Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 11 (1.9.1932)
- Date
- 1932-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Crfion bet Eerefofoutiö fürtow (Gerate 3u&eirfum e. Bezugspreis: VlerteBährHch 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements . werden -bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein An* Spruch aal Nachlieferung oder Rückerstattung der : entsprechenden Bezugsgebübren. Sie M3üöif<Höetale3eUunfl“ etföjeini omLunö 15. jedes lonois. Redaktion und GeschSftsstelle: Berlin SW 11, Hallesche Str. 1 Herausgeber: Hanns Loewensteln und WtUl Tisch Verlag _Schrlftleltungi George Goetz ■ Fernruf: F 5, Bergmann 3358, 3359.r Bankverbindung: Kreditverein für Hand:l ' Gewerbe e. G. m. b. 1L. Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64. Vereinigung' lür das liberale Judentum e. 1 Berlin 1370 69. Dii Vtninfguag für dai libimli Judtntum übtmimai nur fQr diijanlgßn Auf ritze, di* ausdrücklich alt ln ihna Namta odtr ia ibnm Auftrag* nrfaßt giknuuikhaii dh Vmatwortuag.- ABt aadina Arilkii, AmSmngm und VoneBiägi mctuinm unbr dirVmntwoHingditfit jakffm. und -U Nr.ll Berlin, 1. September; 1932 12. Jahrgang Der Kampf des liberalen Judentums gegen die falsche Art der Assimilation. . , 1 . EinleitendesReferat. gehalten auf der Round-Table-Conference des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum im Haag, 7. 8. 32, von Rechtsanwalt Heinrich Stern. Wenn man den Begriff Assimilation auf seine biologische Bedeutung zurückführt, so ergibt sich, daß es eine falsche Art der Assimilation eigentlich nicht gibt und nicht geben kann; denn das, was die Naturwissenschaft Assimilation nennt, ist die Anpassung eines Lebewesens an seine Umwelt zum Zweck seines Schutzes, seiner Erhaltung. Das Winterkleid des Häsen, die dem Blatt verblüffend ähnliche Gestaltung gewisser Insekten, der Wechsel zwischen Kiemen- und Lungenatmung bei einigen Molcharten — es sind Anpassungserscheinungen, die sich vollziehen durch Naturgesetz, ohne den Willen der Geschützten zur Erhaltung der Art. Bei dem Menschen, sei es Individuum, sei es Gruppe, vollzieht sich die Assimilation bewußter. Der Einwanderer nimmt Spräche und Sitte der neuen Heimat an. Die schwache Gruppe folgt in äußeren Erscheinungsformen der Mehrheitsgruppe, oft ihr selbst unbewußt, oft kraft freien Willens. Solange diese Assimilation dem Zweck der Erhaltung von Art und Gruppe dient, ist sie naturgegeben, unaufhaltsam und ein Segen für den, der sich, und für den, dem man sich assimiliert. Ganz verschieden von der Assimilation zum Schutz der Art und Gemeinschaft ist die Nachahmung zur Selbstentäußerung, zur Aufgabe des eigenen Art- und Gruppeiicharakters. Iu der Fabel des Aesop will der Frosch zum Ochsen werden, er bläst , sich solange auf, biser platzt. Gruppen und Völker, die ihren eigenen Charakter aufgaben, um Sitten, Strömungen und Neigungen ihrer Umwelt an Stelle ihres eigenen Selbst zu setzen, sind verschwunden wie Nebel unter der Sonne. Natürliche Assimilation ist die Anpassung an die Umwelt, um das eigene Selbst zu stärken, erzwungene Assimilation ist die Nachahmung der Umwelt unter Aufgabe der eigenen Individualität, der eigenen Seele, sei es Einzel-, sei es Volksseele. - Im Judentum war die echte Assimilation seit der Aufgabe des1 eigenen Staates eine Selbstverständlichkeit, das Schicksal der ewigen Minorität. Diese Assimilation war eine politische schon zur