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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-11-14 · 16 (14.11.1932) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
16 (14.11.1932)
Date
1932-11-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Die Zeit ist gekommen. Eindrücke von einer Delegiertenreise für das liberale Judentum, T Von Margarete Goidste in. Vom 10. bis zum 29. Oktober weilte icli mit-the Hon. Uly H. Montagu. der Elireiisekretärin der World Union ior Progressive Jüdaism, in den Hauptstädten der Tschechoslowakei, Ungarns und Oesterreichs. Die religiöse und soziologische Struktur der Juden in den drei Städten mit ihren Krollen Judengeiiieiiideii ist völlig verschicden. aber überall ist die Zeit und der Pur für das liberale Judentum gekommen. Neben den Synagogeugeiiieiiiscliaiteu wächst in Prag, Budapest und Wien von Jahr zu Jahr die Zahl derer, die sich immer mehr von aller Religiosität abwendeu und nur noch dem Namen nach Juden sind. Trotz eines .gewissen ethischen Niveaus, trotz einer lieihe sehr aktiver geistiger Zirkel und Vereinigungen ist die Juxend — oft ist es schon die zweite Generation — dem Relixiösen viillix entfremdet. Wir. konstatieren mit Betrübnis, dall sie — wie sie selbst sagen „das Glück dort suchen, wo sie es finden".' Und dieses „Glück" besteht für sie oftmals' in Austritt. Taute, Mischehe. Weite Kreise, xerade dieser der Religion entfremdeten Juxend, verfallen allerorten dem politischen Radikalismus. Deshalb fanden wir auch bei den Vorsitzenden der drei großen Gemeinden, den Eiihrcru der jüdischen ' Institutionen, sowie bei einem Teil der Rabbiner warme Aufnahme und die Zusicherunx. unsere Arbeit zu stützen und zu fördern. Es zeigte sich wieder, daß xlüubixe. relixiüse Menschen, xanz Xleiclt. wo sie stehen, sich innerlich viel näher sind als xläubixe und tiuxläubixc Menschen. Daher haben religiös positive Führer — selbst orthodoxe — unsere Arbeit ireudix begrüßt. weil sie einseilen, daü unser Werk auch ihre eisene Arbeit stärken and erxüirzen wird. Sie erkannten, daß uns keineswexs daran xelexen ist. fest im alten Glauben Wurzelnde zu entwurzeln' und zu liberalen Ideen zu bekehren, daü wir nicht in die bestehenden ülaubensinstitutioneii irgendwie eingreifen wollen, sondern dali wir lediglich jene, die dem Judentum entfremdet sind, heranziehen wollen; daß wir jene, die suchen, aber in dem Bestehenden nicht ihre religiöse Eriüllunx finden können, wieder heranholen und ihnen religiöse Bcseligung irrneuen, ihren Empfindungen angemessenen Tonnen geben wollen. Als ein junger Mensch bei. einer Versammlung aufstand und uns vom Sehnen der Jugend sprach, davon, wie all diese jungen Menschen seines Kreises suchen und tasten und im tiefsten unbefriedigt sind — als er in den Ruf ausbrach: „Wir suchen Gott", da wußten wir. wo unsere Hauptaufgabe liegt: diese Jugend wieder ihrem Gotte, dem Gott unserer Väter, ziizutülircu; die Mütter des heranwachsenden Geschlechtes wieder zu befähigen, in ihren Kindern religiöses Sehnen zu erwecken und sie iii die Welt des Relixiösen hineiuzustellen. Bei diesem unserni Werke fanden wir warmen Widerhall vor allem bei den Trauen und der Jugend. Auch Angehörige zionistischer Gruppen, die sich nicht im Politisch- Nationalistischen