Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 15 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2613366-2613456-2613469--4243-2615905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Absolut-Setzung Gottes ist. Hier wird eine Einzigkeit Gottes gelehrt, die. nicht mehr 'zu überbieten ist; nicht in dem Kcwohfiten Sinne:nur, den wir alle kennen: „umibaTadaj cn Eloliim,— und auUer.mir ist kein Gott“ (Jesaja 44, 6.), sondern in dem tieferen und letzten Sinne: „t^ies bil’adaj — nichts ist auUer mir“ (Jesaja 45, 6)1 Diese wahrhafte Ej'nziKkeit Gottes ist von einer -erschreckend grandiosen und furchtbaren Erhabenheit, aber sie führt uns auch in die letzte Sicherheit und in die KelsenxewiUheit des Geistes. Denn dies ist das Gewaltige dieser Lehre: diese Gottheit, dieses „Absolute“ ist -zwar nichts WeJthaftes oder WeJtähnliches. und der Mensch, tler es ergreifen will, kann es nur von innen her finden, innerlich in seinem Denken offenbart es sich und spricht zu -'Ihm, —- aber dennoch ist es durchaus nichts Willkürliches, nichts hlol! Subjektives; sondern die absolute Wahrheit ist vorhanden, hat einen objektiv feststellbaren Inhalt, unterließt keiner Veränderuiiß, keiner „Entwicklung“ und ist «efunden und ßclchrt worden von allen wahren Propheten und allen wahren Denkern. Von allen wahren Propheten, denn „wie “Gott den Israeliten. Propheten erstehen lieü. so Heß er solche auch den Völkern der Wc|t erstehen*)“: und auch alle wahren Denker haben - mittelst ihrer verschiedenen Systeme und unter all ihren verschiedenen Tcrminis — die eine xlcijche Wahrheit ßelehrt: „Ich bijde mir nicht ein“, schreibt Spinoza dem bekchrunßswütißen Albert Durßh, ,;eiue neue Philosophie entdeckt zu haben, sondern ich weill nur, daü ich die wahre Philosophie erkenne.“ Welch -unerhörter lind wahrhaft unerschütterlicher Trost ßCßen allen Relativismus und Subjektivis- „mus der Gegenwart! Laßt doch der Entwick/tinßSßlaube nichts Festes und Absolutes zu: wie wir Heutigen recht haben sollen gegen die Menschen vor Jahrtausenden, so werden die Menschen nach Jahrtausenden recht haben gegen uns, und letzten Eudes wäre alles nur subjektiv. Jeder Mensch wäre Kind seiner Zeit, und die absolute Wahrheit, selbst wenn die Entwicklungslehre ihre Existenz zugäbe, wäre niemals einem — Menschen erkennbar, das Licht des Lebens wäre uns verfinstert und dieses Leben selber damit wahrhaft verflucht. Nun aber ist, es strahlend und'köstlich: wahrhaft gesegnet ja ist ein Lehen, mit dem wir aus der völligen Haltlosigkeit des Nichtwissens hinausgelaugen in die Eelsengew'iüheit des Geistes, die uns nie mehr genommen werden kann. ' . Denn das ist ja das Grolle dieser Lehre, daß ihre Erkenntnis nicht nur für den Kopf ist. wie etwa eine Erkenntnis oder Entdeckung der Wissenschaft. Du kannst Amerika entdecken und-kühl in deinem Kopi zur Kenntnis nehmen: Siehe,, dort liegt es. So du. aber Gott entdeckst in deinem Innern, kann ■ es nicht anders gescheiten, als daß dir das Herz darüber stark wird: Erkenntnis und Tugend in Einehr — das ist Philosophie4): und Erkenntnis und Liehe ih Einem, tätige Liebe, also auch Tugend — das ist Religion. Die wahre Gotteserkenutuis bewirkt Veränderung des Menschen votf Grund auf: er wird ein Liebender mit s e iitent- T u n, indem er Recht und Gerechtigkeit übt unter seihen Mitmenschen, und er bleibt ein Liebender in seinem Leiden, der Gott preist auch bei den Widrigkeiten des Schicksals (vergl. de.n Kaddisch. jene großartige; hymnische Lobpreisung Gottes