Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 15 (1.11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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00 C 0 Orfiatt 5er Sereintouna für 5a* (fderäfe Judentum e. Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarlL — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder hSherer Gewalt besteht kein Anspruch äul Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Herausgeber: Hanns Loewenstein und Willi Tisch Verlag _Schriitleituiio: George C.octz_ IDIe „Jüdisch-liberale Zeitung“ erscheint am I. und lä. ]edes Monats. I Redaktion und Geschäftsstelle; Berlin SW 11, Hallesche Str 1. | Fernruf: F S, Bergmann 3358, 3359. —' inkverblndung: Kreditverein für Handel und ' Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64. Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 69. Nr. 15 Berlin, 1. November 1932 12. Jahrgang An unsere Gesinnungsfreunde! Festnummer: fpinoza Zur 300. Wiederkehr seines Geburtstages. In dieser Zelt seelischer NSte wird die jüdische Jagend immer mehr ohne religiösen Halt dem Lebenskampf ausgelieferi. Die Möglichkeiten, unsere Jugend mit jüdischem Wissen und Jüdischer Ethik zu erfüllen, werden Immer geringer. Aach der Bewegung des liberalen Judentum« fehlt es heute - wie allen jüdischen Richtungen - an Nachwuchs, der in der Lage wäre, eine« Tage« an den Aufgaben de« deutschen liberalen Judentums mitzuarbeiten. Die Nachwuchsfrage ist von besonderer Wichtigkeit für unser jüdisches Gemeindeleben ln Deutschland. Ergibt sich doch ans ihr die Gefahr, dalj es in Zukunft an Menschen mangeln könnte, die die Arbeit In den .Gemeinden, den Trägerinnen des jüdischen Lebens, auf sich nehmen. Dem mu$ vorgebeugt werden! Es hat sich deshalb der „ Jugendwerbeausschufj der Vereinigung für das liberale Judentum" gebildet, der steh mit allen Kräften der Nöte unserer Jagend annehmen wflL Der Ausschuß will der_älieren Generation den Weg zeigen, der besduiiien werden mu$, um die vom Radikalismus und Egoismus nnserer Zell beeinflußte Jagend wieder mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft heranzubilden. Ein unentbehrliches Werkzeug zur Erreichung dieser Ziele sieht der Ausschuß unter anderem ln der Verbreitung der .Jüdisch-liberalen Zeitung* als der Verkünderin liberaler Ideen ln den Kreisen langer jüdischer Menschen. Die Jagend selbst ist infolge der Arbeitslosigkeit und Ungunst der Verhält - nisse jedoch nicht ln der Lage, ans eigenen Mitteln die Zeitung zn halten. Der Ausschuß will daher von sich aus die Zeitung innerhalb der jüdischen Jagend verbreiten, sie den Mitgliedern der „Jlis” zur Verfügung steilen and darüber hinaas an möglichst viele junge jüdische Menschen gelangen lassen. An alle Gesinnungsfreunde ergeht nun der Appell, dem Werbeanssdmß die Erfüllung dieser Aufgabe zu ermöglichen und an dem Werk mlizuarbelien. Er richtet an alle, die dazu in der Lage sind, die Bitte, die für die Verteilung der «Jüdisch-liberalen Zeitung" an die Jugend erforderlichen Abohnemenisbeträge zur Verfügung zu stellen. - Für RMö,— wird je ein Jugendlicher für die Dauer eines Jahres mit der „Jüdisch-liberalen Zeitung* beliefert; Wer mehr als RM ö,- sendet, schafft die Möglichkeit, eine entsprechend größere Anzahl von Zeitungen zur Verteilung an Jugendliche gegangen zn lassen. Jedoch werden auch Beiträge unter RM 6,- gern entgegen genommen und von dem Ausschuß zur Bestellung von Zeitongsabonnemenis angesammelL Der Ausschuß wird regelmäßig ln einer besonderen Rubrik der „Jüdisch-liberalen Zeitung" über die gespendeten, Abonnements bzw. Teilbeträge quittieren. Einzahlungen mögen geleistet werden an das Postscheckkonto: „Jugendwerbeausschiifj der Vereinigung für das liberale Judentum Berlin Nr. 293 99" Jeder sei sidi bewutjt: Arbeit für die Jugend ist Arbeit für die Zukunft! Jeder helfe mit! Vereinigung für das liberale Judentum e.y.. Rechtsanwalt Heinrich Stern Liberaler Verein für die Angelegenheiten, der Jüdischen Gemeinde zu Berlin e. V. Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvgreine Deutschlands («Arge") Heinz Kellermann Spinoza und der Geist des Judentums; Von George Goetz. Immer wieder sind, durch die AbwehrsfeilunK, in der unsere Gemeinschaft sich befindet, wir Juden ge- ' nötigt, die nichtjüdische Welt auf die Kulturieistungen derer hinzuweisen, die dem Scholle unserer Gemeinschaft entsprossen sind. Bei Spinoza aber finden wir Juden uns in einem doppelten Konflikt. Der einstige Bannfluch der Synagoge," zu dem noch heute Juden von äußerem Rang sich bekennen; und, gegen' ihn, Spinozas Ruhm unter den Menschen, vergleichbar nur dem Ruhm der Männer mit Ewigkeitswirkung wie Christus und Buddha, wie Platon und Sokrates — das ergibt von selbst jenen ersten Konflikt, äußerlich erkennbar durch die zahllosen, von jüdischen Tagesschriftstellern produzierten Aufsätze, die wir bisher noch bei jedem Spinoza-Jubiläum lesen mußten, lind die auch diesmal in der jüdischen Presse gar breiten Raum einnehmen werden, Aufsätze, die allesamt das Thema behandeln: „Dürfen wir Juden Spinoza zu den Unsern zählen?“ Es ist klar, daß diese Frage mit Spinoza selbst nicht das geringste zu schaffen hat: derjenige, der es sich leisten kann, ohne apologetische Nebenabsichten rein nur das philosophische Werk Spinozas darzustellen, wird die Frage als unsachlich und ungehörig abweisen; wir Juden aber ergreifen zwangsläufig jede Gelegenheit zur Abwehr, und so würde auch der Hinweis auf die Leistung Spinozas als einer jüdischen Leistung für die Menschheit gutzuheißen sein, wären nicht dem apologetischen Mittel eines solchen Hinweises Grenzen gesetzt, die in seiner eigenen Natur liegen. Im Bereiche des Praktischen nämlich ist dieses Mittel unbeschränkt anwendbar: wo jüdische Aerzte, Wissenschafter, Politiker. Erfinder Lei? stungen zur Förderung der Menschheit vollbracht haben, da mag man sie gegen die Behauptungen des Judenhasses ins Feld führen; fraglos: es sind Leistungen von Juden. Anders im Bereich des Geistigen. Hier ist solch wahllos-summarisches Verfahren nicht angängig, hier darf von „jüdischer Leistung“ nur gesprochen werden, wenn die Leistung ihrem Wesen und Gehalt nach jüdisch ist, und das kann sie nur sein, wenn der Leistende selber, nicht nur der Abstammung nach sondern auch geistig, dem Judentum zugehört. In deutlichen Beispielen zu reden: die Erfindung des Salvarsans durch den Juden Ehrlich ist eine jüdische Leistung für die leidende Menschheit, obwohl Salvarsan und Judentum nichts miteinander zu tun haben, und obwohl wir ferner die religiösen Anschauungen des Professors Ehrlich nicht kennen. Die „Ethik“ Spinozas hingegen, sie mag noch so große kulturgeschichtliche Wirkung hervorgebracht haben, ist nur dann eine jüdische Leistung, wenn sie dem Geiste des Judentums zugehört, wenn Spinoza selber geistig ein „Jude“ war. Ein Atheist ist kein" Jude; mit dieser Feststellung beginnt für viele der zweite Konflikt, in dem sie sich Spinoza gegenüber befinden. Nicht mehr darf der Apologet fraglos auf den „großen“ Spinoza