Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 18 (15.12.1932)
- Date
- 1932-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'•/ Organ 5er Bereinigung für 5ad liberale 3u5entum e. B. Bezugspreis: Vierteljährlich 1.50 RM.'zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarIL — Bel Nicbterscbeiuen iniolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aut Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schriitleitun«: George Goetz IDIe „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. jedes Monats. I .Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str I. | Fernruf: F 5. Bergmann 3358, 335*- inkvcrbindung: Krcdllvereln für Handel ui Gewerbe e. G. m. b. IL, Berlin N24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64. Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: .Berlin 1370 69. 0/t Vereinigung 'für da» libtmlt Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufritz», dl» ausdrücklich alt ln Omm Namen oder In Ihrem Aufing» verfehl g*k*nnze Nr. 18 Berlin, 15. Dezember 1932 — 12. Jahrgang- Kein Siegesfesi, aber ein Friedens- und ein Kinderfest. Gedanken zu Chanukkah. Von Adolf Philippsborn, Berlin. „Und Juda und seine Brüder und das ganze Volk Israel beschlossen, daß man jährlich vom 25. Tage an des Monats Kislew acht Tage des' neuen Altars Fest halten sollte mit Freuden und Danksagung.“ Das ist die Botschaft des Chanukkahfestes, wie sie im ersten Buche der Makkabäer niedergelegt wurde, das ist der Ruf, der zwei Jahrtausende überdauert hat und heute noch mahnend und warnend zugleich zu uns spricht. . Denn kein Siegesfest war es, das Juda, der Sohn des •Mattathias, damals feierte, als unter seiner Führung die Juden das übermächtige Heer der Syrer bei Bethzur geschlagen hatten. Kein Siegesfest war es, so wie wir es in unserer Zeit zu feiern gewohnt sind. Niemals vergaßen Juda und die Seinen, auch im Vollgefühl ihres Erfolges nicht, die .Idee, zu deren Verteidigung ihnen die Waffen in die Hand gezwungen worden waren. Heidnischer Hellenismus war . aufgestanden gegen das Wer die. zwischen dem 15. und 25. Dezember durch den Postboten vorgelegte Abonnementsquittung für das 1. Quartal 1933 in Höhe von RM 1,62 nicht einlöst, . geht dadurch des Abonnements auf die „Jüdisch-liberale Zeitung«« verlustig. Lösen Sie daher bitte die Quittung ein, bzw. geben Sie im Falle der Abwesenheit vom Hause entsprechende Anweisung. Judentum, Zügellosigkeit hatte ihr Haupt erhoben gegen das religiöse Sittengesetz. Es war kein, Krieg, wie ihn heute die Völker käpipfen. Das jüdische Volk wollte keinen Fußbreit fremden Bodens erobern, keinem. Nachbarvolk neidete es eine gedeihliche Entwicklung. Die Makkabäer hatten zum Schwerte gegriffen um des Friedens willen. Das Sinnbild dieses Friedens war dem Volk der Juden das Heiligtum auf dem Berge Zion. Geschändet war der Tempel von frevler Syrerhand, und als nun die Juden ihren ersten großen Sieg erfochten hatten, da galten ihm allein ihre Gedanken, die ihre Führer in die Worte kleideten: „Da nun unsere Feinde verjagt sind, so lasset uns hinaufzichen und das Heiligtum wieder reinigen." Kein Siegesfest feierte man damals zu Jerusalem; denn der Feind stand noch im Lande, und der Friede war noch fern. Wie man aber mitten im Kriege daran ging, das Heiligtum neu zu weihen, so wollte man damit zu erkennen geben, daß das einzige Kampfesziel war, den religiösen Gedankengehalt, den sittlichen Monotheismus vor jeder Verfälschung, vor jeder Verunreinigung zu bewahren. Ist es wirklich ein so tragisches Schicksal, daß der Panzer der jüdischen Religion das einzige Rüstzeug ist, das man uns Juden, die wir über die ganze Welt zerstreut sind, gelassen hat? Und liegt nicht gerade darin, daß wir, allein im Schutze