Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 12 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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.einer überlebten Epoche geschaffen, haben sie auch keine Beziehung mehr zu dem Kunstempfinden unserer Zeit. Leider ist für manche unserer ständigen Synagogen- _ ’besneher jede Vorstellung jüdischen Lebens und Wirkens gegrenzt durch den engen Horizont der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen sind. Diese finden in unserem heutigen Gottesdienste das, was sie suchen: die Kindheitserinnerung. Die Zahl dieser Genügsamen ist klein; dennoch vermochte ihre treue Anhänglichkeit zu bewirken, daß in der Beurteilung unserer Gottesdienste noch heute die kleinbürgerlichen Motive der großväterlichen K'hillah — deren Vorzüge; damit gewiß nicht bestritten sein sollen — allzusehr den Ausschlag geben. Aber die vielen Tausende, die jahraus, jahrein unsern Gotteshäusern fernbleiben, haben keine innere Beziehung zum Judentum und finden sie auch im Gottesdienste nicht, da er ihnen in seiner jozigen Gestalt nichts gibt Diese Kreise heranzuziehen, ist dringende Aufgabe. Die wissend gewordene jüdische Jugend verlangt mit Recht nach den Werten, die man , ihr gekündet Sie bemüht sich um diese Werte; inunserm heutigen Gottesdienste findet sie sie nicht Ihr zu geben, was sie fordert, ist brennende Pflicht- Längst ist man sich in Fachkreisen darüber klar, daß der Geist von vorgestern unsern Gottesdienst beherrscht. Allein die Mittel, mit denen man bisher; versuchte, diesen Mißstand zu bekämpfen, waren unzulänglich, gleichviel, ob man nun in Zeitungsartikeln dagegen zu - Felde zog, oder ob man in allen möglichen Gremien die „Schaffung“ eines neuen „einheitlichen synagogalen Stils“ proklamierte. Verfehlt. auch die Laienversuche, durch Umstellung oder Verdeutschung einzelner Stücke der Liturgie die Gemeinde im Gottesdienste stärker zu aktivieren. Diese Versuche jnochten neben anderen wohl sachlichen Erwägungen entspringen. In der Praxis haben sie keinen nennenswerten Erfolg gezeitigt; sie treffen den Kern‘der Sache nicht : Unser Gottesdienst trägt ein musikalisches Kleid. Aus religiösem Gefühl erwachsen, hat er dem musikästhetischen Kunstempfinden unserer Zeit zu genügen,. Jeder Ton, der in der Synagoge erklingt, sollte dem Rechnung tragen. Nur die irregeführte Art der Beurteilung hat Unästhetisches, Unkünstlerisches in unsern Gottesdienst gebracht; Seine Erneuerung kann nicht verstandesmäßig konstruiert, sie' muß-vom Genius gezeugt werden. Es heißt: eine neue Liturgie zu schaffen,- die dem Musikempfinden der heutigen Zeit entspricht und doch im Sinne der Tradition jüdischen Geist atmet: ein religiöses" Kunstwerk, das, umglüht von dem sieghaften Feuer der künstlerischen Ekstase, unsere Gotteshäuser, unsere Herzen und unsere Jugend zu erobern und mit Licht und Wärme zu erfüllen .vermag. Endlich, endlich beginnt es zu dämmern. Der Monat ElluI ist; ins Land gekommen, und das Schofar bläst ziim Sammeln. In wahrer Erkenntnis aller dieser Dinge ging der in München. lebende Komponist Heinrich Schalit daran, eine Frei tag. Abend-Liturgie für den Orgelgottesdienst zu komponieren. Schalit ist uns Berlinern nicht unbekannt Alexander Weinbaum hat wiederholt in seinen Konzertveranstaltungen Kompositionen Von Schalit mit Erfolg aufgeführt Auch diesmal ist es der Initiative Alexander