Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 15 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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untergeordnet war und naeligäl) wie das Material dem Künstler; sein Lehen war sein Material, so wie das Wort sein Material war. Durchaus genial erscheint dieses Leben — unabhängig von der Nachahmung anderer, und trotzdem . keineswegs als ein Wagstück unternommen, wozu dann doch die Kraft der eigenen Natur-auf die Dauer-nicht ausreicht oder in unzulänglicher Abschätzung der Umstände und anderer; der wahrhaft Geniale unternimmt nichts, was nicht vollkommen gelingt. Nicht anders als genial kann dieses Leben, genannt werden', welches so großartig eigentümlich wie im höchsten Malle natürlich war, und so ernst und notwendig wie das Natürliche, und nicht zuletzt ttalso, weil es völlig gejang — und einzig und allein auch darum war er so ganz unabhängig groll in der Genialität sei/ies Schaffens, weil so frei und so glücklich in der Genialität seines Lebens. Spinoza lebte mit niemandem. der ihn gehindert -hätte anders zu leben als nach der Innerlichkeit seiner Gedanken, und er war seiner Gedanken so' gewiß, daß ihm nichts widerfuhr, was ilm daran gehindert hätte. Von Trübsal und drohendem Kleinmutc hatte er sich früh geläutert und geheiligt durch die ewigen Gedanken, und lebte nun, in Frieden mit Glück und Unglück' weil eingegangen in jene Einheit, wo nicht Glück'noch Unglück statthat, als der freie und ganz reine, als der selige und heilige Mensch. So hatte er über alle Maßen gefunden, was er gesucht und wovon er im Umgänge der Schrift „De intellectus emendatione“ die herzerhebende Schilderung entworfen hatte — wer als Suchender so denkt, wie muß der. sein, nachdem er gefunden;lmt! Diese Schilderung ist das wundervollste Präludium zur Sache der Philosophie, ■ d. i. zum Leben der Geistigkeit, wie Spinoza es gelebt hat. Will man sehen,, was Spinoza gelebt hat, so sehe - man, was er gesucht und was er gefunden hat: man lese die Hingangsworte jener eben erwähnten Schrift - in einem Zuge mit' dem Anfang und mit dem Ende , der Ethik — so-hat man das Gesuchte und das Gefundene, und das Gefundene ist das Gesuchte, und das alles ist Spinozas persönliches Erlebnis. Er sucht anderswie die „Forscher“; sogleich vom ersten Anfänge gehen ihm die Gedanken auf-das Leben, welches er sucht, lind sein philosophisches Werk heißt Ethik, weil darin das Leben angetroffen wird, welches er gesucht und gefunden hat, — Anfang und Ende der Ethik bezeichnen. uns Tiefe und Höhe des Gedankens-, welcher der lebendige Spinoza, gewesen ■ ist. Der endliche Mensch Spinoza war völlig dahingegeben in das Ewige, war hindurchgebrochen mit seinem endlichen Leben zu seinem ewigen Wesen und in dieses zurückgekehrt, so daß ihm die Wahrheit des ewigen Wesens nah war und ihm da war im endlichen Leben — sie ist immer da, das Königreich des Himmels ist immer und überall da,, es ist kein Ziel der Zeiten: alle Zeiten sind am Ziele für den Denkenden, jeder Augenblick ist Ewigkeit. Er war mit der Vereinzelung seines Lebens eingegangen in die alles durchdringende Klarheit, Seligkeit, Liebe (Amor Dei intellectualis) des alleinen, unendlichen Wesens, er war ewig im Leben, hat im Leben das bleibende Sein gekostet — oder will man in jenem großen Bilde reden, so rede man in jenem großen Bilde von Spinoza wie von Christus: Mensch gewordener Gott und Gottgebliebener Mensch. „Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm.“ Er zeigt sich so nah als möglich und erstaunlich nahe dem, was man vom Göttlichen aussagt —: in sich selber ruhend, und immer seiner selbst gewiß, in der eignen seligen Vollendung sich genügend, kein endliches Gut erstrebend, nichts erstrebend, nichts auch nur für sich zulassend, keinen Besitz, keine väterliche Erbschaft, kein fremdes Vermächtnis, kein Jahrgeld, keine Geschenke, kein Lehramt; nicht einmal seinen Namen wollteer genannt wissen vor , seinem philosophischen Werke, welches nach seinem Tode erst sollte bekanntgegeben werden*), Und er hat, wie schon gesagt wurde, nichts gelebt wie das, was mit. seinen Gedanken des Wirklichen übereinstimmte — nicht allein daß er, der große Uneigennützige, nichts von allem gesucht hat, was den andern erstrebenswert dünkt und unentbehrlich: belastet mit allem, was ihnen unerträglich ist, war er glückselig; glückselig in seinen Gedanken über das Ewigsein und die unermeßliche Liebe wie auch über diese Welt des. Wechsels und Unterganges und über sein Leben darin. Heiter waren alle seine Tage, .niemals fand man ihn traurig, nie zeigte er sich überwältigt von einer Gemütsbewegung, nie war ein Laut der Klage über seine Lippen gedrungen, weder über die Verfolgungen und den Mordanschlag, dem er ausgesetzt gewesen, noch über seine Krankheit — und jetzt brauche ich nichts mehr als hinzuzufügen: er hätte auch niemals erleben können, was mit seinen Gedanken in Widerspruch getreten wäre. Als er im Jahre 1672 in den dringlichen Verdacht geraten war, ein französischer Spion zu sein, und man befürchten mußte, daß der Pöbel das Haus stürmen könnte, hat Spinoza seinen Hauswirt mit diesen Worten beruhigt: „Fürchten Sie nichts; sobald das kleinste Geräusch sich an der Tür Ihres Hauses bemerkbar macht, werde ich hinausgehen und geradezu unter die Leute treten, wenn sie mich auch ebenso behandeln sollten wie die armen Gebrüder Witt“, die in Stücke gerissen worden waren, — und so hätte er den Märtyrertod gelitten, und von ihm nicht wäre in der schmerzvollsten Stunde das. furchtbare Wort geschrien worden: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ — E c c e homo! Von Spinoza nicht. Er. war derjenige unter den Menschen, dessen Seele kein Leid anwellen konnte. Spinoza war der Mensch, der über der Tragik stand! Schon mit seinem Leben, daß er es so führte, wie er es geführt hat, ist dies bewiesen — denn tragisch gewendet hatte sich sein Leben. Er aber stand wahrhaft über der Tragik.- So vollkommen vermochten alle seine Gedanken zu bestehen mit allem Gange der Wirklichkeit, so mächtig war er geworden durch das Denken der Wahrheit, so gefahrlos sein Leben, unüberwindlich in der Glückseligkeit wie unüberwunden von Schmach und Leiden; so hatte dieser Mann durch wunderseltene 'Arbeit am eigenen Wesen sich vollendet, und so gänzlich rein war in sich selbst, der den andern so unrein galt und von ihnen so viel Schande erfuhr, so war er frei von innerlicher Schande vor sich selbst-und von jeglicher Reue; und so durchaus lebte er in der Freiheit von den Affekten. Nur einen einzigen Affekt gab es in seiner Seele: die Leidenschaft und der Enthusiasmus des Denkens war in seiner Seele: sein ganzes Leben war erfüllt davon. Die Leidenschaft des Denkens gehört zum Philosophen wie überhaupt zum geistigen Menschen; nur die Gewalt und der Glanz dieser Leidenschaft ist es, was die großen geistigen Naturen groß macht (nemo vir magnus sine aliquo afflatu divino unquam fuit). Wo solche Leidenschaft für feine der -drei Formen des Denkens vorhanden sichzeigt, Leidenschaft .der Philosophie oder der Kunst oder der Liebe, da ist Herzschlag des geistigen Menschen: diese Leidenschaft ist das •) Einmal eine er mil der Absicht es der Welt darzubieten, aber diese Welt hat es verschmäht, und selbst die besten Freunde (die so lange