Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 15 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Jahrgang Nummer 15' 3übifd|-filietale Reifung - Beilage* 1. November 1932 Coustantm tBuuwec: Von Benedikt Spinozas seligem Leben ’ Das ganz Große an Spinozas Leben ist dieses, daß er alles das gelebt und mit seinem Leben dargestellt hat, was erlehrte. Mit Gedanken und Leben hat er gelehrt, und das Leben stimmte überein mit dem Denken. Und das also, wird man fragen, „Uebereinstimmung des Lebens mit dem Denken“ soll etwas derart Gewaltiges sein, daß wir deswegen z. B. Spinozas Leben nicht begreifenkönnten? Gibt es denn das gar nicht unter uns? — Nein, antworte ich. Man darf nicht unter Denken diesen oder jenen einzelnen Gedanken verstehen: die Uebereinstimmung des Lebens mit dem wirklichen Denken ist gemeint, mit dem Ganzen und Weiten der Gedanken.. Man muß diese Gedanken kennen, wie Spinoza sie gekannt hat, um zu verstehen, mit .welchen Gedanken sein Leben einstimmig war; man muß Verstehen, daß mit den wirklichen Gedanken im Einklänge ein seliges Leben führen — nichts Geringeres heißt, als mit den Gedanken der Wirklichkeit, das ist mit . der Wirklichkeit übereinstimmend leben oder in der Einheit des wahrhaft Wirklichen sich wissen. Wer diesen Worten ihren Sinn zu geben weiß, der' wird dabei im Sinne haben, was die anderen gar nicht im Sinne haben bei ihrer Einstimmigkeit des Lebens mit dem Denken, wenn sie dieses Wort etwa diesem, oder jenem als Grabrede nachschicken ■ oder, wo es sonst unschädlich für sie bleibt, einem'nachsagen, am liebsten aber wohl es von sich selber gerühmt hören möchten, — wieviel Mißbrauch edler Worte ist "nicht unter uns, und wie häufig werden große Ausdrücke gehört, die in gar keinem Verhältnis stehen zu den wirklichen Eindrücken! so daß, wer die Reden .der Menschen wörtlich nehmen wollte, ein ganz seltsam unzutreffendes Bild von unserer Welt gewinnen müßte. Man nimmt sie aber so wenig wörtlich, daß vielmehr niemand mehr an das denkt, was sie bedeuten, ■ und fast alle großen Worte sind nun derart heruntergebracht, daß' man - immer' erst auf die eigentliche Bedeutung, wo sie eigentlich Anwendung findet, mit Bitten und Beschwören hindringen muß. Uebereinstimmung von Leben und Denken ist etwas ganz überwältigend Großes, unü-keiner hat das erfüllt als nur Spinoza: alle die anderen leben in Wahrheit uneinstimmig mit ihren Gedanken, keiner von ihnen lebt wirklich monistisch, vielmehr leben -sie alle gänzlich dualistisch, zerrissen; ■wo du sie sprechen hörst von der Wahrheit der Ge- . danken — sieh auf ihr Leben, mit dem widerlegen sie diese Gedanken. Leben sie nicht allesamt im Gefühle ihrer Unzulänglichkeit, Schwäche, Gebrechlichkeit, in Unzufriedenheit, Sorge, Kummer, Erwartung, Wunsch, Sehnsucht, Leidenschaft, Streit, Feindschaft mit ihresgleichen, Angst 'vor tausend Uebcln und .vor dem Tode und allem, was sie aufgeben, und verlassen, sollen — und ist das arideres als Zwietracht-und .Entzweiung?- und sind also nicht mit ihrem Leben und Schicksal lind mit dem' Gange der dinglichen Bewegung in der Welt die Gedanken, welche sie haben, durchweg uneinstimmig? Es fehlt ihnen, auch wenn sie denn Gedanken haben, die Grundbedingung zur Einstimmigkeit ihres Denkens mit ihrem Leben: daß nämlich ihre Gedanken-untereinander einstimmig, und daß sie so wirklich seien wie ihr Leben wirklich ist. Unmöglich mit anderem läßt sich in Uebereinstimmung leben wie mit den Gedanken der Wirklichkeit, der Wahrheit —: was haben aber die scholastischen Possen ihrer. Originalphilosophien mit der Wirklichkeit zu schaffen? Konnte Er etwa in Uebereinstimmung leben mit zwei apriorischen