Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 11 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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übst aus Ehrfurcht des Kindes gegen das Gebot des Vaters und aus Liebe des Kindes! gegen die anderen Kinder dieses deines Vaters, diese: Zedokoh. die freie Pflicht ist, | sie hat Bestand, sie befriedet, weil sie befriedigt, wie die. Erfüllung jeder frei übernommenen Verpflichtung befriedigen muß.“ Vor hundert Jahren hat die'Reform die Kultur der Zeit Kants und Goethes für unsere Schule und unser Gotteshaus sich erobert. Heut ist es. gerade die Aufgabe des liberalen Judentums, aufzuzeigen, daß die Religion nicht der Feind, sondern der beste Bürge sozialer Gesinnung ist. Wir müssen, die sozialen Ideen der Bibel, ihre Lehre von der Heiligkeit der. Arbeit^ von der Fürsorgepflicht für den Arbeiter, von der sozialen Funktion des Eigentums, von dem gerechten Ausgleich zwischen Armen und Reichen, von dem Ruherecht des arbeitenden Menschen, von der allgemeinen sozialen Hilfspflicht neu künden gerade in den Kreisen, die in der Religion den geborenen Gegner der Menschen-Einheit sehen. Bodenreform, Siedlungs- und Kreditgenossenschaft, Hilfe für Arbeitslose, Jügendhilfe und Jugendbewegung — sie alle scheinen vielen nur wirtschaftliche Vorgänge oder nationalökonomische Aufgaben. Inj sie die Liebeswärme des1 gotterfüllten; gottveijpflichteten Menschen hineinzutragen, aus mechanischen Vorgängen freie Entschlüsse der Seele zu gestalten] ■ das ist - unsere Aufgabe. Durch diese Entzündung desgöttlichen Funkens wollen wir die zu Uns zurückbringen, welche glauben, man müsse Gott fliehen, um der{ Menschheit dienen zu können, i Wie im einzelnen wii| uns sozial betätigen, das richtet sich nach: der Fähigkeit des einzelnen und der Not der Zeit —auf den Geist kommt cs an, in dem wir arbeiten. Lernen wir aus der Fülle | der jüdischen religiösen Gebote Menschenliebe, üben wir das Gelernte tätig: in unserm Kreise, dann wird'es gerade unsern Jungen klar werden: „Das ■ Judentum] hingeben für einen Machtsozialismus, das ist Nachahmung fremden Geistes, das führt zur Auflösung. Des] Judentums soziale Gebote: erkennen und verwirklichen, dajs erhält den einzelnen bei unserer Gemeinschaft und das erhält dem einzelnen seine Gemeinschaft/ das macht, ihn stark und die Gemeinschaft unsterblich.“ Liberale und Zionisten in Holland. Nachklänge zur Tagung des liberalen Wellverbandes. Von Elkan Luria, Amsterdam. Bei Begründung der World Unton for Progressive Jusaism war ein Beschluß gefaßt worden, daß der Verband zur Frage der Vereinbarkeit von Liberalismus! und Zionismus nicht Stellung nimmt. Man sollte meinen, daß dieser Beschluß,' wenigstens in formaler Hinsicht, beiden Teilen Genüge täte, denn cs ist, hiermit innerhalb des Verbandes sowohl denen, die die Vereinbarkeit bejahen, als auch jenen, die sie verneinen, die Möglichkeit der Mitgliedschaft gewährleistet. Dürfte aber eine der beiden Parteien unzufrieden sein, so wären es diejenigen,, die jaus dem Universalismus des jüdischen Gottesbegriffcs die Verneinung einer jüdischen Nation herleiten, denn sie, die auf Grund ihres religiösen Liberalismus antizionistisch sind, müssen es hinnehmen. daß der Verband auch solche Juden zu Mitgliedern zählt.: die eine der soeben1 gekennzeichneten universalistisch-liberalen Anschauung entgegengesetzte Auffassung haben.; : ‘‘ Trotzdem hat. man nie gehörte daß. die radikalen Antizionisten sich gegen den Beschluß des Weltverbandes gewehrt, geschweige denn Versuche zum Ausschluß der zionistischen Liberalen gemacht hätten. Umgekehrt haben aber