Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 17 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»uv; ^8a>>.iUi>»gMWM4-m!gE5g?l Organ bet Xtereinigung für dag liberale 3udentum e. #. Bezugspreis: Vierteljährlich 130 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen.' Anzeigen nach Tarif. — Bei Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein An- , Spruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Fernrul: F 5, Bergmann 3358, 3359. Bankverbindung: Kredltvercln liir Handel und Gewerbe c. G. m. b. H„ Berlin N 24. Postscheckkonto: Jiidisch-Ilberalc Zeitung: Berlin 227 dl. Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: __ Berlin 1370 69. Die Vereinigung für das liberale Judentum übernimmt nur für d/ejealgen Aufsätze, die ausdrüektiuh als in ihrem Namen oder ln ihrem Aufträge verfaßt gekennzeichnet sind, die Verantwortung. Alte anderen Artikel, Aeußerungen und Vorschläge erscheinen unter der Verantwortung der Redaktion. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag Schrittleitung;: George Goetz IDie „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am 1. und 15. jedes Monats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, tlallesche Str 1. Nr. 17 Berlin, 1. Dezember 1932 12. Jahrgang Sondernummer; Unsere Jugend „Biriorenu uwiskenenu nelech — mit unseren Jungen und mit unseren Alten wollen wir ziehn/“"— dies Wort, das der Bef reier zu unseren Vorfahren sprach, als politischer Haß und wirtschaftlicher Druck auf ihnen lastete, mag auch in dieser — der damaligen so ähnlichen — Zeit Leitstern unserer Glaubensgemeinschaft werden. Die Alten sollen Verständnis gewinnen für das veränderte Weltbild, die Notwendigkeiten und die Sehnsüchte der Jugend; die Jugend soll das, was die Alten schufen, als das Ihrige erkennen. Hat die Jugend sich manchmal über Mangel an Verständnis seitens der älteren Generation zu beklagen, -so diese nicht minder darüber, daß die Jugend zwar von den Errungenschaften der Früheren profitiert, aber mit einer gewissen, nicht immer von Hochmut ,freien Kälte auf die „geistlose Verwaltungsarbeit“ der Älteren herabblickt, den mit ihr verbundenen Aufgaben sich fernhält. Die Verwaltungsarbeit aber ist weder geistlos, noch kann sie entbehrt werden. Nur durch seine Gemeinden lebt und ' ist das Judentum, lebt und ist daher auch die heutige jüdische Jugend. Mehr als je ist gerade in dieser Notzeit die Gemeinde das Fundament unserer Existenz —: die ganz Alten wissen davon zu erzählen, und die Jungen beginnen, es zu begreifen. Mit der Gemeindearbeit untrennbar verbunden aber ist die kulturelle und politische Leistung unserer Organisationen, nicht zuletzt der jüdisch-liberalen Organisationen, die die Führung und Gestaltung der Gemeindearbeit entscheidend beeinflussen, und ohne die die Gemeinden nicht wären, was sie sind. ,— Wünscht die heutige jüdische Jugend [ein reges jüdisches Leben, so muß sie ihre eigene tiefe Verbundenheit mit den Gemeinden und den in ihr arbeitenden Organisationen erkennen, darf zu dieser Arbeit nicht sagen: „Die Höhe will ich, nicht die Stufen.“ Um ihrer eigenen Zukunft willen muß sie sich in alle diese Arbeithineinstellen und lebendig, daran Anteil nehmen, so wie umgekehrt ja auch die Alteren immer mehr erkennen, daß die brennende Nadiwüchsfrage nicht durch einfache Übertragung von Ämtern auf Jugendliche, sondern nur durch tätige Einfühlung in den Geist einer neuen Zeit mit ihren neuen Menschen gelöst werden'kann. —Deshalb muß ein Ende sein des Anklagens von hüben und drüben, kann doch keine der beiden Generationen von sich sagen, sie habe nicht gefehlt. Was not tut, ist der Wille, gemeinsam in eine schönere, freiere Zukunft, zu ziehen, an deren Erringung wir Jungen und wir Alten von heute gemeinsam arbeiten müssen. Wir wollen einander innerlich nahe sein — diesem Ziele will die vorliegende Jugendnummer unserer „jüdisch-liberalen Zeitung“ dienen. George Goetz. Forderungen an die jüdische Jugend. ' Von Wilhelm Graetz. Vorstandsmitglied und Leiter des Jugendpflege- Dezernats der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In der revolutionären Phase jeder Jugendbewegung tritt zunächst am stärksten die Abweisung jeder Verbindung mit den „Alten“ hervor. Die Entwicklung führt dann zu der Einsicht, daß für die Zukunft nichts 'geschaffen werden kann ohne bewußte oder unbewußte Verbindung'mit der Vergangenheit: daß ebenso wie die Gegenwart nur wirken darf mit dem Blick auf die kommende Zeit der jetzt jungen Generation, auch die ■Jugend an ihrer Zukunft nur arbeiten kann „auf den Schultern der Vergangenheit“.