Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 16 (14.11.1932)
- Date
- 1932-11-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Skala durch die gesamte Freitagabend-Liturgie. Der Sabbat- Hymnus von Salomon Alkabez Halevy „L’choh’daudi“ erhält eine einfache musikalische Umrahmung, Volksweise. Die Mittelstellen für Kantor und Chor erfordern einen größeren musikalischen Aufwand. Ein wundervolles Friedensmotiv klingt durch den Schluß-Satz. Der Psalm 92 hat Kopf zu einem /außerordentlichen Aufschwung angeregt Hier wechselt großer, heroischer Stil des Chorsatzes mit dem lyrisch-versonnenen Rezitativ des Kantors. Der Psalm 93, nach dem die Skala benannt wird, ist natürlich in durchaus traditionellem Stil gehalten. ' - Die Einleitung zum Abendgebet wie auch die musikalische Illustration des Gebetwortes, sind lichtvoller und befreiender. Sie enthalten nicht jene Schwermut, die Hermann Cohen so charakteristisch die große, schwermütige Weise nennt Der „Lern-Nigun“ wird bei der Stelle „Ki hem chajenu“ vernehmbar. Nach der feierlichen Verkündung des Glaubensbekenntnisses Sch’ma rezitiert der Kantor in der Torah-Weise. Der folgende Abschnitt der dem Siegesliede gewidmet ist hat auch die historisch-musikalische Untermalung erfahren. „Wer ist Wie Du unter den Gewaltigen, Ewiger!“ Mit leicht faßlichen Intervallen ist hier der Gemeindegesang gezeichnet „Laß uns uns niederlegen zum Frieden und aufstehen zum Leben“; „Behüte unseren Eingang und unseren Ausgang“, diesen Stellen ist inniger Gebetton beigegeben, jener Gebetton, der vorhanden sein muß, um an die Seele des Andachtsuchenden zu Tühren. Stückwerk war all unser Tun nur, wenn wir produktiv oder reproduktiv nicht in der Lage sind, dem Beter jene Stimmung zu geben, die er mit ganzem Herzen sucht. Der „W’schomru“ tritt wieder als Gemeindegesang in die Erscheinung. Es ist der bekannte Wechsel zwischen Dur und Molt dem wir in den Feiertagsgesängen so oft begegnen. Unleugbar ein orientalisches Charakteristikum. Das nun folgende Predigtlied enthält einen gewissen katholisch-kirchlichen Anklang. Die Schwierigkeit der Lösung des Problems, das deutsche Gemeindelied innerhalb der hebräischen Liturgie nicht wesensfremd zu gestalten, wird sehr schwer sein. „Kiddusch", die Verkündigung des Sabbats ist im Balladenstil gehalten. Da wir für diese Verkündigung für den Sabbat eine eigentliche Weise nicht besitzen, kann hier ruhig der Erfindung freien Raum gegeben werden. Das Schlußlied „Adaun aulom“ als Gemeindegesang' gedacht, erinnert bereits an den Stil des Morgengottesdienstes, weist auf die Ruhe des Sabbattages hin. ln der Prinzregentenstraße werdenwir am Freitag, dem 9. und dem darauffolgenden 16. Dezember, die von Kopf komponierte und bearbeitete Liturgie hören. Es wäre verfehlt, mit seinem und Schalits Gottesdienst bereits ein abschließendes Urteil zu fällen. Ob die Erfindung des einen, der Stil des andern der Gemeinde näher kommt, daß muß die Zeit lehren. Daß aber befähigte Komponisten am Werk der Renaissance sind'und für eine Kunstgattung schreiben, die von der Musikwelt bisher mit nicht unerheblichem Skeptizismus betrachtet wurde, das sei ihnen schon als Verdienst angerechnet Dieser Zeitung aber gebührt