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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-10-15 · 14 (15.10.1932) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
14 (15.10.1932)
Date
1932-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Das amerikanische Judentum am Scheidewege. Von Professor Dr. Jutian TllotqeHStetn, Cincinnati, Direktor des Hebrew Union College. Innerhalb.des;amerikanischen Judentums geht etwas vor. Es wäre schwer; zu definieren, um was cs sich eigentlich handelt.- oder mit1 Sicherheit eine Prognose zu stellen. Es bestellt nicht länger ein wirklicher Kampf zwischen der Orthodoxie und der Reform, oder, besser gesagt, zwischen Orthodoxen, Konservativen und Reformisten. Offensichtlich wird der Kampf noch fortgesetzt, aber er neigt dazu, konventionell zu werden, und er ist mehr Pose als Wirklichkeit. Vielleicht nähert man sich sogar einer endgültigen Regelung. Alle drei Uruppeh scheinen sich einander zu nähern. Bei den Reformisten bestellt eine leise Bewegung, zumindest was theologische -Glaubenssätze und religiöse Uebungen betriftt. einen Stillstand zu akzeptieren, vielleicht sogar einen kleinen Rückschritt zu mittelalterlichem Ritual und zur Romantik. Ein Fingerzeig dafür ist die Tatsache, daß die Zcntralk.onicrcnz amerikanischer Rabbiner schon, vor 2 Jahren eine neue Revision des Union-Gebetbuches anordnete und ein kompetentes Komitee zur Ausführung dieses Werkes bestimmte. -Es ist aber nicht das geringste in der Angelegenheit geschehen. Heute nun stagniert das Projekt, vor allem wegen - der Unsicherheit über die wirklich bestehenden Bedürfnisse. womit der Geist und die heutigen Sorgen des reformierten Judentums am besten gekennzeichnet sind: ob mehr an traditionellem Ritual erwünscht ist, oder mehr an moderner sozialer Gerechtigkeit. Vielleicht ist es augenblicklich so. daß die Reform nur abwartet und den anderen zwei Gruppen oder Strömungen des amerikanischen Judentums Zeit läßt. Und das tun sie in der Tat. Was das System rabbinischer und synagogalcr Organisation betrifft, so hat das konservative Judentum die Reiorin genau imitiert. Auch liier bestellen Rabbinerkouierenzeii, ihre Gemeindeorganisationen und jährlichen Meetings jeder Organisation, bei welcher Gelegenheit jüdische Probleme diskutiert und Entscheidungen vom Standpunkt des konservativen Judentums aus gefällt werden. . In theologischen Dingen ist das konservative Judentum in manchen Punkten, und selbstverständlich völlig inoffiziell. aber nichtsdestoweniger in der Praxis, in gewisser Weise über die Reform hinausgegaiigen. Unter den anerkannten Führern der Konservativen sind ‘auch extremste Humanisten und radikale Bibelkrifiker, und der Einfluß dieser Leute, verstärkt durch geachtete und maßgebende Namen, reicht weit Wenn man aber Gott und die Thora vom Judentum, und .besonders vom. konservativen Judentum, fortnimmt — was bleibt zurück, außer romantischem und separatistischem Ritual?- Und so liegt die Frage gerade in weitem Ausmaß bei dem konservativen Judentum. Radikale Theologie" bildet nicht länger ein Hindernis zur Mitgliedschaft in den Re.lien konservativer Rabbiner. Das konservative Judentum in Amerika bedeutet zu einem großen Teil nur einen Widerstand 'gegen den Einfluß der Reform und stützt diesen Standpunkt dadurch, daß es mit Emphase das Ritual als ein Mittel preist, die jüdische nationale Identität zu bewahren. Ein Beispiel dieses Geistes und dieser Absichten ist die Tatsache. daß konservative Juden zwar keine Austern essen, daß aber viele von ihnen dieses Vorgehen nicht mit religiösen "Gründen motivieren, auch nicht mit Thoraverboten, sondern lediglich als Grund