^. ‘ . Für den Leiter des Jugendpflege-Dezernats der Jüdischen Gemeinde ist diese Entwicklung doppelt erfreulich, weil ohne die mitarbeitende Verbundenheit der Jugend mit der Gemeinde nicht nur die Jugend-Arbeit ' der Gemeinde fruchtlos sein müßte. Die Aufgabe des Jugendpflege-Dezernats darf nicht allein in materieller Unterstützung bestehender Jügendbestrebungen gesehen werden, sondern in erster Reihe darin, das nach Aus-' druck und Betätigung suchende Gemeinschaftsgefühl der Jugend nutzbar zu machen für die Arbeit in der Gemeinde, dieser überlieferten festesten Form jüdischer Gemeinschaft, Wir müssen den Geistder Jugend, die einst berufen sein wird, der Gemeinde Bestand und Führung zu'geben, schon jetzt auf die Arbeit und die Entwicklung unserer Gemeinde wirken lassen. Vor kurzem veranstaltete der Berliner Liberale Verein einen Ausspracheabend der Vertreter verschiedener deutsch-jüdischer Jugendorganisationen über die ■ Frage: „Was ist Judentum?“ Das Erlebnis dieses Abends hat gezeigt, wie, bei aller Verschiedenheit in Einzelheiten. eine gemeinsame Grundlinie des Denkens und , ein überall gleich starker Wille zur Tat und zur Ver- ' wirklichung der jüdischen Idee herrscht. Alle Vertreter der deutsch-jüdischen Jugend stimmten darin überein; daß ihnen das Judentum diejenige Form der Menschenliebe und der Gottesliebe ist, die uns Juden als die Religion unserer Väter allein wesensgemäß sein kann, weil sie nicht erdacht und erphilosophiert. sondern schon durch unsere Väter jahrtausendelang gelebt wurde, weil sie auch in uns, im Unbewußten wie im Bewußten, fest verwurzelt ist, aber vor allem, weil sie mit ihrer I Lebensnähe und ihrer historischen Aufgabe im Mensch- I heitskonzert uns den Halt und den sicheren Blickpunkt gibt in der Unrast und der Relativität aller Dinge. Nicht Lehre allein, sondern tätiges Leben soll der Jugend das Judentum als die wahre Religion der Tat sein: sie ist uns Vermächtnis und Aufgabe zugleich. Als Vermächtnis allein wäre sie leer und totes Museumsstück: aus dem Vermächtnis, qus den ewigen Ideen des Judentums aber soll für den einzelnen und für die Gemeinschaft die Aufgabe entstehen. Niemand kann w er die zwischen dem 15. und 25. De. zernber durch den Postboten vorgelegte Abonnementsquittung für das 1. Quartal 1933 in Höhe von RM 1,62 nicht einlöst, geht dadurch des Abonnements auf die „Jüdisch-liberale Zeitung“ verlustig. Lösen Sie daher bitte die Quittung ein, bzw. geben Sie im Falle der Abwesenheit vom Hause entsprechende Anweisung. glauben, daß in dem tausendjährigen schweren Geschick das Judentum Bestand gehabt hätte, wenn sein Wesentliches etwas Vergänglicheres gewesen wäre als diese ewigen Ideen, dieser Geist, diese verpflichtende Wahrheit. Erst die Sehnsucht und das Streben, „nach der. Wahrheit zu leben“, ist aber Religion. Schon immer wurde aus der Einheit Gottes die ethische Forderung abgeleitet: der Satz: „Liebe deinen .Nächsten, denn er'ist wie du“ wurde als Kern der Lehre erkannt, aber schon Hillel fügt hinzu: „Gehe hin und lerne.“ Lerne aus der "Geschichte des Judentums, die eine Geschichte des Geistes und nicht der Schlachtfelder ist, Wahrheit und Sittlichkeit. Die Tat soll aus diesen ewigen Ideen entspringen: es ist etwas anderes, ob man sozial denkt und gegen Elend und Lüge kämpft aus der Ablehnung alles Häßlichen, oder ob man aus der großen positiven Forde- •rung des Judentums heraus für Recht und' Wahrheit und Lcbensraum eintritt - für'jeden. der Menschenantlitz trägt. . ’ hn Bewußtsein, daß es für sie jüdische Aufgaben sind., muß darum die Jugend im Geiste des Judentums und seiner Propheten für Recht und Wahrheit kämpfen. Es muß ihr gelingen, diesen Geist des Sieh-suiner-selbst- Bewußtwerdens auf alle-Judcn zu übertragen, insbesondere die geistigen Juden zu zwingen, diese Lebensfrage zu erkennen und sich,mit Leidenschaft zu der Führeraufgabe'an der jüdischen Jugend zu bekennen.. Wenn ihnen bisher nur alles, was den Gewaltanbetern, den Hassern und den Ungeistigen nicht paßte,, als „jüdisch“ ungerechnet wurde, sollten sie endlich Klarheit darüber schaffen, daß das Wesentliche und Beste. was_sie gewirkt haben, aus jüdischem Geiste kam. Die Zeit Ist reif, immer mehr werden die Geistigen und die Führer gezwungen, sich mit ihrem. Judentum auseinanderzusetzen. Die von ihnen gefundenen Formulierungen werden manchem abseits Stehenden seine eigene Stellung bewußt machen. Aber auch den berufenen Führern des religiösliberalen Judentums wird klar werden müssen, daß die „erneuernde große Sehnsucht“ auch in dem Kreise der liberalen Jugend zu. neuer Gestaltung drängt und daß sie dort in erster Reihe der Förderung durch ihre Führer Voranzeige; 1 ■■■II Abend der „Jüdifch-liberalen Zeitung' am Montag, dem 23. Januar 1933 im grofjenSaal der Konditorei Ldon, KuHürltendamm 155/156* Thema des Abends: »Männer der Feder Iprechen"