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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-09-15 · 12 (15.9.1932) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
12 (15.9.1932)
Date
1932-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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12. Jahrgang Nummer 12;.?.:v5S>*rry&vixr: jüöifdMiberale Leitung ,^y, »i Beilage 15.Septemherl932 ■ ■ . | ■ Liberales Judentum und Reformjudentum.; Rabb. Df. Joseph Lehmann zum 60. Gejburtstage , am 27. September. j 1 _ Von Dr. H. Sachs (Berlin). Es steht dem. Weggenossen nicht gut an, den Glückwunsch für den nach den „Sprüchen der Väter" (V, 24) nunmehr „dem Alter“ zugehörigen Freund in Worte des Löbens und Rühmens zu kleiden. Aber „Alter“ berechtigt zum Zurückblicken. Und so sei denn dem Führer der extremliberalen Richtung heute gesagt, was uns ein Menschenalter lang als- Liberale verbindet, und was noch zu überbrücken wäre. Ueberprüien wir einmal unsere Stellung' zum Reformjudentum', so werden wir von einer Entwicklung des Liberalismus nach dieser Richtung hin in den letzten Jahrzehnten nicht viel entdecken können. Die Stellung des jüdischen Liberalismus zum Reformiudentum istauch * heute noch keineswegs geklärt Daher auch die widersprechendsten Meinungen und Aeußerungen, vom Wohlwollen bis zur Ablehnung. Faßt man im jüdischen Liberalismus die Bewegung zusammen, die, in Anknüpfung an die Ideen des prophe.- tischen Judentums, Inhalt und Aufgabe der jüdischen Religion in der Erfassung ihrer sittlich-religiösen -Werte erblickt, die ferner die Wandelbarkeit der Form nicht nur iür gestattet, sondern für geboten hält, dann gibt es — horribile dictul! — zwischen Liberalismus und Reformjudentum keinen' Trennungsstrich 1 Aber gerade diese Einstellung zur „Reform“ - macht vielen Liberalen noch zu., schaffen. Denn: „Wohin soll das dann führen?“,- das ist ihre Frage. j- Wenn aber, anstatt indifferenten Gehenlassens nach beiden Seiten, für den: Liberalismus der Gegenwart das B e -■' k e n n e n. charakteristisch ist, wenn, liberal sein heißt, die in kodiiizerten Gesetzsammlungen alslbindend betonte Gleichsetzung von Kult- und Sittengesetz [ bewußt ablehnen, dann muß jede form des religiösen Empfindens als gleichberechtigt anerkannt werden, die, in Anknüpfung an die . Ideen des prophetischen Judentums, sich ein eigenes Ger präge geschaffen hat. Denn ein Wesentliches im Liberalismus ist doch die Forderung, die Fesseln des; Dogmas abzulegen und sich zu derjCuldsamkeit des Talmudwortes zu bekennen: „Wer ,Höre H|ael‘ ruft, ist ein Jude!“ — Wenn wir also das Reformjudentum ohne Zweifel als einen lebendigen Bestandteil des Judentums, insbesondere der liberalen deutschen Judenheit anerkennen müssen, so bleiben dabei noch genug Unterschiede zwischen den beiden Richtungen bestehen. Das bezieht sich zuvörderst aui den G o 11 e-s - dienst. — Obwohl selbst unbedenklich den Sabbat'„entr weihend“ und die Innehaltung des minutiösen Säbbatgesetzes mit all seinen Uebertreibungen den „Gesetzestreuen“ überlassend, gerät mancher sonst lässige Liberale in fanatischen Eifer, wenn er von der. Richtung spricht, die für die Erhaltung der Sabbat-Idee ihren Ausdruck an staatlichen Ruhetagen sucht, wo allein sie ungehemmt | verwirklicht werden kann. — Aber was berechtigt dieser kleinlichen Einstellung gegenüber dann noch den Liberalen, über den Orthodoxen überlegen zu lächeln, der am Versöhnungstage eher dem