Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 10 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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"ZU inan von: liberaler Seite dreimal herangetreten ist, hat dreimal strikte jedes Zusammengehen und überhaupt jedes Verhandeln mit den Liberalen abgelehnt. Sicher muli man den Herren Rabbinern zubilligen, daß ihre ablehnende Haltung von ihrer ehrlichen Strenggläubigkeit diktiert wird. Was aber soll man von [den Laien-Grölien, den Vorstandsherren ikw. sagen, die unmittelbar vor der liberalen Tagung eine Broschüre an alle [ Gemeindemitglieder verteilen ließen, welche die Uebersclirift trägt: „Wir bleiben treu bei unserm allen Judentum“, wii; man doch weiß, daß einer der Verfasser dieser Broschüre, der zugleich Gcmeindevorsitzcnder ist, am yersöhnungstag als Anwalt vor Gericht plädiert hat, und daß; ein anderer^ der in dieser Broschüre vor den Liberalen warnt, sein Vorstandsamt in der Gemeinde nur unter der Bedingung angenommen hat, daß er' nie in die Synagoge zu gehen braucht?! i Kein Zweifel, daß es dem Präsidenten des Wcltverbandes. j Dr. Claude G. Mont et io re, darum zu tun war, diese Dinge zu kennzeichnen, als er am Sonntagabend in der großen Kundgeltung in Amsterdam erklärte, daß wir!'nicht beabsichtigen, die irrt alten Glauben Gefestigten zu bekehren, daß wir aber Front machen müssen gegen diejenigen, die, gegen ihre eigene Ueberzeugung und vor allem gegen ihre eigene Lebensweise, die Reform bekämpfen, anstatt zu sehen, daß sie es ist, die allein der jungen Generation wieder möglich: macht, als Juden zu -leben. . | Bei!; den holländischen Veranstaltungen handelte es sich nicht, wie vielfach i fälschlich angenommen wird, um eine der ausj den früheren Jahren bekannten Uelegiertcntagungen der World Union, sondern nur um eine 'schlichte Sitzung des• Gouvcrning Body,’also um eine Vorstandssitzung. Die Länder jiwaren daherwesentlich spärlicher vertreten, als dies bei! den Plenarversammlungen der World Union der Fall pflegt: nichtsdestoweniger waren liberale Führer -aus iusi allen Ländern, in denen die World Union angeschlossene Landesorgäinsatiun hat. als Vertreter ■ erschienen: die englischen Führer waren fast vollzählig | anwesend; Deutschland war gut; uitd zahlreich vertreten, wobei freilich die Einschränkung zu machen ist, daß das Fehlen von Vertreten^ des radikalen Keformfliigels allseitig, d. h. auch von denen, die nicht zur Reformgememde gehören. I lebhaft bedauert wurde;—Amerika hatte sowohl iürdie Jugendtagung als auch . für die [große Amsterdamer Kundgebung seine Redner entsandt, und selbst das ferne Australien war durch Msses.-Ph.il i pps (Melbourne) vertreten, die Günstiges über die Ausbreitung der jüdisch-liberalen Bewegung in Melbourne, Sidney i und anderen australischen Gemeinden zu berichten hatte.' -i.;;i; [ Die Bedeutung [der Tagung lagaber nicht in den Berichten : und internen i Beschlüssen des Gouverning Body. Sie lag in der Tatsache, daß diese Sitzungen zum ersten Male; in dem bisher orthodoxen Holland abgehalten und dortselbst mit großen;Veranstaltungen und Kundgebungen der holländischen liberalen Vereinigung verbunden werden konn- Jen. Daß der Liberalismus in Holland sich regt, dies allein verbürgt den Fortbestand des Judentums-in Holland. Ziel und Wirkung der Bewegung sind atn besten gekennzeichnet durch den Namen i der Zeitschrift des neuen Verbandes: „Nieuw| Joodsch Leven Neues jüdisches Leben", und so waren denn fast alle Veranstaltungen derart gehalten, daß - Ille Aufmerksamkeit sich aut die Jugend konzentrierte. Zwei Elternvcrsammlungen, eiite in Amsterdam uitd eine imi Haag, eröffneten den Reigen der Veranstaltungen. Lily M o n t ä g u (London) legte den Anwesenden 'dar, wie sie die Jugend schon frühzeitig in jüdisch-religiösein Sinne beeinflussen können, und die Diskussion, in deren Verlauf die anwesenden Eltern {[Fragen stellten und in die auch Frau Prof, üoldsteinlfiehr geschickt eingriff, stand auf hohem Niveau. Am Freitagabend , und am .Sonnabendvormittag wurden, Gottesdienste in einer eigens zu-diesem Zweck; geschaffenen Liturgie i abgehalten. Die hebräischen Gebete "wurden; von-Herrn 1 Überkantor Sußmann (Elberfeld) vorgetragen. Die Predigt am Freitagabend hielt Herr Rabbiner - Dr. Norden (Elberfeld), welcher von der Notwendigkeit sprach. | das Judentum in einer neuen Zeit auch . in neuem Gewände erscheinen r<zu lassen. Einem ähnlichen Gedanken gab. Herr Rabbiner: jf)r.[ Wolf (Dresden) in seiner Predigt am Sonnabend früh Raum: die Frage, ob wir Neuerer das Recht haben, uns Juden zu nennen, beantwortete er mit i der Feststellung unserer J Pflicht zum Liberalismus. 1 Sonnabend mittag, nach dem Gottesdienst, iand dann die Zusammenkunft der Jugend statt. Es war den jungen Menschen im Haag außerordentlich lehrreich, von Fräulein Ricar[do (London) und Herrn de Metz (London). Herrn Baron (Milwaukee, USA.) zu hören,1 wie in den anderen Ländern die jüdisch-liberale Jugend sich betätigt. Einige praktische Ratschläge gab auch Referendar Werner Hochheimer. (Frankiurt/Main). Bedeutsam wären die Ausführungen von Referendar Heinz Kellermann (Berlin), welcher u. a. darauf hinwies, daß die im Haag veranstalteten Gottesdienste 'nicht das Hauptziel jüdisch-liberaler Betätigung bilden dürfen, sondern daß die jüdisch-liberale Jugend in Deutschland bestrebt ist, durch Kurse und Heimabende ihr jüdisches Wissen zu mehren und vom’Judentum her einen Standpunkt iür die Fragen des Lebens zu gewinnen. — Unsere jungen Freunde im Haag haben demgemäß auch beschlossen, allwöchentlich zusammenzukommen und im Sinne der Kelicrmannschen Programmpunkte zu arbeiten. ln diesem Beschluß der Jugend liegt vielleicht das entscheidende Ergebnis der Veranstaltungen, denn wie nachher die interne Besprechung über die weitere Propaganda in'Holland und wie auch die “Round Table Conference am Sonntag in Amsterdam ergab, genügt es nicht, wenn man das Prinzip des liberalen Judentums aufzeigt, die Wandlung und Entwicklung der Formen um der i Erhaltung des Judentums willen, sondern man muß auch die Wege aufweisen. Diese Wege können sehr verschieden sein. Steht man z. B. auf dem Standpunkt des Herrn Alfred Lisser (Amsterdam, früher Hamburg), daß der Hauptzufluß zur liberalen Bewegung aus der Synagoge, d. h. von den unzufriedenen Orthodoxen kommt, so muß man Gottesdienste iveranstalten, die sich möglichst an die alte Form halten, aber gekürzt und musikalisch ausgcstaltet sind. Wendet mau sich jedoch, wie dies in Holland der Fall ist, an eine Jugend, die nicht einen Buchstaben Hebräisch kann.' die aber sehnsuchtsvollen Herzens und aufgeschlossenen Gemüts gekommen ist, um die religiösen. ethischen und sozialen Werte , des Judentums kennenzulernen, so ist ihr wenig damit gedient, daß man ihr noch so sehr gekürzte hebräische