Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 17 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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bedarf. Zurückgewiesen "werden muß der Vorwurf, daß die heutige liberale Jugend blutleer und ethisierend sei. Wie darf man behaupten, sie sei ohne Tat. ohne Ziel, ohne praktische Ideen „.ohne zentrale jüdische Aufgaben und sie erstrebe nichts mehr als nur Emanzipation. weil sie geschichtslos geworden sei“? Das ist .nicht w a ii r. Nirgends mehr als in der jüdisch-liberalen Jugend ist das Stadium des blutlosen Ethisierens längst überwunden, überall gelten nur noch die Tat und die praktischen Ideale. Gerade die liberalen Rabbiner müßten es hinansschrcien. daß es noch andere, daß es wahrhaft-zentraic jüdische Aufgaben gibt.- die für den ewigen Bestand des Judentums wichtiger sind als Palästina, mag dieses auch für manchen jetzt die einzige zentrale, jüdische Aufgabe scheinen. Würde sich die Aufgabe des Judentums in der Erreichung vergänglicher nationaler und wirtschaftlicher Ziele, erschöpfen, so wäre ja das Judentum selbst verhängnisvoll vergänglich. Gerade der Liberalismus ist mehr als jede andere Bewegung erwachendes Geschichtsbewußtsein, das sich in Gegensatz ziir_ geschichtsvergessenen Erstarrung setzt und die Befreiung des geschichtlichen Geistes aus der Torrn erstrebt. Nicht die nationalbetonte und gcwaltverherrlichende Geschichte ist der Sinn des Judentums. Sonst wären wir arm an eigener Tradition. Auf ganz anderen Schlachtfeldern des Geistes haben unsere Väter gekämpft und geblutet.Und wir haben das Vermächtnis und die Aufgabe, weiter Kämpfer lind, wenn es sein muß. Märtyrer zu sein. Nicht das Land der Väter, sondern der Väter Geis t. und der Väter, Herz und den vollen Einsatz für die Ganzheit der jüdischen Ideale wollen wir. Ts ist auch nicht wahr, daß wir nichts erstreben als nur die Tmanzipation: wir wollen hier, wo wir sind, wo wir bleiben müssen und bleiben wollen, unseren vollen. Lebensraum als Menschen, als Deutsche und Juden. Das muß die -Jugend am lautesten fordern: ohne die Anerkennung dieser Forderung wird sic nicht leben können. Wir müssen den Lebensrüum erkämpfen für Uns. deren Väter zuerst die Menschheit gelehrt haben, daß alle Menschen Brüder sind, daß e i n Gott uns alle geschaffen und daß deshalb nicht einer lieblos sein darf ■ gegen den andern. Wir kämpfen aber nicht für uns allein; wir kämpfen damit, im Namen des Judentums, zugleich den Befreiungskampf der ganzen Menschheit für Gerechtigkeit und Liebe gegen rille Gewalt und alle zum Gesetz gewordene Unterdrückung. Durch dieses Streben, ins Universale allein hat das Judentum seine Berechtigung in der Welt. Unsere Jugend wird sich bei dem Kampf für diese Ideale nicht untereinander befehden dürfen. Die Auseinandersetzung mit der national-jüdischen Jugend kann nur erfolgen, wenn mit Achtung und Ehrfurcht vor jedem ehrlichen Willen ohne Verächtlichmachung des anderen die Wege gesucht werden, auf denen gemeinsame Tat möglich ist. Nur in der praktischen Arbeit wird es eine Synthese ohne Bekehrungshetze geben, mögen aucii die Weltanschauungen, aus denen die Motive zur Tat entspringen, unvereinbar sein.