erschöpfen, sondern denen die tragenden relixiösen Ideen des Judentums über die politischen gehen,- zeigten starkes Interesse. Prag, die Stadt mit der aliehrwürdigen jüdischen Vergangenheit. wo uns auf Schritt und Tritt Zeugnisse alter jüdischer .Kultur entgegenleuchten, ist in religiösen Tragen lieute leider stark -indifferent. Nur - eine gar dünne Schicht Juden gehört noch der orthodoxen Gemeinschaft an, während'die. überwältigende Mehrheit von einer erschütternden Gleichgültigkeit ist. Und doch wäre es heute den Juden nirgends leichter, sich zu ihrem Glauben zu bekennen als in der Tschechoslowakei, wo eine so vornehme und hochstehende Persönlichkeit wie Masaryk absolute Freiheit der Meinungsäußerung. und der .religiösen Betätigung nicht nur gewährleistet. sondern unterstützt und fördert. Hier in Prag fanden wir ein überaus herzliches Entgegenkommen bei dem Vorsitzenden der Gemeinde, Dr.. Gottlieb Stein, dem Logeugroßpräsidenteu, Dr. Popper, und dem Rabbiner der großen Synagoge in der üeistgasse, Dr. Schwartz. Im Trauenkreise der B.-B.-Logen fanden wir starke Resonanz, und'eine große Zahl der Schwestern vereinigte sich mit warmherzigen und religiös vertieften Trauen der Confraternitö-Loge zu einem Komitee, dem auch Trauen der führenden gesellschaftlichen Kreise ihre Sympathie bekundeten. In einer Reihe von Versammlungen und Zusammenkünften (der Abschlußabend fand im Testsaal der B.-B.-Logen aui Einladung aller Bruder- und Schwesternlogen der B.-B. statt) wurde die. Notwendigkeit betont, vor allem der Jugend wieder religiöse Belehrung zuteil werden zu lassen, da diese Jugend heute vom 14. Jahre an keinen Religionsunterricht mehr genießt. Ebenso wie in Budapest und Wien hat die neu gebildete Gemeinschaft in Prag eine Trau ernannt, die inil Miß Montagu. der Ehrensekretärin der World Union, in regelmäßigem und dauerndem Kontakt bleiben soll, um von ihr Anregungen und Material zu empfangen. Die World Union will den Gruppen helfen, die Tragen zu klären, die für die Entwicklung und Törderung der Arbeit in den be'trcffenden Ländern von besonderer Bedeutung sind, und Kunde geben von dem, was in andern Teilen des Weltverbandes vor sich geht. ln Budapest imulen wir eine wesentlich größere Zahl positiv eingestellter Juden vor. Die großen Synagogen sind an den Teiertagen‘überfüllt (ein Gottesdienst am Morgen des Sch'mini Azereth in dein großen Neologen-Tempel in der Tabakgasse war, obwohl er dOUU -Menschen faßt, bei drei Gottesdiensten dreimal überfüllt, und ebenso soll es auch in den andern Tempeln gewesen sein). Die Zahl der Juden in Budapest ist aber so groß (über 22(1 UOU), daß diese Zahlen nicht irreiühren dürfen — sie beweisen nur, daß ein weit größerer Bruchteil als in Prag und Wien der Synagoge noch ergeben ist, sei es der orthodoxen, sei es der neologischen: diese kann aber mit unserem deutschen liberalen. geschweige denn mit dem amerikanischen oder englischen Ritus nicht verglichen werden. Dennoch wurde uns von dem Vorsitzenden der ungarischen Juden, der gleichzeitig Kultusvorsitzender von Budapest ist, Hofrat Stern, sowie von führenden Rabbinern und Männern der Synagoge ' bestätigt, daß weit mehr als 11)0000 Juden ohne irgendwelchen Kontakt mit dem Glauben ihrer Väter leben. Wir fanden