Anschauungsformen, zwölf apriorischen Verstandeskategorieri, vier Antinomien und drei Postulaten?! Oh, was für Gedanken haben sie, wenn sie Gedanken haben, und nach der Wahrheit forschen! Spinoza dagegen war ganz anderes als solcher Wahrheitsforscher von . den papiernen Originalerfindungen, und er hatte nicht Gedanken: er war sein Denken, Spinozas Leben war der mit dem Denker identifizierte Gedanke; und darum, sage ich, um zu' wissen was er gelebt hat, muß man wissen, was er gedacht hat-Ordo e t connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum mitsamt dem dazugehörigen .Omnia animata quamvis diversis gradibus und, darüber weit hinaus, Substantia c o n s t a n s in f i n i t i s a 11 r i b u t i s hat er gelebt! Das war, von innen heraus angesehen, sein im reinsten Einklänge mit den Gedanken der Wirklichkeit geführtes seliges Leben. Diese Gedanken — Erhabeneres gibt es nicht auf Erden: wer in ihre heilige Tiefe hinabgedrungen ist, der ist bei der Wahrheit; und die Wahrheit hat die Glückseligkeit: zur Begleiterin. Mit diesen beiden Gedanken sind,-wenn ich so sagen darf, die beiden \ Die Schritt r Sprache vc eile. Traduit Stufen' des seligen Lebens bezeichnet: die erste Stufe der Seligkeit ist das Wissen von der Identität des Denkens mit der bewegten Dinglichkeit und das Sich- Wisscn un großen einheitlichen (irundleben der Welt, das Sich-Eines-Wisseu mit der Welt der denkend bewegten Dinglichkeit (vgl, Pneumatologie), die zweite ist das Bewußtsein von der Identität" dieser relativ seienden Welt mit dem wahrhaft Seienden des Geistes. Dieses beides denkend, die relative Wirklichkeit .auf dem Grunde des absolut Wirklichen, hat Spinoza gelebt, unentzweit mit seinem wahrhaften Wesen, ein Leben der Freudigkeit, der Herrlichkeit, der Liebe, in Einheit mit Welt und Geist. : Die Tatsache dieses Lebens also ist voruns; welches wir nicht anders denn als ein ganz seliges Lqben bezeichnen können, und welches gewaltig um( verinnigend das Herz erschüttert, um so gewaltiger mul um so mehr verinnigend: je lebendiger wir uns hineinversetzen in die Tiefe dieses Ereignisses, wodurch .uns die ganze Wahrhaftigkeit der Wahrheit — der Wahrheit -des Gedankens von der Einheit — geoffenbart wird gerade ail dem äußersten Falle eines Lebens,; welches, allem Anscheine nach so weit wie möglich abliegend von dieser Wahrheit und von ihrem Frieden,; vielmehr durch alles und jegliches geeignet schien, in ' die Entzweiung und gänzliche Finsternis des Bewußt-: seins hinunterzutreiben. Es war dieses Mannes Lehen hervorgekommen aus der eruiedrigtsten und verachtet-; steu Gemeinschaft, und von solcher Gemeinschaft war'; er ausgestoßen so gründlich, daß er auch von dem Mit-: gliedern seiner eignen Familie wie ein Verpesteter geflohen wurde, ja weit ärger wie ein Verpesteter, da „niemand ihn weder mündlich noch schriftlich anredeu. nicht vier Ellen weit von ihm steheri bleiben und nichts; lesen durfte, was er gemacht oder geschrieben-)“; und i dazu noch war es ein Leben der äußersten Armut und des verhängnisvollen Krankseins eines, ganz Einsamen, welcher (der einzige Mensch aiif Erden in damaliger Zeit!) keiner Gemeinschaft angehörte, keiner sich verwandt fühlte, der völlig einsam stand auch mit seinen Gedanken, im Widerspruch zur ganzen Meuschenwelt — u ii d dennoch dieses G 1 ü c k s g e f ii h I ohnegleichen. Und es war -ein Leben nicht nur Religiöser Vortrag Sonntag, den 13. November 1932, vorm. 11.30 Uhr Synagoge Prmzregentenstrafje 69/70 des Weis Heinrich Mann: Nach der Wahrheit leben Chor und Orgel Eintritt frei! Vorsiand der Jüdischen Gemeinde Verlegung der Friedhofs-Kommission und Einsetzung eines