hinweisen," und nicht mehr darf die Zurechnung Spinozas „zu den Unsern“ bloß mit Rücksicht auf seine Berühmtheit " erfolgen; Geist des Judentums und Geist des Spinoza —; das Ergebnis des Vergleiches dieser beiden erst gibt uns ein Recht, im Chor der Feiernden zu erscheinen, oder cs erlegt uns die Pflicht auf, den Gefeierten abermals und "endgültig "aus unsern Reihen zu bannen. Es handelt sich aber in Wahrheit hei diesem Vergleiche schon nicht mehr um Spinoza und schon nicht mehr um das Judentum; was da miteinander in Vergleich gesetzt wird, sind Religion und" Ph i 1 osoph i e. von denen gesagt werden muß, daß sie ihrem Wesen nach identisch sind, oder genauer: das Letzte der Religion und das Letzte der Philosophie sind dasselbe. Denn was ist Phjlosophie? Die Lehre vom Absoluten; und Religion ist Lehre "von Gott — es bedarf, nicht erst des Beweises, daß das „Absolute“ der Philosophie und die Gottheit der Religion Eines und‘das Gleiche sind und daß jede philosophische oder religiöse Lehre, die zu anderem Ergebnis führt, falsch ist Nein: in sich selber ist klar: man kami nicht auf dem Wege der PbiIosophi§_zu-diesem und auf dem Wege der Religion zu Jenem Urgrund alles Seins gelangen, sondern der eine Urgrund alles Seins liegt am Ende der beiden zusammenlaufenden Wege. Die Wege selber freilich sind, eben weil sie nur erst an ihrem Ende zusammenlaufen, verschiedene Wege. Und die Schwierigkeiten des Vergleiches sind nicht gering. Beide. Religion und Philosophie, liegen uns nur in literarischen Erzeugnissen vor, bei beiden haben "wir es mit Schrif ten’zu tun und sogleich auch also mit der allgemeinen Schwierigkeit des „Verstehens1“ dieser Schriften, der alten Sprachen nicht nur, sondern auch der besonderen Termini und Gedanken, weiche zu verschiedenen Zetten gänzlich verschieden waren — es braucht nur daran erinnert, zu werden, daß die Ausdrücke Re I ss bjektiv“, „abstrakt“ einst.einen Siniugehabt haben, der so ziemlich das Gegenteil von ihrer heutigen Bedeutung ist. Die zweite Schwierigkeit besteht darin, daß" , die Sprache überhaupt nur auf die Welt geht: die Wörter bezeichnen Dinge und ihre Zusammenhänge. Religion und Philosophie aber reden vom Geiste, und die Sprache kann den Geist nicht sagen. Schon das Wort „Geist“ zeigt dies,' klingt nacli einem Dinge und meint doch das gänzlich Ündingliche und. Unwelthafte, von-dem man sich, kein „Bild“, keine Vorstellung machen soll noclt kann, und das deshalb auch von der Sprache nur .iin Gleichnis ausgedrückt werden käme" nie direkt und immer mir uneigentlich. Aber wie verschieden nun. dies die dritte Sciiwierigkeit, sind die Aeußerungsformen von Religion und Philosophie; sie meinen das Qlekjie und sie. sprechen so anders: die Philosophie streng systematisch und methodisch, logisch und gebändigt; die Religion wild daherbrausend, in gewaltigen, immer wieder anderen. Immer Wieder neuen Bildern, ohne Gliederung, ohne Systematik, ohne Methode. Daher die vielen scheinbaren Widersprüche, daher unsere Nötigung zu immer erneuter Interpretation. ' Das Hauptwort des Judentums, das Hauptwort der Religion und ihr einziges Wort ist: Gott. Und nun sagt uns die Religion, zwar genauestem, welche Forderungen sich lür den Menschen aus dem Dasein Gottes ergeben, für das Verhältnis der Menschen zu Gott und untereinander, sagt uns also, wie wir mit Gott leben sollen; aber sie sagt uns kein Sterbenswort Uber seine Beschaffenheit, über sein Wesen, über das, was Gott i s t. Das sagt uns allein die Philosophie, sagt es im Zusammenhänge