im Angesichte des Todes unsrer Liebsten!r‘). undder auch in dem ihm widrigen, i hui feindlichen Menschen unverändert den Bruder ehrt und liebt. * WohL ist es richtig.' daß diese hier gezogenen Parallelen zwischen der Lehre Spinozas und der Lehre des Judentums von vielen Lehrern des Judentums geleugnet werden, und zwar nicht, nur in früheren Zeiten, sondern ganz ebenso auch -lUTch beute. Und die Gliederung seiner jüdischen Gegner und Anhänger ist nicht nur* eine parteimäßige: er hat erbitterte Gegner auch im Lager des neuzeitlichen Liberalismus: Hermann ü o h e n ist hier zu nennen, dem. höchst uuphiinsoplnsch. immer der Schaum vor dl*m Munde steht, sobald von Spinoza die Rede: und auch einer dcc .hervorragendsten liberalen Raljbiner. Dr. Dienern mm in Offcnhach. schrieb vor Jahresfrist. Spinozas Lehre lind Judentum seien wie Eener und Wasser. Aber es gibt auch andere Stimmen. Betritt man das Spinoza-Haus in Riiusburg. wo der große Denker in selbstgcwählter Einsamkeit sein Hauptwerk, die „Ethik“, schrieb, so leuchtet einem aut der Tafel, welche' s) Spjjjo/a: llfliik ), Ucf. 4. -a) Midrasch rahha ik-midbar Par. XX Anfang. 4) Vgl. den Schind von Spinozas litliik: „Erkenntnis ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend seihst.“ •*) Vgl. auch das Us'schuwoh. us’iiUoh uz’dukoh ma’awiriu esraua hagg*sernh. welches, bedeutet, dad religiöse Besinnung ui'd Liebeswerk das böse Verhängnis vorü hergehen lädt, subjektiv ^fiir 'den religiösen Mensclien. . nicht aber, wie die abergläubische Ueherset/nng auch der modernsten (iehethücher immer noch lautet, dad sie das .Verhängnis a h w e n d e : Unglück gehört zum Lehen;;ther den Frommen erschüttert .kein Unglück. DerSchammes. Vim T h e k I n S k o r r a. Einen anständigen sclnvnr7.cn Anzug hatte Robert Perleberger noch ans besserer Zeit: die weihe Krawatte dazu und das Käppchen lieferte die (icmcinde allen, die, sie iiir die Hohen Feiertage als „Schlimmes" iiir einen der vielen Betsäle anstellte. Aber die lange Reihe der Bewerber, die sich int Vorraum des Gemeindehauses angesammclt hatte, ließ ihm nur wenig Hoffnung. Würde man Alte oder Junge bevorzugen in diesem Jahr? Sollte dies wieder eine Enttäuschung werden, ryie er so viele schon erlebt hatte in den trüben Jahren hier in Berlin? Wer ihm das vorausgesagt hätte, daß ein so untergeordneter Posten ihm noch als Rettungsanker erscheinen könnte! Robert Perleberger war es anders gewohnt gewesen. .In seiner westpreuhisclicu Heimatstadt schürte seine Familie .zu den angesehensten. Hoch der Kries kam. beide Söhne mußten hinaus. Und als endlich auf der Welt der snseiiauntc ...Friede“ ausbrach und sic zuriiekkehrteu — war ihre Heimat verloren. Polnische Truppen besetzten die mühelos eroberte Provinz und rissen als'erste Heldentat die deutschen Schilder von Straßen und Läden;ah. um sie durch polnische zu ersetzen, die unter dieser überwiegend deutschen Bcvölkeruus nur die ■wenigsten zu lesen verstanden. Haus und Hoi und Geschält der Perlebcrsers wurden verkauit zu Spottpreisen. Die Jungen suchten ihr Glück draußen in der Welt, wo irgend Deutsche noch hineingelasseu wurden: denn vor den anderen Völkern galten -sie als Deutsche — trotzdem sie Juden waren. Die Eltern aber, damals aui der Mitte ihres Lebens, zogen nach Berlin, glaubten mit dem Erlös ihrer Habe noch ein bescheidenes bürgerliches Dasein tristen zu können. Nun aber kam die Inflation. Von Tag zu Tag wurden sie-ärmer, mußten immer mehr von -den iebeusgcwohnteu Annehmlichkeiten sich