Zeit des zweiten Tempels unter Persern, Egyptern und Syrern bis zur Makkabäerepoche, mehr als drei Jahrzehnte andauernd, sie hat in Deutschland Jahrzehnte bis zu den Kreuzzügen, in Spanien und Frankreich -fast ein halbes Jahrtausend ^gewährt, — der Kern der. jüdischen Gemeinschaft, das Judentum, hat darunter nicht gelitten. Als der Hellenismus als das Christentum des Paulus an die Wurzeln der Gemeinschaft griff, schloß sich die Gemeinschaft neuerlich ab und umgrenzte sich mit dem Zaun der Lehre. Als im 19. Jahrhundert die Tore des Ghettos fielen, war die Reform des Judentums der naturgegebene Weg der echten‘Assimilation der jüdischen Gemeinschaft. Wo sie frei wirken und walten durfte, wie in Hamburg, hat sie erhaltend und fördernd gewirkt. Zwaiizig kostbare Jahre, von der Emanzipation der Juden in Preußen bis zum Auftreten von Zunz und Geiger, in denen die Orthodoxie im Bunde mit dem Staat die Reform verhinderte, hat das deutsche, insbesondere das preußische Judentum eine kostbare Schar seiner größten Geister gekostet, die aus dem Ghetto keinen anderen Weg zur Rettung ihrer Seele zu finden glaubten als die Taufe. Es ist die Zeit der Mendelssohns, von Gans. Heifmch Heine usw. Die große Volksbewegung der Reform konnte, nachdem sie sich durchgesetzt hatte, für Hunderttausende von Juden das Schutzkleid werden, unter dem sie den Kern ihrer jüdischen Individualität erhalten, und entfalten konnte. Ein gewiß unverdächtiger Zeuge, der große zionistische Denker Achad ha Am hat dies als die historische Tat der Reform für die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft gewertet (siehe den Artikel Assimilation in „Am Scheidewege!“). Damit ist die Bedeutung des religiösen Liberalismus für die Erhaltung des Judentums und die Judenheit gekennzeichnet. Das liberale Judentum hat sich in Erziehung und Denken, in Sprache und Form in vielem der Umwelt angepaßt, weil ‘ihm dies als der Weg erscheint, seinen Willen zum Judentum durchzusetzen und fortzupflanzen. Im scharfen Gegensatz zu dem berüchtigten Sendschreiben David Friedlaenders an den Probst Teller, der einem Aufgehen des Judentums in einem hierzu präparierten Protestantismus das Wort redete, heißt es z. B. in dem ersten Aufruf der Berliner Reformgemeinde von 1844: „Wir wollen positive Religion, wir wollen Judentum,“ .Wir halten fest an der Ueberzeugung, daß die Gotteslehre des Judentums die ewig wahre sei, und an der .Verheißung, daß diese Gotteslehre dereinst zum Eigentum der ganzen Menschheit werden Wird.“ Der Nachahmung, der falschen Assimilation, die das . Judentum Zugunsten der herrschenden Religion aufgeben will, ist in Westeuropa und Amerika gegenüber kein wirksamerer Damm geschaffen worden als das positive, aufbauende, liberale Judentum. Der religiöse Liberalismus hat durch die Schöpfung der I Wissenschaft des Judentums auch dem anspruchsvollen Denker einen herrlichen Wirkungsbereich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gegeben, er hat die Sehnsucht der gläubigen Seele nach ihrer Wahrheit befreit, indem er;den heiligen Kern unseres Väterglaubens von vielen uns nicht mehr genügenden Formen befreit und neue Formen um ihn gegossen : hat. er hat dem sozialen Trieb des modernen Gemeinschaftsmenschen sein Arbeitsfeld geschaffen, indem er die heutige jüdische Gemeindeland ihre sozialen Institute und Organisationen ins Leben rief und ausbaute.. . Gemeinschaftsbewußtsein. Gemeinschaftsbekenntnis