dieser friedlichen, aber unzerbrechlichen Waffe, einer Welt von Feinden widerstanden, uns gegen Haß und Verfolgung siegreich auch in der Zerstreuung behaupteten, während gewaltige Kriegsvölker zugrunde gingen; liegt nicht gerade darin für uns. die Gegenwartsforderung, festzuhalten an unserer Religion, die sich als das einzige einigende Baud um uns schlingt und um unsere Kinder und Kindeskinder schlingen wird, wenn Nationen, deren Macht in der Gegenwart unbegrenzt zu sein scheint, längst der Geschichte angehören werden? Chanukkah! Als Weihefest des Tempels feierte es Juda Makkabi zum ersten Male mit den Seinen im Heiligtum zu Jerusalem. Wieder wurde Wahrheit das Wort, das wir heute noch an Sabhaten und Feiertagen sprechen: „Von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem!“ Dieses Wort Gottes aber ist der Friede. Das müssen wir bekennen gerade beim Schein der Chanukkah-Kerzen. Denn sie leuchten nicht, weil wir jubeln über die Heldentaten, die die Makkabäer einst verrichteten; sie leuchten so sieghaft hell, so begeisternd für Jung und Alt, weil sie uns mit ihrem friedlichen Schein künden, daß einst vor mehr als zwei Jahrtausenden die Reinheit der jüdischen'Religion gerettetwurde und der Glaube sich gegen den Unglauben behauptete. Chanukkah! Als Fest unser e r .K i nd.c r wollen wir es feiern. Unseren Kindern wollen wir erzählen, daß Judentum Jugend ist und sich ständig verjüngt. ln diesem Verjüngungsprozeß mögen sich die Formen wandeln und verändern — der Kern bleibt ewig.. Das Judentum aber wandelt sich nur, um zu wachsen, um reiner und größer zu werden. Und wenn wir Judender Gegenwart beim Schein der Chanukkahlichter die alte traute Chanukkahweise singen, so wie wir es einst im Elternhause zu tun pflegten, dann wollen wir wünschen, daß auch die,’ die nach uns kommen, dieses Lied des Glaubens nicht vergessen. Chanukkah — Friedensfest! Mitten im Wüten des Krieges feierten es die Makkabäer Gott zu Ehren. Am gleichen Tage, da wir es in diesem Jahre beginnen, feiert man in den Häusern unserer andersgläubigen Mitbürger das Weihnachtsfest, dessen Botschaft lautet: „Friede auf Erden!“ Chanukkah und Weihnachten — beides Feste der Liebe, da man derer gedenkt, die Not leiden, da man Licht und Sonne und Hilfe bringt in die Hütten der Armen und Bedrückten. Der unvergeßliche Rabbiner der Potsdamer und später der Danziger jüdischen Gemeinde, Dr. Robert K a e 11 e r. hat bei der Weihe der Potsdamer Synagoge gesagt: „Verschieden sind die Formen, in denen Gott gesucht und verehrt wird, verschieden sind der Menschen Aeußerungen und Erscheinungen, aber . gleich ist jedes Menschenherzens Inhalt, gleich in Schmerz und Lust, in Glück und Leid. Ob die Gebete, die aus den jüdischen und christlichen Gotteshäusern, aus Menschenherzen aufsteigen,’ob diese Gebete, wenn .sie der Ungleichheit und Verschiedenheit des Menschlichen entronnen sind, sich in der Höhe nicht vereinigen und gemeinsam hintreten vor den Friedenstliron des Vaters aller Menschen?“ Wir hoffen es, wir glauben es am Chanukkahfest, dem Fest der Weihe, der Jugend, des Friedens und der Liebe! Blutige Unruhen in Polen. Mit Betrübnis und Erschütterung erfährt der gesittete Teil der Oeffentlichkeit von den schweren antisemitischen Ausschreitungen in ganz. Polen: Warschau, Krakau, Wilna. Lemberg, Czens t o c h a u usw.: überall sind die Angegriffenen z. T. schwer verletzt worden, auch ist es zu einzelnen Todesfällen gekommen. Ausgangspunkte der Unruhen waren die Universitäten, doch griffen die Ausschreitungen weit hinaus über das Gebiet der Hochschule. Die traurigen Vorgänge sind zugleich ein Wamungssignal für uns in Deutschland, wo ja auch die Universitäten immer wieder Schauplätze judenfeindlicher Aktionen