Gottesdienste abliält, selbst wenn man in der „Reform“ so weit geht, am Freitagabend die Sch’moiieh Esreii wegzulassen! Religiös ergriffen zeigte sich die Jugend nur, als vor dem'Kaddisch der Leidtragenden ein Gemeindemitglied in der holländischen Landessprache ein Gebet vortrug; ihr geistiges Interesse; aber wurde erst rege, als außerhalb des. Gottesdienstes von [den Lehren und der Lebensnahe des Judentums die Rede war. Mit dieser Feststellung ist nichts gegen die traditionellen liberalen Gottesdienste gesagt; gesegnet jede jüdische Jugend, die diese Tradition noch kennt und fruchtbar zu machen versteht, ln Holland scheint diese Tradition selbst in der älteren Generation der Liberalen nur noch, ganz schwach vorhanden zu sein, und da nach einmütiger Ansicht aller, die Bewegung um der Jugend willen ins Leben gerufen Claude G. Monteflobe. London.; Präsident der World Union for Progressive Judaism (Weltverband für liberales: Judentum). wurde, kann die Entscheidung" nicht schwer fallen, welcher der beiden möglichen Wege des Liberalismus dort zu beschreiten ist. , Zwei Dinge müssen noch erwähnt werden.; Die Orthodoxie in Holland ist so stark, daß selbst die Zionisten sich von ihr abgewandt haben und, selber aller Tradition entfremdet, um überhaupt ein jüdisches Leben zu iühren, in der liberalen Bewegung rege mitarbeiten. Diese Tatsache und der Umstand, daß. es in Deutschland hiermit anders liegt, bildeten wiederholt den Gegenstand der . Diskussion; besonders trat der Unterschied der Auffassung in den beiden Referaten der Round Table Conference über die „Bekämpfung der falschen Assimilation“ zutage: Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) sprach von einer geistigen Assimilation an unjüdisches Gedankengut, weil ihm auch das Judentum ein geistiges Gebilde ist, und er vertrat hiermit den Standpunkt unseres antizionistischen Liberalismus in Deutschland; Herr Simon (Haag) reierierte als liberaler Zionist und sprach voii der Notwendigkeit, unter den Zionisten und sogar in Palästina eine religiös-liberale Bewegung ins Leben zu ruien. Vielleicht wäre es richtig gewesen, vor der Round Table Conference Leitsätze zu formulieren, damit die außerordentlich gehaltvolle Diskussion, an der sich u. a. Rabbiner Dr. Italiener (Hamburg), Rabbiner Dr. Go 11 s c h a 1 k (Köln), Kellermann und Goetz (Berlin), Frau Vi ge veno (Amsterdam), Rabbiner Dr. Samuel (Essen), Revd. Perlzweig (London), Rabbi Dr. Rosen bl um (New York), Rabbi Snyders (Illinois) und Rabbiner Dr. J. J. Mattuck (London) beteiligten, einem wissenschaftlich auswertbaren Ergebnis hätte zugeführt werden können. Ein großer Erfolg war die öffentliche Kundgebung Sonntagabend in Amsterdam, welche Herr Levisson leitete und mit eindrucksvollen Worten eröifnet. Der Rede Dr. Monteiior.es wurde bereits oben gedacht; es-war ein großes Erlebnis, diesen ebenso bedeutenden wie — in seiner Art, sich' zu geben — einfachen Mann in freier Rede über die oft schriftlich von ihm behandelten wissenschaftlichen Grundlagen des liberalen Judentums zu hören. Frau Margarete Goldstein berichtete den Amsterdamer Jüdinnen, was.