Weinbaums zu verdanken, daß die soeben fertiggestellte Schalitsche Liturgie demnächst zum ersten Male in einem Berliner Gotteshause erklingen wird. Wir stehen mit diesem Ereignis an einem Wendepunkte . in der Geschichte der Synagogenmiisik. Wir verbinden mit - diesem Ereignis die Erwartung, daß der Kreis der Synagogenbesucher wachsen wird. Und, wir wagen es kaum anzudeuten, die bescheidene Hoffnung darf auftauchen, daß endlich "einmal die Synagogenmiisik von der öffentlichen Musikkritik ernst genommen werden wird. Hier soll nicht kritisch ziim Werke Schalits Stellung genommen werden, doch einige Worte der Einführung seien erlaubt: i Schalit schöpft aus dem reichen Born der Tradition. Er formt die Melodie streng nach den Skalen der traditionellen Steigertonarten (Josef Singer, Wien, und' Aron Friedmann, Berlin, haben sie uns aufgezeigt) und verankert sie im Geiste der Neuzeit harmonisch in Akkorden, deren Töne in diesen Skalen verwurzelt sind. Das gibt dem Ganzen eine zuweilen - ans Mystische grenzende heilige Weihe. Er streift das Tänzerisch-CJiassidische wie das Herb-Sefardische und weiß durch seine uns verständliche moderne Sprache immer die Brücke zum Urjüdischen zu finden, auch wenn er von dem uns bisher Klanggeläufigen abweicht Wir werden zum Aufhorchen gezwungen. Feierlich, gemessen nimmt der Chor das von der Orgel .angestimmte Motiv des Einleitungsgesanges auf, der .sowohl auf den Wunderum Verdun. ‘T . " Dramatische Dichtung von Hans Chlumberg. Aufführung lm Deutschen Theater zu Berlin.; Das gar nicht voll ausdenkbare und in allen seinen Folgen noch immer nicht zu übersehende Unglück des Weltkrieges! hat die Volksseele des besiegten Deutschland in seltsam-düstere Verwirrung und in Zwiespalt gebracht. Der größere Teil flucht —dem furchtbaren-Würger, der die ethische Kultur der Menschheit und jeglichen Fortschritt so heftig zurückgeworfen hat, ein'kleinerer, aber einflußreicherer Teil möchte hinwiederum | mit Stahlhelmparaden und Sehnsucht nach Rüstungsgleichheit fjeden Pazifismus und Glauben an dauernde Kriegsächtung ver-!; fernen. Die Dichtung, immer in gewissem. Sinne Echo des : Weltgewissens, hat bisher in mannigfacher Weise gegen den [Krieg als solchen Stellung genommen. Die tief eindrucksvollen ‘Zustandsschilderungen von Barbusse,Lätzko,Sheriff,; Hemingway, Graff, Leonhard Frank, Remarque usw. haben .mehr zur Perhorreszierung des Krieges beigetragen als alle 'völkerrechtlichen und zwischenstaatlichen Warnungen und Bindungen. Eine großartige Idee liegt der Dichtung des jungen jüdischen Dramatikers Hans von Chlumberg zugrunde: Zwanzig; Jahre: nach Kriegsausbruch kehren die Gefallenen noch einmal zur Erde, zum Dasein zurück, um die lebende Generation! wegen ihres Schicksals zur Rede zu stellen, um die Frage _! nach dem Sinn ihres Opfertodes in die Welt zu schreien. Und ., sie müssen in herzerschütternder Weise feststellen, daß sie umsonst gestorben sind, daß sie nicht mehr gebraucht wer- : ' den, daß ihre Plätze besetzt sind, daß die Welt über sie hinweggegangen und noch verfluchter geworden ist, als sie vordem war. Die zerschossenen, mit Erde beschmutzten und veri krüppelten Gespenstergestalten ziehen nach Genf, wo Yer-! treter des Völkerbundes nichts Besseres zu tun haben, als .! allerlei "kleinliche und bösartige Intriguen gegeneinander zu : spinnen. Im Konferenzsaal gibt es eine dumpfe und