Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 12 (15.9.1932)
- Date
- 1932-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Belegexemplar Orson J>er Beretolauna für Da« liberale 3ut>enfum e. 35. Bezugspreis: Vierteljährlich.1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. .'Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarIL— Bel Nichterscheinen:Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aui Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebübren. ~ j Sie Jfi&ifdHibttflle 3eifnngu etfdjetaf am 1. nnö 15. jedes monate. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW: 11, HaÜesche Str. 1 Herausgeber: Hanns Loewensteln und Willi Tisch Verlag ■' "_Schriftleitung: George Goetz Fernruf:F S, Bergmann 3358, 33S9. Bankverbindung: Kredltverfeln für Handel und Gewerbe e. G. m. b. H„ Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64. Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: Berlin 1370 69.. Die Vereinigung für das liberal» Judentum übernimmt nur für diejenigen Aufsitze, dl» ausdrücklich alx ln Ihrem Namen od»r bi ihrem Auftrag» terfaSt gekennzeichnet sind, di» Verantwortung. AB» anderen Artikel, Aeußervngen und Vorschläge erecheinen unter der Verantwortung der Redaktion, Nr. 12 Berlin, 15. September 1932 12. Jahrgang1 jüdischen Wirtschaftshilfe, Tagung des Wirtschaftsausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Der Im April d. J. vom Verbandstag neu gewählte Wirtschaftsausschuß des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden trat am Sonntag, dem 28. August, unter dem Vorsitz von DipL-Ing. Bruno Woyda zu seiner ersten'Sitzung zusammen, um das Arbeitsprögramm für das laufende Geschäftslahr aufzustellen. Die Tagesordnung umfaßte alle Gebiete, auf denen konstruktive Maßnahmen zur Linderung der ' wlrtschaffliehen Notlage der. deutschen Juden getroffen werden können, und zwar: Ausbau des Jüdischen Darlehnskassenwesens, Branchenenquete, Erwerbslosenhilfe, Freiwilliger Arbeitsdienst, Organisierung der ETwerbsbeschaffung, Selbsthilfe Jüdischer Erwerbsloser) Problem des Boykotts jüdischer Angestellter und jüdischer Firmen, Siedlungsbestrebungen, Werbeschau des jüdischen Handwerks und Bewilligungen. Zunächst wurde der Ausbau des jüdischen DahrlehnskassenWesens behandelt Der Vorsitzende teilte mit, daß den bereits seit über einem Jahre geführten Verhandlungen mit den internationalen Hilfsorganisationen wegen Gewährung eines angemessenen K ä p i t a I d a r 1 e h n 's für Zwecke des Darlehnskassenausbaues in allernächster Zukunft ein Erfolg beschieden sein .dürfte. Am Ende der eingen&ndejn Diskussion, in der viele Anregungen gegeben wurden, wurde beschlossen, 5000 RM als ZinszuschüsSe für Darlehnskassen und 500 RM zur Förderung des Genossenschaftsgedankens zur Verfügung zu stellen. | lieber die Arbeiten der von der Arbeitsgemeinschaft'für Wirtschaftsfragen derj Juden in Deutschland, der auch der Preußische Landesverband angehört, eingesetzten Kommission zur Durchführung einer Bran-- chenenquete berichtete Dr. Kurt Zielenziger. Schon aus den bisherigen Bemühungen hat sich j ergeben, daß der eingeschlagene Weg, nämlich durch berufene Fachleute an'führende Wirtschaftspersönlichkeiten heranzutreten und sie um Beantwortung bestimmter Fragen über ihr spezielles Wirtschaftsgebiet zu'bitten, der richtige ist, und | daß auf diese Welseohne Aufwendung großer Mittel und ohne einen um- > fangreichen wissenschaftlichen Apparat bei intensiver Durchv'führung sehr schnell Ergebnisse erzielt werden