Gottesdienst fernbleibt, als daß er durch i Fahren zum Gotteshause, Geldtragen usw. den Tag „entweihte“! ■ — Ja, was berechtigt ihn überhaupt sich liberal zu nennen, wenn er der ureigen-jüdischen Idee vom Sabbat so wenig Verständnis entgegenbringt, daß ihm der sozialsittliche Charakter der Einrichtung,. wie ihn die Thora lehrt und der Prophetismus hervorhebt, von den zum „Gesetz“ erstarrten Ausführungsbestimmungen verdunkelt .wird? Was können uns liberal-fortschrittliche Programme helfen, wenn dem Liberalen, vielfach auch denen, die für ihre geistigen Führer gelten, die Kraft und der Wille versagt, konsequent. zu denken und danach zu -handeln! Was Wunder, daß uns der verjüngende Zustrom! der Heranwachsenden fehlt, wenn wir sie nicht durch einen kraftvollen Idealismus zu fesseln Vermögen 1J — Freilich zeigt die Gegenwart bereits Ansätze für ausgleichende Uebergänge. Neben kleinen Versuchen, zur Liberalisierung des Gottesdienstes .sind unsere liberalen Sonntagsvorträge in der Synagoge mit Orgelspiel geeignet, Religiös-liberale Tendenzen im Besiattungswesen der Berliner Gemeinde. Repräsentantenversammlung vom 8. September. ■ Auf der Tagesordnung der ersten Repräsentantensitzung nach den Ferien standen im ganzen 36 Punkte ausnahmslos geschäftlicher Natur, und es ist als ein gutes Zeichen zu deuten, daß diese Tagesordnung invöllig friedlicher Zusammenarbeit aller Parteien in einer relativ kurzen Sitzung erledigt werden konnte. — j ■ Von besonderem Interesse dürfte sein, daß unser vor etwa Jahresfrist verstorbener Gesinnungsfreund, der um das liberale Judentum und um die Berliner Gemeinde hochverdiente Herr Benas Levy in seinem Testament der Gemeinde ein größeres Legat errichtet hat, dessen Annahme in der Repräsentantensitzung erfolgte, wobei des Verstorbenen nochmals mit warmen Worten gedacht wurde,1 Der wichtigste Punkt war die Beschlußfassung über die Einsetzung eines „Beerdigungsjtommissars“ bei der Jüdischen Gemeinde. Bei dem räumlichen Umfang Groß-Berlins bedeutet in Sterbefällen -die Notwendigkeit einer Anmeldung der Bestattung in den Räumen der Friedhofskommission stets eine gewisse Belastung. Es erscheint daher erwünscht, eine Einrichtung zu / treffen, die den Gememdemitgliedern diesen Weg erspart ujid ihnen auch sonst Unterstützung bei der Erledigung der notwendigen Formalitäten gewährt. Diese Formalitäten sind bekanntlich oft recht kompliziert, und für die unter dem unmittelbaren Eindruck des Trauerfalles stehenden Hinterbliebenen, insbesondere wenn es sich qm einen ersten Todesfall in der Familie handelt und die Leidtragenden in Bestattungsangelegenheiten völlig unerfahren sind, ist die Erledigung oft recht schwierig. Es ist deshalb vorgesehen, daß der Beerdigungskommissar den Hinterbliebenen nicht nur den Gang nach der Rosenstraße und die Vereinbarung über die Bestattung abzünehmen hat, sondern auch die1, sonst erforderlichen Gänge, insbesondere zum Standesamt und: evtl, zur Polizei. Handelt es sich aber bei der Einsetzung des Beerdigungskommissars in der Hauptsache nur um eine j Maßnahme, die für die Hinterbliebenen wohltuend ist und zugleich auch den seelischen Kontakt zwischen der Gemeinde und den ihre Einrichtungen in Anspruch nehmenden Mitgliedern enger gestaltet, so muß eine andere Neuerung hier erwähnt werden, die wahrhaft liberalen Geist atmet, und auch dem Sinke der Einheitsgemeinde entspricht! Bekanntlich ist nach dem Religionsgesetz der Orthodoxie die Einäscherung