und An unsere i Abonnenten. *• . i! \ Zwischen dem 15.. und 25. September kassiert der Briefträger RM 1,62 für die nächsten drei Monate ein. Halten Sie bitte diesen Betrag bereit, damit Ihnen auch weiterhin die „Jüdisch - liberale Izeitung1* pünktlich zugestellt wird. Derlverlag. Gemeinschaftsarbeit waren und sind auch die gioßlen Bollwerke, welche die Judenheit vor einer Ucbertre buhg des individualistischen Prinzips bewahrt und ihre A;oinisierung verhütet haben. Für die vielen, in weicht n ein rationalistisches Zeitalter religiöses Getneinscl aftsbwußtsein ertötet hatte, fand sich am Ende des 19.'Jahrhunderts in der Assimilation an den Nationalismus d'er Uni weit ein neues Schutzklelc I zur Erhaltung der Gemeinschaft. Diese nationale -Assi nitätion ihrerseits erweckte eine neue starke Reaktioi dbs religiösen Gemcinschaftsbewußtscins; sowohl in gjcsetzestreuen wie in liberalen Kreisen entstanden neue religiöse Gruppen, die den Versuchen, das Jude ttiim zu säkularisieren, die Urkraft religiösen Gemeinscli aftjswillens entgegensetzten. Also stets wurde echte Assimilation eine Quelle der Erhaltung, wenn zu weitgehende Nachahmung Juden und .Judentum gefallr lete.. Uhd für die große Masse der Juden Westeuropas und Amerikas war es immer wieder unser liberales JuJeb- ‘ tum, welches Bannerträger der erhaltenden K iifte wurde. _ f Heute aber erwächst' diesem liberalen Judentum eitje neue große Aufgabe; die Forderung des Tages, wiederum ein Schutzwall zu sein gegen die heute gefährlichste Art einer falschen Assimilation, gegen die zwangsw cisje Vergemeinschaftung, gegen die Durchsetzung der sozialen Idee auf dem Wege der Macht und .Dikta tur, gegen die sogenannte „rote Assimilation“ des Knntmunismus. Das liberale Judentum muß ln einer Zeit, in dem eine mächtige Gruppe danach strebt, sicher ich oft nur aus mißgeleitetem Idealismus, die Religion zu zerschlagen um des sozialen Menschheitsideals wil enl , mit Donnerstimme hinweisen auf den herrlichsten ' 'eil. der jüdischen Sendung, auf die jüdische^Sozialethik. Der soziale Gedanke des Judentums ist nicht Machtsozin lis-l mus, Diktatur von oben oder unten, sondern Zedokoht ist die von Gott gebotene, vom Menschen frei üter-j nommene Verpflichtung brüderlicher Gemeinschaft zum Nebenmenschen. Dem Judentum Ist soziale Tat nicht politische Forderung, nicht hationalökonomisches- S re-j ben nach größtmöglichem- Glück des einzelnerrund lerj Gemeinschaft, sie ist ihm göttliches Gebot, Verpfichti ing des Bruders gegenüber dem Bruder, „denn er ist - vie ' du“. Nicht durch Klassenkampf, nicht durch staatlichen Zwang: durch freie Tat erfüllt der Jude seine soziale) Pflicht. Darum ist es Aufgabe unserer liberalen Lehrer) und Führer, denen, die aus sozialem Idealismus — oaeij aus Verzweiflung — die Religion von sich gewesen) haben, zu" sagen: „Nicht Staatsgesetz oder Dikta urj kann echte dauernde soziale Gesinnung und Tat ith zwingen. Fällt das Gesetz, fällt der Diktator — u id Macht ist vergänglich, das haben wir erlebt -—.