groteske { Auseinandersetzung — dann ist der Spuk zu Ende, j ' Das Stück ist überall im Visionären stecken geblieben: i trotz wundervoller einzelner Szenen ist es künstlerisch und! sprachlich nirgends geformt und gestaltet, die feste dramatische Architektur fehlt Alles ist'nur skizzenhaft hingeworfen.; Aber die dem Ganzen zugrundeliegende sittliche und sozio- | -logisch-philosophische Idee ist, wie gesagt, großartig und hat j ihren Eindruck nicht verfehlt Auch die rechtsstehenden Zei-; tungen, sonst so schnell bei der Hand, pazifistische Ideen, noch; dazu von jüdischer Seite kommend, herabzusetzen, brachten : ernste und nachdenkliche Würdigungen.!. Es ist bezeichnend, daß es gerade ein jüdischer Dichter und' Berufssoldat war, der dies erste, literarisch-wertvolle,! rein geistig-dialektische Nach- und Antikriegsstück schrieb. ’ r Das judenfum ist seit Jahrtausenden, schon seit den messianischen Weissagungen und Hoffnungen der Propheten, die hebräischen Text „Mah tauwu“ als auf den deutschen „Wie schön sind deine Zelte“ gesungen werden kann. Würdevoll, gravitätisch schreitet die Gemeinde in den Tempel des Herrn. Einer nach dem andern beugt das Knie an dem Orte der Heiligkeit — dies wird in den einzelnen Stimmen aüsgedrückt — und versinkt in Ehrfurcht vor Gott. Sabbathnähe: L’cbu nerannanoh, der Vorbeter stimmt den 95. Psalm an, mit traditionellen Jubelklängen im Wechselgesange mit dem Chor beginnend, dann setzt die Gottesmahnung ein: Al takschu I'wawchem, seid nicht hartherzig!, die in erhabener Steigerung mit dem Zitat des göttlichen Zornesschwurs: Ascher nischba’ti w’appi (sefardisch) ausklingt. Sabbathfreude: Rhythmisch bewegten Schrittes zieht der Bräutigam der Braut entgegen, dazwischen leuchtet feierlich das Sabbathlicht dem nahenden Sabbathfrieden an der geöffneten Tür; die jüdische Seele aber rafft sich zu ekstatischer Freude auf, um den Sabbath zu grüßen: L’choh daudi. Sabbathfriede: Weihevoll, mit hohem Pathos erfaßt der Chor die Worte-des 92. (Sabbath-) Psalms, mit denen der Dichter die Mittel aufzählt, deren wir uns bedienen, um Gott am Sabbath zu preisen. In der, Stimmung, die der Komponist hier schafft, liegt etwas von dem Geiste der Antike. So ähnlich könnte auch im Tempel zu Jerusalem.deklamiert worden sein. Feierlich besingt. der Vorbeter die Größe der Werke Gottes, die Tiefe seiner Gedanken. Der Chor nimmt seine Weisen auf und verkündet die Vernichtung der Gottlosen. Aber der Gerechte wird wie die Palme erblühen. Schlicht und gottergeben spricht der Vorbeter es aus, und prophetisch setzt der Chor es fort, um,' in gewaltiger- Größe ausklingend, Gottes Vollkommenheit zu verkünden: L’haggid ki joschor adaunoi zuri w’lau awlossoh bau: Breit wuchtig und geradlinig edel stellt Schalit den makellosen. Gottesfelsen in die beginnende Sabbathnacht Sabbathfeier: Feierlich setzt das Orgelvorspiel zu dem Maariw-Gebet ein. Der Sabbath beginnt Preiset den Ewigen, den hochgepriesenen Gott aller Zeiten, den Alliebenden, den du, höre, Israel!, lieben sollst; bekennet seine Einheit: Sch’ma jissroel! Wie ein Aufschrei entringt sich das Bekenntnis der Brust des Vorbeters. Die Orgel überträgt es auf Chor und Gemeinde, und ein gewaltiges Brausen erklingt-um uns: . Adaunoj echod! In tiefer. andachtsvoller Versunkenheit sprechen die Lippen des Varbeters, kaum hörbar, den ersten Abschnitt des Sch’ma, mit w’ohawto