Großes, nach Ihrer Art Großes von ihm erwarteten als sie noch nichts von ihm kannten, weil sie seine Größe nicht kannten und nicht zu kennen vermochten), erwiesen sich unzuverlässig,' kleinmütig, ängstlich, feindselig. Wissen Sie schon, daß in Beutlien während des Kol-Nidre-Gollesdienstes sich kleine Kinder vor der Synagoge zusauimenratteten, das Lied „Köpfe rollen, Juden heulen" saugen und, du friedliche Ermahnungen nichts Iliit/.tei!. erst von der Polizei auseinandergetrieben werden mußten? daß aber trotz derartiger Vorfälle der Erlaß des preußischen Kultusministers, der die Zugehörigkeit'zum Nationalsozialistischen Scliüierbund verboten hatte, wieder aufgehoben, worden ist? daß kürzlich im Berliner Rundfunk das Gedicht „Sturm“ des jüdischen Dichters Morris Rosenfeld in der Weise rezitiert wurde, daß überall, wo im Text „armselige Juden" oder dergleichen stellt, „Menschen“ oder „Russen" gesagt wurde? ’ - daß eine nationalsozialistische Bühiieiigeiueiiiscliaft mit dem Mannheimer Nationaltheater einen Vertrag auf Abnahme geschlossener Vorstellungen schließen wollte, Intendant Maisch aber die Forderung, jüdische Künstler bei diesen Vorstellungen nicht auftreten zu lassen, abgeiehnt hat? daß Dr. Bernhard Kahn, der europäiscite Direktor des Joint Distribution Committee, als erster Jude in die Exekutive ■ des Internationalen Kongresses für Soziale Fürsorge gewählt worden ist? daß für die insgesamt in Moskau lebenden 250 000 Juden an den diesjährigen Hohen Feiertagen nur noch vier Synagogen mit zusammen etwa 3000 Plätzen zur Verfügung standen? daß-der ehemalige Rassenschützler und Antisemit, Ministerpräsident Julius Gömbös im ungarischen Abgeordnetenhaus erklärt hat, er habe seine Anschauungen revidiert und betrachte jetten Teil der Juden, die eine Schicksalsgemeinschaft mit der ungarischen Nation empfänden, - ebenso als Brüder wie alle übrigen Ungarn? Kennzeichen des geistigen Menschen, sie ist das Verlangen der Seele nach der absoluten Wahrheit, nach ihrer Wiedervereinigung mit der Einheit, daß von dieser das höhere Bewußtsein eintrete in das endliche Bewußtsein, mit der Fülle der Klarheit und Seligkeit es durchgießend. ... Mit Leidenschaft drängt die Seele aus dem Scheinleben heraus ihrer Wahrheit entgegen, und mit Leidenschaft darum auch kehrt sie sich gegen das, was sie hindert, gegen das ganze Scheinleben der Relativität und — gegen alle, deren Bewußtsein darin gehemmt und gefangen bleibt. Es gibt nicht Wirkung für die Wahrheit ohne die Wirkung gegen die Verkehrtheit, die sie hindern will; und' nur an den Feinden der Wahrheit, die sich ihm entgegenstellten, und nur an dem was er gelitten hat, entzündet sich das große Schaffen inrdem Wahrheit Schaffenden. Sein Leben und Schaffen ist die Gegenwirkung gegen das, was in ihm die Wahrheit gelitten hat — das geht zusammen in seiner Seele mit dem unstillbaren Verlangen nach ihrer' Seligkeit. Das ist der leidenschaftliche Gang seiner Gedanken. Jüdischer Turn- und Sport-Club 1905. Trainingsplan. Montag: Schwimmen: 20 bis 22 Uhr Stadtbad Gartenstraße. Turnen: Alte Herren von 20 bis 22 Uhr in der Turnhalle Große Hamburger Straße. . Dienstag: Turnen: Kinder (Knaben und Mädchen gemeinsam) von 18 bis 20 Uhr, Turnhalle Kaiserstraße. Damen von 20 bis 22 Uhr in der Turnhalle Frommeistraße. Mittwoch: Turnen: Männer von 20 bis 22 Uhr in der Turnhalle,Große Hamburger Straße. Donnerstag: Gymnastik Damenabteilung Moabit von 20 bis 22 Uhr, Turnhalle Alt-Moabit Ecke Wilsnacker Straße. Sonntag: Handball- und Wa 1 d 1 auftraining auf dem Sportplatz der Jüdischen Gemeinde in der Zeit von 10 bis 12 Uhr. 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