Beerdigungs-Kommissars Beerdigungs-Kommissars solcher Einsamkeit, Armut. Krankheit, des Vcriluclilseins und •Verbanntseins, sondern auch des Veriolgtseins diireli üblichen Haß; der ganz gewiß im wahren eigentlichen Sinuc getötet haben würde, wenn iiiclit die Krankheit ihm damit zuvurgekonmieu wäre u u J d e n ii o e Ii d i e s e U n v e r b i t t e r t Ii e i t int d dieses wahre St fliehen des Friedens ohnegleichen. Und trotz hcidcui: von solchem Leben des Krankseins und Veriolgtsein.s, bei einem allgemein derart verschrieenen Namen.;daß noch npcli hundert .Jahren von ihm „wie von einem' toten Hunde" geredet ward, von solchem Leben als Frucht ohnegleichen, daß er diesen Bau der. Ethik gegründet: was mehr getan ist al,s sonstvon einem Menschen getan werden kann, dessengleiclieii von keinem Menschen vor ihm mich nach.ihm getan worden ist - - war es zuviel, wenn ieli von den drei Wundern Spinozas sprach, und wenn ich diesen dreimal hcldengroßcit Mann den liiaimhaileslcu und stärksten aller Männer*.nannte mul den gesündesten? Fiir die eine Krankheit des Leibes war er frei von allen den vielen andern Krankheiten, denen die übrigens am Leibe Gesunden unterworfen sind, von den Krankheiten des Aberglaubens in der Seele: - - mul zum Zeugnis fiir dasj was höher gilt an Bedeutung als unser (iesmidseiii und unser Kranksein, hat dieser hohe Mann in seiner Gebrechlichkeit mit seinem Lehen vermocht, was kein noch so gesunder Mann vermocht hat, und wozu ilun die Kraft ungebrochen blieb bis ans Ende, so daß ilun kein Tag seines Lebens verloren ging: er vermochte dieses- Lehen selber zu gestalten, daß es ein Leben der Geistigkeit wurde und die sinnbildliche Darstellung seiner Lehre. Gestaltet hat er es zum'Leben des wahrhaft vollendeten Weisen — wobei mail nicht etwa das griechische „Hiilosoplienlcbeti - tut philosophischen Bart und Mantel vor Augen haben darf. Es gibt kein anderes Leben, welches so ganz und gar das musterhafte Lehen eines Deukers, eines wahrhaft Weisen ist, der nicht die Weisheit sticht, sondern der sie gefunden . hat und in ihrem Besitze und Gebrauche so sicher ist, nicht eines Pliilosoplios. sondern des Soplios, der das Philosophie-; re» in wirkliche Gedanken, verwandelt hat: mul von diesem Einzigscin unter den Denkern gibt nun auch das Einzige dieses Lehens Zeugnis. Ein Leiten wahi'- •lich von ganz anderer Art. wie das griechische PhllW soplienlebc». das durchweg prätentiös und karriklerV sieh zeigt-1), während dieses die Aufrichtigkeit selber1 das wahrste und klarste Lehen geweseiüst und -- das11 durch und diireli geniale. Weil Spinoza den (yidarike)l' darstellte in i t sei u e in L e h e n . dieses so viel ituigj lieh modifiziert hat »ach dem Gedanken, welchem cs' PAUSCHAL-, GESELLSCHAFT^^::: STUDIEN- UND JAG DREISEN nach der Sowjet-Union nrganisiert das staatlich sowjetrussische Reisebüro „INTOURISTT Durch „iritourist“ Bestellungen auf: Hotelzimmer, Pension, Mietautos, Stadtrundfahrten usw. Auskünfte und Anmeldungen nehmen alle MER: und Hapag - Reisebüros entgegen sowie Intourist?« BERLIN NW 7 UNTER DEN LINDEN 62-63 -' TELEFON: A1 JÄGER 3B47 Liberaler Verein für die Angelegenheiten der JDdltolian Bemalnde zu Berlin . E.V. JUGEND - VERANSTALTUNG am Dienstag, den 15. November 1932, 8 Uhr abds. im Logenhaus KlelstatraBe 10 J Wasist Judentum? Ein* Frag« an dla dautsch-Jüdlaeh« Juganid Laitung du Abend«: Reohtaanwalt Dr. Ha« AuetbecH Referent: Rafarandir Hsinz Kallarmann Es werden ferner epredien: R.-A. Dr. Wtintr R°«nb*rg . >1. Vtitral« dn K.C. Mlt,ll< Kein Venehrzwangl nd Garderobe fr Die Bi Grk.sri Ch*,ioU«nWi-O.I Allnd Jaulu Gegen Reaktion und Muckertum! wählt Sozialdemokrjten Liste 2