Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 12 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Neuerungen im Hambu rger Tempel. Zur Nachahmung empfohlen.! :. Jetzt, da das Herannahen der „Ehrfurchgebietenden Tage“ die allgemeine Aufmerksamkeit wieder mehr als sonst auf gottesdienstliche Fragen hinlenkt; dürften zwei Neueinrichtungen von Interesse sein, die am Hamburger Tempel, der historischen Muttergemeinde des liberalen Judentums, eingeführt worden sind, bzw. eingeführt werden. Die eine Neuerung ist nur rein äußerlicher Art; sie will dem Gottesdienstbesucher behilflich sein, dem Vortrag der Gebete leichter zu folgen. ' ■ In Nummer 38/39 der. „Jüdisch-liberalen Zeitung“ vcfm 30. September 1931 hatte Rechtsanwalt Dr. J u 1 i u s L.Seligsph n,'Berlin, wenn auch in einem anderen Zusammenhänge, es für ■ wünschenswert erklärt, daß „von Zeit zu Zeit durch Ansage seitens des Vorbeters oder sonstwie die Gemeinde darauf hingewiesen wird, auf welcher Seite des Gebetbuches gebetet wird, ähnlich wie in der christlichen Kirche die Ansage der Gemeindelieder erfolgt“.! Dieser Vorschlag ist im Grundprinzip richtig, doch scheint eS immöglich und auch stilwidrig, daß der Vorbeter, der ja nfir des Gebetes wegen nach Osten gewendet und folglich mit dem Rücken zur Gemeinde steht, in dieser Stellung, das Gebet unterbrechend, eine profane Ansage an die Gemeinde macht Der Prediger kann das beim Vorlesen des Prophetenabschnittes tun, weil die Schriftverlesung kein Gebet ist und weil er ohnehin mit dem Gesicht zur Gemeinde steht; der Vorbeter kann es nicht Das scheint auch Dr. Seligsohn empfunden zu haben, als er seinem Vorschlag „durch Ansage seitens des Vorbeters" hinzufügte: „oder sonstwie.“ Die Ansage selbst aber ist für alle die zahlreichen Besucher notwendig, die weder die hebräischen Texte hoch die Melodien genau genug kennen, um dem Gottesdienst dauernd folgen zu können, und die auch, da sie meist jiicht zu Beginn des Gottesdienstes kommen, bei ihrqm Eintritt wissen möchten, „wo man hält“. Dieses, wie gesagt, rein technische Problem ist in Hamborg dadurch gelöst worden, daß man in unaufdringlicher, aber doch sichtbarer Weise Tafeln angebracht hat, die dem Bpsucher von Zeit zu Zeit, z. B.. bei Beginn neuer Gebetstücke (Hallel, Owinu Malkenu usw.), die betreffende Seitenzahl im Gebetbuch zeigen. Daß eine derartige Einrichtung keineswegs nur in Hamburg notwendig ist und durchaus nicht nur für Berlin zur Nachahmung empfohlen wird, versteht sich von selber. I Weit bedeutsamer ist die zweite Neuerung. Es ist bekannt, daß in den orthodoxen Synagogen alle verheirateten Männer, nicht nur Rabbiner und Kantor, an den Hohen Feiertagen weiße'Sterbekittel und weiße Käppchen tragen. Es soll im Augenblick nicht wissenschaftlich dargelegt werden, worauf dieser Brauch sich gründet, sohdern es genüge die Feststellung, daß die neuzeitliche Reform diesen Brauch für die Orgelsynagogen abgeschafft hat; es gibt Gemeinden, in denen vereinzelt von einigen Männern noch dieses „Sargenes“ getragen wird, in größerer Anzahl sieht man zum schwarzen Anzug statt des schweren Zylinders das weiße Käppchen. Rabbiner und Kantor aber tragen meist an den Hohen Feiertagen wie zu jedem anderen Gottesdienst ihren schwarzen Talar. Freilich gibt es auch da in einigen Gemeinden Abweichungen ganz bestimmter Art, und über diese Abweichungen; soll hier gesprochen werden. * Kanzel und Heilige Lade, sonst meist durch rote Decken und Vorhänge geschmückt, erhalten an den.'Hohen Feiertagen weiße Decken und Vorhänge. Das hat — im Verein mit der Erinnerung an die weißen Sterbekittel — in einzelnen Gemeinden, von denen hier nur Aachen und Danzig genannt seien, aber es sind deren noch weit mehr, dazu geführt, daß Kantor und Rabbiner weiße Talare mit weißen Baretts tragen, also keine Kittel, sondern völlig dieselbe Amtstracht wie sonst, aber in weißer Farbe. Es ist durchaus verfehlt, hierin eine Konzession an die Orthodoxie zu sehen, und der Liberalismus sollte keine Gelegenheit vorübergehen lassen, durch Abwechslung für Auge und Ohr die Feierlichkeit zu erhöhen. Der weiße Talar dient diesem Zweck in vollendeter Weise; der Kantor trägt ihn aus gewissen. traditionellen Gründen meist schon am Neujahrsfest, aber nicht an den Vorabenden, und selbstverständlich während des ganzen Versöhnungsfestes, zu Kol Nidre und am Tage; der Rabbiner aber trägt den weißen Talar nur am Versöhnungsfeste,, abends und am Tage, nur an diesem heiligsten Feste trägt er dieses den Tag besonders kennzeichnende