ihres Systems, des natürlichen und logischen Zusammenhanges der Gedanken. Audi Spinozas Hauptwort und, wenn man will, sein einziges, ist: Deus — Qoit: aber'Svas beweist ein W o r t? Er konnte dennoch in Verdächrgeraten, ein Atheist zu sein: Pierre Poiret und andere haben behauptet, er hätte das .Wort Gott in betrügerischer Absicht gebraucht, liinteL-diesem Wort aber verberge sicli nackter Atheismus. Andere, selber überzeugte Atheisten, sehen in dem angeblichen Atheismus Spinozas naturgemäß höchst Rühmenswertes: es ist nicht ohne Reiz, zu lesen, wie Fritz Mauthncr-dcn Spinoza," dessen Hauptwort Gott lautet, als. Fürsten der Atheisten preist. Was ergibt sicli daraus für den Gegenstand unserer Betrachtungen? Zunächst, däB~Tnan sehr vorsichtig sein muß, bevor man jemanden einen Atheisten schilt, und gerade die Zeit Spinozas,-in der liehen dem Theismus der Deismus aufkam, ist hierfür lehrreich. Theisten (von dem griechischen Wort Theos s= Golt) nennt man alle diejenigen, die an einen persönlichen Golt glauben, der die Welt gemacht hat und nun. sie regiert, der .aber auch seinen Willen geoffenburt hat und im Sinne seiner Offenbarung verehrt werden will. Ihnen sichen diejenigen gegenüber, die etwa nacli Art Herberts von Cherbury nur noch von einem „höchsten--Wesen“ sprechen, auch wohl von einer „ersten Ursache", und die man..Deisten nennt (von dem lateinischen Wort Deus — Gott). Und es ist klar, daß der Theist den Deisten einen Atheisten nennen muß," während der Deist von seinen eigenen Standpunkt aus durchaus gottgläubig ist .So konnte es kommen“, schreibt Mauthner. „daß man . unter ,d e i s t ä‘ noch im 18. Jahrhundert bald einen Atheisten verstand, bald einen Gegner des Atheismus1)." Beide Gruppen aber glauben an ein göttliches Wesen \ außerhalb der Welt und stehen damit gemeinsam gegen den Pantheisten, der Gott in die Welt hineinverlegt, also den Gott außerhalb der Welt leugnet und damit für Theisten und D.eisteu;wieder zum Atheisten wird. Und mit dieser Erinnerung an den Pantheismus halten Wir bei dem beherrschenden Punkt unseres Themas, Es muß hier etwas unerhört Ketzerisches ausgesprochen werden, was die Mißbilligung aller Fachphilosophen finden wird. Aber dennoch: wie manheute weiß, daß die christliche 1 Religion gänzlich außerhalb des' Gesichtskreises jenes. Mannes gelegen hat, den man nichtsdestoweniger zweitausend Jahre lang ihren Stifter nannte, so wird sich auch die analoge Erkenntnis durchsetzen, daß der vermeintliche Begründer oder doch bedeutendste Vertreter des .Pantheismus, Spinoza, kein Pantheist gewesen ist; das Wort Pantheismus kommt-bel ihm nicht vor, auch unterschied er nicht, wie die Panlheisfen tun, die Weltvon dem immanent in ihr ruhenden Gott, war also kein D u a i i s t. wie .es. gleich Theisten und Deisten, auch die Pantheisten sind. Will man Anschauung und Lehre Spinozas mit einem wahrhaft adäquatetr Ausdruck benennen, so wird man auf das von Hegel dafür geprägte Wort zurückgreifen müssen: es , lautet: Ak'Osmismus (A ist die Negation, wie in A-Thelsmus; in dem Rest des Wortes steckt Kosmos Welt, also:;,Wel t los igk ei t“, wie Atheismus Gottlosigkeit bedeutet). Nur Gott ist. Gott ist die einzige „Substanz“; was wir „Weit“ nennen, ist nur ein „Attribut“ Gattes: 'und Attribut ist, „was ’ ein Verstand von der Substaqz, von Gott auffaßt1)". Ohne weiteres leuchtet ein. daß solche Lehre nicht nur kein Atheismus, sondern . im Gegenteil erst. die wahrhafte ■) Fritz Mauthner: „Wörterbuch der Philosophie”, Seite 27U. ’