anführen, daß die Juden der ganzen Welt nun einmal keine Austern essen. Wenn sie selbst also darauf verzichten, Austern zu essen, so identifizieren sie sich dadurch, als Juden und bekräftigen -ihre Verwandtschaft mit den Juden der ganzen Welt! Und die Orthodoxie wandelt gleichfalls in diesen Spuren. Auch sie organisiert sich nach dem charakteristischen Vorbild mit rabbinischen und Gemeindeorganisationen, jährlichen Treffen, verstärkter Zeitungspropaganda usw. Ihre jüngere ’ und amerikanisierte Generation vergißt „Jiddisch“ und wird darüber ungeduldig: sie bestreitet die Autorität der Qberrabiner, lehnt die Mikwc ab und hat keine Skrupeln mehr, in ’unritueljen Restaurants zu essen. Inzwischen wirken sich moderne Erziehung und Philosophie auch iii der Orthodoxie aus, sogar in ihren halbamerikanisierten Rabbinerseminaren. Hier in Amerika scheinen wir uns einem geeinigten -amerikanischen Judentum zu -nähern, bei dem die Differenzen zwischen den drei Gruppen, die schon heute nicht mehr so klar und entscheidend wie vor 15 Jahren sind, ganz und gar auigehört haben werden. Vielleicht wird noch eine Generation darüber hingehen, vielleicht auch zwei. Aber dann wird man dank der Immigrationsgesetze nicht mehr die Unterschiede zwischen Juden ost- und westeuropäischer Geburt und Herkunft erkennen, oder, wenn man sie erkennt, so werden sie nicht mehr ins Gewicht fallen. Durch Mischheiraten und die* anderen Kräfte und Einflüsse einer gemeinsamen Umgebung werden die drei Gruppen vollständig verschmolzen sein, und ein vereinigtes amerikanisches Judentum Wird dann zustande kommen. .Gleicherweise ist der Kampf zwischen Zionisten und Antizionisten in Wirklichkeit nicht mehr heftig — er ist überhaupt kaum noch Wirklichkeit Die antizionistische Bewegung ist fast vollständig verschwunden, trotzdem einzelne Antizionisten meistens der älteren Generation entstammen und nach der älteren deutschen Reformtradition jüdisch orientiert, weitere Kompromisse ablelinen. Auch der Zionismus hat während der letzten paar. Jahre große Veränderungen erfahren. Die palästinensische Jewish Agency hat ein nichtnationalistisches Kolonisationsprogramm aufgestellt, das auf den amerikanischen Zionismus und die dortigen Zionisten einen iast so großen Einfluß "ausübt wie auf die Nichtzionisten. Politischer Nationalismus hat iast ganz an Geltung verloren, und selbst kultureller Zionismus wird in weit geringerem Maßstabe als nocli vor einer Dekade befürwortet und zur Debatte gestellt. Die führende Idee, die Nichtzionisten fast in gleichem Maße anspricht wie die Zionisten, ist: jüdische Kolonisation in Palästina. Anscheinend ist Palästina das einzige Land, in dem sich Juden noch immer niederlassen dürfen, wenn auch in beschränktem Maßstabe. Es wird vielleicht in der Lage sein, noch weitere hunderttausend Juden aufzunehmen, vielleicht sogar zweihunderttausend. Laßt uns diesen helfen, sich in Palästina endgültig niederzulassen, im Vertrauen darauf, daß sie. einmal dort angesiedelt, in der Lage sein werden, für sich selbst reichlich und mit Ansland zu sorgen. Was sie dann tun werden, und. was die Natur und die Ausdrucksform des Judentums dort dann werden mag, sei es vielleicht sogar ein jüdischer Staat oder eine jüdische sozialistische oder kommunistische Gruppenorganisation, das ist ganz und gar ihre eigene Angelegenheit. Auf jeden Fall ist es. und wird es immer sein, ein interessantes und viel- Prof. Dr. Julian Morgenstern, Cincinnati(U.S.A.) Direktor des Hebrew Union College. versprechendes jüdisches Experiment, das des sympathisierenden Interesses und des guten Willens der Juden in der ganzen Welt sicher sein sollte. Nicht wenige amerikanische Zionisten teilen diese Ansicht über das Judentum.