warmes Echo für unsere Gedanken und. liiitangeregt durch Oberregieruugsrat Dr. Triedmann und Dr. Ernst Namenyi (einen Enkel des alten Rabbiners Keyserling), sowie eine Schar junger Menschen, bildete sich alsbald eine Arbeitsgemeinschaft, die vielverheißende Pläne hegt. ln Wie n war der Zeitpunkt unseres Besuches schlecht gewählt. Wir kamen, ohne Absicht, mitten in die Vorbereitungen zur jüdischen Gemeindewahl hinein, und manch einer unter den zionistischen Heißspornen glaubte, unsere Anwesenheit und unsere Versammlungen zu Wahlzwecken mißbrauchen zu können. „ Das verstimmte um so mehr, als Miß Montagu in der ihr eigenen Art tief religiöser Verantwortlichkeit, getragen von sittlichem Ernst, für die Gedanken ihrer Mission immer wieder nur die rein religiösen Ideen betonte: uns beiden lag völlig fern, uns in die Tagespolitik und die lokalen Streitigkeiten zu mischen. Margarete Goldstein kehrte von einer Propaganda-Reise für das liberale Judentum zurück. (Vgl. heutigen Artikel.) Es ist schwer, gegen die traurige Verwirrung uiid Verhetzung dieser jungen Menschen anzugehen, die, besessen von einem einzigen Gedanken —. dem der Rasse und des Blutes —, Assimilation schlimmster Art treiben. Es erübrigt sich, aui die vielen wirren Presseäußerungeh einzugehen, in denen z. B. ein innerer Zusammenhang zwischen dem Centralverein und dem Reformjudentum konstruiert wird, die das Wort „liberal“ nur als Negation und politische Aeußerungsform kennen: es ist unmöglich, mit Menschen solchen Tones in Versammlung oder Presse einen gemeinsamen Boden der Verständigung zu finden. Darum sei lieber das Positive verzeichnet. Auch in Wien bereiteten, uns die Tülirer der Gemeinde, an der Spitze deren Präsident Dr. Omstein, einen warmen Empiang. Auch hier fand unser Besuch von der - allgemeinen, Tagespresse starke Beachtung. Auch hier bildete sich eine religiös-liberale Gruppe von mehr als 60 Menschen, die sich alle 14 Tage treffen wollen und bereits am 2. November unter dem Vorsitz von Obermedizinalrat Dr. Haase zum ersten Male sich über religiöse Gegenwartsfragen ausspraciien. Die Korrespondenz mit der World Union hat hier Trau Direktor Ostwald übernommen. Eine selbständige Jugendgemeinschaft kommt außerdem noch regelmäßig zusammen, um religiöse Tragen in Arbeitsgemeinschaften zu besprechen. Man hofft,, in Wien, möglichst bald liberal-religiöse Belehrung und einen .Sabbatgottesdienst einricliten zu können. Geeignete Persönlichkeiten haben sich bereitwillig zur Verfügung gestellt. Die drei neuen Gruppen in den verschiedenen Städten haben sich der World Union zu gemeinsamer Tat und in gemeinsamen Zielen zugesellt. Aber wir betonten immer wieder, daß jedes Land und jede Gruppe notwendigerweise den eignen Ausdruck ihrer religiösen Gedanken finden muß, daß sie die religiös-liberalen Formen, gemäß den Notwendigkeiten und Bedingungen ihres Landes und seiner Menschen selbst zu gestalten haben. Mag der. Erfolg dieser Reise nach dem Worte des Propheten Sachärja vorerst auch nur ein „Tag des kleinen Anfangs“ sein. Wir wollen hoffen, daß nicht allzu lange Zeit verstreichen wird, bis wir auch den „Schlußstein“ setzen können. -_ Neue Wege der alten Synagogen-Musik. Von Oberkantor Magnus D a v i d s o h n , Berlin. In einer Zeit, die