- Zur Bildung des jüdischen Bewußtseins ist vor allem das Wissen um das jüdische Sein lebensnotwendig. Diesem Streben nach Vertiefung jüdischen Wissens entsprang der Gedanke der Schule der jüdischen Jugend: hier wollte Jugend zur Jugend sprechen. Dieser große Gedanke bedarf auch weit mehr als bisher der aufopfernden Hingabe, wie sie Sache und Art der Jugend ist. Die jüdisch-liberale" Jugend muß hier opferbereit sich in weitestem Maße in die Reihe der Lehrer und der Hörer stellen. ' 1 . Es ergeht vor allem auch die Forderung' an die jüdisch-liberale Jugend, den lebendigen Kontakt mit der .1 ü d i s c h c n - G e m e i n d e zu suchen und zu pflegen. Uebcrall kann sic an den üemeiiideaufgabcn mitarbeiten, in erster Reihe an der Arbeit für sich seihst, an den. Jugend-Aufgaben der Gemeinde. Weit mehr als bisher müssen jüdisch-liberale Menschen Führer und Mitarbeiter sein. Sie dürfen sich nicht mehr, von wem auch immer, durch größere Aktivität, durch größere Selbst-, aufopferung beschämen lassen. In dem von der Jüdischen Gemeinde ins Leben gerufenen Arbeitskreis der jüdischen Jugend gibt es -unendlich wertvolle erzieherische und soziale Aufgaben an der führerlosen, der suchenden jüdischen Jugend zu erfüllen, hier fehlen die jüdisch-liberalen Menschern Ebenso muß Aufgabe unseres Kreises sein, sich um die Betreuung der erwerbslosen Jugend zu bemühen, eine Aufgabe, der die Jüdische Gemeinde mit Recht in der letzten Zeit ihre besondere. Aufmerksamkeit schenkt. Was hier an praktischer Mitarbeit. Belehrung und Unterstützung und an Aufrichtung der verzweifelnden Seelen geleistet wird, ist wertvollste Arbeit und praktisches Judentum. Nicht zuletzt soll in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, wie notwendig es ist. daß die deutsch-jüdische Jugend sich der ostjüdischen Jugend in Deutschland rückhaltlos zur Verfügung stellt, der unser Vaterland zum eigenen Vaterland einst werden wird oder schon geworden ist. Dieser Jugend, die von dem Ghettoextrem in das andere der gänzlichen Loslösung vom religiösen Judentum zu fallen droht, müssen die Ideen des liberalen Judentums gezeigt, der ewige Geist des Judentums aus der Erstarrung der Form gelöst werden, damit die ostjüdische Jugend unter den gänzlich veränderten Verhältnissen, nach der Einordnung in den deutschen, den westeuropäischen Kulturkreis, beim Judentum verbleibt. Die liberale Jugend muß ferner erkennen. daß die Arbeit an der Siedlung und- Berufsumschichtung der Juden, sowohl hier in Deutschland wie auch insbesondere die von der Gesellschaft ORT an den jüdischen Massen des Ostens geleistete Siedhmgsnnd Umschichtungsarbeit eine zentrale Aufgabe dieser Generation und gleichfalls lebenswichtig für die Erhaltung des Judentums ist. denn es wird immer nur so •viel Judentum .'in der Welt geben, als es Juden gibt. : Die jüdisch-liberale Jugend empfindet brennend die Verpflichtung zur Tat und Arbeit; sie muß aber erkennen, daß auch die Arbeit im kleinen eine Tat im Sinne der großen Ideen bedeutet. Jugend darf nicht lau. nicht halb sein, sondern gründlich und wesentlich. Sie muß jetzt endlich durch Vereinigung zu gemeinsamem Handeln sich die Stoßkraft und Bedeutung schaffen, die ihr als; der ..Bewegung der Zukunft“ gebührt. Die Organisation der jüdisch-liberalen Jugend. Von Alfred Fa in an (Jli-Breslau). Jugend und Organisation — zwei Begriffe, die sich zu widersprechen scheinen! Junge Menschen — so hört man oft — wollen sich nicht mit organisatorischen Formalismen