- in Deutschland der Liberalismus der Frau in Haus und Gemeinde an. Gaben gebracht hat, und Rabbi Gerson B. L e v i (Chicago). wies nach,’daß auch das rabbinische Judentum ältester Zeit sowie das Judentum des Ghettos eine Entwicklung der Erscheinungsformen gekannt bat, daß dagegen das Prinzip der absoluten Starrheit erst eine Errungenschaft der modernen Orthodoxie ist. ' Der Bericht darf nicht schließen ohne ein Wort des Dankes an die holländische Gastfreundschaft. Wir Teilnehmer aus Deutschland. wissen, daß wir, ebenso wie die Freunde aus allen anderen Ländern und Kontinenten, durch unsere Anwesenheit die liberale Sache in Holland moralisch gefördert haben, aber auch wir sind den Holländern dankbar für das Erlebnis, daß wir Zeugen ihres begeisterten Beginnens sein durften, für die geistigen Genüsse, für die Fülle der gesellschaftlichen Veranstaltungen und schließlich auch dafür, daß wir fünf Tage lang, ihr glückliches Land und ihr gesundes Volk sehen durften. Fünf Tage lang keine Uniform (außer den wenigen Vcrkehrsschutzleutcn und den Schafinern der Verkehrsgesellschaften), keine Hakenkreuze, keine Parteiabzeichen. keine Psychose und kein Antisemitismus: es war nicht nur eiiie Zeit der geistigen und seelischen Erholung, sondern nun erst wissen wir, wie krank unser deutsches Land und Volk sind, und: wie sie wieder werden müssen. George Goetz. Liegt Thüringen in Afghanistan? Der „Reichsoerband“ soll helfen. Einer Meldung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden entnehmen wir. folgende Einzelheiten: Am 7. August d. .1. trafen sich die Einanzdezernenteri der größeren Landesverbände in Oberhof zu einer gemeinsamen Aussprache, um einen Uebefblick über die Lasten, die eine Reichsorganisation der deutschen Juden zu tragen haben würde, zu gewinnen.. Es kann als ein erfreuliches Zeichen für die nahe Verwirklichung der Reichsverbandsidee angesehen werden, daß man sich nunmehr auch der Beratung der Spezialfragen zuwendet.' > ■ , ’ . ' Im Vordergründe der Besprechung standen zwei Dinge: Die Prüfung der Frage, welche Institutionen als reichswichtig anzuselien seien, und welche Mittel aufgebracht werden müß- Rahel empfängt Goethe. {[ _ Von Karl Burker.t. Es [war das Jahr 1815? Die letzten .Tage im August Raliel Varnhagen war vor einer Woche mit der Postkutsche in Frankfurt oiugetrpffen. Sie kam geraden Weges von Wien. Dort auf dem rauschenden.- unglaublich lustigen Kongreß hatte sie, an der Seite ihres Gemahls,-so ziemlich das ganze .vornehme Europa 'versammelt gesehen: den Glanzseiner Throne, und Höfe, die Spitzen seiner Politik und seiner Heere, die höchste Bildung {seiner Geselligkeit, die reichsten Blüten der Schönheit, des Geistes, der Kunst und des Geschmacks. Nun war sie ein bißchen ermüdet von all den Huldigungen, dift; ihr wieder zuteil geworden ^waren. Hier in der älten, verträumten Krönungxstadt wollte sie sich etwas ausruhen. Diis konnte man hier.L Hier war inan noch ganz Provinz.lWer über die Straße ging, wußte, bei welchem Fenster eij den Blick auischlagen mußte, um einen Bekannten zu sehen, und bei Nadln wurde hier geschlafen. Nach dieser unverwüstlichen. {unverrückbaren Behaglichkeit, nach diesem kleinen, gelassen dahintreibenden Leben hatte sich Raliel schon lange Siej hatte jetzt bisweilen solche Anwandlungen. Sie war ja kein;junges Mädchen mehr. Jene Zeiten, da ihr der Fürst von Ligne zum erstenmal die schmale Hand geküßt und der wildschöne Prinz Louis Ferdinand ihr seine neueste Hcrzensgesclnclitc — jene mit Pauline Wiesel — gebeichtet,1 jene Zeiten waren weit entrückt, gehörten schon halb ins Märche'nreich. Sic-ging nun Ijenseits der Vierzig. Gleichviel, sie galt auch-jetzt noch beilallen empfänglichen