die;Zionisten. wie der Bericht über die Tagung des Weltverbandes in London 1930 zeigt, den Versuch gemacht, diese Neutralität ' zu brechen und den liberalen Weltverband irgendwie , einseitig für den Zionismus festzulegen.' Diese Versuche Entsprechen nur allzusehr der Gepflogenheit aller zionistischen und überhaupt aller nationalistischen Gruppen. > Nun ist bei uns in Holland ein neuer religiös-liberaler Verbandentstanden, und man hört, daß in ihmZionistenfreudigmitarbeiten; man hört ferner, daß die deutschen Liberalen, darunter auch die radikalsten Antizionisten, an dieser Mitarbeit zionistischer holländischer. Juden nicht nur keinen: Anstoß nehmen, sondern diese sogar begrüßen. Und trotzdem hates auf der holländischen Tagung wieder einen Vorstoß der zionistischen Gruppe gegeben, über 'den sowohl zionistische und : neutrale Blätter als auch die .Ijüdisch-liberale Zeitung" berichtet haben. Es entbehrt nicht eines eigenen Reizes. - daß einige von uns Holländern, die wir doch im Hinblick aui liberales Judentum Neulinge und Lernende sind. in puncto Zionismus die Lehrmeister Deutschlands sein wollen, von dem' der Liberalismus ausgegangen ist. wohingegen die Deutschen/wie Ich ernenne Goethe zum Judenfeind. I; V. Von Gerhard Lindner. ' Ich .war nicht der erste, der Goethe aus Anlaß: des Goethejähres zum Antisemiten! umgebogen hat. Die andern gingen nur primitiver vor. Sie entnahmen etwa der Esther-Parodie im „Jahrmarkt zu Plundersweiler“ ein paar groteske Verse, mit denen Goethe das Geschwätz der Antisemiten hatte lächerlich machen wolieb. Worte, die.einer Figur des Stückes in den Mund gelegt sind, stellte man als ernstgemeinte Aeußerungen des Dichters selbst hin. Derartige.-; Zitate wurden zu Artikeln verarbeitet, und mehrere nationalsozialistische Zeitungen waren entzückt, sicli in puncto Antisemitismus auf unsern großen Herrn von j Goethe persönlich berufen zu können. ' ‘ j Da aber ein Dichter, der einen Mörder darstellt, zunächst noch nicht selber ein Mörder zu sein braucht, so ist auch ein Dichter, der einen Antisemiten auftreten läßt, bekanntlich noch lange kein; Antisemit. Ich meinte daher, es sei' mindestens ebenso anständig, Goethe statt mit einer seiner dichterischen Gestalten doch lieber gleich mit einem anderen richtigen Dichter zu identi- :fizieren!. Hierfür erschien mir der berüchtigte Jude und Kulturbolschewist (jedoch noch nicht Radfahrer) Hein-;rich Heine gerade gut genug. Denn dieser Mann hat in seinen j Hebräischen. Melodien eine! prächtige „Disputation“ zwischen einem Rabbi und1, einem Kapuzinermönchwundervoll unernst vor : sich hin gedichtet. Einige Strophen daraus sagten mir besonders , zu; ich setzte mich also hin und schrieb“:;! j Wie der junge Goethe den Juden die Meinung sagte . Durch die deutschdenkende, d. h. völkische Presse, gingen dieser Tage verschiedene' Aufsätze über das Thema „Goethe und die Juden“, in denen schlagend nachgewiesen wurde, daß schon erwähnt, der abweichenden Uebung in Holland durchaus tolerant und wohlwollend gegenüberstehen. Für jemanden, dem die Verhältnisse» in Deutschland und in Holland gleichermaßen bekannt sind, ist es aber unschwer möglich, die Verschiedenheit der Uebung aus der Verschiedenheit der historischen Situation zu erklären. Bei dieser Erklärung kann ich darauf verzichten, den Lesern eines deutschen Blattes auseinanderzusetzen, wieso in Deutschland der Liberalismus von vornherein eine unverfälscht religiöse Bewegung geworden und geblieben ist. in die der erst viel später auigekommene Zionismus niemals hineinwachsen konnte. ' . In Holland liegen die Dingte aber so. daß es „bisher eine liberale Bewegung