- Sowohl im zionistischen als auch im nichtzionistischen Lager bilden sie die Majorität, und zwar eine ständig wachsende Majorität Zwischen Zionisten und Nichtzionisten scheinen sich Einigkeit und Harmonie herauszubilden. Wahrscheinlich geben wir die Wahrheit wieder, wenn wir sagen, daß amerikanisches Judentum bis zu einem gewissen Grade zionistisch geworden ist, und daß der Zionismus sich entsprechend amerikanisiert hat. Von beiden Gruppen wird das Prinzip jüdischer Einmaligkeit und-jüdischen Separatismus immer mehr betont Das vereinigte amerikanische Judentum der nächsten. Generation oder sein Nachfolger verspricht bewußt antiassimilatorisch zu werden, das Prinzip historisch jüdischen Individualismus zu betonen und dem palästinensischen Judentum freundlich gegenüberzustehen. Was ist das Besondere bei alledem? Das amerikanische- Judentum begibt sich in eine große Gefahr: die Gefahr nämlich, eine Organisation zu werden, nicht eine Religion, nicht einmal einereligiöse Gruppe. Das Hauptproblem, das jeden Flügel des- Judentums in Amerika beschäftigt, scheint das der Beschaffung von Geld und mehr Geld für diesen oder jenen Zweck zu sein. Diese Tendenz begann 1882 sich bemerkbar zu machen, gleichzeitig mit der Masseneinwanderung osteuropäischer Juden.' Während des Krieges kam sie noch mehr zum Ausdruck, und seit dem Kriege ist die Bewegung infolge der Tätigkeit des Joint Distribution Comitee, der Zionistischen Organisation mit ihren verschiedenen Unterorganisationen und Einzelionds der Jewish Agency für Palästina, übergroß geworden; sie droht ein wirklicher Golem zu werden, die ihren Meister erdrückt Während der Jahre wachsenden Wohlstands entwickelten sich lokale und nationale jüdische Tätigkeit zusehends. Künstlerische. und kostbare Synagogen und anderen Zwecken dienende Gebäude wurden im Ueberiluß errichtet. Heute wird der Preis dafür bezahlt. Die Mehrzahl dieser Gebäude ist schwer belastet mit Hypotheken, die einen unangemessenen Anteil des Gemeindeeinkommens verschlingen und alle anderen Formen und Kanäle jüdischer Ausdrucksmöglichkeiten verstopfen. Nicht wenige Gemeinden sind gezwungen, ihre Rabbiner zu entlassen und sogar ihre Türen zu schließen, damit sie nur in die Lage kommen, die Hypothekenzinsen auf ihre Gebäude zu zahlen. Das ständige Problem scheint demnach, mehr und mehr Geld für verschiedene jüdische Unternehmungen und Zwecke zusammenzubekommen. die alle selbstverständlich in höchstem. Grade verdienstvoll sind: diese Aufgabe wirkt sich entscheidend auf den Geist und die Arbeit des heutigen amerikanischen Judentums aus. Selbst der sorgfältig ausgedachte Plan des Richters Horace Stern in Philadelphia, der dem Verband amerikanischer jüdischer Gemeinden vor einem Jahre bei seinem üblichen Jahrestreffen vorgelegt und seitdem gründlich begutachtet und von maßgebenden Repräsentanten jedes Flügels des Judentums in Amerika diskutiert wurde, dieser Plan, der die Zentralisierung aller jüdischen Tätigkeit in systematischer und organischer Weise in und um die Synagoge vorschlägt, betrachtet — unwissentlich —, und muß praktisch in weitgehendem Maße darauf hinauslaufen, die Frage des Flüssigmachens von Geldmitteln zu lösen. Diese Rolle ist dem amerikanischen Judentum durch historische und wirtschaftliche Verhältnisse aufgezwungen worden und ist mit gutem Willen, Verantwortungsgefühl und Freigebigkeit aufgenommen worden. Zweifellos ist der Gesichtspunkt amerikanischer Juden hierdurch schief geworden. Bedauernswert wenig an persönlichem jüdischen Religionsgefühl überlebt diese Verhältnisse, und, abgesehen von einigen leicht zu erklärenden