Gemütern für [eines der seltensten und köstlichsten Frauenwunder. .! Ihre Reize waren noch nicht verblüht. Da war nocli das feingeschnittene, klare Gesicht, der schöngeschwungene Mund. Da waren ihre gescljeiten, dunklen Augen, ihre seelenvollen Hände, der innige, liejbe Ton ihrer Stimme. Ihren Gaben'hatte sie'noch manches zügclegt. Prachtvoller denn je wußte sie zu plaudern. /Sie empfand alles, sie sah in alles. Ihre Worte waren die einfachsten, die man sich denken konnte,' ihre Briefe wie lebende Menschen. Man konnte sagen: sie war klug wie die Sonne.; Oft rührte sie wie im Flug an die höchsten, die tiefsten! Dinge, und was sie darüber sagte, das .traf? Sie ahnte von allem, woher es sprang, wohin es mündete. Sie hatte es in den. Fingerspitzen. Mehr Welt erfaßte sie als irgendein anderer Mensch.- Eine erlesene Frau warsie. Ein, Strahl ahs ihren Augen wurde wie ein Geschenk hingenomnien. ein Druck,ihrer Hand wie eine Begnadung empfangen., Und nun war sie [also wieder einmal in Frankfurt. Glückvolle Jugcndtage waren ihr hier verflossen, in dieser kleinen, herzgemütlicheii Welt,! Aber nun war sie lange nicht mehr hier-gewesen. So lange, es tat ihr, beinahe leid. In einem niedrigen. schlichten Hause. die Wohnstube nach grünen Bäumen hinaus, wie sie es liebte, hatte sie Quartier genommen. . Die Zeit für diesen Aufenthalt war gut gewählt: Spätsommer mit seinen leise atmenden! I tiefgoldenen Stunden, trockenes, heiteres Wetter; keine Wolke, so weit man schaute. Ein unsäglich stiller, zartblauer Himmel über Stadtbild und Gegend gebogen.;i - / Erst lief Rahel wieder einmal all die heimeligen, viel-, winkeligen Gassen aus, die sie wußte, und sodann sah sie weiter, hinaus über die Tore, ihre Bekannten hatten es nicht leicht mit ihr. Alle Tage ein paar Stunden mußten sie mit ihr durch Wälder und Wiesen streifen. Sie hatte sich das vorgenommen. Heute wollte sie hinaus nach Niederrad. Warum? Man wußte Bescheid. Der ijunge Goethe hatte dort draußen, in dem weltabgeschiedenen- Dorfliest, fröhliche Stunden verbracht. Auf dem ganzen. Weg kreiste das Gespräch um den Dichter. Wie immer, wenn sein Name erklang! wurde Rahel nicht müde, seine Größe zu rühmen.' Wie in so vielen Dingen war sie auch hier ihrer Zeit urii ein gutes Stück vorauf! Ahndevoll, ergriffen und beseligt zugleich, horchte sie schön lange auf seinen gewaltigen, weltumfassenden Geist. Mit einem ward sie still. Ein Gefühl überkam sie, als sei dies alles in den Wind geredet. Es war zu früh füri diesen genialischen Goethe! Ja,-das war cs gewiß! Deutschland konnte noch nicht mitkommen! — Eben wollte sic einen! andern Gesprächsfadcii anspiimen, da geschah etwas Unerhörtes: Goethe war plötzlich da! Nicht aus dem Himmel war er hernieder geschwebt, wie man’s von ihm. dem Olympier, recht wohl erwarten konnte — nein, in einer schlichten Landkutsche' war er soeben vorbeigefahren. Rahel hatte ihn auf den ersten Blick erkannt. „Da ist Goethe!“ schrie sie empor, schrie wie ein dummes, in alle Lüfte jubelndes; Kind. Mit dem besten Willen, sie konnte mellt an sich halten. Alles flog in ihr. Ihr Blut brauste-wie ein Bach. Mit weiten, heißen Augen sah sie hinter dem Wagen drein. Es war. als ob sie ihn jzurückflehen wollte. Doch ohne Rast und Halt rollten da vorne die Räder, klappten die Hufe der Pferde. Und jetzt schwand das Gefährt ins Dorf hinein. Nur ein dünnes Staubwölkchen stand noch in der Luft. j Am Abend dieses Tages lag Raliel, daheim in ihrem Quartier, stundenlang auf einem Ruhebett, die dunklen Augen an der Decke des Zimmers. Goethe! dachte sie. Und immer wieder: Goethe! Also auch er war heute wallfahrten gegangen, wallfahrten ins Land seiner Jugend!