belasten und sich starren, sciiematischen Satzungen unterwerfen. Die geistige Macht einer Idee soll sie binden und Zusammenhalten. Wie berechtigt wären diese Worte, wenn Organisation wirklich nichts anderes bedeutete als eine rein das. Aeußerliche betonende Form des Zusammenschlusses, nur das Gefäß ohne Inhalt, nur den Körper ohne Seele!. Aber wenn junge .Menschen stell zusammenschließen, dann braucht und soll es nicht so sein. Ihre Organisation ist dann ein Fortwirken innerer geistiger Verbundenheit auch in den äußeren Formen ihres Zusammenlebens. Die Gemeinsamkeit der Ideen führt sie zu einer Gemeinschaft, die das Zusammenwirken ihrer Mitglieder eigenen selbstgegebenen-Gesetzen unterstellt, ohne aber diese Gesetze als Zwang zu empfinden, weil sie ja dem freien Willensentschluß aller entspringen. Erst diese selbst gezogenen Grenzen verschaffen einer Idee ihre Lebensmöglichkeit. Es ist eine banale Feststellung, daß die wahrhaft großen Ideen nur deshalb ihre Wirkung in der Welt getan haben, weil hinter ihnen die geeinte. Gemeinschaft begeisterter und zielbewußter Anhänger gestanden hat. Aber so selbstverständlich das ist und so nacltdrücklich diese Auffassung gerade in jugendlichen Kreisen für die Fragen politischen Lebens vertreten wird, so einmütig fast lehnt man organisatorischen Zusammenschluß für das Gebiet religiösen Lebens ab. Hier soll die Idee von selbst wirken — auch ohne die loseste Bindung an eine Gemeinschaft! Ein etwas kühner Optimismus in einer Zeit, in der das Geistige überhaupt und das Jüdische im besonderen sich nur mit Mühe gegen die ungeheuerlichen Zersetzungsversuche aller Art behauptet. Und dann die Scharen der Menschen, die unserer jüdischen Gemeinschaft den Rücken kehren — ist es nicht oft nur deshalb möglich, weil sie nicht genügend fest an die Gemeinschaft ihrer Glaubensbrüder sich gebunden fühlten, weil man es oft auch unterlassen hat, die bloße Tatsache ihrer Verbundenheit mit dem Judentum zu einer inneren Zugehörigkeit sich auswirken zu lassen? Hier sollte' sich doch endlich einmal der Gedanke siegreicli durchsetzen, daß nur eine fest in sich gefügte Gemeinschaft, die sich mit organisatorischen Dingen befaßt, soweit sie ihrem Bestände förderlich sind, eine Idee erhalten und wahrhaft fördern kann. Liegen schon hierin Schwierigkeiten allgemeiner Art, die uns bei vielen Jugendlichen unserer Kreise begegnen, so kommt für uns junge Liberale besonders hinzu, daß wir Gemeinschaft wollen um eines ganz bestimmten Zieles willen. Jüdisch-liberale Jngend hat die Aufgabe, die Grundgedanken des jüdischen Liberalismus mit verwirklichen zu helfen. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen auszuführen, worin liberales Judentum besteht; dies ist ja der Leitgedanke dieses Blattes und auch anderer Beiträge vorliegender Nummer. Hieraus ergeben sich nun konkrete Aufgaben für unsere Arbeit, eine gewisse Bestimmtheit des Zieles, für das wir uns einsetzen wollen. Und diese Aufgaben sind gemäß unserer Grundauffassung, daß Religion und Leben sich nicht abzugrenzen, - sondern sich gegenseitig, zu durchdringen haben, ganz realer Natur, wie noch kurz darzulegen sein wird. Hier scheiden wir uns von großen Gruppen jüdischer Jugendlicher nach Bankier Wilhelm Graetz, Vorstandsmitglied und Leiter des Jugendpflege-Dezernats der Jüdischen Gemeinde zu Berlin! —— zweierlei