beginnend, immer leiser Dr. Kurt Zielenziger, stellvertr. Chef des Nachricbtenamtes der Stadt Berlin, leitet die Branchen-Enquete des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. (Vgl. den Bericht in dieser Nummer.) Wiege aller Friedens- Und Gerechtigkeitssehnsucht Hätten die anderen Völker die jüdische Ethik nur wahrhaft erfaßt und in sich aufgenommen, so wäre es nicht zu der schauerlichen Katastrophe des Weltkrieges gekommen! Chlumberg war nicht, wie etliche heutige Führer der Nationalsozialisten, während des Weltbrandes Heimkrieger, sondern nach seiner Ausbildung im österreichischen Kadettenkorps Berufsoffizier. Sein Vater war ein armer Ostjude, Wolf Bardach, der als österreichischer Husar 1866 die von den ‘Preußen besetzte Höhe vom Chlum erstürmte, dafür zum Major befördert und unter Verleihung des Namens „Ritter und Edler von Chlumberg“ in den erblichen Adelsstand erhoben wurde. Sein Sohn Hans hat alle Schauer des Krieges durchlebt und durchlitten, bevor er der glühende Pazifist wurde und sein Stück schrieb, das heute, übersetzt, in vielen europäischen Städten gespielt wird. Bei der Probe seines Stückes vor drei Jahren in Leipzig, stürzte er auf der verdunkelten Bühne in die Versenkung, aus der die Gespenster heraufsteigen, zog sich eine schwere Gehirnerschütterung zu und war nach drei Tagen tot Es ist wie eine traurige, an Hoffmann oder Poe erinnernde Legende: in den „Wundern um Verdun“ rief der Dichter die Toten gegen die Lebenden auf. Und die Toten zogen ihn, den Lebenden, zu sich herab. Die Inszenierung im Deutschen Theater unter der neuen Direktion Beer-Karl Heinz Martin, war ausgezeichnet Man sah in Berlin, was in den letzten Jahren selten geworden ist, wieder restlos in sich gefügtes Ensemblespiel, kollektive Schauspielerleistung von höchstem darstellerischem Niveau. Von den etwa 50 Mitwirkenden müßte eigentlich ein jeder genannt werden, nirgends traten, wie früher oft bei Reinhardt, Stars störend hervor. Die Aufführung erforderte — bei dem heutigen Rechtskurs — beträchtlichen Mut. Freilich mußte, um die Zensur nicht auf den Plan zu rufen, sehr viel gestrichen werden. So wurden z. B. ini letzten Bild die Worte der Geistlichen, darunter die dialektisch interessanten Bekenntnisse des Rabbiners, iortgelassen. Aber auch in der Kürzung war die Wirkung des Werkes allgemein sehr stark. Hoffentlich bildet es mit seiner unaufdringlich vorgetragenen, aber überzeugenden sittlichen Tendenz einen Baustein für eine einst kommende bessere menschliche Gesellschaftsordnung. Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin. Minderwertigkeitskomplexe. Eine wahre Begebenheit In unsren Tagen der politischen Hochspannung, wo der Bruderhaß einer’ Kriegsfurie gleich durch die Lande rast, scheinen alle Grundsätze auf den Kopf gestellt Es klingt zwar wie ein, aber es ist kein Paradoxon, wenn man sagt: „Was man fürchtet, das glaubt man gern.