sind. Berichtigung! Der 2. .Abend, der .Jüdisch - liberalen Zettung* findet nicht am 23: Januar,. sondern am 30. Januar 1933 im Großen Saal der Konditorei L6on, Berlin-Halensee, Kurfürstendamm 155/156, statt. VeroletcbeD Sie Dille unsere Voranzeige m Folie der Seite. . Die Kuliuswahlen in Wien. Zionistisches Zwischenspiel. Nur SO Prozent Wahlbeteiligung Die am Sonntag, 4. Dezember In. der Israelitischen ’Kultusgcmelnde durchgeführlen Wahlen zur Vorsteherschaft (Repräsentanz) haben zum ersten Male seit Bestehen der Gemeinde die „Union österreichischer Juden“ gegenüber den verschiedenen zionistischen Listen In die Minderheit gebracht. Trotzdem bleibt die „Union“ die stärkste Partei. . ■ . . Von den 36 Mandaten im Vorstand'hat die „Union“, die zuletzt 18 Mandate imieliatte und mit den ihr angcschlosscnen nichtzionistisclicn Gruppen über eine sichere Mehrheit verfügte, diesmal zusammen mit. den „WcrktUtigcn Juden“ (Sozialdemokraten), mit denen sie eiuc gemeinsame Liste bildete, nur 15 Mandate behalten können. Von diesen erhalten üie „Union“ selbst tu und die „Werktätigen“ 5 Mandate. Urnen stehen 21' Zionisten der verschiedensten Richtungen („allgemeine“, „radikale“, ,.Poalc-“Ziouistcn, Misrachi u. a.) ■gegenüher. — Es steht noch nicht lest, oh die ,.Union“ als stärkste Partei oder ob die zionistische Koalition'den-Präsidenten stellen wird. Naclr Verkündung des Walilrcsultats. Sonntags nachts.' 'kam cs zu Siegcskundgcbtmgcii der zionistischen Jugend vor dem Hause der KuKusgcmeimle m der bciteusiettcngasse. auf dem von unbekannter Hand'die blatiwcillc Fahne gehißt wurde, die dann behördlich ‘hcnmtcrgeliolt worden ist. Die Polizei mußte die Ruhe aufrechferhaUen. Das Wahlergebnis in Wien darf das größte Interesse auch der rcichsdeutsclien Juden in Anspruch nehmen. ' Nur 50. Prozent der Wahlberechtigten Italien den Weg zur Urne gefunden. Es ist anzuneluucn. daß die weitaus meisten Nichtwühler der Union“ ge.sinntuingsmäßig nahestehen. Zum Teil mag die Wahlunlust auf die. allgemeinen Zustände zttrückzitführen sein, zum Teil vielleicht auf das nicht von allen Unimiistengebilligte! Bündnis mit den ^Werktätigen“, wie cs denn überhaupt ein schwerer Fehl er zu sein scheint, daß die Wiener -Kultus- (und das heißt doch: Rpligions-) Gemeinde völlig nach politischen Gesichtspunkten orientiert ist. Den vom „Weltverband für liberales Judentum“ gerade im vorigen Monat ins Leben gerufenen religiösliberalen Gruppen erwächst hier eine bedeutsame Aufgabe: religiöse Fundierung des jüdischen Gemeinde- Iebens und .seine Durchdringung in liberalem, d. h. fortschrittlichem Sinne —: dies allein vermag eine zukünftige Generation mit lebendigem Interesse an die Gemeindezu fesseln und zur Mitarbeit hcranzuziehen. Dann crgibt sich eine Ablehnung des Zionismus ganz von selbst. Vielleicht ist. um dies alles auch für die österreichischen Juden deutlich zu machen, in Wien eine zionistische Aera — ähnlich derjenigen in Berlin von 1926 bis 1930 - notwendig: vielleicht bedarf es in der Tat auch in der Wiener Gemeinde eines zionistischen Zwischenspiels, um die nichtzionistischen Wählermassen aus ihrer Indolenz wachzurütteln. '-Deshalb möchten wir auch.-— soweit wir von hier aus die Dinge beurteilen können — den Wunsch aussprechen, daß alle Verantwortung sichtbar-in die Hände der neuen zionistischen Koafitionsmehrheit gelegt wird, damit desto rascher und, eklatanter die zionistische Episode zu Ende geht. 'Wie laden ein _ . Eintritt freit H JSearhten Sie Aitte unsere Ansage in der nächsten Hummer! ztmt Z.A&end dec„3üdisch=tißeca£m Zeitung!’ um TUontag, dem 30. Januar 1933, 8 Uhr uiends, im Grafen Saal der JConditorei£eon, Jiuefüestendamm 155/156- JAeHta desA&ettds: „Üllimmt det l^det sprechen” ■ ■liMiiii-nliiii