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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-12-15 · 18 (15.12.1932) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
18 (15.12.1932)
Date
1932-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Aktive und passive Judenpolitik. Eine Buchbesprechung und ein Protest von Rechtsanwalt SCeindch Steen. Genau am Taxe der letzten Reichstagswahl erschien eine etwa 30 Seiten starke Broschüre des bekannten zionistischen Führers Max Kollenscher unter obigem Titel. Indem ich mir Vorbehalte, mich mit dieser Broschüre an anderer Stelle noch .ausführlich auscinunderzusetzen, will ich liier nur zu einigen Punkten der neuesten Aeußcrungen des Herrn Kollenscher Stellung nehmen. .11.. Zunächst ein Wort der Enttäuschung. Die Broschüre enthält nichts Neues, obwohl sie selbst in der Einleitung erklärt, dal! sie den deutschen Juden eine neue geistige Haltung predige. Sie fallt, und das ist vielleicht ein Verdienst, in klarer unmißverständlicher Weise die Stellungnahme .der deutschen -Zionisten zu gewissen politischen Problemen so zusammen, daß auch der Laie, der nicht aufmerksam die zionistische Presse und Literatur verfolgt, über die Meinung im zionistischen Lager belehrt wird. Für den aber, der die „Jüdische Rundschau" und gewisse politische Schriften und Reden der zionistischen Führer seit Jahren aufmerksam verfolgt, ist.die Broschüre von bedauerlichem Mangel an neuen Ideen. Alles altes Rüstzeug aus dem Arsenal der zionistischen Partei, auch da, wo es schon stumpf geworden ist. - -III. Mit den historischen Ausführungen des Herrn Kollenscher werde, ich mich an anderer Stelle beschäftigen. Sie sind nach meinem Dafürhalten von geradezu erschreckender Unrichtigkeit, zum mindesten von außerordentlicher Einseitigkeit. Die übliche Mode-Darstellung der seligen Zeiten im Ghetto und des Danaergeschenks der Emanzipation wird mit einer Selbstverständlichkeit wiederholt und so mit historischen Belegen ausgestattet, daß ein absolutes Zerrbild entsteht. Wenn ein deutscher Jude das Wort prägt, daß die Emanzipation von den Juden nicht gefordert worden ist (I). heut, drei Jahre nachdem die ganze jüdische Welt die Persönlichkeit Mendelssohns gefeiert hat, so ist das allerdings etwas stark. Im übrigen ist cs billig, die glücklichen Zeiten vor der Emanzipation zu preisen, wenn man sicher ist. daß, wie auch immer die politische. Lage sich wenden möge, die Zeiten des Ghettos nicht wiederkehren können. Ob aber es gerade einem Anwalt gut anstcht, vom jüdischen Gesichtspunkt aus die Konzentration der Juden auf wenige Berufe, als ein Glück für diese zu preisen, das ist schon nicht mehr eine Frage der historischen Betrachtung, sondern des politischen Taktes. IV. Auf die sehr naheliegende Vorhaltung an Herrn Kol-' leuschcr, der ja auch Mitglied des Vorstandes der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland ist. ob er es für politisch klug hält, gerade in der heutigen Zeit derartige Anschauungen wieder vorzutrageu, möchte ich verzichten. ' An dem politischen Fingerspitzengefühl des Herrn Kollenscher habe ich bereits verzweifelt, als er vor einigen Jahren sein altes Posener Buch wieder herausgab. Damals habe ich ihm persönlich gesagt und auch geschrieben, daß. so .wie er 1918 in Posen gehandelt hat, als er die Juden als „neutral“ zwischen Deutschland lind Polen hinstclltc. man vielleicht in einer Stunde der Not und Verzweiflung handeln, könnte; daß man sich aber nach Jahren noch rühmend darauf berufe, das liege außerhalb meines Verständnisses. Ebenso steht es-mit der heutigen Schrift.’ Ich kann verstehen und muß cs (ohne seiner speziellen fachlichen Tüchtigkeit hierbei entgegentreten zu wollen) mit Bedauern hinnchmen. daß ein Mann, der jahrelang Vorsitzender des Schulvorstandes der Gemeinde Berlin war, es für sciiic Person vermeiden will, den Anschein zu erwecken, „als spreche aus ihm die deutsche Volksseele, als wäre er mit dem deutschen Volkstum zu. einer Einheit verbunden“ (S. 22); daß er aber beute diese Einstellung für alle Juden als gegeben hinstellt und drucken läßt, das ist eine politische Verantwortungslosigkeit. die ich ihm niemals zugetraut hätte und gegen die wir auf das allerschärfste und entschiedenste Protest cinlegcu müssen. V. Auch die Einstellung Kollenschers Zu den politischen Parteien bedürfte einer erheblich längeren Darlegung. Es ist sonderbar, daß Kollenscher auf Seite 11 behauptet, daß die induvidualistische Auflassung des politischen Liberalismus keine jüdische Weltanschauung ist, und daß er auf Seite 15 behauptet, innere Beziehungen des Judentums zum Sozialismus bestehen ebensowenig wie zum Liberalismus. Das Judentum ist also nach seiner Ansicht weder individualistisch noch sozialistisch. Geradezu grotesk aber ist es, daß Kollenscher, bekanntlich einer der Führer der jüdischen Zentrumswählef, z.war den Liberalismus wegen seines Individualismus; den Sozialismus wegen seiner „dem Judentum völlig fremden Wirtschaftslehre“ preisgibt, wohl aber auf Seite 29 sich mit Parteien abfindet, bei denen der „christliche Staat“ eine Grundlage ihrer Weltanschauungen bildet Offenbar entspricht nach seiner Ueberzeugung ein derartiger christlicher Staat dem Judentum und seinen Lehren mehr als die Lehre von der Freiheit des Individuums, von der sittlichen Kraft der Einzelpersönlichkeit einerseits und von der Gebundenheit des Privateigentums andererseits, wie sie ihren klassischen Ausdruck in dem biblischen Erlaßjahr gefunden hat. Der Berliner pflegt zu sagen: „Das liegt im Auge des Beschauers.“ VI. Können wir die vorliegenden Einwände zunächst nur kursorisch streifen und uns eine nähere Auseinandersetzung Vorbehalten, so müssen wir einmal mit einer' ändern Gruppe von Einwänden uns ernsthafter beschäftigen.- ■ Da ist zunächst die berühmte These vom Primat des” Judentums. Hiervon wird sehr oft gesprochen, ohne daß jemand recht weiß, was es eigentlich ist Kollenscher klagt, daß wir auf den Primat des Judentums infolge der Emanzipation Verzicht geleistet haben. Ich habe persönlich noch niemals das Geiühl gehabt, daß ich den Primat des Judentums in mir aufgegeben habe. In allen Dingen, welche das Judentum ergreifen will und ergreifen soll, hat es in meiner Seele das Vorrecht. Die geheime Zwiesprache des Menschen mit dem Ewigen, die Einstellung zu den „letzten Dingen“, die sollen wir in der Tat von unserer jüdischen Lebensquelle befruchten und bestimmen lassen. Ob Herr Kollenscher das tatsächlich tut, darüber werden wir noch sprechen. Es gibt keinen Willensstärken, selbstbewußten Juden, der anders denkt, sonst wäre er eben nicht Jude. Soll aber der Primat des Judentums bedeuten, daß derjenige, der sich Jude nennt, in allen Dingen des Lebens zunächst sich mach dem zu richten Paula Ollendorff (Breslau), Fülirerin der jüdischen Frauenbewegung; und Hauptvorstandsmitglie'd der Vereinigung für das liberale Judentum, befindet sielt auf einer Vortragsreise in Amerika, über die sie nach Rückkehr den Lesern der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ berichten wird.. hat, was das Judentum mit all seinen Jahrtausende alten Abwandlungen über diesen und jenen Lebenskreis bestimmt, so muß ich allerdings sagen, daß ich die Forderung des Primats des Judentums nicht anerkenne. Herr Kollenscher übrigens . tut es auch nicht, weder auf dem Gebiet der Rechtspflege, noch in dem großen Bereich der Kunst, noch im Bereich des täglichen Wirtschaftslebens usw. Hundertfach' am eigenen Leibe und an dem seiner Umgebung verstößt Kollenscher so gut wie jeder andere täglich gegen direkte Vorschriften, ohne T'TfSu er sich den geringsten Vorwurf darüber macht und zu machen braucht, daß