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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-10-15 · 14 (15.10.1932) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
14 (15.10.1932)
Date
1932-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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12. Jahrgang Nummer 14 JttMffMibetale 3eifung Beilage 15. Oktober 1932 Offener Brief an die 7 liberalen Vorsteher der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sehr geehrte Herren Vorsteher! Der Verlauf des Neuiahrsgottesdlenstes in einer der großen liberalen Synagogen unserer Gemeinde hat bei einer beträchtlichen Zahl von Teilnehmern tiefe Verstimmung hervorgerufen. Wenn unsere. Beschwerden und Wünsche vor Ihnen, als den berufenen Vertretern und .bewährten Führern unserer liberalen Richtung, dargelegt werden, so soll dies keineswegs ein Vorwurf gegen die Gemeindeverwaltung bedeuten. Aber es muß in unmittelbarem Anschluß an unsere Beobachtungen und Eindrücke vor aller Öeffentlichkeit gesagt werden, wie es ist und wie es keineswegs bleiben darf: Zu Beginn des Gottesdienstes um 9 Uhr morgens befinden sich in dem großen. Betraume so erschreckend wenig Beter, daß von einer „Betergemeinde“ nicht gut gesprochen werden kann. Das ganze Schacharithg e b e t wird in einem Eiltempo abgewickelt. Die herrlichen Sabbatpsalmen, Perlen der religiösen Dichtung, können vom Beter kaum überflogen, bestimmt nicht mit andachterzeugender Wirkung nachempfunden, werden. — Langsam, dauernd Unruhe mit sich bringend,- treffen allmählich die Synagogenbesucher ein," durchein zaghaftes Lüften der Kopfbedeckung hier und dorthin Neüjahrsgrüße austauschend. 9.35 Uhr — nach der herausgegebenen „Zeiteinteilung“ soll jetzt das Aufheben der Thorarollen vor sich gehen, — ist die Synagoge noch sehr mangelhaft gefüllt. Die Thoravorlesung selbst ist den verspätet Eintreffenden schon dadurch kenntlich, daß die Privatunterhaltung der Anwesenden besonders laut, die Aufmerksamkeit besonders gering ist. Man liest 1. Buch Mose, Kap. 21, dessen Inhalt (Vertreibung der Hagar, Bund zwischen Abraham und Abimelech, betreffend einen Wasserbrunnen) offenbar nicht sehr anziehend auf die Besucher des Neujahrsgottesdienstes-wirkt. .Es kommt noch störend hinzu, daß der Vorleser der heili- . gen Lade und nicht den Hörern zugewandt ist und daß, — trotz unserer wiederholten Anregung in dieser Zeitung,— bis heute noch die deutsche Uebertfagung des verlesenen Thora-Urtextes in der Gottesdienstordnung fehlt! — Inzwischen haben auch die letzten Teilnehmer ihre Plätze eingenommen, denn.es droht die Absperrung, weil das Hauntstück der Andacht, die Predigt, beginnen soll. Von dieser möge hier lediglich bemerkt werden, daß sie viel zu lange gedauert und dem in. Uebereinstimmung mit weitesten Kreisen der Gemeinde vom Vorstande geäußerten Wunsche nach'kurzen Predigten nicht Rechnung getragen hat. Nach der Predigt bedeutet der melodisch ergreifende Mussaf-Kaddisch für nicht wenige Tempelbesucher das Signal zum Aufbruch, — nicht ohne daß. sie beim Ver-, lassen, des Raumes ihre in den „Rängen“' nach alter Vorschrift abgesonderten Frauen durch Verständigung mit Blink- und Winkzeichen zu gemeinsamer Heimkehr einladen. _ Nun ist es schon 11.40 Uhr geworden, und der Vorbeter muß nun alles daransetzen, die Verspätung „einzuholen“. — Da die Hauptstücke eine getragene Würde und einen langsamen Vortrag verlangen, kann die Beschleunigung nur das vom Vorbeter lautzu wiederholende Mussafgebet betreffen, das unter zunehmenr ' der Gleichgültigkeit der-Zuhörer halb im Sang, halb im Schnellspruch mit offensichtlicher Eile hergesagt wird. Was Wunder, daß nun die Kernstücke synagogaler Musik in der allgemeinen Hast wirkungslos verhallen, trotzdem Chor und Orgel alles