Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 10 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Schule der jüdischen Jugend. Eine Erwiderung. Von Dr. Ernst Heinrich Seligsohn. -n,,* *1! ^r,v?.,der Jüdisch-liberalen Zeitung vom 1. Juli 1932 ist eine Kritik an der Arbeit der Schule der jüdischen Jugend von Hermann Ealkenberg gegeben worden, die gerade von einem jüdisch-liberalen Standpunkt aus eine ■ Erwiderung erfordert. Die Klarstellung ist um so notwendiger. als die Kritik, wie der Verfasser selbst ausführt, im wesentlichen: auf den Inhalt des Arbeitsplanes, nicht aber auf die Kenntnis der Arbeit der Schule gestützt ist Aber auch der Arbeitsplan selbst ist mit einem gewissen,'bei dem-Verfasser sonst ungewohnten Mangel an Wohlwollen durchgesehen worden, denn sonst könnte ihm nicht entgangen sein, daß außer den von ihm angeführten und teilweise von ihm abgelehnten Wissensgebieten ein großer Teil des Lehrplans sich gerade mit denjenigen Gegenständen befaßt, die dem Verfasser der Kritik besonders am Herzen liegen. Wir nennen nur die Kurse von: Dr. Hermann Gerson über: 1. Der Prophet Hosea (Sommertrimester 1931), 2. Ausgewählte Jesajah Kapitel (Herbsttrimester-1931, Wintertrimester 1932), 3. Ausgewählte Bereschith Kapitel (Sommertrimester 1932);. Dr. Walter Mecklenburg über: Anfänge der Menschheitsgeschichte in Bibel und Midrasch (Herbsttrimester 1931); Erwin Loewenson über: 1. Individuum und Gesellschaft in biblischer und nachbiblischer Auffassung (Sommertrimester 1931), 2. Probleme der Gerechtigkeit . (Herbsttrimester 1931, Wintertrimester 1932). Aus_ der genauen Kenntnis der Schule der jüdischen Jugend müssen wir auch weitere Irrtümef berichtigen, die dem Verfasser unterlaufen sind, und einige Urteile richtig stellen, die offenbar ungerecht sind. _ Herr Falkenberg stellt den Zustand im Zeitpunkt der Begründung der Schule der Jugend dem gegenwärtigen Zustand gegenüber und stellt fest, daß „als einst die Schule begründet wurde, das Bezwingende war, daß aus reinem, selbstlosem Idealismus heraus, jugendliche Menschen sich, zusammenfanden, um diejenigen in den lebendigen Geist des Judentums hineinzuführen, die ihm fremd, unwissend; uninteressiert gegenüberstanden.“ Die Schule in ihrer heutigen Form charakterisiert Herr Falkenberg als „eine Schule wie im Grunde jede andere, in der im wesentlichen besoldete Dozenten Fachunterricht erteilen“. Was hat sich in Wirklichkeit geändert? Nichts. Die Schule beruhte von .Anfang an aui dem Prinzip, daß junge Menschen, die über, ein gutes Fachwissen verfügten und die Fähigkeit haben, einen lebendigen Kontakt mit ihren Schülern herbeizuführen, den Jugendlichen besonders aus den Jugendbünden einen Weg zum Wissen vom Judentum eröffneten und sie auf diesem Wege weiterführten. Von Anfang an wurde die Tätigkeit der Lehrer, soweit diese darauf angewiesen waren, bezahlt, was kein Einwand gegen die idealistische Gesinnung der Lehrenden ist. Die „Dozenten“ der Schule sind zum großen Teil aktive Jugendführer, die mitten. heraus aus der Arbeit ihres Bundes in die größere Wirkungsmöglichkeit der Schule getreten sind. Es ist richtig, daß auch einige ältere Menschen an der Arbeit 'der Schule be-- teiligt sind. Voraussetzung für ihre Mitarbeit ist aber, daß sie kraft ihrer Persönlichkeit den lebendigen Kontakt