können, die unser Bild über die jüdische Wirtschaftslage und die.Berufsaussichten in den verschiedenen Branchen in ausgezeichneter Weise erweitern und vertiefen werden. Diese | Arbeiten, die die Grundlage für spätere konstruktive-Maßnahmen auf dem Gebiet der Berufsberatung und Kapitalleitung bilden können, sollen daher mit allem Nachdruck weitergeführt [werden. Der notwendige Betriebsfonds hierfür wurde bewilligt Ueber die ausgezeichneten Erfahrungen, die' mit der Beteiligung von Juden, am Freiwilligen Arbeitsdienst auf dem Gute in Neuendorf gemacht worden sind, berichtete Berger. Das zuständige Arbeitsamt hat Neuendorf als Musteranstalt bezeichnet und von sich aus die Zuweisung weiterer Arbeitsdienstwilliger und die Ausgestaltung des Betriebs als Führerschule für den FAD. angeregt Die Anstalt soll auch Eröffnung; der Handwerker-W erbeschau. 120 Stände in 35 Räumen.;. . ' I - Am Sonntag, 11. September, fand ln BerUni die feierliche Eröffnung der im Hause Tauentzienstraße 4, am Wittenbergplatz, gegenüber dem Kaufhaus des Westens, eine vom Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens E. V. (Geschäftsstelle Berlin NO 18, Große Frankfurter Straße '80/81; Fernruf: E3 Königstadt 2490) veranstaltete „Werbeschau bandwerkerlicher Erzeugnisse'!ür den täglichen'Bedarf“ statt Das Protektorat hat der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin übernommen, deren Vorsitzender, Direktor Dr. h. c. Wilhelm Kleemann, die Ausstellung eröffnete. Von den Handwerkerverbänden sprachen die Herren Wilhelm Marcus und Louis Wolff. Namens des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden überbrachte das Ratsmitglied DipL-Ing. Bruno Woyda und namens der Großloge.UOBB Herr Sanitätsrat Dr. Goldschmidt Glückwünsche. ' (Ausführlicher Bericht über die Werbeschau siehe an anderer Stelle . dieses Blattes.) Mit Rücksicht auf die Hohen Feiertage erscheint die nädiste Nummer der Jüdisch-liberalen Zeitung’ bereits am 29. September d. J. dem Reichskommissar Syrup gezeigt werden. Zur Durchführung der Beteiligung von Juden am FAD. in allen Teilen des Reiches soll in den nächsten Tagen ein ausführliches Merkblatt von der als Zentralstelle für den FAD. I fungierenden Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge herausgegeben werden. —, Rechtsanwalt Horovitz (Frankfurt a. M.)[ regte an, die zahlreichen verfallenen Friedhöfe nicht mehr bestehender jüdischer Gemeinden durch den Landesverband seibst im FAD. wieder herrichten und einzäunen zu lassen. Auch sonst wurden in der Debatte zahlreiche wertvolle Anregungen gegeben, denen nachgegangen werden wird. — Ueber den Ausbau der jüdischen Arbeitsnachweise und die Organisierung der Erwerbsbeschaffung erstattete Adler-Rudel; Bericht Er schlug vor, im Herbst einen Werbemonat zu veranstalten, durch den die gesamte jüdische Oeffentlichkeit -j- Arbeitgeber .und Arbeitnehmer — auf die Bedeutung der jüdischen Arbeitsnachweise und die Möglichkeiten einer organisierten Erwerbsbeschaffung hingewiesen werden sollen. Es wurde beschlossen, für die geplante Werbeaktion einen Beitrag von [2000 RM zur Verfügung zu stellen. ' j Ueber die Selbsthilfebestrebungen von Sejlb s th i 1 f ewerkStätten wje in Berlin und durch kollektive Selbsthilfe von Erwerbslosen für Erwerbslose, sowie über die Einrichtung von Fortbildungskursen referierte Alexander S z a n t o. Als Ergebnis der Aussprache konnte festgestellt; werden, daß die Nachahmung des in Berlin geschaffenen kleinen Arbeitskollektivs auf genossenschaftlicher Grundlage