Hinsicht: wir bekennen uns zu einer bestimmten, von anderen sich deutlich abgrenzenden Idee und können daher nicht mehr „neutral“- sein." Wir wollen aber auch Gemeinschaftsarbeit, um konkrete Aufgaben zu erfüllen, die sich aus dem Bekenntnis zu unserer Idee notwendig ergeben, nicht, um uns in die Romantik der Gemeinschaft an sich zu versenken, und können daher wohl jugendlich, aber nicht eigentlich „jugendbewegt“ sein. Zunächst scheinen unserer Arbeit gerade im Hinblick auf die „neutrale“ und die „jugendbewegte“ jüdische Jugend nicht so besondere Schwierigkeiten entgegenzusteheu. Sie bestehen aber deshalb, weil gerade das Eintreten für den Liberalismus sielt oft erschöpft in einem bloßen Bekenntnis zur Idee und die wirklichen Aufgaben der Gegenwart weder erkannt noch zu lösen versucht werden. Der Jugend, die oft bloß unklare Ziele ohne jede praktische Verwirklichungsmöglichkeit zu hören bekommt, bedeutet die wirkliclikeitsfreudigere Arbeit anderer jüdischer Richtungen neuen starken Ansporn zur Mitarbeit So erklärt sich dann der nicht zu bestreitende Einfluß gerade zionistischer Kreise auf jugendliche Menschen, der oft viel weniger der Idee als gerade den praktischen Versuchen ihrer Durchführung zu verdanken ist. Diese Betrachtungen mußten vorausgeschickt werden, um die Notwendigkeit der Gemeinschaftsarbeit in der jüdischliberalen Jugend deutlich werden zu lassen. Sie ist allerdings — und Idas erfüllt uns mit einem gewissen Stolz — nicht erst eine;Erkeimtnis unserer Tage. Schon einige Jahre vor dem Kriegt fanden sich in Berlin Jugendliche zusammen, die zunächst aus ihrer Gegensätzlichkeit zum Zionismus heraus und darin geeint durch ihr Eintreten für; den Entwicklungsgedanken in der jüdischen Religion den ersten jüdischäiberalen Jugendverein ins Leben riefen1). Gerade 20 Jahre sind es her. *) Hier irrt der Verfasser: die erste jüdisch-liberale Jugendorganisation bestand in H a m b u r g,' wo sie der damalige Rabbiner des Tempelverbandes, Dr. R i e g c r, ins Leben gerufen hatte; sie ist, nach mehrjähriger, außerordentlich fruchtbarer Tätigkeit, während des Krieges zugrunde gegangen. Schriftleitung. daß dann :n Breslau ein neuer Kreis junger begeisterter Liberaler sich zur gemeinsamen Arbeit für liberales Judentum zusammenschloß. Diesen Gründungen sind weitere in einer Reihe großer Städte gefolgt Die gegründeten Gruppen haben . sich aber aus Schwierigkeiten mannigfaltigster Art nicht überall aufrechterhalterilassen, so daß wir heute, außer in Berlin, wo sich uns auch die Jugendgemeinschaft der Jüdischen Reformgemeinde angeschlossen hat, und Breslau, noch in Frankfurt a. M„ Magdeburg, Liegnitz, Oppeln und Ratibor durch „Jüdisch-liberale Jugendgemeinschaften“ (Jli) vertreten sind. Die Dachorganisation der Jli’s ist seit dem Jahre 1917 die „Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine“ (ARGE), deren Vorstand und Delegiertenversammiung die gemeinsamen Angelegenheiten jüdisch-liberaler Jugendarbeit zu beraten und nach außen zu vertreten haben. Der Aufbau und die Zusammensetzung der einzelnen Jlis ist nach den einzelnen Städten ganz verschieden. Doch läßt sich als Gemeinsames feststellen, daß sich unsere Arbeit hauptsächlich an Jugendliche reiferen Alters richtet. Erst in den letzten Jahren sind wir dazu übergegangen, auch Jüngere und Jüngste in Gruppenarbeit