entziehen. Die immer noch schöne Frau Rosa Perleberger . konnte,sich in dies karge, nerveiiraubende Großstadtleben nicht mehr finden. War sie daheim wohl auch zuweilen müde geworden vom Stehen hinter ihrem Ladentisch, so wurde sic immer wieder äuigeirisebt. durcli Gespräche mit der Ober-, schiebt der Stadt, die alle zu ihren Kunden zählten, und durch das Bewußtsein, dal! sie und ihr Gatte und ihr Urteil etwas galten hei den anderen. Hier — hier in dem endlosen Gewirr vier- und imft'stückigcr. Mietskasernen war sie eine Null unter Nullen: Niemand kannte sie. niemand fragte nach ihr: die Kinder weit fort, der .Manu in Sorge um das immer mehr zusammeuschmelzcnde Geld, mit dem sich nichts Neues mehr anfangen ließ: die Lebenskraft der einst so stattlichen Frau schwand dahin, und als ein ürippeamall dazukam. erlosch sie wie ein Licht, dessen Docht auigezchrt ist. Ant ofienen Grabe die Namen der Kuratoren enthält, als erster der Name unseres Claude G. M o n t e i i o r e entgegen, und es könnten außer M a 11 u c k (London) und Norden (Elberfeld) noch viele moderne jüdische Theologen genannt werden, die für Spinoza begeistert sicli eingesetzt haben. Aber das sind nur Neue? Gut, so muß außer auf jene schon zitierte Jesaja-Stelle vor allem aui den Veriasser der erhabene!) Schire ha-Jichud, der „Lieder von der Einzigkeit (Gottes)“ hingewiesen werden, der in seinem dritten Liede singt: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit sind alle Dinge in Dir und Du in ihnen allen“; „Du umgibst das All und füllest das All: und indem das All vorhanden ist, bist Du im All“; „nichts' gibt es über und nichts unter Dir, nichts außerhalb Deiner und nichts zwischen Dir“; „vor dem All warst Du alles, und indem das All vorhanden ist, erfüllest Du alles.“ Auch im Thora-Kommentar des Abraham ibn Esra finden «ich Definitionen des Gottesbegriffes, die man nicht anders als spinozistisch nennen kann. .Und so müssen auch diejenigen, die für sich selber Spinoza ablehnen, anerkennen, daß es einen Platz für ihn im Judentum geben muß, und daß die jüdische Gemeinschaft eine Schuld, eine historische Schuld gegen ihn hat, die es gilt, gutzmnachen. Es gibt eine Schrift „Maledictus und Benedictus — Spinoza im Urteil der Mitwelt und Nachwelt11)“. Sie enthält nichts weiter als — ohne jeglichen Kommentar und Zus.atz — Urteile von Zeitgenossen und Urteile der Nachwelt über Spinoza. Und dennoch „durchweht das Buch ein starker Atem“, wie es im Vorwort heißt, denn man erfährt staunend, erschüttert: niemals ist ein Mensch, (auch von der Nachwelt noch!) so gehaßt und so geliebt worden wie dieser Spinoza. Nicht „verachtet“ und „verehrt“, sondern gehaßt lind g e liebt mit der leidenschaftlichsten und alierpersön liebsten Anteilnahme der Hassenden und der Liebenden. Unter den Liebenden war Goethe; und man begreift wohl, daß ein Denker, dessen Lehren solchen Frieden zu geben vermögen, wie es hier geschildert wurde, so wahrhaft geliebt werden muß von denen, die durch ihn zu diesem Seelenfrieden gelangen. Und wenn er zugleich, von Anderen, gehaßt wird, nun: auch das Judentum lehrt und gibt seinen Bekennen! diesen. Frieden, und auch das Judentum ist gehaßt und verfolgt in dieser Welt. Es ist das Schicksal dieses Geistes, das eine. Schicksal dieses einen Geistes in der Welt, so gehaßt zu werden. Die Scheidelinie der Hassenden und der Liebenden aber verläuft, wie durch die ganze Menschheit, so auch mitten hindurch durch die Gemeinschaft der Juden. Jedes Wort der Propheten bezeugt: nicht alle, die dem jüdischen Stamme zugehören, gehören dem wirklichen, dem geistigen Judentume zu; und vielleicht, vielleicht ist es so, daß die allein wesentliche Frage zur Zeit dieses Spinoza-Jubiläums vom Geiste des Judentums an einen jeden von uns gerichtet wird und lautet: „Würde Spinoza dich zu den Seinen zählen?