außerordentlicher Dank dafür, daß sie als eine der wenigen ihre Spalten des öfteren den Interessen der Synagogenmusik zur Verfügung stellt. Professor Dr. Julius Hirsch 50 Jahre. Der hervorragende Wirtschaftspolitiker und frühere Staatssekretär im Reichswirtschaftsniinisterium, Professor Dr. Julius Hirsch, beging am 30. Oktober seinen 50. Geburtstag. Professor Hirsch wurde in Mandel bei Kreuznach geboren, lehrte an der Handelshochschule in Köln .und Berlin und ist seit 1926 Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Berlin. Während des Weltkrieges war er Referent im Kriegsernährungsamt. Weit bekannt sind seine Schriften: „Die deutsche Währungsfrage“, „Der moderne Handel“, „Das amerikanische Wirtschaftswunder“. Zu den jüdischen Fragen hat Professor Julius Hirsch mehrfach in Aufsätzen und in Vorträgen Stellung genommen. Seit 1930 ist er Abgeordneter im Verbandstage des Preußischen Landesverbandes, in dessen sozialen Ausschüssen er als Mitglied der „Ueberpartei“ eine rege Tätigkeit .entfaltet Bruchleidende / Fußleidende nur bei Emil Hempel, Orthopädie, Bandagen Berlin W 35» LützowstraBe 39 Telefon Bl Kurfürst 4529 Lieferant «amtlicher Krankenkassen Spezial-Behandl. nur für Ischias In Hüften» Gesäß und Bein» wenn ärztlich festgestellt, in 15 Tagen sind schwere Fälle beseitig! worden. Unantastbare Heilerfolge. Bestätigung und Referenzen. Ärztlich empfohlen« Invalidenstr. 106, 9—11, 1—4, Sonntag 10—12. Jacoby. Versammlungskalender Berlin-Wedding-Relnlckendori-West. Achtung! Gesinnungsfreunde ln den Bezirken Reinickendorf- Ost und -West. Tegel, Wittenau. Waldmannslust, Tegelort. Helligensee, Borsigwalde. Dienstag. 22. November 1932, abends 8/4 Uhr, Werbe Versammlung Im Ratskeller Wedding. Müllerstraße 146/147 (Eingang Limburger Straße). Redner: Direktor Alfred Jaulus und Martin Sobotker (Mitglieder der Berliner Repräsentanten-Versammiung). Im Unterhaltungsteil wirken bewährte JKräfte mlt._ Berlin-Nordostem, Dienstag. 22. November, abends 8 Uhr pünktlich, im Saalbau Friedrichsbaln. Prediger Karl Rosenthal: „Alter und Jugend (Der Kampf der jungen Generation).“ Anschließend Aussprache und geselliges Beisammensein. Musikalische Darbletungen. __ _ _ _ Berlin-Süden. Mittwoch. 23. November, abends 8/4 Uhr. im Roten Saal der Kammersäle. Teltower Str. 1—I. . Seminaroberlehrer Hermann Falkenberg: „Gottesdienst des Großstadtmenschen.“ Freie Aussprache. Eingeführte Gäste und Freunde unserer Bewegung herzlich willkommen. Berlin-Charlottenburg-Ost Dienstag. 29. November 1932, abends 8!4 Uhr. Verwaltungsgebäude der Synagoge Fasanenstraße. Dipl.-lng. Bruno W o y d a : „Von Hitler bis Thälmann — Politik auf Schallplatten.“... .._ Berün-Frledenau-Steglltz. Nächste Veranstaltung: Dienstag. 29. November, Ratskeller Friedenau. Einladungen ergehen noch. Bremen. Donnerstag, 17. November, abends 8^(1 Uhr, spricht Herr Rechtsanwalt Dr. Julius L.SeIigsohn (Berlin) ln der Kaiser. Friedrich-Loge. Ratsstuben. Am Markt, über: „Die Wiedergewinnung der jüdischen Jugend durch das liberale Judentum.“ Breslau. „ Montag. 