nicht überall zu empfehlen ist^Als nächster Punkt der Tagesordnung wurde das Problem des Boykotts jüdischer Angestellter und jüdischer Firmen behandelt. An ein sehr ausführliches Referat von Dr. Ludwig Holländer, der auf die bisherigen Wege der Boykottbekämpfung und auf die Problematik der-ganzen Angelegenheit, besonders auch auf die Gefahren, die von jüdischer Seite selbst einer wirksamen Bekämpfung des Boykotts erwachsen, hinwies, schloß sich [eine lebhafte Aussprache an, in der zahlreiche Anregungen und Vorschläge gemacht wurden. Zum Schluß der Tagung erstatteten R.-A. Dr. EI k e 1 e s und Direktor. B e n a r i o Bericht über die Siedlungsbestrebungen und ihre Bedeutung für die Berufsumschichtung der deutschen Juden und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Die Siedlung in Grojß-Gaglow könne als konsolidiert angesehen werden.! Allgemein wurde der. Wunsch ausgesprochen, den jüdischen Charakter von Groß-Gaglow stärker ais bisher zu wahren. Dem Reichsbund für jüdische Siedlung wurde für seine weiteren Arbeiten ein Betrag von 3200 RM, der im Einvernehmen mit dem Landesverband verwendet werden soll, bewilligt Für die Gartenbauschule in Ahlem beschloß der Ausschuß eine Subvention von 4000 RM. Ebenso wurde für das jüdische 'Lehrgut in GeringshofbeiFulda (früherRodges),das sowohl in bezug auf Ausbildung wie Betrieb sehr gute Erfolge gezeigt und die erste jüdische Kolonne des Freiwilligen Arbeitsdienstes geschaffen habe, 2500 RM bewilligt.. | Jüdischer Chef — antisemitischer Angestellter. Eine wichtige Entscheidung des Landesarbeitsgerichts. Das Arbeitsgericht Berlin hatte vor kurzem entschieden, daß die jüdischen Inhaber einer Firma nicht berechtigt sein sollten, einen Angestellten wegen beleidigender antisemitischer Aeußerungen fristlos zu entlassen. Das Landesarbeitsgericht hat jetzt das Urteil der ersten Instanz abgeändert und der Berufung der Firma stattgegeben. | ■ Der Kläger war Kriegsbeschädigter und arbeitete als Kontorist in einer Großhandlung neben vielen jüdischen Kollegen. Nach den Preußenwahlen führte er mit der Portierfrau ein erregtes politisches Gespräch auf dem Korridor und meinte, die Juden seien jetzt ganz still, weil sie Angst hätten. Als die Portierfrau seine Angriffe auf die Juden abwehren wollte und ihm entgegenhielt, daß die Juden immer noch anständige Menschen wären, meinte er, sie müsse sich was [schämen, eine Deutsche zu sein. — Da die Entlassung eines Kriegsbeschädigten nur mit Zustimmung der Hauptfürsorgestelle ausgesprochen werden darf, falls er nicht einen wichtigen Grund zur fristlosen Kündigung gegeben hat. entschlossen sich die Inhaber zur fristlosen Entlassung und zahlten freiwillig noch zwei Monatsgehälter. | Nach Ansicht des Landesarbeitsgerichts hatten die Aeußerungen des Klägers den Sinn, daß die Juden keine anständigen Menschen seien. Diese Worte wären auch gegen seine Arbeitgeber und seine jüdischen Arbeitskollegen! gerichtet ge-, wesen. Bei einer so erheblichen Ehrverletzung der Inhaber einer Firma sei ihnen die Weiterbeschäftigung des Angestellten nicht zuzumuten. Die Aufrechterhaltung eines ordnungsmäßigen Betriebes wäre gefährdet gewesen,: wenn die Inhaber das Verhalten des Angestellten geduldet hätten.^ Neugestaltung der Synagogenmusik. - Von Oberkantor Hanns J-ohn. Berlin. Vorbemerkung. Am Freitag, dem 16. September, abends 7 Uhr, wird ln der Berliner Synagoge Lützowstraße die neue Freitagabend-Liturgie des Münchener Koritpeolsten Heinrich Schallt gesungen. — Der nachfolgende Aulsatz zeigt, daß es sich hier keineswegs um ein Berliner lokales Ereignis handelt; sondern um eine Tat von'allgemeiner Bedeutung für die zu- * künftige Gestaltung des lüdlscben Gottesdienstes. Die Schrlltleltung. Der Monat Ellul ist ins Land gekommen, und das Scholar ’ bläst zum Summe!