“ 1 j Von Frust Allkirch: Verlag von Felix Meiner m Leipzig, 1922. Spinoza nach dem Porträt von Hendrik van der Spyck. seiner Rosa hatte ihr Mann das Gefühl, als ob er eigentlich mit hineingehöre. Wo sonst gehörte er denn noch hin? Mit einer tiefen Einsamkeit umfing ihn die leergewordene Wohnung. Was sollte sie ihm noch? Es fand sich bald ein junges Paar, das sie ihm abkaufte mit allem, was darin war und den Stolz der Ehegatten gebildet hatte, die es erworben in arbeitsreichen Jahren. Als der alternde Mann in einem eisfremden möblierten Zimmer sich wiederfaud, schauderte es ihn. Hatte es überhaupt noch einen Sinn, weiterzuleben?.. Er versuchte, durch Arbeit seinem Leben noch einen Sinn zu geben. Alles schlug fehl, gewissenlose Menschen betrogen ihn um das Letzte. Da hatte er gemeint, daß Gott :es mit ihm ganz besonders ungünstig meine und gerade ihn zum Leiden ausersehen habe. Aber unwillkürlich horchte er jetzt, was um ihn herum gesprochen wurde von denen, die zum selben Zweck hier standen. wie er: würdig aussehende ergraute Männer gleich ihm — und cs war bei allen dasselbe Lied: die Heimat verloren in Posen, in Schlesien, in Westpreußen— um ihres Deutschtums, willen entwurzelt: hineiiigcjagt in ein Großstadtleben, in dem sie nicht zurcchtfanden. und dann verarmt durch Zeitverhältnissc. an denen sie schuldlos waren. Robert Perleberger wurde es ordentlich leichter ums Herz hier unter den Schicksalsgenossen, mit denen man sich aussprechen konnte. Ach ja. wenn mir seine Rosa noch gelebt hätte, vielleicht würde man doch wieder aufwärts gefunden haben. Vielleicht war es ein gutes Vorzeichen, daß er hier zu den Erfolgreichen gehörte, die angenommen wurden. Zum ersten Male seit seiner Unglückszeit wartete er wieder auf etwas: auf den Beginn des Rauschhaschonoh-Vorabends. Schon eine Stunde zuvor erschien er in dem Betsaal, dem er zugewieseu worden, um sich gewissenhaft über die Lage der Platznummern zu informieren. War dies doch seine Haupttätigkeit. suchend umherirrende Leute an die rechte Stelle zu führen. Nun, für Nummern hatte er ein geübtes Gedächtnis von daheim, von seinem wohlassortierten Geschäftslager her. Aber daran wollte er jetzt gar nicht denken — das tat zu weh. Mit welcher mitleidigen Geringschätzung hatte er dort auf den karg bezahlten Synagogendiener herabgesehen — den Schammes! Ganz deutlich sah er das schmächtige Männchen noch vor sich, das demütig vor den gutgestellten Geschäftsinhabern sich verbeugte. . Unwillkürlich trat Robert Perleberger hier vor den deckenhohen Spiegel des Vorrautns. der in der Woche den jungem Besucherinnen dieses eleganten Konzertsaales zur letzten Verschönerung diente. Nein, vorläufig' hatte er noch gar keine Aehnlichkeit mit jenem. Blitzsauber und gepflegt, wie er es zu Lebzeiten, seiner Rosa gewohnt war. hatte er seinen Posten «Verflucht und gesegnet." Von S. M e i s e i s. Verflucht von der Vergangenheit, gesegnet von Zukunft — das sind die beiden erhabensten Formen des Ruhmes. Victor Hugo. Vor Jahren hat Ernst Altkirch eine Schrift „Male- -dictus und Benedictus — Spinoza im Urteil der Geistigen und des Volkes bis auf Constantin Brunner')“ herausgegeben, eine Sammlung von