durchsetzt ist von Not und Sorge, arbeiten unablässig in der Stille ringende Menschen hingebend für die Idee ihrer-Sache. — Jüdisches Charakteristikum. Wie oft haben unsere Ahnen solche Zeiten schlimmster Not erlebt. Dennoch erstanden ihnen immer Geister, die führend und belebend Wege wiesen, die die Wurzel dieser einzigartigen Glaubensgemeinschaft tiefer gruben und stärkten. ■; . ' Wir scheinen an der Wende einer ganz bestimmten sakralen Kunst-Epoche zu sein. Sie gilt scheinbar einer Renaissance der Synagogenmusik. Es ist natürlich, daß die größte Gemeinde Deutschlands mit ihren schönen Gotteshäusern und ihren kultivierten musikalisch-liturgischen Institutionen die geeignete Stelle für die Erprobung neuartiger Kultmusiken ist Die Gewähr hochwertiger künstlerischer Ausgestaltung ist gegeben. Nach dem begabten Münchener Musiker Schallt tritt nun Leo Kopf, der Chordirigent der Synagoge Prinzregentenstraße, mit seinen Arbeiten in die Erscheinung. Wenn wir kurz referierend auf die einzelnen Teile seines Werkes hinweisen, so kann damit keineswegs eine Kritik verbunden sein. Wir sehen diese Versuchsgottesdienste als Bausteine an einem Fundamen- . talbau an, der — vor hundert Jahren errichtet — dringend der Renovation bedarf. Ob der eine oder der andere den richtigen Stil findet, daß maß sich erweisen, Ein Volkslied, eine Bewegung-sind doch nie'durch eine günstige Kritik zur Höhe getragen worden und haben dadurch ihre Signatur erfahren. Die Seele des Volkes spricht das Urteil. Das Herz der Gemeinde gibt sein Votum. Kein Dekret keine Verfügung, keine Konferenz. Warum wir dies vorausschicken? Nun; das, -woran wir dabei denken, steht jetzt nicht zur Debatte. Daß Leo Kopf tief in der Tradition unserer sakralen jüdischen Weisen wurzelt, zeigt sich sofort bei dem Einleitungsgesang des Mah-tauwu in deutscher Uebertragung: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob.“ Die vertraute Weise einer bestimmten Skala klingt durch. Das Ganze, der Charakter einer Motette, ergreifend und. feierlich der Unisonosatz bei der Stelle: „beugen ehrfurchtsvoll das Knie." Psalm 95. „L’chu n’ran’noh“. Der Jubelhymnus hat nicht dje immer wiederkehrende Melodie, sondern ist wechselweise für Kantor und Chor durchkomponiert .Jede Trivialität ist ausgeschaltet, Wort und Ton durchaus identifiziert.' Wie ein roter Paden zieht sich die bekannte Weise der Adaunoj moloch- Aus einer kleinen Gasse. . . Skizze von Karl B.u r k e r t. Der Mensch,- von dem hier die Rede ist, hieß Veitei Altschul. Er war ein spottarmer Teufel und die verlassenste -Seele im ganzen Städtchen. Alles, was zu den hablichen, vollgültigen Bürgern zählte, sah über ihn hinweg, wollte mit ihm nichts zu schaffen haben. Und war das weiter kein Wunder. Es war so gar nichts an ihm, was irgend erfreulich gewesen wäre. Schon sein Aeußeres hatte ein schlechtes Hersehen. Kümmerlich die Gestalt, dürr wie ein pahnenstecken. der Rücken gekrümmt, zu lang die Arme, das Gesicht so gelb wie eine reife Ouitte, leblose, fast erstorbene'Augen, ein viel zu scharfer Nasenrücken, und endlich dieser schüttere unsaubere Bart, — alles in-allem ein fast wehtuendei Anblick'. Dazu kam noch diese große, unsäglich große Demut die um das ganze Sein und Wesen dieses 'Menschen wie eine Dornenranke geschlungen war. Diese Unterwürfigkeit in jeder Geste.