-- Und sie hatte ihn gesehen für einen kurzen Augenblick. Sie, die kleine Rahel! — — Jawohl, so hatte er sie damals immer genannt. Damals in Teplitz. Wie lange mochte das her-'Sein? Sie rechnete. Zwanzig Jahre brachte sie heraus; genau zwanzig Jahre. „Ei, die Zeit!“ seufzte sie. Und was war ich dort noch für ein unwissendes, einfältiges Mädchen! Und doch, er hatte mich für klug genommen; sagte hernach zu anderen, ich sei etwas Seltenes! Wie er wohl jetzt über mich dächte? Und dann überlegte sie. wie es geworden wäre, wenn er sie heute, am. Nachmittag, erkannt hätte. Wenn er den Wagen hätte anhalten lassen und sie ■ ihm plötzlich auf Atemsnähe gegenüber gestanden wäre. Zuletzt erwog sie, ob sie ihm nicht schreiben wollte — oder, noch besser, ihn besuchen. Sie hatte inzwischen ermittelt, daß er seit einer Woche ganz in der Nähe weilte. Auf dem Landsitz einer alten Freundin. Ja, eitlen Besuch bei dem Hohen, Unvergleichlichen hatte sie schon zur Möglichkeit erhoben. Ihm wieder einmal ins Auge zu blicken, in dies himmelklare, allwissende Auge! das war seit langem ihr Traum gewesen. Aber dann beschlüg sie sich anders. Sie wollte es vorläufig bei einem Brief an ihn bewenden lassen. Dann würde Ein paar Tage später, als sie morgens erwachte, spürte sie: ihre Augen sind leicht entzündet. Ich will noch ein wenig ruhen, dachte sie, glaubte, ihren Augen würde das gut tun. Kurz nach neun erhob sie sich. Eine halbe Stunde später meldete Dore. ihr Mädchen, einen Besuch. Rahel nahm die schmale Karte entgegen, warf einen Blick darauf. Goethe, las sie. Ein wahrer Schwindel flirrte ihr durch Stirn und Augen. Was tun? Sie konnte kaum einen Gedanken fassen. Sie sah auf ihr Neglige. Sie fragte sich: Kannst du’s? Kannst du’s nicht?-Und wenn nun nicht, was dann? —. — Goethe warten lassen? Du, einen Goethe? Wie ein glühender Pfeil schoß ihr das durch den Kopf. Einen Augenblick noch war sie unschlüssig: Wie bestell1' ich dabei? — Dann raffte sie sozusagen ihre ganze Seele zusammen, griff alle Tapferkeit hervor: Also denn! — — Und so, wie sie war. in ihrem Morgenkleid, in Morgenschuhen trat sie Goethe entgegen. Sie opferte sich. Sie opferte ihr ganzes zartes Weibesgefühl. Sie allein wußte, was es ihr kostete. Es war zuviel für sie. Etwas in ihrem Empfinden war verwundet. Sie ward es, erst inne, als sie ihm Aug’ in Aug’ gegenübersaß. Doch - nun war es ja zu spät. Sie war gehemmt in ihrem ganzen Menschentum.- Ihr war, die ganze Grazie ihres Wesens, die sonst jede Sekunde ihres Daseins füllte, wäre plötzlich in ihr zu Eis gefroren. All dje wunderbare Sicherheit und Freiheit,, die ihr je und je zu Gebote gestanden, war ihr von den Schultern gesunken. Und da konnte ihr niemand beistehen. Auch Goethe selbst nicht, wie gütig er schon zu ihr sprechen mochte. Wie ein Krampf lag es ihr im Munde. Die Worte wollten' nicht daraus hervor. Sie konnte ihr schönes, stilles,, bescheidenes Kleinkinderherz nicht zeigen, noch weniger ihre überschauende Klugheit, ihren kristallklaren, so leicht spielenden Geist. ‘ So war sie denn heilsfroh, als er wieder von ihr ging. Er, dieser Hohe und Herrliche, nach dem sie sicli so lange