daransetzen, um sich die berechtigte Geltung zu verschaffen. — So waren drei- und drei viert el’ Stunden in „Andacht“ dahingegangen. Und dabei war diesmal noch das Schofarblasen ausgefallen! Denn es war ein Sabbat, und weil es dazu kommen könnte, den Schofar von deinem Einzelgehöft über die Straße zu „tragen“, — was am Sabbat nach dem Ritualgesetz verboten ist—, darum, ja darum ist auch in liberalen Synagogen am 1. Neujahrstage dieses Jahres nicht Schofar geblasen worden! Doch wir verzichten gern auf die Konsequenzen und wollen nicht etwa für das Schofarblasen am Sabbat eintreten! Was noch weiter recht unangenehm auffiel, das war die Feststellung, daß im Seitenschiff der Synagoge g.anze Reihen, auch sonst, auch in der Frauenschuh sehr viel Plätze unbesetzt waren. Es hätten, so meinen wir, auch für . die Synagoge, nicht nur für die Betsäle, m„ehr Freiplätze ausgegeben werden sollen. , Sehr geehrte Herren Vorsteher! Indem. wir' Ihnen diese Dinge schildern, die uns mit schwerer Sorge um die Zukunft des liberalen Gottesdienstes erfüllen, sagen wir Ihnen vielleicht nicht viel .Neues, Aber diese Mißstände kritisieren, heißt noch nicht, sie abstellen. Vielmehr rufen wir nach Abhilfe und erwarten diese von Ihnen! Nach einem Berichte des Herrn Verwaltungsdirektors im Gemeindeblatt (1932, Nr. 7) beträgt der Ausgabenbedarf des diesjährigen Kultusetats 1 631441 RM. ..Hiervon entfallen auf die ständigen Gottesdienste (einschließlich der Rabbiner und Kantoren) etwa eine Million RM, auf die Festgottesdienste 132970 RM, auf die subventionierten Synagogenvereine 297 700 RM.“ Die Erfüllung der Aufgaben auf dem Gebiete des Kultus ist das eigentliche Tätigkeitsgebiet der Gemeinde“, — so heißt es in dem genannten Artikel des Gemeindeblattes. Viele möchten allerdings den Begriff „Kultusgemeinde“ großzügiger aufgefaßt wissen, und wir sind — diesmal im Einvernehmen mit der Orthodoxie — der Meinung, daß als „eigentliches Tätigkeitsgebiet der Gemeinde“ die Verbreitung der „Lehre“ allen anderen Aufgaben .voranzustellen wäre. Vor allem aber erwarten wir,' daß bei einem Aufwande von 17,66% des Etats für Kultuszwecke die religiösen Bedürfnisse der überwiegenden Mehrheit in derjenigen Form befriedigt werden, daß alles geschieht, um die noch Interessierten zu halten und die Gleichgültigen zu uns heranzuziehen. Um dies im Gottesdienste zu erreichen, erbitten wir, nein, fordern wir, folgendes: a) eine wesentliche Kürzung der Andacht- und Predigtzeiten, mit durchgreifender Aenderung der Gebetordnung, b) die deutsche Uebertragung der Thoravorlesung, vorgetragen im Anschluß an eine aus- - gesuchte, der Bedeutung des Tages entsprechende Verlesung des hebräischen Urtextes, c) dort, wo es geboten ist, eine ernste, sachliche Kritik an den Funktionen derer, die von Amts wegen zur Würde und Hebung des Gottesdienstes beizutragen berufen sind. Es ist eine Eigenart des jüdischen Liberalismus, daß er in unzählige Abarten und Abstufungen aufgcgliedert ist, — wir sehen darin allerdings ein Zeichen für sein lebendiges Sein und. Werden, nicht etwa der Zerplitte- - rung und Schwäche. Aber diese Eigenart bringt es mit sich, daß eine einheitliche, für alle Schattierungen des Liberalismus gültige. Vorschrift nicht durchführbar ist. Jeder macht sich seinen eigenen Schulchati Arueh, nachdem er den alten Codex ablehnt! Daherschlagen wir die genannten Aeuderungen zunächst -c i it m a 1 als Versuch für 2 liberale Synagogen in verschiedenen Stadtteilen vor. Wer aus einer Art Pietät am altgewohnten Herkommen, am sog. „neuen Ritus“ ' festzuhaltcn wünscht, dem bleibt die Möglichkeit reichlich erhalten. Wer aber Neues als das Bessere sucht, dem soll es, dem muß es geboten werden, j Nun werden Sie. sehr geehrte Herren, -uns auf § 54a. Titel IV, des Gemeindestatutes