nicht gegeben hat: das offizielle Judentum, die Gemeinden, die Rabbiner, die Lehrer sind orthodox, das Gros der 130 000 holländischen Juden dagegen ist es nicht. Nun ist es aber bereits eine Binsenwahrheit, daß man zwar die Form der orthodoxen Gemeinde auirechterhalten, daß man aber andererseits eine moderne Generation nicht zwingen kann, an diesem orthodoxen Gemeindeleben teilzunehmen. Ergebnis: die Gemeinde als Organisationsform, als Apparat, bleibt erhalten, als Gemeinschaft von Menschen aber stirbt sie aus. denn die Jugend ist nicht orthodox und will nicht orthodox sein. Aus alledem ergibt sich, daß die ältere Generation, und zwar die Zionisten wie die Nichtzionisten, vor dem Aussterben der holländischen jüdischen Gemeinden stehen.' um so mehr, als wir ja in Holland die Zwangsgemeinde nicht kennen. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde ist hier vollkommen freiwillig, und viele Juden sind schon heute nicht mehr Gemeindemitglieder: so sind z. B. von den 70 000 Juden . Amsterdams nur 40 000 Gemeindemitglieder. Daß auch von diesen nur ein ganz geringer Prozentsatz aktiv am Gemeindeleben teilnimmt, ist ebenso selbstverständlich wie die Tatsache. daß viele ausschließlich deshalb der Gemeinde noch angehören., um dereinst auf dem. jüdischen Friedhof bestattet zu werden. Welche Notwendigkeiten sich hieraus für die Nichtzionisten ergeben, ist klar: will man. daß die Jugend bei der jüdischen Gemeinschaft verbleibe, so muß man ihr die Möglichkeit schaffen, Jude zu sein, ohne orthodox zu sein. d. h. man muß.eine, lebendige liberale Bewegung entfachen. Aber nun: für die Zionisten liegt es nicht anders. Sie verlangen. um in ihrer Sprache zu reden, ein' jüdisches Eigenleben. Jüdisches Eigenleben kennen sie bisher nur in der Form der Orthodoxie, die sie mitsamt ihrer Jugend ablehnen (und es darf hier hinzugefügt werden, daß die holländische Orthodoxie ihrerseits auch den Zionismus stark ablehnt). Die Zionisten begrüßen es also, wenn auf dem Wege des religiösen. Liberalismus solche jüdischen Formen in Holland eingeführt werden, die für ein modernes Geschlecht annehmbar sind. Hauptsächlich um diese Formen und um die Frage des Nachwuchses handelt es sich: von dem Lehrinhalt des liberalen Judentums weiß man in' Holland relativ wenig, lind sowohl deutsche wie auch englische und amerikanische Teilnehmei der Tagung waren erstaunt und erschreckt über das geringe Maß von jüdischem Wissen, das sie in Holland vorfanden und das sie fast schon ein Zuspätkommen der ganzen liberalen Bewegung befürchten ließ.- Dieser Umstand ist es aber auch, der die Antizionisten besonders Deutschlands die zionistische Mit- 'mm Rabbi Dr. David Pblllpson (Cincinnati), Historiker des liberalen Judentums, wurde 70 Jahre alt. j (Vgl. den Artikel in dieser Nummer unserer ZeitunE.); unser größter Dichter eine unüberwindliche Abneigung'gegenüber diesem fremdstäminigen Geschmeiß besaß. Es ist aber, soweit ich bisher erkennen konnte, auf ein wunderhübsches Gedichtchen noch nicht hingewiesen worden, das Goethe einmal in seinen Jugendjahren geschrieben hat und das ich deshalb hier mitteilen will. .Dieses übermütig hingehauene und natürlich absichtlich etwas kraß — aber doch treffend jformulierte! — Werkchen des jungen Dichters wird, denke ich, viel Freude bereiten. Es ist bezeichnend, daß dieses Gedicht in den populäreren Goethe-Ausgaben natürlich unterschlagen ist! Daher sei es Hier endlich'’ einmal der Oeffentlichkeit j unterbreitet! Es lautet: ■ j Zur Judenfrage. Zittert, Judenl Zittert/ Juden! Vor dem Gott, den ihr mit Hieben Und mit Dornen habt gemartert. Den ihr in den Tod