- Dieses ewige Bemühen, sich schmal zu machen, beisfeite zu treten, sichzu - ducken, aucli wo es gar nicht sein mußte. Dieses bewußte'Sicherniedrigen. Diese stumme Duldung um den Mund, die manchmal so schmerzlich, so tiefschmerzlich lächelte: manchmal so redend, daß man sie unschwer zu einem Gedunkelt formen konnte, etwa zu diesem: Ihr tut schon recht, wenn ihr mich gründlich verachtet! Der Veitei wohnte.in der Ariueleutegasse, wie ein jedes Städtchen sie hat, einer solchen Rumpelgasse, wo die Häuser eher Hütten sind. Wo es noch -die uralten Rauchfänge gibt, die kleinen, zwinkernden Hexenfenster, die lächerlich schmalen Gärtchen, darinnen vor lauter Zaunenge' und Mauerschatten nichts wachsen will. Die putzwunderlichen Dachnasen. Wo man am Abend noch auf den ausgetretenen Staffeln hockt. Wo man einander fort und fort in die Haustüre guckt, nein, in die Stube, in die Schlafkammer, in den rußigen Herdwinkel hinein. Wo es keine Verbogenheiten gibt, keine Geheimnisse. Wo alles von einander hört, sieht und weiß: das Gerade, das.Ungerade; Wo man alles vermutet, meint, glaubt: das Mögliche, dasJJnmögliche. Und gerade in diese Windfanggasse hinein paßte’der Veitei nun eigentlich nicht. Er war doch viel zu scheu, zu abseitig. Er kümmerte sich nichts um all das Gewusel. Gezänke, Gemenschel uiid Getue, um all das wuchernde Geschwätz. Man sah ihn wenig, man hörte ihn kaum, er wußte nichts zu sagen, wenn man ihm ein seltenes Mal begegnete. Die beiden trüben Bleifenstcr seines verluderten Häusleins waren ständig verhüllt, die Türe meist geschlossen. Viel Fremdes witterte um ihn und sein Gewese; die Leute fühlten es. Die kleinen Kinder schauten nach ihm mit einem Herzen voll Angst. Nur die .Kecklinge unter den halbgewachsenen Buben, jene Großhänse und Maulritter, denen fortweg irgendein Mutwille, irgendeine Frechheit aus den Augen spritzte, scherten sich um all das nicht Immer wieder machten sie sich an den Veitei heran, diesen kuriosen Vogel. Sie achteten ihn nicht höher denn ihresgleichen, nein sichtlich geringer, und sie trieben ihr bübisches Spiel mit ihm. Wo sie irgend etwas mit ihm anstellen konnten, das taten sie. da wären sie sich einig. Und wer unter ihnen einen neuen Rank ersinnen konnte, und noch mehr, wer damit zu Streich kam, der galt so viel wie ein Tausendkerl. Heute malten sie dem Veitei mit einem Stümpchen Schulkreide einen Popanz an den Laden. Morgen ließen sie eine Maus, eine Kröte, .oder gar eine Waldschleiche zu seiner Türluke hinein. Ein drittes Mal, wenn er beim einzigen Ziehbrunnen, der in der Gasse war, am Abend sein Wasser holen ging, praktizierten sie eine Grundel, einen Molch in seinen verbeulten Spritzbecher, oder sie nestelten' ihm ein Hasenschwänzel hinterrücks an den verschwammten Rock. Sie waren ja unerschöpflich in ihren nichtsnutzigen Erfindungen. Ebenso unerschöpflich'war-das arme Judlein in seiner Langmut, die alles dieses mit einer unsäglichen Güte und Gelassenheit ertrug. Nichts wußte er diesen Tücken entgegen zu setzen, als ein stummes, wehrloses Lächeln. Auch unter den Erwachsenen, vorab den Mannsleuten, fanden sich alle Zeit welche, die am Veitei ihren Witz versuchten. Schon allein der Umstand, daß er ein Hagestolz war und auch im übrigen seinen Tag ganz ohne weibliche Hilfe und Betreuung dahinlebte, gab Anlaß genug, ihm immer wieder eine närrische Feder auf den Hut zu stecken, ihn mit allerhand schimpflichen Reden zu foppen und zu zwacken. „Itzig,“ hieß es da zum Beispiel, „ich hab’ mir sagen lassen, du willst dir nächstens ein Weib nehmen. — Die Husarenmine, stimmt’s?