21. Nov. Vortrag Margarete G o 1 d s t e I n (Berlin): „Aufgabe und Stellung der Frau im liberalen Judentum." . '. Dortmund. Montag, 28. November, abends 8.30 Ubr, im Gemeindehause. Vortrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. K o p pe I, Vorstehers der Repräsentanten-Versammiung: „Aufbau und Verwaltung der Gemeinde unter besonderer Berücksichtigung des Steuerrechtes, der Woblfahrtsfragen usw.“ Hamburg. Jüdisch-liberaler Gemelndevereln. Mittwoch, 16. November, abends 8 Ubr, Gabriel RleBer- Saal, Oberstraße 120. Vortrag Margarete Goldstein (Berlin) : „Notwendigkeit und Aufgaben des jüdischen Liberalismus“. Stettin. Sonntag, 27. November, vormittags 11 Uhr, Allemanla-Loge, Friedrlch-Karl-Straße 3. Jugendveranstaltung. Redakteur George Goetz (Berlin): „Was darf die jüdischliberale Bewegung von der Jugend erwarten?“ Referendar Heinz Kellermann (Berlin): „Was hat das liberale Judentum der .heutigen Jugend zu bieten?“ Bibliotheken der Jüdischen Gemeinde zu Berlin: 1. Hauptbibliothek, Oranienburger Str. 29in: (So. 10-1, Mo.-Do. 10-1.30, Fr. 10-130). 2. Lesehalle, Fasanenstr. 79-80: (So. 10-2, 4-10, Mo.-Do. 4-10). 3. Zweigbibliotheken: Pankow, Schulatr. 29: (Di. u. Mi.430-530); Neukölln, Isarstr. 8: (Mo. u. Do. 6.30-730); Friedenau- Steglitz, Friedenau, Scfamargendorfer Str. 3: (Mo. 630-730, Mi. 6-7); Lichtenberg, Scharnweberstr. 19: (Mo. u. Do. 5.15-6.15); Schoneberg, Münchener Str. 37: (So. 9.30-1030, Di. 6-7); Osten, Rigaer Str. 3: (So. 11-12, Di. 7-8); Hennsdorf, Roonstr. 10: (Di. 5-7). Was diesmal bemerkte:. Die Beharrenden und der Verändernde. Nichts hat itn Jahre 1928 die Orthodoxie detn-damuls in Berlin tagenden liberalen Wellverbaml so verübelt, wie Leo liaecks Wort, daß es bequem sei. orthodox zu sein. Bequem soll es sein, sich all die Enlsagunvcn atttztierlegcii, bequem, anders zu leben als die ganze Umwelt?! Nein, du scheint es wahrhaftig bequemer, liberal zu sein und —alles zu essen. Ja. wenn man das Judentum als Koclttopireligion ai/ii.ilit... Dabei hatte Dr. Baeck auf diese äußerlichen Schwierigkeiten selbst liingcwiesen — die weit größeren .inneren Schwierigkeiten des Liherui-seitts aber, die haben sich' neulich abend in vollendetster Anschaulichkeit jedetti dargeboten, der selten" kann. Es fand. in der Freien Jüdischen Volkshochschule in Berlin, eilte sogenannte .Alehraussprache“, auf Deutsch: eine Aussprache' von mehreren ulicr dic Stellung zum Autoritäts- Prinzip statt. Man erörterte, nicht ausschließlich aber hauptsächlich, die Frage der religiösen Autorität. Alan .wies aber auch aui die psychologische Seite des Problems hin: zu dem. der die Autorität sei oder sein wolle, müsse der liiuzukomttieit. der die innere Disposition mitbringe, sich iülircn zu hissen, sich anziilchnen, siclt's bequem zu machen. Düs heißt: dieses Wort iiel nicht, aber es zeigte sich, es drängte sich uui. Bequem .war es iiir Hermann Gersott. die jüdische ... Fiihrerpcrsönlichkeit als Autorität hiiizustcllcn.'dic er und der von ihm vertretene Kreis gctüudcn haben; bequem für Meir Roseuberg. auf das „Volk“ Israel liinzuwcisen. dem ullcs'nntcrzuorditcn sei: bequem für Erich Roseuhliith, das Religiousgesetz als höchste Autorität auzuriifcu. Mag es auch unlieuuem seilt, diesen Autoritäten zu folgen: über die Autoritäten sind du. man kann sich ihnen liiugeben, sie sagen einem, was man tun soll. Was maff;tu» soll — für wen? Fiir die Ge-' nieiiisehaft. für die Judenheit. daß sie sich erhalte. So ist also vielleicht — fiir den Bulteriaiier. iiir den Zionisten, fiir den Orthodoxen — die jüdische Gemeinschaft die eigentliche Autorität? Das wurde nicht ganz klar: klar hlieb mir, daß sie alle drei einem schon Vorhandenen sich eitireilieu. Aber es gehörte noch ein .vierter Debütier dazu, der zu den andern dreien gär nicht dazugehörte: Heinz K e 11 e r tu a n n, der Liberale. Die Vernunft'sei die höchste, die einzige Autorität. sagte er, und die andern erwiderten: die sei doch keine Autorität, denn mit iiir entscheide'der Mensch seihst, autonom. Und Kellcrmaim bestätigte das/ bestätigte cs freudig. Ju, hieß cs dann, und wo bleibt unsere Gemeinschaft? „Unsere" Gemeinseliuit. sagte Kellermaun, muß aus der geschichtlich gewordenen,, also in der Vergangenheit wurzelnden Gruppe, nls die sie wie eine von außen gesetzte Autorität sieh präsentiert, zu einer Zukunftsgemcinschaft werden; gewiß, die Vernunft wende sich nur an das Individuum,' aber die von einer gemeinsamen Idee beseelten Individuell bilden dann die Gemeinschaft derer, die nicht nur eitlem Vergangenen sich hiugchcii. aui daß cs beharre, sondern die gestaltend, verändernd. veredelnd eingrcifcii in das Weltgeschehen. Solcher Gemeinschaft könnte jeder Mensch auguliürcu; das prophetische Judentum sei für die ganze Menschheit. — Mit solchen Ansichten, meinten darauf, die drei, verlöre man den Boden unter den Füßen, Sie mögen recht haben: auch die nichtiüdiscltc Jugend sucht heut solchen „Boden unter den Füßen", und die jüdische Jugend zeigt sielt — trotz allem äußerlichen Separatismus — geistig assimiliert. Der „Asslmilant“ Kcllcrinantt aber, der böse Liberale, zeigte klar den im letzten Gründe materiellen Charakter solchen „Bodens“, er appelliertean den Geist, uu den gestaltenden Willen einer Religion der Vernunft, die dem einzelnen die unbequeme Pflicht der Entscheidung auferlegt, die Aufgabe, den Boden, den man halten will, auch seihst zu bereiten-er war ein Liberaler, er hatte es nicht bequem. Ziellca9« Billard-Säle mm IVIIta S am Nollandorlplatx 9 Bedeutend vergrößert Von 9 UHF frUh bis 3 Uhr nachts geöffnet Meister-Partien / Billard-Schule Schokoladen ■ Großhandlung Sämtliche Markenwaren zu Fabrikpreisen auf Lager Lieferung frei Haus von RM 10,— an, in Groß-Berlin u. Umgeb. M. Silbiger, Berlin C25 Kleine Alexanderstr. 14 * Telefon: E 2 Kupfergraben 2475 ja die triefende Hose am Zaun gesehen — indes, was er damit zu schaffen haben sollte, und was er mit dem Strickerhannes auszutragen hätte, das begriff er nun wieder weniger, nein, er begriff es überhaupt nicht; und nichts, rein gar nichts konnte er dazu sagen. Dann mußte es ja so kommen, wie es bei solchen Dingen immer.zu gehen pflegt: die beiden konnten sich wegen der Hose nicht einigen, und der Strickerharines, der das gute Recht bei sich glaubte, gellte in wilder Wut: „Soll ich sie suchen bei dir-, du hautschlechter Jud’? Was meinst du, soll ich sie suchen?