hinweiseu. nach welchem „bei den den öffentlichen Gottesdienst betroffen:- den Anordnungen“ das schriftlieheGutachtenderRabbiner cingeholt werden muß. Dieser Einholung steht natürlich nichts im Wege: wir sind überzeugt, daß die^Gutachtcu liberaler Rabbiner im Sinne der vorstehenden Forderungen ausfullcn müssen. Im übrigen liegt das letzte Wort und die wirkliche Entscheidung beim Gemeindevorstand. — Eile tut not, sehr geehrte Herren!.. Und wir, rufen Ihnen, als unseren Vertraueimüinuern, zu: tua res agitur! — Wir verdanken Ihnen, die Bereinigung, der Finanzen, den Ausbau und Umbau der Ver-. waltung, und wir sind von freudiger Dankbarkeit für- " Ihr großes und schweres Werk erfüllt. Und wir ver- " kleinern Ihre Erfolge doch wohl nicht mit der Erwägung, die manchmal laut wird, daß diese .„Sachwerte“ vielleicht auch von Männern anderer Richtung hätten geschaffen werden können. Was Sie aber, ’sehr verehrte Herren Vorsteher von der liberalen Richtung,^ was nur Sie allein bauen und fortsetzen können undmüssen, das ist die Umformung und Neugestaltung spezifisch-liberaler Einrichtungen für Liberale Jeder Art, im Sinne eines in steter Bewegung tmd Erneuerung begriffenen, lebcusfrisch pulsierenden, liberalen - Judentums! . ' — In ausgezeichneter Hnchscliützung - . im 'Aufträge ’ ’ Dr. phil. et med, Haus Sach s. Kampf gegen die Erwerbslosigkeit. Bedeutsame Sitzung der Zentralwohllabrisstelle. Am 25. September fanden in Berlin die Gesamtvorstands-. Sitzungen der „Zentralwohllahrtsstelle der deutschen Juden“ und der „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge“ statt, die aus allen Teilen des Reiches zahlreich besucht waren. Es lagen ausführliche Tätigkeitsberichte vor, welche Gegenstand der Aussprache waren. Als wesentliche Ergebnisse konnten folgende Punkte hervorgelioben werden. Die Heilstätte für tuberkulöse jüdische Männer soll nunmehr baldigst eingerichtet werden. Die Erholungsfürsorge soll - im Hinblick auf den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen unbedingt aufrechterhalten werden. Die Lehrgänge.für jüdisch-soziale Ausbildung und Fortbildung sollen . außer in Berlin nun auch an mehreren Stellen-im Reich veranstaltet werden. Die von dem Vorsitzenden des Wohlfahrtsamtes der Berliner Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Herrn Direktor Heinrich Stahl, abgegebene Erklärung, daß mit der baldigen Errichtung des Uebergangsheims für gefährdete Jüdische Mädchen zu rechnen sei. wurde dankbar zur Kenntnis genommen. Neben diesen Einzelergebnissen wurde vor allem einmütig anerkannt, daß als wichtigste Aufgabe für die nächste Zeit die arbeitsmäßige und finanzielle Verstärkung der Tätigkeit der Landes- und Provinzialverbände für jüdische Wohlfahrtspflege anzusehen sei. Bei.den Organisationsfragen wurden der Jüdischen Gemeinde ztf Berlin .im Gesamtvorstand fünf Vertreter (anstatt bisher eines) zugebiliigt, ferner der Jüdischen Wohlfahrtspflege in Frankfurt a. M. ein Vertreter. Von dem Be- Ati die A&wiwttea dec »Jüdisch=Meca£m Zeitung.« Sollte die Zustellungunseres Blattes zeitweise unterbleiben oder aber verspätet erfolgen, so bitten wir darum, eine sofortige Beschwerde an Ihren Briefträger oder an Ihr zuständiges Postamt zu leiten; Set Vetiag. Schluß des geschäftsführenden Vorstandes der Zentralwöhlfahrtsstelle, den Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses des Preußischen Landesverbandes, Dipl.