von Leichen nicht statthaft Gleichwohl lassen sich alljährlich viele Juden einäschern, und die Gemeinde hat ja auch seit längerer Zeit auf ihrem Friedhof in Weißensee ein eigenes Urnenfeld. An der Einäscherung selbst hat sich indessen die Gemeinde nie beteiligt. Man konnte im Friedhofsbüro anmclden. daß die Leiche aus den Sterbehause zur Vornahme der Tahara nach der Friedhofshalle gebracht wurde, aber den Transport von dort zum Krematorium nahm die Gemeinde nicht entgegen; sowohl dieser Transport wie auch alles, was sonst mit der Einäscherung zi tun hat, mußte man auf z. T. wenig würdige Weise durcl Mittelspersonen bestellen, und sogar die Rabbiner und Kantoren, die im Krematorium wirken, wurden direkt, aber nich durch das. Friedhofsbüro der Gemeinde, hinzugezogen..-Es is klar, daß diesesalles nur aus Rücksicht, auf die Orthodoxii geschah, weil nach orthodoxer Auffassung eine jüdische Ge meinde mit der Einäscherung nichts zu tun haben darf. Wii haben aber keineorthodoxe, sondern, eine Einheitsgemelndi -von Liberalen und Orthodoxen; und wenn die Gemeinde es mit Recht, zuließ, daß ein Teil ihrer Rabbiner und Kantorei bei Einäscherungen fungieren, wenn ferner auf ihrem Frledho Aschenreste beigesetzt werden, so bedeuten alle die hier ge - schilderten Zustände und die sich dabei ergebenden, hier absichtlich nicht mitgeschilderten Mißstände eine.recht unwürdige Halbheit und ein Abweichen von dem Prinzip, daß ln der Einheitsgemeinde alle religiösen Richtungen glelchberech - tigt sein müssen.! Es ist daher zu begrüßen, daß die Berltne 1 Gemeinde sich nun entschlossen hat, auch in der Frage de 1 Einäscherung den Liberalen -Gleichberechtigung zu gewähren. Wohl sind durchaus nicht alle Liberalen unbedingte Anhänge ’ der Verbrennung in dem Sinne, daß-sie ..für; sich selbst dln Einäscherung wünschen, aber es besteht Im liberalen Juden - turn Einhelligkeit darüber, daß die Einäscherung zulässig lsi. Die Einheitsgemeinde, hat daher in begrüßenswerter Weis i ihre Pßicht erfüllt, wenn sie jetzt bekanntgegeben hat, dal I Trauerfeiernim Krematorium, soweit Oemeindebeamte au diesen Feiern mitwirken, im Friedhofsbüro der Gemeinde an gemeldet werden können. denjenigen Liberalen, die eine Liturgie ablebnen, eine Weihesfunde im uotteshause zu geben. Der! altorientalische Brauch der Kopfbedeckung beim Gebet kann doch auch Liberalen nicht gut als ein wesentliches Attribut der Andachtsübung' gelten. Schließlich haben! wir auch die Frauen als gleichberechtigte Beter. anerkannt — wenn sie auch noch nicht zur Thora herantreten j dürfen! — und sie aus ehedem vergitterten Frauenschulen zu dem Haupt- Gebetraum hier und da zugelassen. .; | . Bleibt noch als ein wesentlicher Unterschied zwischen liberalem und-- Reform-Gattesdienst die.fle.bcto r dn.ung: Hier bliebe bei uns Liberalen noch die lange' Dauerzu reformieren, ferner wären die langatmigen Wiederholungen (z.B. das .10malige Sündenbekenntnis am Versöbnungstage) -zu streichen, weil sie jeden -tiefen Eindruck abschwächen. Neben der Predigt, die immer noch mehr Wert darauf fegt, „interessant“ als belehrend-interessierend zu I sein, ist als ein Hauptstück des liberalen Gottesdienstes die Thora-.und Bibel vorlesung in den Mittelpunkt:zu rücken. Hier erweist sich das Festhalten der Liberalen am alten Ritus als ein 'großes Hindernis. Ist z. B. aus dem [unvergleichbaren Schatze der Ethik und Poesie der Thora-nichts anderes für die Vorlesung am ersten