“ Er gewahrte es gar nicht, wie der Veitei, seiner Unschuld gewiß, ergeben in alles, mit dem Kopfe nickte. Er fuhr schon, unentschlossen noch, wo beginnen, in der Stube umher; aber dann auf einmal. nahm die Sache einen unerwartet raschen Gang. Einer von den Buben, der verschlagenste, ein Schiefmäuiiger, zerschlissener Taugenichts, der dem Veitei schon manches gebrannte Leid zugeiügt hatte, schoß plötzlich, wie ein Bolzen unter den Bettladen — er mußte ja wohl Bescheid wissen — und hervor riß er die noch nasse Zwilchhose. „Da, da!“ triumphierte er, und mit ihm triumphierte der Chorus. Das nächste war, daß der Strickerhannes links diev Hose, rechts den Veitei an sich riß, und nun ging’s hinaus auf die Gasse. - ' Da stunden Haupt bei Haupt die Leute: Männer, Weiber. Kinder, so viele ihrer der Windfang auf die Beine bringen konnte, und nun sahen sie, was es gab. Nun hörten sie, was der Veitei ausgefressen haben sollte, und daß es damit seine Richtigkeit hatte, darüber kam keinem ein Zweifel. Denn wahrhaft kläglich, das Gesicht so weiß wie ein Käslaib, schaute der Veitei aus. Wie ein Kalb ließ er sich vom Strickerhannes wegshin zerren, einmal die Gasse auf, einmal die Gasse nieder, hinter sich die johlende Bubenrotte, die Schimpf und Schande über ihn ausschrie. ■ , •So war’s der Brauch in der Windfanggasse. Man lief nicht um jeden Pfifferling dem Gericht die Türen ein. man schlichtete seine Händel selber. So wunderte man sich auch nicht weiter darüber, daß der Strickerhannes, End’ aller End', die nasse Hose dem Veitei ins Gesicht schlug und ihn dann laufen ließ, wohin er wollte. . Der Veitei nahm auch dieses noch hin, .wankte, die Augen an der Erde, von dannen, verschloff sich, ohne noch einen Blick hinter sich zu tun, in seinem Hause, legte den Riegel vof, keines scherte sich weiter um ihn, und keines hat ihn von Stund’ an wieder gesehen. Er verkroch sich im hintersten Stubenwinkei in den uralten, zerwalkten Backenstuhl, der schon auf diesem Fleck gestanden, als der Veite! damals das Haus erhandelt hatte, saß eine Weile mausstill und starrte wie abwesenden Geistes vor sich hin. All die Unbill, all das Unrecht, so er im Leben erlitten, all der Spott, all der Schimpf, den man immer und immer wieder über ihn ausgegossen, — wie eine Flut von Weh brach das jetzt über ihn herein, schlug jäh über ihm zusammen. Es quoll ihm in der Brust, es würgte ihm im Halse, und plötzlich stieß ihn ein erbärmliches Schluchzen. Er wunderte sich selbst, wie es kam. Noch keinmal, seit er denken . konnte, hatte es ihn so genommen. Aber freilich, so schlimm wie diesmal hatten sie ihm noch nicht mitgespielt. Ein Dieb sollte er jetzt sein, ein Dieb! Ein Dieb, vor dem man die Türen schloß, auf den man mit Fingern zeigte. Nein, das war zuviel, das konnte er nicht mehr ertragen! Er wußte mit einem, daß er nicht mehr leben wollte: Fort mit mir! Fort aus dieser wehen, leidvollen Welt! Er rappelte sich langsam empor, und langsam ging er aus der dämmerigen Stube.- Als sie drei Tage hernach das Fensterglas eindrückten, die Türe autriegelten und ins Haus kamen, fanden sie den Veitei, den Gebetsriemen um den dürren Hals gedrosselt, an einem Haspen hängen. _ Da standen sie und verschüttelten die Köpfe: „Solch ein dummer Teufel!“ sagten sie. „Warum hat er das nun gemacht!