er in Kleidung,. Speise und Trank, Haus¬ und Lebensführung, künstlerischer und wissenschaftlicher Ueberzeugung den Primat des Judentums nach dieser Richtung hin verletzt, daß er Homer und Dante vor das Buch der Richter und das Buch Esther, daß er Goethe vor Jehuda Halevi, Schubert! und Beethoven vor Sulzer und Lewandowski stellt usw. Kurzum, diese ganze These vom Primat des Judentums ist ein Schlagwort, das ernsthafter Prüfung nicht" standhält, und die ein ernsthafter Politiker in einer politischen Broschüre nicht wieder aufwerfen sollte. — es sei denn, er zöge.die Konsequenzen daraus, was ihm sehr bald nicht nur an seinem Körper, sondern auch an seiner Seele weh tun würde. VII. Ein sehr ernsthaftes Wort ist Herrn Kollenscher noch auf einem andern Gebiet zuzurufen. Wir deutschen Juden haben nicht nötig, und gerade ich habe es immer vermieden, in unsern Zeitungen usw. über unsere Stellung zum Deutschtum zu sprechen. Es gibt gewisse Bezirke der Seele, die uns zu heilig sind, um sie in das Alltagsgezänk der Politik herabzuziehen. Das eine muß ich aber Herrn Kollenscher sagen; Ich habe den unbedingten Eindruck, daß er, sicherlich ein tadelloser „Staatsbürger“, in der Tat Deutschland und dem Deutschtum mit jener einen Kraft seiner Seele ferngeblieben ist, dje es zu fordern berechtigt ist, mit der Liebe! Er schreibt: „Die Juden werden auf die Freiheit der Kunst, der Wissenschaft und ihrer Lehre und Verbreitung, die ihnen verfassungsgemäQ gewährleistet ist, nicht verzichten. Sie werden sich das Recht nicht rauben lassen, ihre Meinung in Wort und Schrift frei zu ändern. Sie werden ihr Interesse an den Geschehnissen und geistigen Zuständen des Landes, ■ in dem sie heimatlich leben, und ihre Verbundenheit mit dem Lande durch kritische Betrachtungen und bessernde Vorschläge bekunden. Allein sie werden, so oft sie ihre Stimme erheben — und dies braucht nicht seltener als jetzt zu ‘ geschehen — es vermeiden, den Anschein zu erwecken,; als spräche äus ihnen die deutsche Volksseele, als wären sie. mit dem deutschen Volkstum zu;. einer Einheit verbunden; sie werden 'nicht Anspruch .: darauf erheben, daß ihre Aeußerungen von den deutschen Volks-; genossen und dem ’ ganzen Volke als ein Stück deutschen Seelen- ' lebens. deutschen nationalen Empfindens hingenommen werden. Der i Jude ist nicht praeceptor Germaniae.“ Wenn ein Mann die Stellung der Juden in Deutschland mit solchen Worten umschreibt, so ist mit ihm über die Stellung der deutschen Juden zu seinem Vaterlande nicht mehr zu reden. Er scheidet für uns als Richter über unsere Stellung zu Deutschland völlig aus. Bei jedem einzelnen Wort des hier wörtlich wiedergegebenen Abschnittes bäumt sich unser Herz 1 gegen Kollenscher auf, und ich bin überzeugt davon, in seinen : eigenen Reihen, d. h. unter denen, die sich Zionisten nennen,! gibt es Hunderte von Juden, die nicht nur mit „Interesse an den Geschehnissen und geistigen Zuständen Deutschlands teilneiimen“, sondern aus denen auch die deutsche Volksseele spricht und sprechen will. Wenn einer zu seinem Vaterlande nicht die rechte Liebe hat, weil sein ganzer Zukunftsglaube nach einem andern Vaterlande hintendiert, so mag man ihn beklagen oder preisen, je nach seiner Einstellung. Wir müssen es uns aber verbitten, daß er Richter ist über Menschen, deren ganzes Glück und deren heiligste Empfindung mit dem Boden verbunden ist, der nicht nur ihr Vaterland, sondern auch ihr Kindesland ist. Es ist ebenso billig wie unwahr zu entgegnen, unsere Liebe werde nicht erwidert. Noch nie hat die Liebe des Kindes zur Mutter oder die Liebe’der Mutter cum Kinde die Rechnung präsentiert, sonst hörte sie auf. Liebe zu sein. VIH. Entscheidendes Gewiciit aber lege ich darauf. Kollenscher einmal festzunageln auf die innere Brüchigkeit der nicht nur von iltm, sondern auch von seinen Freunden