Ausnahmen, sind unsere Synagogen verhältnismäßig leer. Das Judentum in Amerika erhält seinen Ausdruck — zumindest jetzt — nicht durch persönliche Religiosität. Gebet, Anbetung und Demut, auch nicht in der Suche nach Gott, sondern mehr in Organisationen^ Institutionen, Campagnen, in Geldsammlungen und Suche nach dem Mammon. Zweifellos ist der Zweck selbstlos und wichtig, aber nichtsdestoweniger ist es ein Idol des Mammons, und nicht der wahre Gott Israels, dem die amerikanischen Juden heute huldigen und ihre Söhne und Töchter opfern. So steht das heutige Judentum in Amerika nicht nur auf der Schwelle der Vereinigung von drei bisher disharmonierenden Gruppen, sondern auch, wenn ich die Metaphern ein bißchen durcheinander mischen darf, am Kreuzweg. Wird es fortfahren, eine Religion mit erhebender Botschaft, geistiger Führung und Rettung für sein Volk zu sein, oder wird es nur eine große gelderhebende Organisation werden, die allerdings zum größten Teil das Geld für ihre jüdischen Brüder braucht, aber auch — zu einem nicht unbeträchtlichen Quantum — für zahllose wertvolle nichtjüdische Zwecke, alle sehr der Mühe wert, das ist wahr, aber; . . . .? wir können es nicht Voraussagen. Wir,können nur hoffen — und beten. Die drei Fenster. Eine Erzählung für den Festmonat Tischri. Von' PaulineLeudesdorf. König Salomo war noch sehr jung, die Hohe Weisheit hattenoch nicht Einzug in sein Herz gehalten, aber die Sehnsucht nach ihr war rege in ihm seit seiner Kindheit Tagen. Sein (leist wollte alle Geheimnisse dieser Welt ergründen, wollte alle ferne Vergangenheit, alle Weiten der Gegenwart und die letzte Zukunft erforschen. ln der Nacht zum Neujahrsfeste trat zu ihm der Geist ’ der Erkenntnis: Er hatte die Gestalt des Baumeisters - Hirani .angenommen und sprach zu ihm: „Folge mir, o König, in den Turm des Palastes, den ich dir erbaute. Drei Gemächer sind in die Spitze des Turmes eingebaut, jedes Turmgemach hat ein Fenster. Durch das eine siehst du alles, was ist, bis an die Grenze des Raumes. Durch das andere erblickst du alles, was jemals war und jemals sein wird, bis an die Grenze der Zeit Durch das dritte aber wirst du das gewahren, was mehr ist, als Räume uhd Zeiten.“ "Da erhob sich der König von seinem Lager; dem geheimnisvollen Führer folgend, eilte er durch die Gänge des Palastes, bis er sich am Fuße einer Turmstiege befand, die er noch nie bemerkt hatte; er wußte nicht, an welcher Stelle seines Palastes dieser Turm stehen mochte,; denn es schien ihm, als hätte er auch von draußen diesen Turm nie gesehen. „Dein Leben hat dir keine Zeitdazu gelassen“, sagte der mit den Zügen Hirams, jder seine Gedanken erraten hatte, „du warst zu viel mit dir selbst beschäftigt, um den Eingang zur Weisheit zu finden, und auch ‘ dein Tagewerk nahm deinen Blick so sehr gefangen, daß du darüber ..deu^Turm' der Weisheit nicht -bemerktest.“ Salomo schwieg betroffen,.dann-eilte er seinem Führer nach, die Stiege hinan, zug Höhe des Turmes. Sie gelangten an die Tiire eines Gemaches. „Hier wirst du alles gewahren, was ist“, sprach Hiram, „bis an die-Grenze des Raumes.“ .Und er schloß auf. Schon von der Türe her sah Salomo das Fenster; es war aus seltsam fremdartigem Glas, ja, es wollte ihm scheinen, als sei die Farbe des Glases schwarz. Er trat nun ganz heran, und da er hindurchblickte, um die Unendlichkeit der Welt zu schauen,'siehe, da war alles ganz schwarz. Dann freilich sah er die Welt, er sah die Erde, sah sie mit den Planeten die Sonne umkreisen, sah die leuchtenden Sterne und das Heer aller Sonnen; aber es wurden ihrer so viele, und je mehr es wurden, desto kleiner und unscheinbarer wurde jede von ihnen, so daß zum Schluß schwarz in schwarz alles sich wieder verlor. „Die Unendlichkeit ist wie das Nichts!