-so ftllt der erzwungene Brudersinn. Die .Zedökoh aber; die lu Der Dynamitanschlag auf Groß-GaglowL Unter den vielen antisemitischen Attentaten, die jetzt Woche um Woche, zeitweise sogar Tag um Tag, in Deutschland verübt werden, hat dasjenige in Groß-Gaglow besonderen Abscheu hervorgerufen, j Es ist noch in aller Erinnerung, unter wie starker Beteiligung nicht nur aller jüdischen Stellen, sondern vor allem auch aller öffentlichen Behörden das jüdische Siedlungsgut Groß- Gaglow im Sommer vorigen Jahres eingeweiht wurde. Alle Stellen erkannten, daß diesem Werk über seine der jüdischen Berufsumschichtung dienende Aufgabe hinaus hohe ethische-Bedeutung zukam, weil hier erneut der Beweis dafür erbracht werden wird, daß die Juden auch in ländlichen Berufen hinter der Leistungsfähigkeit ihrer nichtjüdischen Mitbürger nicht zurückstehen. Die Erwartungen haben sich erfüllt;,wiederholt konnte mitgeteilt werden, daß das Verhältnis zwischen | den jüdischen Siedlern und der Bevölkerung der Umgegend-ganz ausgezeichnet ist. Nun ist in der Nacht zum 17. August ein Dynamitanschlag auf eines der dortigen Häuser vergäbt worden; ein soeben fertiggestelltes Siedlerhaus wurde in die Luft gesprengt Berliner Kriminalbeamte haben die Ermittlungen nach den Urhebern des Anschlags aufgenommen. Im Schutte des zerstörten Siedlungshauses wurde eine Zündschnur gefunden. Mehrere Personen wurden vernommen, die Täter konnten jedoch noch nicht ausfindig gemacht werden.; Auf ihre Ergreifung hat der Regierungspräsident von Frankfurt a: O. eine Belohnung von 1000 RM ausgesetzt Die gleiche Prämie; wurde für die Ermittlung der | Urheber des Sprengstoffattentats in Landsberg a. W. bestimmt. Der oder die Täter dürften von auswärts gekommen sein und sind gleich nach der Tat wieder verschwunden. Die Bevölkerung ist außerordentlich erregt; die Sicui ler erklären, der Vorfall werde sie zu noch größerem Eifer bei der Durchführung des Sicdlungswerkes anspornen. . ‘ i ln Lands.berc a. d. Warthe wurde auf das'Haus dis Mülilenbesitzers Alfred Mannheim ein Bombenanschlag verübt und eine ganze Hausecke niedergerissen; ln dem Hau e befindet sich die Wohnung des Landgerichtsrates Dr. S : - i 1 i n g e f, der wiederholt vom nationalsozialistischen „Land ■- berger Trommler" wegen seiner politischen Betätigm g schwer angegriffen worden is_t. Abgeordnete jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung im neuen Reidutai j. Der einzige jüdische Abgeordnete, dessen Wahl bish :r feststeht, ist der Sozialdemokrat Hugo Hei mann. De Wahl des zweiten jüdischen Abgeordneten, der im alte i Reichstag saß. des Sozialdemokraten Dr. Moses, ist not h zweifelhaft. Es scheint, daß die Reststiinmen in den Wat 1kreisen, die für die Kandidatur von Dr. Moses in Betrac!it kommen, nicht ausreichen werden, um ihm ein .Mandat :u sichern. „ Es ist bekannt genug, daß alle diejenigen, die der jl - dischcn Glaubensgemeinschaft nicht angehören, auch dani i, wenn sie jüdischer Abstammung sind, von uns als nicht mehr zu uns gehörig betrachtet werden und meist auch betracht! t werden wollen. Soweit Abgeordnete jüdischer Abstammun: sich in Parteien betätigen, die,den Judenhaß ablehnen, habet sie für uns alsonicht mehr Interesse als christliche ode konfessionslose Abgeordnete der gleichen Parteien. Immer - hin sollen die Namen hier verzeichnet sein. Jüdischer Ab-i stammung sind die sozialistischen Abgeordneten Aufhäuseri Dr. Kurt Löwenstein. Toni Sender, Mathilde Wurm. Dr; Ottc Landsberg, ErnsrHeilmann, Dr. Hertz, Dr. Hllferding, Friedrich. Stampfer und.Dr. Marum. Wieviel Abgeordnete jüdischer Abstammung der kommunistischen Fraktion angehöreu werden, läßt sich noch nicht feststellen. In den übrigen Par- - teien sind Abgeordnete jüdischer Abstammung, bis auf den Staatsparteiler Dr. Gustav Stolper, nicht vertreten.