“ Dafür diene als Beweis der nachstehende Tatsachenbericht der weder erwerdend, um mit dem Worte4 uwisch’orecho ganz zu verstummen. Der Preisgesang des ägyptischen Erlösungswunders (Mi chomaucho) erklingt und inbrünstig werden die täglichen Bitten um unser leibliches Wohl (Haschkiwenu) ausgesprochen: Friede über uns und ganz Israel, Amen. Sabbathstille: Wie ein Rauschen aus weiter Ferne klingt des Chores Mahnung, den Sabbath zu heiligen: W’schom’ru. Immer näher kommt das Rauschen, schon schwillt es an. es bäumt sich auf: auß hi l’aulom, ein ewiges Merkmal, um in. ernster Feierlichkeit zu verklingen. Die gleiche Sabbathsiimmung liegt über dem Kaddisch, derdem stillen Gebete (T'fillah) vorangeht; ernste Feierlichkeit atmet auch der streng traditionell gehaltene Waj’chullu, von Vorbeter und Chor gemeinsam gesungen, an den sich liturgisch weihevoll der ausklmgende Kaddisch anschließt Sabbathweihe. Eine Stunde gespannter Andacht hat uns an das Gotteshaus gefesselt Nun soll der Sabbath geweiht werden. Feierlich, heilig und schwungvoll heroisch zugleich klingt uns der Kiddusch -entgegen. ' Gott' wird König sein über die ganze Erde. In voller Größe erhebt sich der Chor noch einmal im Schlußgesang, der den-Siegeszug der wahren Gottesreligion über die Gottlosen und Heiden darstellt Vergeblich bemühen sich die Feinde des Herrn, gegen seinen Thron anzurennen, — sie werden verdrängt und zerrieben. Groß und erhaben, in reinem C-Dur erstrahlend, leuchtet ausklingend das Licht des einig-einzigen Gottes in unsere Sabbathruhe: Adaunoj echod usch’mau echod. -Als Predigtlieder liegen mehrere einstimmige Kompositionen von Schalit vor. Auch die liturgischen Chorstücke sind zum großen Teil einstimmig gehalten. - Dadurch sind sie für den Gemeindegesang brauchbar. Einprägsam in der Melodie, dürften sie bald Gemeingut werden. Die Behandlung des hebräischen Textes ist bei-Schalit — dieses einzige kritische Wort sei verstattet — vorbildlich zu nennen. Nicht ein einziger der Früheren hat so aus dem Geiste, der Gebetsprache zu gestalten vermocht Diese einfache unefj doch so starke Sprache, die Schalit spricht, besitzt die Kraft i der Ueberzeugung. Wohl selten ist einem Werke ■ so viel' Liebe, so viel Hingebung, so viel Fleiß und so viel ehrliche Begeisterung durch alle, aber auch alle Ausführenden entgegengebracht worden. Schon sind andere Künstler afn Werke, um an der Neugestaltung der Synagogenmusik zu ar- . beiten. Weitere werden durch Schalits Arbeit angeregt werden. Hat-nicht das Judentum von je in Zeiten größter Not Bedeutendes aus sich heraus geschaffen? Der ElluI ist ins Land gekommen, und das Schofar bläst zum Sammeln.' Aschrei hoom jaud’ej ss’ruoh, heil dem Volke, das um sein Schmettern weiß!, Sie werden im Lichte des Gottesantlitzes wandeln. »Als Jude fühl’ ich kein Erröten, Jedoch als Deutscher schäm’ ich midi!” Schutzmaßnahmen für die Hohen Feiertage. In kleinen Orten schon seit einigen Jahren, seit dem Anwachsen des Nationalsozialismus; in Berlin wohl erst seit den Ueberfällen am vorjährigen Neujahrsfest, besteht vielfach Furcht, die Gottesdienste zu besuchen. Aus allen größeren Gemeinden liegen Nachrichten vor, daß diese Furcht unbegründet ist, weil für polizeilichen Schutz der Synagogen gesorgt ist An kleineren Orten sollten die Gemeindemitglieder sich beim Vorstand erkundigen, ob der. Gemeindevorstand die notwendigen Maßregeln getroffen hat, damit dies gegebenenfalls noch veranlaßt werden kann. - Irgendein Grund zur Beunruhigung oder gar Ursache, den Gottesdiensten fern zu bleiben, besteht also nicht Daß wir Juden durch Selbstdisziplin viel zur Beruhigung beitragen können, indem wir vor allem das unwürdige Herumstehen vor den Synagogen vermeiden, sei bei dieser Gelegenheit mit aller Deutlichkeit ausgesprochen. Aber auch ein weiteres Wort kann hier nicht unterdrückt werden. Gewiß wirkt es beruhigend, daß