“ klagte Salomo, „oh, es ist alles ganz eitel.“ „Die Unendlichkeit ist wie das Nichts“, erwiderte Hiram, „aber nur für das irdische Auge.“ „So zeige mir“, sagte der König, „was du versprochen; laß mich sehn, wie diese Welt wurde und was mit diesen Welten wird. Du zeigtest mir die Unendlichkeit des Raumes, laß mich nun auch sehen, wie alles ward, wie alles wird, die Unendlichkeit der Zeit.“ „Ich werde dir mehr zeigen“, antwortete der Geist, „du vergissest das Dritte: das, was mehr ist als Räume und Zeiten.“ „So laß uns gehn“, drängte der König, „dies war zu trostlos, die Unendlichkeit glich dem schwarzen. Nichts; das kann die letzte Weisheit nicht sein, führe mich in die anderen Gemächer!“ „Hajjaum haraS aulom“, erwiderte Hiram, der den König inzwischen wieder an die Stiege geleitet und die Türe des Turmgemaches verschlossen hätte, „heut ist der Schöpfungstag der Welt; da solltest du sehen, was du sahst: die geschaffene Welt und alle ihre Heere. Ihn selbst, den Heiligen, erblickt kein irdisches Auge.“ „Aber Zebaoth, Herr der Heerscharen, muß sein Name genannt werden“, fiel ihm Salomo ins Wort, „das Menschenauge war dem Gewimmel der Unendlichkeiten nicht gewachsen und sah nur, schwarz, das pure Nichts; der Geist aber ahnte, daß alle diese Welten voll sind von Gottes Herrlichkeit. Sie ist mehr als alles, zeige mir sie!“ „Du lerntest viel“, sprach Hiram, „in zehn Tagen sollst .du noch mehr erfahren.“ In der Nacht zum Versöhnungsfeste erschien der Gejst der Erkenntnis abermals in Hirams Gestalt am Lager des Königs. Der hatte.ihn, voll Sehnsucht, schon erwartet, er sprang auf, eilte mit ihm zum Turm, hinan die Stiege, an dem Gemach der Neujahrsnacht vorbei, bis sie, eine Anzahl Stufen höher, wieder vor einer Türe standen. „Hier erblickst du -alles, was jemals war und jemals sein wird“, sprach Hiram, „bis an die Grenze der Zeit“ Und er schloß auf. „Der Traum aller Könige“, . bebte es heimlich in Salomo, „ich soll die Zukunft schauen!“ „Es ist der Traum aller Menschen“, sprach Hiram, der wiederum Salomos Gedanken erraten hatte, „du aber wirst mehr sehen als nur die Zukunft; tritt näher!“ Da sah Salomo das Fenster, es war aus gar fremdartig buntem Glas, und da er herantrat und hindurchblickfe, siehe, da befiel ihn ein leichter Schwindel, denn er sah wiederum die kreisenden Gestirne, sah aus Nebeln Welten entstehen, darunter Sonne, Mond und Erde, wie sie vor undenklichen Zeiten sich gebildet hatten; und er sah in Nebel die Welten wieder vergehen, darunter auch unsere Menschenerde, Mond und Sonne und alle Gestirne. Er sah sich selbst, wie er im Turm am Fenster stand und in die Nacht spähte; sah sich am kommenden Tagseinen königlichen Geschäften nachgehen;'er sah sich im Alter, und er sah sich im Sterben, sah sein Volk Israel aufgeteilt unter seinen Nachfolgern, sah es zweimal in die Verbannung geführt und heimgekehrt, sah es abermals und für immer verstreut unter die Völker und sah diese Völker selbst... bis am verdämmernden Horizont der Zeit Menschheit und Erde ins Nichts versänken, andere Welfen kamen und vergingen, so wie diese Welt gekommen und vergangen war. „Ein Geschlecht geht, ein Geschlecht kommt, die Erde aber bleibt ewiglich — nein, nicht einmal die Erde, nicht die Sonne. Die Unendlichkeit der Räume glich dem Nichts;.und nun schaue, ich die Unendlichkeit der Zeiten und sehe: alles zergeht in Nichts. Soll, der Anblick der unendlichen Zeit noch trostloser sein, als der des unendlichen Raumes?“ „Trostlos?“ fragte der Geist, „und sagtest

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