Neujahrstage herauszufinden, als die Erzählung von der Vertreibung der Hagar und des Ismael?! — Und am Vormittage des Versöhnungstages hören Wir immer noch die ausführlichen Vorschriften; für den Opferdienst des Hohenpriesters, und daß der Sündenbock, auf den das Los für den Asasel gefallen, zum Wüstendämon entsandt werde! Warum fehlt noch immer die deutsche Ueber- Liberale Synagoge Westend Gottesdienste an den. Hohen Feiertagen in der Herderschule, Bayemällee 4: Vorabend des Neujahrsfestes (30. September), Predigt: Rabb.*Kand. Dr. Hlrschbary. 1. Neojahrstag (l. Oktober), j Predigt: Rabb.»KandL Mehler. . j 2. Neujahrstag (2. Oktober), .' Predigt: Rabbiner Dr. Swartentky.! Vorabend des Versöhnungsfestes (9. Oktober), Predigt; Rabbiner Dr. Swarsenaky. ■ | •*' Versöhnungsfest (10. Oktober). . I - Predigt: Rabb.-Kand Dr. Sänger. ‘ ' Noch verfügbare Karten sind in der (Geschäftsstellebei Frau Mkhaelsonr Bayernallee 6» erhältlich j Die regelmäßigen Freitagabend «Gottesdienste finden in der Aula Leistikowstr. 7-8 statt. _ Festgottesdienst Rausch hasdionoh und Jom Kippur - in der Aula des Askanischen und jTempelhofer Gymnasiums, Tempelhof,Wittelsbacher Korso 60 Prediger: die Herren Redakteur Arthur Schweriner» Rabbiner Dr. Plotket Rabb.-Kand. Dr. Hirschberg» Rabb.-Kand. Mehler. t, . :t Kantoren: die Herren Gotthelf (vom Rundfunk) uod Saul. 'Chorleitung: Gesanglehrer Alfred Loewy. j Preise der Plätze: RM 5,—f 3f— und 1,—.! Kartenverkauf: Bürod.LiberaIenVerems»SWll,HallescheStr.l, bei Herrn Ernst Arnold» Tempelhof» [Wieseneratr. 25» bei Herrn S. Neustadt» Tempelhot Arnulfstr. 89. 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Freilich Ist hier noch ein weites Feld, ■ zi - mal unseredeutschen Gebete von Poesie nur einen gering« n Hauch erkennen lassen. — Was anderseits wieder uns mit dem Reformiudentum gemeinsam ist, das betrifft die Ablehnung jeder Ve r m ischu ng r elf gl User F r.t - gen-mit politisch-nationalen Ideen. Unse e Stammeszugehörigkeit ist an kein Territorium gebunden, uid ebensowenig die jüdische Religion, die vielleicht gerade dur :h die Zerstreuung Israels unter die Völker der Welt erhalt :n geblieben ist . ' , . Die Kulturkrisis, ln der wir leben, wird auch ein in Ausgleich der Religionen .und eine Veränderung ihrer Auidrucksformen zur Folge haben. Dabei wird sich .noch det tlicher zeigen, daß das Unterschiedliche zwischen liberalem und Reform-Judentum nicht wesentlich genug ist, als daß ss entfremdend wirken dürfte. Das-Gemeinsame di r Grundgedanken und Ziele ist-stets zu betonen. Das Reformiudentum Ist. ein Vorposten des Liberalismus. Beide gehören zueinander, als d)e Vertreter des prophetischen Judentums, des Judentums der Zukunft! Das wertvollste Neujah rsgeschen k in diesem Jahre: Eine Versicherung durch die Hilfe Versicherungsverein a. G fflr Mitglieder dar Jüdischei Gemeinden desDeutschenRelche Berlin N 24» Oranienburger Str. Fernruf: D 2 Wetdendamm 8701 Erster jüdischer Versicherungsverein unter Aut sicht des Reichsaufsichfsamts für Privafversiche rung. — Angelehnl-an die Victoria xu Berlin, Vertragsgesellschaft des Preufrischet' DIE HILFE Landeiverbandes jüdischer Gemefnder und der Jüdischen Gemeinde zu. Berlin Bel niedrigsten Monatsprämien ausreichender Versiehe rungsschutzl / Keine ärztliche Untersuchung / Verlanger Sie sofortigen Vertreierbesudi. - Auskünfte erhalten Sie auch auf der Handwerker-Werbeschat

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