Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 10 (15.8.1932)
- Date
- 1932-08-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ 5er Bereinigung für 5a$ (töerafe Judentum t. B. Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarif. — Bel Nichterscheinen Infolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder - Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. - DieJ&MföHi&etale 3eltanfl“ etfdjetaf oral. traft 15. feDes Btonats. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11, Hailesche Str. 1 Herausgeber: Hahns Loewensteln und Willi Tisch Verlag '_Schriftleitung: George Goetz - Fernruf: F 5, Bergmann 3358, 3159 Bankverbindung: Kreditverein lür H inqel und Gewerbe e. G. m. b. H» Berlin N2^. PostscheckkSnto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 Vereinigung lür das liberale Judentum Berlin 1370 69. 7.: ’ Dl» Vtrthlguog für das Ubtral» Judtntum QbtmJmmt nur für dl»j*algtn Auftäte», dl» autdrücklich ol» la Ihrtm Nam»n odtrla ihrtm Auftrag» v»ffaSt g*k»naztkJta»t »ixt, dh VtmfwoHtaig, AU» andtrm Arilktt, A»aß»rmg»a ttarf VortdMg» »ndfintt ual»r d»r Vfaatwotimg c tri iddkttm Nr. 10 Berlin, 15. August 1932 12. Jahi Deutschland nach der Reichstagswahl. Daß wir als Juden wirtschaftlich und deshalb auch politisch nicht einheitlich orientiert sind, und daß deshalb auch eine jüdische Zeitung nicht Stellung zu nehmen hat zur deutschen Parteipolitik, — dies alles wurde hier zu oft gesagt, um es noch zu wiederholen. Wenn trotzdem ein kurzer Rückblick auf die Reichstagswahl vom 31. Juli, auf die seither geschaffene Lage und auf die . seitherigen Ereignisse unternommen wird, so kann dies nur von demjenigen Standpunkt aus geschehen, der uns Juden aller politischen Richtungen gemeinsam ist: hat der Judenhaß in Deutschland an Aussicht gewonnen oder nicht? Mit Absicht wird hier die Frage nach den Aussichten des Judenhassesaufgeworfen, nicht nach der Stärke seiner entfesselten Gewalt und Zerstörungswut. Denn was in dieser Hinsicht geleistet wird, das schreit nicht nur zum Himmel, sondern dieser Schrei ist sogar schon bis in die Redaktionsstuben der großen Tageszeitungen gedrungen, die früher nicht allzu gern über .jüdische“ Angelegenheiten berichteten, obwohl doch Schändung von Friedhöfen und Gotteshäusern in Deutschland deutsche Angelegenheiten sein dürften. Aber nun: eine Brandbombe in die Ki'el.er Synagoge, ein Mordversuch auf den Königsberger C. V.-S yndikus Kurt Sabatzky, die- Kennzeichn.ung aller von Juden bewohnten Häuser und Wohnungen in Plauen, die Granate in der Kölner Synagoge, die Mörd.drbhung gegen Professor Georg Bernhard.- die zahllosen blutigen Terrora k t e,— die Häufung all dieser unmenschlichen Exzesse sind zu sehr ein Pfahl im Fleische des deutschen Volkskörpers, als daß. die allgemeine Tagespresse, sie als jüdische Angelegenheiten hätte betrachten und — übergehen können. - So dürfen wir die Geschehnisse selbst als bekannt voraussetzen, können auf den Abdruck der einzelnen Meldungen sowie auf Schilderung der Details verzichten, wie wir bewußt auch auf jeden Ausdruck der Entrüstung über die Geschehnisse und des Mitfühlens mit den Opfern verzichten —: über Selbstverständlichkeiten spricht man nicht, und jedes Wort würde abschwächen. Worüber, abef gesprochen werden muß, das.ist die mutmaßliche Ursache dieser Häufung von Terrorakten, aus dpr unverkennbar Unruhe und Aufgeregtheit der Nationalsozialisten spricht. Woher diese Aufgeregtheit, worüber diese Unruhe? Die Antwort auf diese Frage soll nicht in Form von Prognosen über die verschiedenen, nach der jetzigen Parteienstärke möglichen Regierungskoalitionen gegeben werden. Wer