-Ing. Bruno Woyda, zu kooptieren, wurde Kenntnis genommen. Als Hauptergebnisse einer eingehenden Aussprache, die sich an die Hauptreterate der Herren Dr. Friedrich Ollendorff und Dr. Max Kreutzberger anschlössen, konnte folgendes festgestellt werden: Es besteht Einigkeit über die Notwendigkeit neuer Wege zur verstärkten Mittelbeschaffung. Die Blocksammlungen wurden allseitig gebilligt und dringend empfohlen. Es bestand auch Zustimmung dazu, daß der Weg zu einem umfassenden Jüdischen Gemeinschaftswerk der Erwerbenden für die Erwerbslosen entschieden weiter begangen werden soll. Die Bedeutung der Darlehnskassen, grade auch zur Beschaffung kleinerer Darlehn, die Notwendigkeit der alsbaldigen Begründung von Bezirks-Darlchnskasseu wurde nachdrücklich betont und gebilligt, ebenso die volle Auswertung aller durch die gesetzlichen Bestimmungen für die iüdische Arbeit gegebenen Möglichkeiten. Die besondere Bedeutung aller gemeindlichen und freiwilligen Arbeit auf dem Gebiet der Erwerbslosenhilfe, besonders der produktiven Maßnahmen, wurde aufs stärkste betont: es soll für dieses Gebiet eine besondere Korrespondenz zur Information der Gemeinden hcrausgegeben werden. — Die holte Bedeutung des Landwerks Neuendorf, wurde allseitig anerkannt, dem Ausbau des Jüdischen Arbeitsnachweiswesens. unter anderem durch einen Werbemonat für diesen Zweck allseitig zugestimmt. Die AufrechterhaltHng der Wanderfürstfrgcorganisatlon und der von ihr durchgeführten internationalen Zusammenarbeit wurde gefordert. ■Am Höchsten Vormittag fand unter'zahlrelciicf'Tletelligün^' auch der auswärtigen Teilnehmer' eine Beslchtljpmg 'des Land-1 Werks Neuendörf bei "Fürsterrwälde statt, auf 'dem 35 lunge Leute tätig sind, und das in seinen Einrichtungen dic_ volle Zustimmung und Anerkennung, der Besucher fand. Keine jüdischen Gemeindewahlen in Breslau. Das Kompromiß: um ein Jahr'verlängert. Die Zusammensetzung der letzigen Gemeindevertretung In Breslau beruht auf der Einheilsliste,'die int Jahre 1930 auf Grund einer Verständigung zwischen Liberalen, Konservativen, Volkspartei, Wirtschaftspartei, Mitlelpartci und Ostjuden efngeretcht worden ist Die so gewählte .Gemeindevertretung hat nach den gesetzlichen Bestimmungen bis Ende 1935 zu amtieren. Es wurde aber vereinbart, daß sämtliche Gemeinde- Vertreter nach einem Jahr iiir Amt niedcrlegen sollten, damit bei Rückkehr einigermaßen normaler politischer und1 wirtschaftlicher Verhältnisse die Wähler alsbald wieder zu Worte kommen sollten. 1931 waren diese Voraussetzungen nicht gegeben: das Kompromiß wurde daher ohne sachliche Aeuderungen auf. ein Jahr verlängert. Von vornherein bestand die stillschweigende Voraussetzung, daß' sich die Verlagerung des Kom- . promisses im Jahre 1932 uin ein weiteres Jahr vollziehen werde. Aber nun trat zu den Parteien, die 1930 das Wahlabkommen-geschlossen haben, eine weitere hinzu: die Jüdische Arbeiterpartei. Sie umfaßt Männer und Frauen vor allem auch; aus denjenigen Kreisen, die durch die Wirtschaftskrise aus ihrem Beruf als Kaufleute. Handwerker. Angestellte, Hund— und Kopfarbeiter herausgeschleudert oder in ihnen brotlos geworden sind. Die Partei tritt vor allem mit wirtschaftlichen Forderungen an die Gemeinde heran und wünscht' auch eine Vertretung in den .Gemeindekörperschaften. ' Wie uns nun Herr Rechtsanwalt Erich Spitz, der Vorsitzende der liberalen Repräsentantenfraktion in Breslau, schreibt, kamen die Fraktionen nach längerer Erörterung auf folgender Grundlage überein: Das Wahlkompromiß wurde un- 1 verändert um ein weiteres Jahr verlängert: jedoch schon in < diesem Jahr soll der Arbeiterpartei Gelegenheit gegeben wer- 1 den, in den Gemeindeausschüssen ihre Interessen wahrzunehmen. Es wurde ein kleiner Ausschuß eingesetzt, der mit der Leitung der neuen Partei verhandeln soll. Vor Ablauf , des neuen Kompromisses im Herbst 1933 werde Klarheit darüber geschaffen werden, ob man in der Lage sein, wird, eine neue Einheitsliste unter Einbeziehung der Arbeiterpartei zu präsentieren oder ob das Votum der Wähler eingeholt werden soll. Gegen Reaktion und wählt t»lrSA:

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