getrieben. Seine Mörder, Volk der Rachsucht. Juden, das seid ihr gewesen j- Immer meuchelt ihr den Heiland, Welcher kam, euch zu erlösen. Judenvolk, du bist ein Aas, J Worin hausen die Dämonen: j Eure Leiber sind Kasernen! Für des Teufels Legionen. j Judenvolk, ihr seid Hyänen, Wölfe, Schakals, die in Gräbern Wühlen, um der Toten Leichnam Blutfraßgierig aufzustöbern. Juden, Juden, ihr seid Säue, Paviane, Nashorntiere, Die man nennt Rhinozerosse,: Krokodile und Vampire. arbeit in Holland so freudig begrüßen läßt. Es schadet gar nichts, daß von den Formen her der Ausgangspunkt jüdischliberaler Arbeit genommen wird — in Deutschland war es seinerzeit fast nicht viel anders —: und wenn erst mittels dieser Formen Und durch sie hindurch das Gedankengut des religiös-liberalen Judentums sichtbar wird, so werden sich ganz von selbst dereinst die Geister scheiden. Bis dahin hat: es aber noch gute Weile, und namhafte deutsche Delegierte haben mir versichert daß sie nicht daran denken, diese Entwicklung zu beschleunigen- Das Augenmerk der deutschen liberalen Juden in Holland richtet sich auf ganz anderes. Das geschichtlich so späte Auftreten des .Liberalismus hat. wie schon bemerkt, seine Gefahren, aber es hat auch seine Vorteile. Diese bestehen darin, daß, die Jugend der Orthodoxie zu weit entwachsen ist um noch Kompromisse hinzunehmen, die in Deutschland — das wage ich als Ausländer nicht zu entscheiden — vielleicht notwendig, aber ■sicher dem Liberalismus schädlich waren. Die. holländische Jugend, soweit sie zionistisch ist, hat Verständnis dafür, daßman während der holländischen, Tagung des nahegelegenen Neunten Ab gedachte; aber sie hat kein Verständnis dafür, daß dieses Gedenken — noch dazu aut einer liberalen Tagung — in die orthodoxe Form der. Enthaltsamkeit vom Fleischgenuß gekleidet wurde; tatsächlich wtfrde während der ganzen fünftägigen Konferenz beT den gemeinsamen Mahlzeiten nur Fisch verabfolgt! Und wenn ferner die Leitung überhaupt ein fröhliches gesellschaftliches Beisammensein für angezeigt hielt, so verstand die Jugend wiederum nicht, warum diese Fröhlichkeit nicht auch, in der Form des Tanzes sich zeigen durfte. . Ein Fleischverbot und ein: Tanzverbot, nur,, weil wir in. neun. Tagen der Zerstörung Jerusalems gedenken — und es muß'ehrlicherweise doch noch gefragt werden, wer überhaupt dieses Tages gedacht hat —, das erinnerte die Jugend allzusehr an die für sie nicht gültigen Maßnahmen des Amsterdamer Oberrabinats. und wenn dies- Liberalismus wäre, so würde die Jugend für ihn._nicht zu gewinnen sein. Deshalb war es uns eine Freude, gerade in diesem Punkt die Unterstützung der deutschen Delegierten zu finden, und wir wollen gleich hiitzufügen, daß uns auch der Gottesdienst, so schön er war. nicht restlos befriedigt hat. War es schon ein Fehler, beide Gottesdienste nur im Haag abzuhalten, anstatt einen auch in Amsterdam zu veranstalten (ja, aber dann hätte man in der Nacht vom Freitag^zum Samstag vom Haag hach Amsterdam f a h r e n müssen, und das wäre wohl wieder zu liberal gewesen!), so wurde ein zweiter Fehler dadurch begangen, daß die nichtgottesdienstlichen Veranstaltungen zum großen Teil außerhalb von Den .Haag abgehalten .wurden: meine Altersgenossen im Haag haben mir versichert, daß sie durch diese Anordnung den Eindruck gewonnen hätten, die Veranstaltung derartiger Gottesdienste sei der Hauptzweck der liberalen Bewegung in Holland, und das habe sie schwer enttäuscht. Erst als ein sehr bekannter deutscher liberaler Rabbiner' ihnen geraten habe, die Veranstaltung von Gottesdiensten zunächst ihren Eltern zu überlassen, sich selbst aber durch Kurse