zusammenzufassen, ohne allerdings diese Arbeit schon überall durchführen zu können. Die jungen Menschen, die sich in unseren „Hauptgruppen“ zusammenfinden, werden geeint durch ihre Bereitschaft, die Religion als Grundlage des Lebens anzuerkennen. Das Glaubensmäßige ist der Ausgangspunkt unserer Arbeit. Hier kann aber auch die Beschäftigung mit den großen Schöpfungen religiöser Literatur junge Menschen, die mehr verstandesmäßig eingestellt sind, zum Glauben hinführen. Für alle bedeutet diese Arbeit Vertiefung jüdischen Wissens und somit überhaupt die Grundvoraussetzung dafür, sich eine Anschauung in jüdischen Dingen zu gewinnen. Die Beschäftigung mit unseren heiligen Schriften erfolgt in jenem "Geiste, der nicht in jedem Wort und in jedem Buchstaben die Größe göttlicher Offenbarung zu erkennen glaubt, sondern der den Ewigkeitswert der Grundgedanken religiösen Lebens auch dem jungen Menschen von heute zugänglich machen will. Daran schließt sich sinngemäß die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte. Die Entwicklung jüdischen Geisteslebens gerade in der Neuzeit von uns.besonders eifrig verfolgt, führt uns dann zu -aktuellen Fragen jüdischer Gegenwartsarbeit Neben dieser wissensmäßigen Vertiefung unserer jüdischen Anschauung gehen die Versuche religiöser Erneuerung in Gottesdienst und religiöser. Feierstunde. Alle Bemühungen in dieser Richtung haben nur das eine Ziel: auch den jungen Menschen von heute die ewigen Gedanken jüdischer Lehre erleben zu lassen, ihn wieder Glauben und Halt in den ewigen Grundwahrheiten unserer Religion finden zu lassen. Dieses Ziel eint uns immer, auch wenn in der Frage der Formen die verschiedensten Richtungen innerhalb der „ARGE“, wie überhaupt innerhalb des Liberalismus, sich geltend machen. Wesentlich erscheint es, die jungen Menschen selbst an der Ausgestaltung der religiösen Feier, mag es nun Gottesdienst oder Feierstunde sein, in hervorragendem Maße zu beteiligen. Während sich eine maßgebende Mitwirkung unserer Freunde am Gottesdienst auf die Dauer leider nur bei' der Reformgemeinde ermöglichen läßt, wird sonst die Ausgestaltung religiöser Feierstunden ganz von uns durchgeführt. Es bedarf keiner besonderen Hervorhebung, daß der Hauptteil unserer Arbeit den Fragen der Gegenwart gewidmet ist. Allesreligiöse Erleben hat doch nur den. Sinn, den jungen Menschen aufzurütteln aus seiner ihm oft unbewußten Gleichgültigkeit gegenüber seiner Umwelt. Wie ihn selbst das Göttliche zu erfüllen beginnt, so soll er andere Menschen, ja die ganze Welt, mit diesem Geist erfüllen. Religion soll ihm etwas bedeuten, was unmittelbar sein Leben in der Welt zu beeinflussen vermag. Er soll ihr nicht nur bestimmte Bezirke seines Denkens und Fülilens einräumen, sondern sein ganzes Handeln von ihr bestimmen lassen. Religion und Leben bedeuten für uns keine Gegensätze, sondern: Religion gestaltet uns das Leben, sie gibt ihm seinen Siiin. Darum veranlassen uns die Probleme unserer Zeit nicht zu allerhand müßigen Diskussionen, die oft genug gerade bei anderen Jugendlichen nur der Mode wegen, noch öfter nur des Diskutierens wegen geführt werden. Wir haben die Pflicht, uns auseinanderzusetzen, um religiöses Empfinden in jeden, wenn auch noch so unwichtigen Vorgang täglichen Lebens hineihzutragen .und um an den großen, weltbewegenden Problemen unserer Zeit