kann heute Prognosen aufstellen? Da ist es schon besser, was sonst nicht des Journalisten Beruf: ausnahmsweise einmal die Vergangenheit zii prophezeien. Diese lehrt, daß viele, die bei den verschiedenen Landfagswahlen und bei den Reichspräsidentenwablen noch Hitler wählten, in der erst n a c h der . letzten Reichspräsidentenwahl ans Ruder gelangten Regierung Papen — Schleicher — Gayl durchaus einen zufriedenstellenden Vollstrecker ihrer politischenWünsche sehen, und daß-obendrein diesen Vielen die „Träger alter Namen“ mehr Vertrauen einflößen, als die Partei der politischen Parvenues. Aber nicht nur die Namen, auch das Programm scheint verlockender. Haben doch allzu viele von denjenigen den National Sozialismus gewählt; die in Wirklichkeit fernab von jedem Sozialismus ■ sind, den sie bei dem heutigen Kabinett angenehm vermissen. Schließlich unterliegt wohl keinem Zweifel, daß dieses Kabinett, besonders in Preußen, vieles von dem durchgeführt hat, was die Hitlerwähler gewünscht hatten. Wir freuen uns dessen wahrhaftig nicht; doch ist unzweifelhaft der Hitlerpropaganda nun viel Agitationsstöff genommen. Jetzt endlich kann mit S i c h e r h e i t gesagt werden, was früher nur von Leichtsinnigen als Beruhigungspulver ausgestreut wurde, aber. nicht politische Weisheit und nicht Wahrheit war: daß die nationälsozialistischeWelle zahlenmäßig ihren Höhepunkt überschritten hat. Das Tempo der nun einsetzenden Ebbe kann niemand Voraussagen, und noch heißt , es den Mund sehr vollgenommen, wenn man von Ebbe spricht. Dennoch hat sie begonnen und wird fortschreiten, sofern die Verhältnisse stetig bleiben, und das heißt, solange noch — die Regierung sehe aus, wie sie wolle — -verfassungsmäßig regiert wird. Die Leute der Richtung Goebbels wissen das. Daher ihre Aufgeregtheit, daher ihr planvolles Verüben planloser Attentate, ihr Bestreben, durch Gewalthandlungen jeden verfassungsmäßigen Zustand zu beseitigen, die Situation für die Uebernahme der Diktatur reif zu machen. ' - Wie nun aberT so wird man fragen, wenn, als Folge der Reichstagswahl, Rücktritt oder Umbildung der jetzigen Regierung erfolgt, die NSDAP, mit Hitler, .an deij Spitze in die Regierung eintritt, die Verfassung also formal gewahrt bleibt? . In [der Tat:, der Verfassüngstag aller Deutschen, darum! auch der jüdischen Deutschen ist dieses Jahr der Tischa b’ Ab der deutschen Juden; am Vorabend hört man zum erstenmal von Hitlers Ernsthafter Kandidatur auf das Reichskanzleramt. Gewiß: der Revolutionär Hitler als bürgerlich gewordener Reichskanzler wird, gelinde ausgedrückt, seine {faszinierende Anziehungskraft auf die Massen einbüßen. Und noch gewisser: der zum verantwortlichen Regieren berufene Nationalsozialismus wird sehr bald seine völlige Unfähigkeit, besonders auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik, erwiesen haben. Aber ebenso gewiß:wird er seine wirtschaftlichen Mißerfolge.durch machtpolitische Extravaganzen zu: verdecken suchen und dadurch sogar seine Regierungszeit verlängern. Und \yas er da zerschlagen und an Unheil anrichten wird, sowie auch das, was dann noch von der Verfassung übrigbleiben wird — das hängt allein von der Stärke derer. ab, die - mit ihm die Verantwortlichkeit teilen. ’f.! - . 