mit der Jugend finden. Herr Falkenberg fragt weiter, wo die große „umfassende wahrhaft ideale Aufgabe geblieben ist. wie sie einst einem Franz Rosenzweig vorschwebte“. Er antwortet daraui: „Sie ist zusammengeschrumpft zum Zwecke einer - jüdischen Bildung; die zu lebendigem Besitz junger jüdischer Menschen, werden soll." Wir können keinen Gegensatz zwischen dem Bildungsziel .Franz Rosenzweigs und dem soeben formulierten Ziel der Schule feststellen. Wir können insbesondere nicht ein-' sehen, inwiefern in der Zeit zwischen ■ der ’ Gründung' der Schule und jetzt eine Schrumpfung eingetreten ist, da ,,jü-' dische Bildung zum lebendigen Besitz junger jüdischer Menschen zu machen" eine sehr umfassende Aufgabe darstellt, und da vor allem diese Formulierung sich in. dem Gründungsprogramm der Schule bereits befunden hat Herr Falkenberg kommt alsdann zu dem Kern seiner Vorwürfe, indem er gegen die einseitige Betonung der Gegenwartsprobleme die Vernachlässigung des Religiösen und des Gottesdienstlichen hervorhebt. Wir wollen uns. zu diesem Vorwurf mit dem ganzen Ernst stellen, den er verdient. Wir möchten vor allem wiederholen, daß religiöses Empfinden, ernsthafte Beschäftigung mit religiösen Dingen wirksam nur immer mittelbar durch Lehrenerzeugt und gepilegt werden kann. Die Religions- „Schule“ ist nach unserer Meinung ein Beispiel für den untauglichen Versuch. Religiöses auf direktem Wege zu übermitteln. Insofern aber der indirekte Weg beschriften würden kann, der Versuch, bei der Behandlung eines kultnrell wertvollen Stofies das Religiöse von selbst wirksam werden zu lassen, darf die Schule der jüdischen Jugend unseres Erachtens in Anspruch nehmen, hier mit aller Bescheidenheit einen Anfang gemacht zu haben. Unter dem Kapitel „Bibel und Midrasch“ sind im Plan der Schule Arbeitsgemeinschaften enthalten, deren unausgesprochener Zweck soeben von uns -charakterisiert wurde. Wir wollen es auch offen aussprechen. daß die jüdische Jugend in ihrer Mehrzahl sich von der nichtjOdischen Jugend darin nicht unterscheidet, daß ihr Interesse für das Gottesdienstliche sehr gering isL Sie empfindet, soweit sie religiös empfänglich ist, aufs stärkste die Spannung, die zwischen einem Gottesdienst innerhalb unserer-Gesellschaftsform und dem religiösen Bedürfnis junger Menschen besteht. Im übrigen ist die Leitung der Schule sehr gern bereit und hat auch diese Bereitschaft den an dieser Frage interessierten Menschen mehrfach bekundet, trotz der vorliegenden Bedenken Kurse der geforderten Art in den' Lehrplan aufzunehmen. Die verantwortliche Kritik am jüdischen Gottesdienst, die Einsicht in die Problematik der Gestaltung eines religiösen Lebens in unserer Zeit sind aber nicht mit demagogischen Aeußerungen zu verwechseln; wie sie der Verfasser als Auffassung der Schule derjüdischen Jugend wiedergibt. Es erscheint uns ungerecht gegenüber der Schule der Jugend, derartige Aeußerungen in diesem Zusammen-, hang wiederzugeben, weil dadurch der irrige Anschein erweckt wird, als sei die Schule der Jugend die Vorkämpferin irgendeiner gottlosen Bewegung. Daß solche Aeußerungen, wie Herr Falkenberg sie! wiedergibt, innerhalb der Jugend da und dort getan werden, kann keinem Zweifel unterliegen. Es muß aber energisch Verwahrung dagegen eingelegt werden, wenn Herr Falkenberg auf Grund