtum- und das Christentum nicht glaubt unO sich heruusnimmt, mich zu beschimpfen.“ „Lasse es dir genügen, daß ich in dir die beste deutsche Christin, den herrlichsten Menschen verehre, Ursula! Und lasse mich für dich kämpfen.“ Gruppen von Studenten, mit Käppi und Abzeichen, schritten an ihnen vorüber und höhnten Ursula und'ihren Begleiter mit frechen Redensarten. Da packte den jungen Mann eine ließe Wut; er sctilug. den nächsten der Schreier zu Boden, ergriff Ursulas Hand und riß sie auf die Straße, in ein vorüberfahrendes Auto. Das' Werk weniger Sekunden! Aber dieses Vorkommnis schnitt in die Seele des Mädchens einen tiefen Zwiespalt und zeitigte einen neuen Willen. Was war geschehen? Einem armen, kleinen, von Rohlingen beleidigten jüdischen Studenten hatte sie mit flammenden Protestworten beigestanden und dafür selbst unerhörte Beschimpfungen erlitten. Man hielt sie für eine Jüdin, und dies mit Recht. Denn Ursula war von ihren Elfem als kleines Kind der Taufe zugeführt worden. Nicht ohne inneren Kampf der Eltern war. das geschehen, denn es lebte in ihnen die Erinnerung an ihr jüdisches Elternhaus; sie wußten aber auch, wie schwer es ist, Jude zu sein, und meinten — gleich vielen verblendeten Eltern jener Zeit — durch die Taufe ihrem geliebten Kind - das Tor zum Glück des Lebens öffnen zu können. Ursula kannte kaum jüdische Menschen, denn ihre Eltern hatten sie konsequenten Willens allem Jüdischen entzogen. Nichts wußte sie von Familie, Vergangenheit, Geschichte, Lehre und jüdischem Sein. Sie selbst hatte bisher keinen Wert darauf gelegt, bis der wüste Antisemitismus auf allen Gebieten und besonders dieses letzte Vorkommnis ihr diese Fragen iialicbrachte. Nun hieß es Stellung nehmen. Es stand in ihr fest, daß es hier mehr zu tun gab, als zu protestieren. Wissen mußte man, erkennen, urteilen, auf den Grund der Dinge stoßen, auf die Ursache solch eines brutalen Hasses. Vor allem mußte man von. den Menschen etwas wissen, denen dieser Haß galt. -Dazu trieb es sie in der Klarheit ihres Wesens und ihrem Gerechtigkeitssinn. Nur ein Deukvorgang war dieser Wille, hoch regte sich nichts in ihrem Blute, ihrem Gefühl. Noch schlief ihr angeborenes Ich. Sie ging in die Lesesäle und wählte Bücher aus der jüdischen Gedankenwelt und Kultur. Sie hörte Vor-' träge und Vorlesungen in den jüdischen Akademien und Geistes Vereinigungen. Welch eine Welt, welch eine feine Geisteskultur eröffnete sich ihr! So kam sie endlich in eins der großen, schönen Gotteshäuser, an einem Sabbat in der großen Festeszeit der Juden. Dort stand ein -junger Geistlicher mit den traurigen, klugen Augen, .die vielen Juden eigen sind und vom Leid der Jahrhunderte zu sprechen scheinen. Er verkündete die; Mission Israels, schloß die Menschheit in den heiligen Segen ein und erflehte Frieden für Israel und alle Menschen. Erschütterten Gemüts ging Ursula zu dem Manne, der ihre Seele aufgerüttelt hatte und bat, ihn aufsuchen zu dürfen. Er wurde ihr Lehrer und Berater in ihrer Gewissensnot. Und nun war es nicht mehr das Denken allein, das sie zum Kennenlernen des Judentums zog;;der Gesang ihres Blutes erklang, sie fühlte ihre Herkunft aus dem Märtyrervolk der Jahrtausende, ihre Verbundenheit und Gebundenheit an diese ihr künstlich ferngchaltene Menschengemeinschaft. — — Und langsam verblaßte das. Bild ihres blonden Freundes und Studiengenossen, und ein anderes Mannesbild stieg in ihrem Herzen und ihren Zukunftsbildern auf. Die-Kämpfe begannen: mit den Eltern, dem Freunde, mit sich selbst! Ihr junger Lehrer hatte alles Persönliche streng ferngehalten. Er wußte, daß ihre Eltern sich gegen diesen heuen Weg leidenschaftlich sträubten, daß Ursulas Zukunft in Gefahr war. Er fühlte, daß das Mädchen sich' ihm innerlich - näherte, .und er fürchtete - für ihre Ruhe. Kalt und streng bat er sie, den Unterricht aufzugeben, nicht wiederzukommen, da gerade er als guter Jude die schwere Verantwortung nicht auf sich nehmen, nicht helfen wollte, das heilige Band zwischen Eltern und Kind zu zerreißen. Aber Ursula kam wieder, verlangte von seinem reichen Wissen und . ersehnte seine, aclj nur seine Nähe! Es kamen Augenblicke, da der Mann auch für seine Ruhe fürchtete! ln Erkenntnis der Gefahr verweigerte er von neuem den Unterricht, ließ sich verleugnen, als sie trotzdem wiederkam. Ursula schrieb ihm: „Ich wage einen schweren Schritt. Stützen Sie mich! Sie haben mir die seelische Heimat wiedergegeben, aus der mich meine Eltern in Irrtum und Verblendung vertrieben .haben. Man wollte mich den Nöten und Konflikten des jüdischen Seins entreißen, aber die Nöte und Konflikte sind zu mir gekommen. Wohin gehöre ich? Was in mir gewachsen ist. war nur verschüttet. Sie haben es aufgedeckt. Ich habe meinen Eltern erklärt, daß ich in das Judentum zurückverlange, daß mein Judentum mich zurückverlangt. Ich muß Sie sprechen! Empfangen Sie mich heute!“ Als Ursula kam, fand sie den jungen Lehrer bleicher als sonst. Ernst redete er sie an: „Vermeiden Sie den Bruch zwischen Ihnen und Ihren Eltern. Bitten Sie Ihre Eltern. Ihren Entschluß zu achten

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