Aufzeichnungen und Aussprüchen über Barücli Spinoza. Aitkirch hat alle Ausbrüche des Zornes, des Hasses, der Schmähsucht, der Lästerung, der Verläum- düng, und zugleich auch alle Worte der Liebe, des Lobes, der Ehrfurcht, der Bewunderung, der Vergötterung, kurz, er hat alle Stimmen, die seit einem Vierteljahrtäusend den Namen Spinoza umschwirren, gesammelt und vereinigt und daraus ein kulturhistorisch wertvolles Buch geschaffen! Wir sehen da einen Weltweisen, der als ein Maledictus, als ein Verfluchter und Gebannter starb und erst einem spätem Geschlecht alsein Benedictus, als ein Gesegneter und ein Segen auferstand. Hier auch ist das klassische Beispiel der Geschichte „von den zwei Evangelien über den großen Menschen“ sinnfällig verdeutlicht, und wir lernen das Wort Heines recht verstehen: Ueberall, wo ein großer Geist seinen Gedanken ausspricht, ist Golgatha. Bei seinen Lebzeiten und noch lange nach seinem Tode war Baruch Spinoza ein Maledictus. Der Fluch der Synagoge folgte ihm in ferne Zeiten und auf entfernte Meilen nach. Freilich, in Amsterdam, im Haag, und auch sonstwo in Holland hatte er Freunde genug, aber unter ihnen nur wenige verstanden ihn, und von diesen wenigen besaß fast kein einziger den Freimut, sich offen zu ihm zu bekennen. Es mag von Interesse, und nicht ganz ohne Bedeutung sein, daß die zwei Freunde Spinozas, die noch bei Lebzeiten seine überragende Größe erkannten und anerkannten, ein Deutscher und ein Jude waren: nämlich Heinrich Oldenburg und Simon de Vries. Seine andern Freunde aber brachten ihn wohl Liebe und Verehrung entgegen, es gebrach ihnen jedoch teils an philosophischem Verständnis, teils an Bekennermut, sich für ihn einzusetzen. Und so zog. denn Benedictus Spinoza als Maledictus hinaus in die Welt und ward zur Zielscheibe jeglicher Verlästerung und Verleumdung. Der reine Denker, dessen Lebenswandel dem eines Heiligen glich, wurde als Ketzer verschrien und als Gottloser gebrandmarkt. Und die Lästerzunge bekam freien Lauf.. Man würde es nicht für möglich halten, wenn man es nicht schwarz auf weiß besäße, wie viel Schimpf auf den Veriasser der,"Ethik“ gehäuft wurde, wie viele Schandmale seinem Namen, aufgedrückt wurden. Ein einziger bloß, Johann Konrad Dippel, berühmt als Arzt und Chemiker, dazu ein religiöser Reformator und Vorläufer der Aufklärung, hat in seinen „Schriften“ auf iin ganzen vier oder fünf Druckseiten den Amsterdamer Philosophen mit nachstehendem Quodlibet an Schimpfworten bedacht: Ein niederländischer Dornbusch, ein degenerierter Jud Benedictus Spinosa, der dumme Teuffel, der dumme Spinosa, der blinde Gauckler, der dumme Gauckler, toller und rasender Narr, Narr, der das Tollhaus billig meritiert, der gantz unsinnige Spinosa, dieser wahnwitzige und gleichsam trunckene Mensch, der verblendete Tropff, dieser Mathematische Phantast, Hans Ochse, dieser vermeyntliche Philosophus ein Narr aller Narren, ein Bube aller Buben. — Damit ist das Register aller Schmähungen noch lange nicht erschöpft. Unter den zahlreichen Spinoza-Gegnern, und zu diesen zählten Geistliche, Prediger, Gelehrte, auch Philosophen, gab es keinen einzigen, der nicht das Dippelsche Schimptwörterbuch um einige und womöglich noch kräftigere Ausdrücke bereichert hätte. Sie nannten ihn einen verruchten Menschen, einen verfluchten, unverschämten und. 