dieser Aeußerungen, die in der Schule der jüdischen Jugend niemals gefallen sind, in einem Artikel über die Schute „von Wissen Sie schon, Ta daß der Staat New York den Colonel Herbert Lehmann und damit zunt ersten Male einen Juden zum Gouverneur ge-ft wählt hat? ' ■ R daß die Stadt Teplitz-Schönau, die dem Dresdner-Bildhauer B Prof. W. Uuhr ein Richard Wagner-Denkmal In Auftrag B gegeben-hatte, nunmehr dessen Uebernahme ablehnt, weUfl Prof. Gulir ohne Verständigung der Stadt seinen ersten fl Entwurf abgeändert und iii den Mantel der Wagner-Figurj I —ein Hakenkreuz eingemeißelt hat? <1 daß die spanische Regierung nach einer .Erklärung ‘ des Ministerpräsidenten Don Manuel Azaria nicht daran denkt, die scphardischen Juden zu repatriieren, daß sie dagegen volle Religionsfreiheit für alle Bekenntnisse eingeführt bat? daß 51 deutsche Universität*-und Hochschulprofessoren eine Er- : Klärung zugunsten des Nationalsozialismus unterzeichnet; haben? daß der amtierende Riarrer der Frankfurter Erlöser-Kirche, Hans Georg Probst, in der letzten Nummerndes von. ihm herausgegebenen .Offiziellen Kirchenblattes „Sonntagsgruß“ zu einer „zweiten Zerstörung Jerusalems“ aulgerufen hat. weif die Juden geineinschädliche Parasiten, des deutschen Volkes seien? — ' room die lAnlkeü-v icn an. zu de/, /oriugendliclien Irreführern und Irregeführten“ (spricht, wqbfi noch auf den Gegensatz hingewiesen werden soll, daß „besoldeten Dozenten; die Fachunterricht, erteilen“, vom fang des Artikels sich in „Irreführer“ am Ende des Artik! verwandelt haben. Ein weiterer Widerspruch scheint uns darin zu liegen,- daß Herr Falkenberg einerseits ah der mangelnden Beschäftigung mit religiösen Gegenständen Kritik übt. während'er auf der anderen Seite dannt unzufrieden ist, daß die Jugendlichen mit Halacha- und Hagada-Textcn und gar mit Malmonides bekannt gemachtwerden. Einer der beiden Vorwürfe kann nur richtig sein: Wirft man der Jugend vor, Ujtßsie sich-zu wenig mit religiösen Stoffen befaßt, dann kann man nicht im gleichen Atem es tadeln,, daß sie sich au . za schweren religiösen Texten versucht. Wir müssen schließlich unsere Schüler gegen wurf „gefährlicher Ueberlieblichkcit“ In Schutz nehmen, die “durch die Beschäftigung mit. den soeben aufgeführten Stoffen entstehen soll. -Solche allgemeine Kritik, die nicht aus dem nahen Umgang mit den kritisierten. Menschen, sondern aut „allgemeiner Erfahrung“ beruht, wirkt immer besonders, schmerzlich und ungerecht. . ” Wir müssen weiterhin, um auch diese Einzelheit richtig. zu stellen, hervorheben, daß. der von Herrn Falkenberg gerügte „Werkunterricht“, den er als eine unzulässige Belastung des' Etats unserer Schule betrachtet, schon seit einigen Semestern unentgeltlichgegeben wird und nur deshalb fm Programm aufgenommen worden Ist, weil eine Anzahl Schüler Wert darauf gelegt haben. Nebenbei sei bemerkt, daß der, Werkunterricht auch dazu dient, den Jugendlichen eine Be-, Ziehung zu jüdischem Kultgerät (Chanukah-Leuchtcr . u. a.) zu verschaffen. — Die Schule der jüdischen Jugend wird getragen von allen Gruppen der jüdischen Jugend. Sie ist programmatisch und ihrer Praxis nach darauf eingestellt, allen wertvollen Bedürfnissen der Jugend die Möglichkeit einer vertiefenden Behandlung zu gewähren. 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