die Gewalt eigener tiefinnerer Ueberzeugung zu erproben. So gellen wir an keiner Frage vorüber, die uns nur irgendwie der Besprechung wert erscheint, und es würde auch dem Sinne unserer Arbeit zuwiderlaufen, wenn wir es täten. Unsere Arbeitsgebiete, die die Fragen der Gegenwart erfassen, ini einzelnen aufzuführen, würde zu weit führen: sie sind aus den in dieser Zeitung fortlaufend erscheinenden Arbeitsplänen der einzelnen Jlis ersichtlich. Der Erwähnung bedarf nur, daß wir uns auch in neuester Zeit zu unserem bescheidenen Teile bemühen, an der Linderung der sozialen Not nach Kräften mitzuwirken. Veranlassung hierzu gibt uns vor allem auch die Tatsache, daß in manchen unserer Gemeinschaften eine große Zahl unserer Freunde durch die Schwere der Zeit in Not geraten isL Als junge hilfsbereite Menschen, denen soziales' Empfinden nach ihrer religiösen Ueberzeugung eine Selbstverständlichkeit bedeutet, wollen wir daran nicht vorübergehen/ Die „Lichten Stunden“, die die Jugendgemeinschaft der Reformgemeinde eingerichtet hat, und die in Breslau ins Leben gerufene „Erich Vulkan-Stiftung“ sind bescheidene Schritte auf einem weiten Weg. . Es wird deutlich, daß diese konkreten Aufgaben Menschen verlangen, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehen. Romantische Jugendbewegtheit nützt uns ebensowenig wie jenes Treiben überspitzter Intellektueller, die gerade heute so häufig zu treffen sind. Hier ist es zunächst unser großes Ziel, in noch viel weiterem Umfänge als bisher Erziehungsarbeit zu leisten. Diese Frage erhält ihre besondere Bedeutung, wenn wir die Gewinnung auch jüngerer Jugendlicher für unsere Arbeit berücksichtigen. Diese Jüngeren und Jüngsten zu wirklichkeitsfreudigen Menschen heranzuziehen, denen der Mitaufbau einer neuen Welt in religiösem- Geiste zur Lebensaufgabe werden soll, ist der Hauptzweck all unserer Arbeit Sachliche Arbeit schließt aber eines nicht aus: jenes frohe Zusammenwirken junger Menschen, die durch gemeinsames Lernen und Erleben verknüpft sind. Die Gemeinschaft beginnt ihren Zauber auszuüben': an die Stunden ernster Arbeit knüpfen sich gesellige Zusammenkünfte, Wanderungen vereinen uns zu gemeinsamer Bewunderung göttlicher Allmacht in der Natur. Beziehungen von Mensch zu Mensch werden geknüpft und gefestigt — dies alles im Geiste froher Jugendlichkeit Zur Jugend gehört auch, wie wir meinen, der, der sich jung fühlt, und wir sind stolz darauf, oft in denen schon wahrhaft junge Menschen geiunden zu haben, die das Durchschnittsalter der „Jugendbewegung“ um ein Erhebliches übertreffen. Diese Auffassung lehrt uns eines: jung sein nicht als Vorrecht in dem Sinne aufzufassen, daß es uns absondert von den übrigen und uns überheblich macht, sondern immer die Verpflichtung uns spüren zu lassen, daß alle die zusammengehören, die die Welt verändern wollen, mögen sie auch nicht mehr die Jüngsten an Jahren sein. .Tür uns hat aber eigentlich auch nie das Problem bestanden, wie junge Menschen, die aus unserer Arbeit ausscheiden, sich in die Kreise unserer älteren Freunde eingliedern sollen, — jenes Problem, das der „Jugendbewegung“ so schwer zu schaffen machte. Junge Menschen, die aus unserer Arbeit ausscheiden, gehen der Bewegung (und wie es sonst oft zu merken war), dem Leben nicht verloren.. Sie spüren jenen angeblichen Gegensatz nicht, weil ihnen stets