weiße Gewand. — Es ist von Herzen zu begrüßen, daß gerade der liberale Hamburger Tempel diesen schönen Brauch einführen will, und es sei der herzliche Wunsch ausgesprochen, daß viele liberale Gemeinden, anstatt hier eine in Wirklichkeit nicht vorhandene „Rückwärtsrevidierung“ zu fürchten und zu scheuen, die Gelegenheit wahrnehmen, durch eine in die Augen springende Erhöhung der Feierlichkeit den religiösen Sinn des Beters so zu wecken, wie die heiligen Tage dies wünschen lassen. Rabbiner Dr. Benno Jacob 70 Jahre. Er liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich, liebt mich nicht .... so könnte man ein Zufalls-Frage-Spiel darüber anstellen, ob Rabbiner Dr. Benno Jacob zu uns, d. h. zur. Bewegung des liberalen Judentums gehört oder nicht,. und ob wir unsere journalistische Pflicht verletzten, wenn wir seines 70. Geburtstages am 8. September hier nichtgedenken würden. Nun, uns wandelt keine Versuchung an, einen Mann zu übergehen, dessen Verdienste um, die Wissenschaft des Judentums, um die Abwehr, des Judenhasses und um die Bekämpfung des Zioni’s mus aus jüdisch-religiösen Gründen gleich groß sind, einen Mann, der in der Wissenschaft wie in der jüdischen Politik stets seinen eigenen Weg gegangen ist und von dem wir es Wissen Sie schon, daß die politische Willenlosigkeit Hugenbergs gegenüber den Nationalsozialisten nunmehr auch in der plötzlichen Verabschiedung des Herrn Dr. Siegfried Breslauer zum Ausdruck gekommen ist, der seit Jahrzehnten der führende politische Redakteur der Scherl-Blätter war, wegen dessen nie verleugneter jüdischer Religionszugehörigkeit aber die Nazis Hugenberg oft angriffen?' daß die während der letzten Sitzung des Preußischen Landtages von der NSDAP eingebrachte Anfrage wegen angeblich auf Staatskosten unternommener Flugreisen des Ministerialrats Dr. Badt als völlig grundlose Hetze entlarvt worden ist? daß Ministerialrat Hans Goslar, der seit dreizehn Jahren Chef der Pressestelle im preußischen Innenministerium war und bei der Einsetzung des Reichskommissars beurlaubt worden war, nunmehr durch Beschluß des kommissarischen preußischen Staatsministeriums endgültig zur' Disposition gestellt worden ist? daß Oberstleutnant a. D. Duesterberg, der zweite Bundesführer des Stahlhelms und deutschnationale Kandidat für den Posten des Reichspräsidenten, väterlicher- und mütterlicherseits von Juden abstammt, so■' daß, wie die „Vossische Zeitung“ feststellt, wieder einmal „kraß nachgewiesen ist, daß die Rassenlehre ein brauchbares Selektionsprinzip. nicht darstellt“?' daß Professor Dr. Paul Guggenheim vom Universitäts-Institut für Internationale Studien in Genf zur Zeit als Gast der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Harnack-Haus (Berlin- Dahlem) Vorlesungen' über den Völkerbund hält? daß auf einer in Montreal abgehaltenen Konferenz jüdischer Organisationen ein Komitee zur Abwehr der antisemitischen Hetze gegründet worden ist? daß auf der z. Z. in Wien tagenden fünften. Weltkonferenz ‘ der Zionisten-Revisionisten der Revisionistenführer Vladimir Jabotinsky in seiner Eröffnungsrede gesagt hat, Englands Haltung in Palästina sei jetzt die eines antizionistischen Faktors? hinnehmen mußten, daß er, wiewohl liberaler Rabbiner, von der „liberalen Laienbewegung“ nichts wissen will, uns oft arg bekämpft hat und doch manch wertvollen Aufsatz für unsere „Jüdisch-liberale Zeitung“ geschrieben hat Ein bedeutender Gelehrter, ein in jeder Beziehung Eigener, ein Mann persönlichen Mutes, das ist Dr. Jacob, der nach langjährigem Wirken in Dortmund vor drei Jahren in den Ruhestand getreten ist und nun in Hamburg ganz seinem wissenschaftlichen Werk lebt. Der uns oft arg bekämpft hat, der uns viel gegeben hat, er sei zu seinem Ehrentag in Achtungauch hier gegrüßt. i -tz. tmpieMeaswecie J^ezuqsquMen II J. SCHOPKER -TISCHLERMEISTER WERKSTATT FÜR GUTE MÖBEL U. 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Und das \ Anders hat sich dann wieder anders verhalten und schließj lieh ist das ganze Lügengebäude zusammengebrpehen wie ein i Kartenhaus. i So weit die häßliche; leider wahre Geschichte. Man lerne daraus: Verbreite keine Gerüchte, deren Wahrheit nicht einwandfrei erwiesen ist Sage niemals, wenn man dir das Gegenteil beweist: „Na, irgendwas Wahres wird schon dran sein!“ Denk dran, daß du dich wegen übler Nachrede und Geschäftsschädigung'strafbar machen kannst Glaube nicht allzugern, was du fürchtest! Schließlich: Gibts nicht Judenfeinde genug? Wozu mit aller Gewalt ihre Zahl vergrößern? S.B. .. *