“ Der blinde jüdische Di Ater Oskar Baum erhält als einziger SadetendeutsAer den tsAeAoslowa- 1 kisAen Staatspreis für Literatur. Der blinde jüdische Dichter Oskar Baum erhielt den tschechoslowakischen Staatspreis für Literatur für das Jahr 1932 für seinen in deutscher Sprache erschienenen Roman „Die Schrift, die nicht log“. Er ist bisher der einzige Südetendeutsche, dem der Staatspreis für Literatur zuerkannt worden ist * Oskar Baum-wurde 1863 in Pilsen seboren und lebt in Prag. Als Schulknabe wurde er durch einen Straßenüberfall des Augenlichts beraubt. Aus seinem körperlichen Unglück hat er sich zu erstaunlicher dichterischer Arbeit aufgerafft. Er 'erregte* 1908 mit seinem ersten Novellenband „Uferdasein** Aufsehen. Die höchsten ethischen Probleme behandelt der Gefängnisroman „Die Tür ins Unmögliche** (1919). Auch in zahlreichen Essays behandelte Baum ethische Grundfragen; auf der Bühne hat Baum durch das soziale Drama „Das Wunder**, Tragödie eines Erfinders, und die gesellschaftskritische Groteske „Der pünktliche Eros** starke Wirkungen erzielt. Dreißig Jahre im Dienste der jüdischen Wissenschaft. Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. V, blickte am 2. Novcm- . her ü. J. auf ein dreißigjähriges Bestehen zurück. Sie iiat während der Zeit ihres Wirkens die Aufgabe, der Wissenschaft des Judentums zu dienen, durch Herausgabe von Schriften und durch Subventionierung jüdisch-wissenschaftlicher Arbeiten auf das Glänzendste gelüst. Von dem „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums“ sind bisher 13 Bände erschienen, von dem „Corpus Tannaiticum“ ist eben der dritte Band in den Druck gegeben. Die „Germania Judaica“ wird vollendet Außerdem hat die Gesellschaft 37 „Schriften“ herausgegeben. Die subventionierten Werke erreichen mindestens dieselbe Ziffer. Auch die „Monatsschrift fijr Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ das Organ der Gesellschaft, die jetzt im 76. Jahrgang erscheint, ist ein Beweis für ihre ungetrübte Schaffenskraft Das Verzeichnis sämtlicher Veröffentlichungen der Gesellschaft, die an Mitglieder zu einem Vorzugspreis abgegeben werden, ist unentgeltlich vom Büro der Gesellschaft, Berlin-Schöneberg, Beiziger Str. 4611 2. (Nathan) zu beziehen. Etwa 1500 Mitglieder in allen Teilen der Welt zeugen davon, daß. es der Gesellschaft gelungen ist, trotz der Ungunst der Zeiten nicht nur kulturfördernd zu wirken, sondern auch zur Annäherung und Verständigung zwischen den einzelnen Ländern beizutragen. - Alte und neue jüdische Musik. Eröffnungsveranstaltung der Berliner Freien jüdischen Volkshochschule. Das interessante Thema lockte eine große Schar Zuhörer in den Bachsaal. Leider konnten im Rahmen eines so kürzen Abends weder die Begleitworte Arno Nadeis noch die musikalischen Darbietungen einen auch nur einigermaßen vollkommenen. Ueberblick über alte und neue jüdische Musik geben; die alte Musik war sehr wenig in Erscheinung getreten. von neuer Musik hörte man vorwiegend Kompositionen von Arno Nadel,' aber auch von Schafft; diese bewiesen wieder aufs neue ihre Schönheit und ihr musikalisches Niveau. Den Mitwirkenden, vor allem den Oberkantoren Davidsohn und John, dem Dirigenten Weinbaum und seinem ausgezeichneten Chor. Maria Rapp-Janowskaja, Ilse Nathan (Harfe) und Max Janowski (Orgel) wurde reicher Beifall gespendet. W. T.