allgemein gelehrten These über Staatsvolk und Staat. Köllenscher geht von der Tatsache aus, daß die deutschen Juden ein Teil eines eigenen Volkes mit eigenen nationalen Eigenschaften. Wünschen und Hoffnungen sind. Hierüber läßt sich einfach nicht streiten; das ist Sache des Glaubens und Wollens! Aber eins muß gesagt werden: Geschichtlich lassen sich solche Dinge nicht begründen; denn die jüdische Geschichte hat meilen- ■ weite Perioden völligen Aufgehens der Juden in nichtjüdischer Umweit (siehe die Juden im Perserreich, die Juden in Spanien Der „Judendoktor“. Von R o s c R i f k i n d. In dem kleinen Dori X, einige Meilen von der nächsten größeren Stadt entfernt und leicht von der nördlichen Küste Schottlands zu erreichen, wohnt mein Freund Dr. Wiseman. Stellt euch einen kleinen, breitschultrigem Mann in den besten Jahren vor, mit typisch jüdischen Gesichtszügen, über welche das mitfühlende Lächeln, mit welchem er seine Patienten anschaut. einen Strahl von Menschlichkeit ausbreitet, welche keine Rassen- oder Religionsuutcrschiede kennt.’ So könnt ihr ihn scheu: höflich, taktvoll und zurückhaltend im Umgang mit Nichtjuden, und von einem verinnerlichten jüdischen Bewußtsein. welches nneh gesteigert würde durch die Gegensätze des Lebens, welches sich um ihn herum abspiclt. Er war in einem sulchen Dorf “wie X geboren, aber dieses andere kleine Dorf lag m Rußland, und er zehrte noch immer von den Erinnerungen an das kleine Häuschen, in welchem er mit seinen Eltern lebte und Brut mit Hering'und Kartoiielu aß; manchmal an Feiertagen gab es auch Gans oder „Kugel“ (Schaletspeise). Wie ganz anders ist mein jetziges Leben, philosophiert er vor sich hin, wenn er durch Straßen geht, welche ähnlich den üäßcheu sind, durch welche er als Knabe lief, an der Seite seines Vaters, aui dem Wege zum'Beth-hamidrasch (jüdisches Lchrhaus), oder zur näclistgelegenen Stadt, um die Fische zu verkaufen, welche sein Vater von der Küste brachte in einem vorsintflutlich aiimutcudcn Wagen, welcher von einem lebensmüden, verhungerten Pferd gezogen wurde. Dieses sind Erinnerungen. welche , er nie aus seinem Denken ausschalten kann, gerade wie er sein lebhaftes Interesse und Mitgefühl für alle jüdischen Ereignisse in der ganzen Welt'nicht verdrängen kann. —Hitr Aussicht, einen Juden zu treffen, zaubert ein glückliches Lächeln auf sein Gesicht; ein warmer'Händedruck wird ’Sew'eehselt. „Scholaum Alechem“ sagt der Doktor, und in diesem Augenblick existiert außer ihm und dem Glaubensgenossen, zu dem-er gerade spricht, niemand im ganzen Dorf. In der ganzen Gegend ist er bekannt als der „Judendoktor“. Diese Bezeichnung soll keineswegs eine Geringschätzung seiner ärztlichen Geschicklichkeit bedeuten, sondern. lediglich den Rasscuunterschicd betonen, der ihn von den übrigen Bewohnern des Dorfes trennt. * Eine Epidemie war ausgebrochen. Der Doktor hatte •monatelang schon Tage und Nächte gewacht, aber er ist kräftig: er hat einen gesunden, widerstandsfähigen Körper voil jenem Fischhändler (seinem Vater) geerbt, welcher jahrzehntelang im Sommer wie im Winter in Südrußland seine Karre geschleppt hatte. Er kann Wind und Wetter widerstehen, war er es doch von seiner frühesten Jugend gewohnt. Mit diesen „Berufsproblcmen“ wurde er leicht fertig. Er ertrug sie mit einer Engelsgeduld, welche er sich durch seine Erfahrungen angeeignet hatte. Er läßt auch unterschiedslos allen seinen Patienten in gleichem Maße seine Hilfe zuteil werden. Bei aller seiner aufopfernden, selbstlosen Tätigkeit ist er sich aber vollkommen dessen bewußt, daß er für seine Patienten, obwohl sie ihn ausnahmslos dringend benötigen, auf ihn hoffen und sich ihm anveftraucn, doch nur der „Judendoktor“ bleibt. Ein Bote kam vom Hause John Macrae's, eines typischen Hochlandschotten, beschränkt, bigott-mißtrauisch, welcher ungeniert