«. Ellul bedeutet im Judentum jrellglüse.Erneuerung. Wie der menschlicht^Körper von Zeit zu Zeit der Aufmunterung bedarf, um sich Glicht im Trott des Alltags zu verlieren, so werden Menschengeist und Menschenseele, aus dem Gleichmaß eines ganzen langen Jahres (das jüdische t Schaltjahr zählt sogar dreizehn Monde) im Monat Ellul zur Sammlung aufgerufen. Geist und Seele, die aus Erlebtem und - Empfundenem die Religion geformt haben,, sollen sich in der Religion immer wieder erneuern. Auch Kunst und künstlerische Betätigung erhalten Ihre •Ausdrucksprägung durch Menschengeist und Menschenseele. An unsere Abonnenten» Zwischen dem 15. und 25. September kassiert der BrlefftrMger RM 1.62 tUr die nächsten drei Monate eln. Halten Sie bitte diesen Betrag bereit, damit Ihnen auch weiterhin die „Jüdischliberale Zeitung“ pünktlich zugestellt wird. Der Verlag. Naheliegend, daß sich die Kunst, von. jeher in den Dienst der Religion gestellt hat und hier zu höchster. Blüte gelangt ist .So die Malerei, so die-3 Plastik, so die Dichtkunst, so die Musik. Namen wie Raffael, Michelangelo, Martin Luther, Palestrina, Bach sind durch die Kunstwerke, die sie der Menschheit geschenkt, mit religiösem Kult unlöslich verbunden. Für den jüdischen Kult sind zwei-dieser Kunstgattungen durch das religiöse Verbot von Bildwerken ausgeschaltet worden. Dafür durfte sich im' Judentum die Dichtkunst — von der Bibel angefangen — in mehrmals wiederkehrenden Zeitabschnitten zu höchster. Blüte entfalten. Daher-kam es wohl auch, daß die Musik in unserem Gottesdienste zum einzigen Ausdrucksmittel wurde, dem die Aufgabe zuflel, unserem Gottesdienste seine Gestalt zu geben. , Schon Jm Tempel'zu Jerusalem wurden die Psalmen mit' Instrumentalbegleitung gesungen, und nach den Berichten der ' Bibel muß hierzu ein geradezu phantastischer Klangkörper zur Verfügung gestanden haben. Eine klangliche Vorstellung damaligen Musizierens können wir uns häute kaum mehr machen. Wir wissen, daß in der Musik der katholischen Kirche Wesenverwandtes altjüdischer Tempelmusik zu finden ist' Der Gottesdienst der Synagoge aber hat sich in der Tradition fortentwickelt Das Wesen der Traditionell Urtümliches von Mund zu Mund zu überliefern; dadurch istlsle äußeren' Einflüssen ausgesetzt erfährt Zusätze und Abwandlungen aus dem Geiste des Fortschritts der Zelt den sie-— und das ist ihre Stärke — für sich zu verwerten weiß. Starke künstlerische Individualitäten vermochten stets Traditionelles, mit Eigenem 'zu verschmelzen und sobleibende Werte zu schaffen, die die Kraft besaßen, sich durchzusetzen und über Generationen zu behaupten. So wurde vor hundert Jahren Safomon Sulzer in Wien bahnbrechend für unsem 'heutigen gottesdienstlichen Stil, so schuf Louis tewandowski seine ln . Berlin und einer Großzahl anderer Gemeinden „traditionell“ gewordene Liturgie, so wirkten da und: dort Kantoren von Rang und Namen und schufen Wertvolles, Bleibendes, aber auch Zeitgebundenes. Diejenigen ihrer Kompositionen, die das Antlitz wahrer Tradition zeigen. In denen jüdischer Geist lebt, . werden nach wie vor In unseren Gotteshäusern erklingen. Manche ihrer Schöpfungen aber haben diese Beziehungen zu den Ewigkeitswerten jüdischer Religion nicht Aus dem Geiste