Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-10-15 · 14 (15.10.1932) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
14 (15.10.1932)
Date
1932-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613456-2613468--4233-2615894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Organ 6er Bereinigung für toi* (fterafe 3ut>entum e. B. Bezugspreis: VlertellährDcb 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarli. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Bit VtnMgwg fQr datUbtmh Judvitvm Bbimlamt aurfOr dltjtnlgm Auftötz», dlt iwtdrtckllcb alt in ihrtm Namta oduia thnm Atflrast vtrfalt gatuanldmt tbd, dh Vmntrroriuq. atdum Atiiktl. Ataitnmjta und VoncWf •mMm mtu du Varantartaf du AMWfoi. Nr. 14 Berlin, 15. Oktober 1932 12. Jahrgang 2iejüöifd|'libetflle 3eiftW0“ erfcgetnf m 1. nnö 15. jedes Slonols. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Herausgeber: Hanns Loewenstein und W1U1 Tisch Verlag Schrittleitung: George Goetz_ Fernrul: F 5. Bergmann 3358, 3359. Bankverbindung: Kreditverein ihr Handel i — Gewerbe e. G. m. b. H. Berlin N24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64.: Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 69. Blick aus der Laubhütte. Von Oberstudiendirektor HansRosby. ' I. ■ „Die Sterne schauen von oben hinein“, das ist eine alte Regel für unsere Laubhütte. Der Himmel soll auf die Erde sehen; aber wir von der Erde, wir wollen auch den Himmel schauen. II. Jedoch die Laubhütte gibt nicht nur den Blick nach obenfrei; sie hat auch ein Fenster. Das geht auf. die Welt hinaus.| Wie auf die Tage der Buße die der Freude folgen — „S’maii szimchoßenu, Festzeit unserer Freude“, heißt ja unser Hüttenfest —, so sucht unser Augeam Himmel die Kraft für das Wirken auf der Erde. Daß wir die Erde nicht vergessen, dafür ist heut gesorgt. Dafür ist, leider, immer gesorgt; denn auch in glücklichen Zeiten verliert der Mensch sich nur allzu gern an die Welt. Und in Zeiten des Unglücks vergißt er allzu leicht, von wo er die Kraft zu holen vermag, deren er für das Leben bedarf. * ' III. Aber freilich; Maß und Verteilung müssen den Verhältnissen angepaßt sein. Das geht nicht nur auf die Gottesdienste. Aber es geht auch auf die Gottesdienste. Da hier lediglich von Maß und Verteilung gesprochen wird, so sei über Form und Inhalt unserer Andachten heut hinweggegangen: dieser Aufsatz, gilt nicht dem Thema Gottesdienstreform. Darüber müßte ein Buch, kein Aufsatz, entstehen. Wenn aber eine Forderung, die in Verbindung mit diesem Thema immer wieder auftaucht, die nach Verkürzung der Gottesdienste ist, so liegt das nicht nur äh der Not der Zeit; es-liegt auch am Stil, der Zeit. Der größte Wagner-' Verehrer ist sich heute-im -Zweifel; ob er den Tristan strichlos zu hören imstande .wäre; für Klassikeraufführungen gilt das gleiche. Deshalb: für den Gottesdienst 'gilt auch das gleiche. Wie das Gebet zu kürzen ist, müßten eigentlich die Gelehrten entscheiden; leider haben sie die Erfüllung dieser Aufgabe verabsäumt, als sich die letzte große Gelegenheit bot: bei der Herausgabe des Einheitsgebetbuches. Es wird also ein Akt der Gewalt, nämlich ein Akt der Verwaltung, nötig sein. Die Predigt zu kürzen, hätten die Rabbiner selbst in der Hand; aber auch hier herrscht oft wenig .Einsicht. Sind die Predigtzeiten. von der Verwaltung vorgeschrieben? Sie sollten vorgeschrieben werden. Auch die beste Predigt verliert, wenn sie länger als zwanzig Minuten dauert. Das ist keine Vorschrift, das ist eine Tatsache. IV. Blick in die Welt; blick auch auf Deutschland. Auf die geistige Situation in Deutschland und auf die Situation der Juden. Die sind das Barometer. Daß bei dem Kampf um die R.eichstagswahl der. Judenhaß wieder als wichtigste Waffe benutzt werden wird, steht bereits fest. Bei uns in Süddeutschland hat der Abgeordnete Streicher sogar die „Protokolle der Weisen von Zion“ wieder hervorgeholt, um die Leidenschaften seiner Zuhörer aufzupeitschen. Es wird das alte Lied sein, das wir zu hören bekommen, freilich mit vermehrter Tonstärke und sogar mit einem neuen Ton. Die „Harzburger Front“ hat bekanntlich einen heftigen Riß bekommen, die ehemaligen Bundesbrüder schlagen sich nicht nur in ihrer Presse, wo, von beiden Seiten, mit Injurien schwersten Kalibers geschossen wird, sondern als Geschosse dienen auch