wir uns beschützt wissen. Aber doch wird es wohl jeden mit unendlicher Trauer erfüllen, wenn er zur Andacht in die Synagoge geht und vor der Tür des Gotteshauses ein Kommando von drei bis vier bis an die Zähne bewaffneten Schupos sieht Daß dies in Deutschland notwendig geworden-ist zeigt mit erschütternder Deutlichkeit wie tief wir durch das Umsichgreifen völkischen Hasses gesunken sind. funden noch in irgendeinem Punkte ausgeschmückt ist, in dem nur die Namen geändert sind: Saßen wir da kürzlich mit etwä 15 Personen bei einer kleinen Feier, als einer, der in solchen Erscheinungen des täglichen Lebens sich als stets gut orientiert eiwiesen hat., erzählte: „Denken Sie mal an, da kommt doch kürzlich die Frau Mainzer, der man ja nun wirklich die Jüdin nicht ansieht zu Fräse, um ein Kaffeeservice zu kaufen. Der Inhaber bedient sie selbst Nachdem sie ihre Wahl getroffen, sagt sie: „So', jetzt gehe ich noch zu Neufeld & Oppenheim und .suche ' das zum Service passende Tischzeug aus.“ Da sagt doch der Fräse: „Aber gnädige Frau, bei Neufeld & Oppenheim kauft man doch nicht! Das sind doch Juden!“ Und unsre Festgesellschaft hört empört, daß ein erstes Haus am Platz, das 'sehr viel jüdische Kundschaft hat sich mit Boykottpropaganda befaßt ... . Vierzehn Tage später habe ich Gelegenheit, den Inhaber von Neufeld & Oppenheim zu sprechen. Ich sage: „Die Angelegenheit Fräse ist Ihnen doch zu Ohren gekommen?“. Er: „Was für ’ne Angelegenheit?“ Und ich erzähle; was mir erzählt wurde. Er: „Daran ist doch kein wahres Wort Ich bin ja mit Fräse seit Jahren befreundet“. Dieser Sache wollte ich doch mal bis auf den Grund gehen, aber wirklich bis auf den Grund. Ich habe festgestellt, daß bei Fräsens überhaupt die Voraussetzungen für eine derartige Handlungsweise fehlen. Weder die Inhaber noch der Prokurist, noch die Verkäuferinnen haben. jemals eine derartige Aeußerung getan. Die Frau Mainzer ist überhaupt in der fraglichen Zeit nicht bei Fräse gewesen. Die ganze Geschichte ist weiter nichts als ein übler Kaffeeklatsch . . . . Ich wage: einzuwenden: .Aber man kann sich so etwas doch nicht einfach aus den Pfoten saugen. Es muß doch was Wahres dran sein!“ Da komme ich aber schön an: „Sie als gebildeter Mensch und als Jude sollten sich schämen, mit diesem Einwand zu kommen. Sie machens ja genau so wie die Antisemiten:-Schön, die Juden schlachten also keine Kinder, aber es muß doch was Wahres dran sei. Natürlich das alte Prinzip: Semper aliquid haeret!“ Fräse verstand gar nicht, daß ich ihm eine solche Handlungsweise zumuten konnte. Aber auch die Damen, die die Sache erfunden und verbreitet'haben, konnten nichts andres tun als sich drehen und winden und schließlich zugeben, daß die Sache sich nicht so verhalten habe, sondern anders. Und das Anders hat sich dann wieder anders verhalten und schließlich ist das ganze Lügengebäude zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. So weit die häßliche, leider wahre Geschichte.. Man lerne daraus: Verbreite keine Gerüchte, deren Wahrheit nicht einwandfrei erwiesen ist Sage niemals, wenn man dir das Gegenteil beweist: „Na, irgendwas Wahres wird schon dran sein!“ Denk dran, daß du dich wegen übler Nachrede und Geschäftsschädigung strafbar machen kannst Glaube nicht allzugern, was du fürchtest! Schließlich: Gibts nicht Judenfeinde genug? Wozu mit aller Gewalt ihre Zahl vergrößern? S. B. .