“ Natürlich -war die Husarenmine eine urhäßliche Person von beträchtlichem Alter, die überdem nur ihren halben Verstand hatte, grundschmutzig und bösartig dabei, und die wenigsten Menschen im Städtchen hätten sie kaum mit dem kleinen Finger berühren mögen. Einzig für den Veitei sollte sie gut genug sein. Aber so waren sie eben, die Leute; so sprangensie mit dem Veitei um. Der Veitei lächelte auch hier wieder, lächelte auch zu den bald dummen, bald rohen Späßen der Großen. Friedfertig wie stets ging er. seinen stillen Wandel. Er. war ein geringer Handelsmann, sammelte unermüdlich die Lumpen, die Knochen und sonstiges überfälliges Zeug und besorgte es wieder weiter. Tagelang war er zuweilen in seinen Geschäften unterwegs: kein Mensch wußte, wo er richtig steckte, es war ja auch durchaus gleichgültig. Keines vermißte ihn. keines hatte ihn irgend nötig, und einmal würde er schließlich wieder heimfinden. — ' Dann aber kam es seltsam. Der Veitei sollte plötzlich ein Bösewicht heißen. Das wäre denn doch des- Satans! Aber wie auch immer, man lernt eben im Leben nicht aus! Die Sache war doch klar erwiesen, war klar wie die Sonne, und der Strickerhannes hatte das Recht; zu lärmen. Der Strickerhannes hatte am Morgen seine Zwilchhbse gewaschen, sie zum Trocknen über den Zaun getan, und am Abend war sie schmählich verschwunden. Alle Leute in der Windfanggasse wollten sie haben hängen sehen; wo sie aber geblieben war, das wußte keines zu sagen. Bis es auf einmal hieß: der Veitei! Wer es zuerst über die Lippen gelassen? Diese Frage, wie wichtig sie war. Wurde schon gar nicht aufgeworfen. Nun gar der Strickerhannes! Ueber derlei belanglose Dinge zerbracher sich nicht den Schädel. Seine Hose wollte er Wiedersehen, punktum! Und weswegen sollte sie der Jud' nicht gestohlen haben? Handelte er nicht mit Lappen und Knochen? Und zog er nicht jahraus, jahrein mit Säcken umher? Nicht als ob die Zwilchhose so etwas wie ein alter Lappen gewesen wäre! Nein, wahrhaftigen Gottes nicht! Aber die Säcke, die Säcke! Man weiß, was alles man in Säcke hineinstopfen kann! - Solche Wege gingen die Gedanken des Strickerhannes; er zauderte nicht lange, recht wie ein Unhold brach er dem Veitei ins Haus. „Meine Hose, du Mistling!“ schrie er dem Veitei gegen den Kopf.' ‘ Der Veitei, so jäh überrumpelt, sah aus ganz erschrockenen Augen, sah aui seinen Widersacher, sah auf den dreisten Bubenschippel, der, hinter'diesem drein, ins Haus, ja schon in die Stube gedrungen war, und wußte nicht, was erdenken sollte. „Meine Hose, meine Zwilchhose, die du mir gemaust hast, du Ratzenkopf!“ plärrte wieder der Strickerhannes. „He, willst du sie wohl herausgeben?“ Er plärrte, daß ihm die Adern schwollen, daß es ihn . krebsrot überlief; mit den Fäusten fuchtelte er gefährlich in der LufL Der Veitei fing langsam an zu begreifen — auch er hatte

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