1; Eine Besprechung mit dem Reidisümenminlster. Der Reichsminister des Innern. Freiherr von Gay 1, empfing am 3. August den Vorsitzenden des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Justizrat Dr. Julius Brodnitz, und den Syndikus Dr. Alfred W i e ri e r. Die Vertreter des Central-fVereins unterbreiteten umfangreiches Material über Angriffe auf jüdisches Leben und Eigentum in Ostpreußen, Oberschlesien und in anderen Teilen des Reiches. Sic wiesen darauf hin, daß solche Anschläge: in den letzten Tagen sich häufen. Möglicherweise seien diese terroristischen Vor-, gänge auf die verstärkte judenfeindliche Agitation der letzten Zeit zurückzuführen; diese Propaganda sei vor der Verleumdung nicht zurückgeschreckt, die Juden ständen in Beziehungen zu {den politischen Gewalttaten und unterhielten in Synagogen und Friedhofshallen Waffenlager. Der Minister würdigte die Mitteilungen mit allem Ernst und sicherte alle in seinen Kräften stehenden Maßnahmen zu.: Neues jüdisches Leihen. Der jüdisch-liberale" Weltverband tagt in Holland. Die Veranstaltungen, die die World Union for Prt gi essive Judaism (Weltverband für religiös-liberales Judenti ml . gemeinsam mit dem Verbond van LiberaaL Religleuze . oc den in Nederland vom -i. bis zum 8. August im Haag und in Ai isterdain .abgehalten bat,. verdienen seitens der deutschi n Liber ralen größte Beachtung nicht nur deshalb, weil w c lurch die Vereinigung für das liberale Judentum organh at( risch dem Weltverband angeschlossen sind, sondern weil wir Heutigen unsere , liberale Bewegung erst kenne ngelernt. haben, als sic etwa drei Generationen alt war; es nu 1 als ein Glück betrachtet werden, wenn wir nun ln Holl: nd eine Anfangs- und Werdezeit liberalen Judentums m ter eben dürfen, die -wir in Deutschland nur vom Studliim (de: - gar vom Hörensagen her kennen. Den Lesern dieser Zeitung braucht nicht erst aiseinandergesetzt zu werden, daß, genau wie bei uns voi 100 Jahren, die Jugend auf keine Weise -zu den alten Fc rmen - des Judentums.zurückzubringen sein wird; Jede jüdische Ge- £r Welt etwas der ]f dl eben Grunde, um auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt zu Dem Gemeindeleben und vor allem dem Gottesdie ist winnt niemand Interesse ab. Die' jüdische - Juxend erklärt, ihr stünde die jüdische Religion nicht näher als In ent eine andere Religion auch.. Gegenüber diesen traurigen Uniständen muß es als elit Glück erscheinen, daß die Jüdisch-liberale Vereinig uni in' Holland sich unter dem Vorsitz des außerordentlich lüh igon Herrn L. Levisson (Haag) gegründet und bereis zwei Ortsgruppen; eine im Haag unter dem Vorsitz . des J errh S. Sanders, und eine in Amsterdam unter dem Vtrsitz des Herrn van der Woude. ins Leben, gerufen b:it, und zwar mit dem ausdrücklichen Hauptzweck, die Jugenl wieder .für das Judentum zu gewinnen. Man sollte meim n, daß die Haager und Amsterdamer Gemeinden dieses Ziel bi grüßen müßten, aber das niederländische Oberrabblnat, inFdaS o r- Gekeln ' Qe- Beziewird meinschaft hat sich daher zu entscheiden, ob sie dii men erhalten will —:.dann wlrll die Jugend aus diese:’ meinschaft herauswachsen, ubd es wird eines Tages Nachwuchs da sein, — oder ob sie den alten, .ewig :n halt in neuen Formen darstellen.und vor'allem-ir hung zu den Gegenwartsfragen setzen will —: dann die Jugend merken, daß das Judentum ihr und d' zu sagen hat, und wird beim Judentum.und Gemeinschaft verbleiben. Genau dies ist die Situation in Holland. Es lebten 130 000 Juden, davon 70 000 ln Amsterdam, 3C 000 Haag. Die Gemeinden sind offiziell streng orthatügjrül Gemeindemitglieder und vor allem, die Jugend sind (s Da obendrein, die Gemeinden keine Zwungsgemelndi in sind weiteste Kreise der Juden nicht Mitglieder < er mcinde; soweit sie es noch' sind, ist--es meist nur i us i lebt slmt * J Ge>1 dem werden, geständig vergrößert die „Jüdisdi-liberale Zeitung ihren Treten auch Sie ihm beil In jedes jüdische Haus gehört die .Jüdisch-liberale Zeitung'. Bestellen Sie die .Jüdisch-liberale Zeitung*, bei Ihrem zuständigen Postamt, .7 -