über den Doktor spottet, und seine Antipathie gegen ihn offen zur Schau trägt, ln seiner Jugend war dieser Mann Missionar und verwandte einige Jahre darauf, die Heiden in Westafrika zum Christentum zu bekehren. Ob er dabei Erfolg hatte, soll hier nicht erörtert werden. Er wohnt jetzt wieder in X, seinem Geburtsort, und ist ungefähr 50 Jahre alt. grimmig, mürrisch und Gegenstand häufiger Fieberanfälle, welche er sich aus dem afrikanischen Sumpfgebiet nach seiner Heimat mitgebracht hatte, wo ihn diese Anfälle häufig quälen, besonders in Zeiten'grassierender Krankheit. Die bloße Einbildung. daß. sein Nachbar an Influenza, erkrankt sei, genügt, um John mit einem Fieberanfall aufs Krankenlager zu werfen. Er sitzt am Feuer, von Fieber geschüttelt, glühend im Gesicht, schrecklich aussehend, sucht Zuflucht in seiner Religion, iindet sie nicht, und verflucht die Juden. „Niemals soll dieser „Judendoktor” über die Schwelle meines Hauses treten.” Dr. Wiseman weiß das alles und behält es für sich. Er hat von Jqhn's Fieber durch einen Nachbar erfahren, welcher es wagte, John hahezulegen, den ..Judendoktor" rufen zu lassen. „Vielleicht“, sagte der Nachbar, „kann er dir doch etwas verordnen, uni dein Fieber zu lindern; John, laß ihn holen..." „Wo denkst du hin. Ich als Kfrchenvorsteher soll einen Juden zu mir rufen? Nein, keinen dieses Stammes würde ich jemals in mein Haus hereinlassen, geschweige noch, um mich zu behandeln. Haben sie nicht unseren Heiland getötet, diese verfluchten Heiden? Wenn ein Mann kein Christ ist, interessiert er mich nicht. Ich werde ohne Doktor fertig werden. Sowieso gibt es keinen Doktor, der mich von meinem. Leiden heilen kann.“ Stellt euch nun des Doktors Staunen vor, als der Bote in seinem Sprechzimmer stand und ihn fragte, ob er sofort zu John .Macrae kommen wolle. „Er ist, schwer krank, Herr Doktor, vielleicht stirbt er.“ Der Dgktor ist sehr abgespannt, förmlich aufgerieben von den Strapazen des Tages, aber er nimmt Hut und Mantel und fragt den Boten: „Weiß er, daß du zu mir gekommen bist, um mich zu rufen?“ „Jawohl Herr Doktor, er hat den ganzen Tag gejammert: .Hole den geächteten Juden, sage ihm, daß ich bald sterbe.' — Sein Weib sagte zu ihm, sie wolle jemand anderen holen lassen, aber nein, er wollte nichts davon wissen und verlangte die ganze Zeit nach Ihnen. .Ich wünsche den Juden zu sprechen, er soll sofort ans Sterbebett von John Macrae kommen'.“ „Allright“, sagte der Doktor, dem Boten das Wort abschneidend, „laufe schnell und sage ihm, daß ich sofort kopime."; * John Macrae wälzte sich unter Schmerzen auf seinem eisernen Bett, daß die Sprungfedern ächzten. Dr. Wiseman stand vor ihm und schaute ihn an mit den Augen eines Mannes, der schon vieles in seiner Praxis gesehen hat; er sah Menschen wahnsinnig, betrunken, irre, aber dieser Mann schien von einer religiösen Manie erfaßt zu sein. Der ‘alte Schotte rief' unaufhörlich Gott an, ihn zu heilen, den Teufel aus ihm herauszutreiben, ihm Seelenfrieden zu geben, ihm den Juden zu senden, damit er ihn um Verzeihung bitte. Plötzlich, als der Doktor den Puls fühlte und leicht des Kranken Stirn berührte, lehnte sich John beruhigt und still zurück. Er schlug die Augen auf und murmelte erstaunt: „Sie sind hier? Ich glaubte nicht, daß Sie kämen.“ „Jawohl. Sie haben mich rufen lassen, und ich bin ge- - kommen“, sagte der Doktor ruhig. „Aufrichtig gestanden, glaubte ich nicht, daß Sie zu mir kommen würden.“ „Warum nicht? Sie hatten einen Arzt nötig, und hier bin ich.“ „Ja. nach allem, was ich über Sie geredet habe, konnte ich. es gar nicht glauben,, daß sie wirklich kommen würden. Sie sind wirklich ein wunderbarer Mensch.“ Ein Lächeln überzog das ermüdete Gesicht des Doktors, als er seine Medizin verschrieb und seine Anordnungen, gab.

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