bereits Bierseidel und Stühle in den Versammlungen, wie Vorfälle in Düsseldorf und Berlin gezeigt haben. Um aber wieder auf den „geistigen“ Kampf zurückzukommen: seit Aufkommen des Gerüchtes über die Unterredung des Reichskanzlers von Papen mit .Jakob Goldschmidt, seit der Ernennung eines gewissen Herrn Moischeschewitz ■(= Mosessohn) zum Propagandachef . des derzeitigen Kabinetts (in Wirklichkeit handelt es sich um den ehemaligen Erzieher der Krön-- Prinzensöhne, Rittmeister a. D.Moyciczewicz), und nicht zuletzt seit der Entdeckung von D u e s t e r b e r g s. jüdischen Großeltern gelten die Juden für die NSDAP, plötzlich als „Hort der Reaktion“; wer es nicht glaubt,- der. lese den „Völkischen Beobachter“ vom 7. Oktober. Daß auch andere Kreise uns Juden nachsagen, wir würden diesmal deutschnational wählen (also eine Partei, die den .Judenhaß in ihrem Programm verankert hat), gehört zu den vielen Entgleisungen dieser gewissen Kreise; die politischen Sitten des Nationalsozialismus wirken leider ansteckend. V. Sie wirken ansteckend sogar im Au’sla.nd. Daß man in . Holland, Dänemark, Schweden, der Schweiz und anderwärts zwar nicht das .Uebergreifen der Hitler- Liberales Judentum schreitet fort. Nach Holland — Oesterreich! Noch ist es frisch in aller Erinnerung, was es bedeutete, daß wir in Holland, wo bisher eine starre Orthodoxie alle modern und jugendlich Gesinnten von der Mitarbeit an jüdischen Dingen abstieß, eine große liberale Tagung abhalten konnten, die Zeugnis von dem starken .Willen zum Judentum, besonders der Jugend,- ablegte. Jetzt kommen aus Oesterreich, zunächst aus, Wien, ähnliche Nachrichten. Auch die Wiener Judengemeinde drohte ja bisher auszusterben, weil die Jugend' an der offiziell immer noch orthodoxen Gemeinde nicht, teiinehmen will. Es ist daher im Interesse der Zu-j kunft des österreichischen Judentums zu begrüßen, daß] Hindenburgs Dank. Ein Schreiben an Dr. Loewenstein vom RiF. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat; durch seinen Bundesvorsitzenden, Herrn Dr- Leo j Loewenstein, dem Herrn Reichspräsidenten zu seinem : 85. Geburtstag Glückwünsche ausgesprochen. Er; verband damit die Uebergabe des ersten Exemplars: seines Gedenkbuches für die gefallenen jüdischen Soldaten des Weltkrieges, das er gleichzeitig mit einem Blumenstrauß dem Generalfeldmarschall überreichen ließ. Reichspräsident von Hindenhurg hat darauf durch einen eigenhändig unterschriebenen Brief geantwortet: Der Reichspräsident. Berlin,-den 3. Oktober 1932. Sehr geehrter Herr Dr. Loewenstein! Dem Reichsblind jüdischer Frontsoldaten spreche ich für seine Glückwünsche zu meinem 85. Geburtstage sowie für die schöne Blumenspende und das Gedenkbuch meinen herzlichen Dank aus. ln ehrfurchtsvoller Erinnerung an die auch aus Ihren Reihen für das Vaterland gefallenen Kameraden nehme ich in Wien demnächst eine Vereinigung religiös {ortschritt lieber Juden nach dem Programm von Miß Lily Montagu London, begründet werden. wird. Dem Gründungskomitee gehören an: Obermedizinalrat Dr. Hause, Frau Dozent Dr. Stern und Dr. Siegmund St laß ny Mitte Oktober wird Miß Montagu (London) gemeinsam mit Margarete GoldstciJi (Berlin) in Wien den :ersten Vortrag über Wesen, Ziel und bisherige Leistungen des religiös-liberalen Judentums unter besondere! Hervorhebung der Erfolge in England, Amerika.Deutschland usw. halten. — das Bucli entgegen und werde es meiner Kriegsbücherei einverleibcn. ' Mit kameradschaftlichem Gruß! gez.: von Hindetihurg. Auch der Vorstand dcr^Ucrlincr Jüdischen Gemuinde und der Preußische Landesverband-Jüdischer Gemeinden haben am 2. Oktober Glückwunschadresscn an den Reichspräsidenten gerichtet, ebenso eine Anzahl anderer Gemeinden und Gcmeindevcrbttndc. . Die Austritts-Bewegung in Berlin. 722- Austritte aus dem Judentum 1931. 'Nach den soeben bekanütgegebenen statistischen Erhebungen betrug die Zahl der bei den Berliner Amtsgerichten . Im Jahre 1931 abgegebenen Kirchenaustrittserklärungen 79274' gegen 66635 im Jahre 1930. Das entspricht einer Zunahme von 19 v. H. . Die stärksten Verluste hatte die evangelische Kirche. 71102 Menschen haben ihr . im letzten Jahre den Rücken gekehrt gegen 59 255 im Jahre 1930, 50490 im Jahre 1929 und 46 030 im Jahre 1928- - - Geringer sind die Verluste der Katholiken. Sie betrugen 1931: 7450 gegen 6794 im Jahre 1930. 