'rechen Heuchler, den fleischgewordenen Satanas: Christian Kortli o 11, Professor der Theologie in Kiel, schreibt in seiner Schrift De tribus impostoribus: „Benedictus (der Gesegnete) Spinoza, den man richtiger Maledictus (den Verfluchten) nennen sollte: denn die infolge des göttlichen Fluches (Gen. III., 17, 18) dornige Erde (spinosa terra) hat nie einen verfluchteren Menschen getragen, und dessen Schriften' mit soviel Dornen (spinis) besäet sind.“ Das sind noch immer nicht die gepfeffertsten Schmähworte, die über Spinoza geschrieben und gedruckt worden sind. Liest man derlei, so wird einem Lessings Wort, Spinoza sei lange wie ein toter Hund behandelt worden, erst recht verständlich. Erst mit Lessing und durch ihn beginnt in der Geistesgeschichte die eigentliche Wandlung Spinozas vom Maledictus zum Benedictus. In Deutschland ist Baruch de Spinoza als Benedictus auferstanden und von hier aus tritt er seinen Sieges- ') Verlag Felix Meiner, Leipzig. 1922. heute angetreten, ein immer noch stattlicher Sechsziger. Mit seinem schönen reinseidenen Tallis hätte man ihn fast für einen Vorsteher halten können, trotzdem er ihn schon möglichst schmal um den breiten Silberstreifen gefaltet hatte. Sein Kollege von der anderen Saalhälfte sah zwar jünger, aber weit untergebener aus. Dank seines Zahlengedächtnisses führte Robert Perle- . berger jeden, der sich suchend an ihn. wendete, mühelos an den richtigen Platz. Und er tat das mit der wohlerzogenen Höflichkeit, mit der er im Brüderverein seiner Heimatstadt neue Mitglieder eipzufültren pflegte. Das schienen besonders die Damen angenehm zu empfinden. In den Seitenreihen, die ihnen zugewiesen waren, konnte man sich schwer zurechtfinden. Da traf den freundlichen Führer manch ein dankbarer Blick. ' Eben, betrat ein weißhaariges Dämchen den Saal und blieb ratlos vor dem inzwischen überfüllten Raum an der Eingangstüre stehen. Der Schammes eilte auf sie zu, warf einen Blick, auf ihre Karte: ja, sie gehörte zu seiner Saalhälfte. Einen- Augenblick nur hatte er dabei in das Gesicht der Fremden geblickt! Und gar nicht fremd schien ihm dies Gesicht: auch ihre Stimme so vertraut mit dem nicht ganz verwischten heimatlichen Dialekt. Woher nur? Er grübelte, indes er, nach ' erfüllter Amtspflicht von ihr bedankt, an seinen Beobachtungsposten zurückkehrte. War sie von daheim? Nein, die älteren Glaubensgenossirinen der Vaterstadt konnte er noch allemit Namen und Stand an den Fingern herzählen. Unter denen war sie nicht Er warf von weitem einen Blick auf die unbekannte Bekannte, die eben, ilm sorgfältig glättend, ihren schon etwas-abgetragenen Mantel über ihre Stuhllehne hing. „Bessere Konfektion“, dachte der sachkundige Beobachter, und wieder schien es ihm. als habe er diesen feinen glättenden Händen schon oft bei ähnlicher Tätigkeit zugeschaut. Schade, daß sie sitzend ihm nun wieder den Rücken zukehrte. Nun verebbte der Strom der Eintretenden. Der Gottesdienst begann, und der an sich stimmungslose Saal schien sich mit Andacht zu beleben. „Schma Jisroel“ — unzählige Male hatte er es von einem bevorzugten Platze aus mitgesungen. Aber liier — als der Kantor es anstimmte, die frischen Stimmen des Chors einfielen, schien es ihm, der heute demütig hinter den Sitzreihen stehen mußte, mit einem ganz neuen Klang bis in seine gebeugte Seele zu dringen. „Schma Jisroel“ — mit ihm auf den Lippen waren seine Väter und Vorväter in den Tod gegangen, und war keiner von seinem Glauben gewichen. Helden waren sie gewesen. Und mit einem . Male verstand er, der sich selten über solche Dinge Gedanken gemacht, daß sie alle hier Helden waren, die zu ihrem Glauben gehalten mitten im Haß der' Völker. Das schien auch sein