und Heimabende jüdisches Wissen anzueignen, erst da habe der Liberalismus für sie wieder Interesse gewonnen, und es hätte ihnen besonders wohlgetan, daß es ein Rabbiner war. der ihnen diesen Rat gegeben hat. Nicht anders denkt man auch in Amsterdam. Wir freuen uns, daß-wir die Konflikte zwischen Zionisten und Nichtzionisten hier noch nicht haben; wir verstehen. daß dieser Konflikt in Deutschland vorhanden und unüberbrückbar ist. In England, liegen die Dinge ja noch anders, und in Amerika wieder anders. Wir werden uns in die Verhältnisse der anderen Länder nicht einmischen. und wir meinen, daß auch der Weltverband gut täte, wenn er seinen einzelnen Landesorganisationen ihre bisherige Selbständigkeit in der Frage ihres Verhältnisses zum Zionismus beließe und jeden Vorstoß, wie er in London 1930 und-jetzt.in Amsterdam sich ereignet hat,..vermeiden würde. Es muß im Rahmen des GesamtliSeralismus möglich sein, daß jedes Land diese Sache selbständig regelt und daß keines dem anderen in seine Angelegenheiten hineinredet. Nur dann können wir auf dem Gebiet arbeiten, das uns allen gemeinsam ist, dem Gebiet des religiösen Liberalismus, nur dann gibt der liberale Weltverband seiner Jugend das, was sie von ihm erwartet. Georg Gothein 75 Jahre. Dieser Tage feierte der langjährige erste Vorsitzende des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Reichsminister a. D. Dr. Georg Gothein, seinen 75. Geburtstag. Auf der vor kurzem stattgefundenen Dresdener Tagung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus protestierte er leidenschaftlich gegen die in der nationalsozialistischen Bewegung sich anbahnende Rückkehr zum Mittelalter und stellte fest, daß die Juden in Deutschland mit den anderen Teilen des deutschen Volkes durch deutsche Muttersprache, deutsche Kultur und gemeinsames geschichtliches Erleben verbunden seien. Die fortschrittlichen Zeitungen würdigen anläßlich Gotheins 75. Geburtstag seine Verdienste um deutsche Wirtschaft und Politik. Ihr seid Raben, Eulen, Uhus, Fledermäuse, Wiedehopfe. Leichenhühner, Basilisken, Galgenvögel, Nachtgeschöpfe. Das erbärmliche Juden- und sonstige Systemgemüse, das heute den Goethe, der ihm zu groß ist, gerne für sich allein reklamieren möchte, wird von diesem erfrischenden Gedicht Goethes, den es jetzt am liebsten zum Systemdichter herausstaffieren würde, wahrlich nicht sehr entzückt sein. Und wir rufen mit Goethe: Zittert, Juden! Zittert Juden! * Nachdem ich dieses unmögliche Gesabber glücklich ‘ beisammen hatte, schickte ich es fort (übrigens unter meinem wahren Namen); indessen glaubte ich kaum, daß jemand auf die hilflos stilisierten Köhlereien meines Artikels hereinfallen könnte;- gleichwohl tauchte das antisemitische Goethe-Gedicht des Juden Heute mitsamt meinem Artikelchen am 19. Mai 1932 in einer nationalsozialistischen Tageszeitung auf" (deren Namen ich jedoch hier nicht veröffentlichen möchte, weil mir der Redakteur, der mir ja schließlich nichts getan hat, , in gewissem Sinne leid tut; hoffentlich revanchiert er sich damit, daß er darauf verzichtet, mirein Rollkommando! auf den Hals zu hetzen). Die Sache ist also in der Tat erschienen — ob die Juden gezittert haben? Im übrigen wäre bewiesen, daß von nationalsozialistischen Redakteuren,' jenen besonders -deutschen Kulturhütern, schlechterdings nicht erwartet werden darf, daß sie den Geist Goethes erfaßt haben. Man braucht wirklich nicht den ganzen Goethe auswendig 1 im Kopf zu haben, man muß aber herausfinden, daß ein derartiges Gedicht nicht zu ihm paßt Im Dritten Reich werden die Leute wahrscheinlich ihre Goethe-Gedichte gleich selber, verfassen.