6570 im Jahre 1929 und 5595 im Jahre 1928. Wenngleich die Steigerung gegenüber 1928 immerhin 33 v. tf. beträgt, ist sie nicht so sprunghaft. Die jüdische Austrittsziffer war in den letzten Jahren un- ] gefähr konstant gewesen: 1927: 559, 1928: 556, 1929: 579, 1930.-- 586. Sie sprang im vergangenen Jahre auf 722. Ist also um! 23 v. H. höher als die Ziffer von 1930, und die Zunahme der Austrittswelle übersteigt somit die protestantische. Bewegung, wohl aber das Aufkommen ähnlich radikaler Parteien fürchtet, ist bekannt. Bekannt auch, wie esin Oesterreich bereits aussieht. In Wien mußte ausgerechnet am zweiten Tage Rosch haschonoh ein nationalsozialistischer. Qautag veranstaltet werden; Paradegrößen wie der Reichstagspräsident Qoering, Hauptmann Rohm u. a. nahmen daran teil. Ergebnis: ein Ueberfall auf eine Synagoge. Daß die verhafteten Nationalsozialisten behaupteten, als sie friedlich durch das jüdische Stadtviertel marschierten, sei aus der Synagoge auf sie geschossen worden, versteht sich am Rande; man sieht den orthodoxen Rabbi geradezu vor sich, wie er während des Owimi Malkenu den. Befehl zum Laden der Gewehre erteilt, die die Beter unter dem Tallis bei sich tragen. VI. Auch in Berlin hat es am 2. Tag des Neujahrsfestes Nazi-Paraden gegeben; genauer gesprochen: in P o t s d a m. Kinder mußten im Stadion an ihrem „Führer“ Hitler vorbeimarschieren, viele Stunden . lang, bis zur Erschöpfung; viele Hundert kamen halb verhungert und krank ins Spital, aber deutsche Eltern freuen sich über die „vaterländische“ Erziehung und Ertüchtigung der Jugend! VII. Da wir gerade von Berlin sprechen: auch wir Süddeutschen haben innigsten Anteil an dem Prozeß des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß genommen. Daß die Verleumder empfindlich bestraft wurden, war eine politische Notwendigkeit; die Kennzeichnung, die 'ihre Methoden durch das Gericht erfuhren, wären geeignet, vielen blinden Anhängern der NSDAP, die Augen zuöffnen. Am stärksten wirkte Dr. Weiß selber —: dieses Sich-nicht-klein-kriegen-lassen ist vorbildlich. Wir sind diesem Manne Anerkennung und Dank schuldig: indem er für seine Ehre kämpfte, kämpfte er auch - für uns. Und all den Kleinmütigen in den eigenen Reihen („In solcher Zeit darf ein Jude einen so exponierten Posten, nicht anriehmen!“) erwidern wir zum Trotz: Möchte Deutschland noch viele solche Beamte haben, möchte die deutsche Judcnhcit; ihrem Vaterlande noch viele solche Beamte zu schenken haben, wie Dr. Weiß! Als gleichberechtigte Bürger haben, wir das Recht, unsere' Fähigkeiten dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen: wir haben nicht das Recht, uns dieser Pflicht zu entziehen. Und werden wir angegriffen, die andern werden es auch. ■ VIII. Der Bück will über Deutschland hinausschweifen; aber die Grenzen sind vermauert. Vor JahresfristT französischer Ministerbesuch in Berlin;. Bildung einer deutsch-iranzüsischen Wirtschaftskommission; Abrüstung. Heute: Briand tot; Wehrgeist; latenter, wenn auch nicht offizieller Handelskrieg. Einzelheiten gehören nicht in dieses Blatt. Wohl aber das Aussprechen der Mahnung: Friede ernährt, Unfriede zerstör! — in der Wirtschaftspolitik nicht weniger als überall^ IX. Durch das Fenster kann man auch in die Laubhütte hineinsehen. Eine hübsche Metapher: die geistige -Situation der Juden wäre zu schildern. Doch droht, wegen zu großer Länge, der Rotstift des Redakteurs. Nehmen wir also das Hineinsehen wörtlich, so erhält dieser Aufsatz wieder seinen religiösen Abschluß. Um es ohne Umschweife zu sagen: es macht den Kindern wenig Spaß, daß sie draußen stehen müssen, weil es drinnen voll von Erwachsenen ist Meine eine Enkelin geht nicht wieder hin: ich hatte ihr voriges. Jahr von Aepfein und Nüssen erzählt: sie aber erlebte" Gedränge vor dem-Fenster, nasse Füße, Geschrei, und als es: ihr schließlich gelang, doch .einen Bück in das Fenster zu tun, erhaschten ihre kindlich aufgeregten Augen schließlich, hindurch-durch - den Engpaß von drei Zylinderhüten, den Anblick einer Kerze. Aehnlich geht es den meisten Kindern. — Erwachsene. bleibt draußen, laßt einmal die Kinder hinein! Und, wollt ihr den zweiten Teil dieser Aufforderung zugleich auch symbolisch nehmen: dem steht nichts im Wege. . . _

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.