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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-07-29 · 9 (29.7.1932) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
9 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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12. Jahrgang Nummer 9 3üftif<Hibetttle 5cittt«fl Beilage 29. Julil932T Liberalismus und Tradition. Ein Diskussionsbeitrag über unsere religiösen Grundfragen. Von Rabbiner Dir. J. Lewkowitz, Berlin. In Nr. 7 vom 1. Juli ds. Js. brachten wir einen Aufsatz „Machet einen Zaun um den Liberalismus!“ von Dr. Siegfried Braun (Köln) lind stellten die darin behandelten Fragen zur Diskussion. Mit dieser Diskussion machen die beiden folgenden Aufsätze nun den Anfang. Die Aussprache wird fortgesetzt. Schriftleitung. . , ln seinem in der vorletzten Nummer dieser Zeitung veröffentlichten Aufsatz „Machet einen Zaun um den Liberalismus“ zitiert Dr. Siegfried Braun aus meiner Broschüre „Grundsätze des jüdisch-religiösen Liberalismus“ einen Satz, in dem ich die Forderung aufstelle, die liberalen Juden sollten dem Judentum, gegenüber nicht nur das Recht der Kritik in Anspruch nehmen, sondern auch ihre Zugehörigkeit zum geschichtlichen Judentum, die bindende Kraft der Tradition empfinden. Dazu bemerkt der Verfasser: „Mehr kann auch der orthodoxeste Rabbi .nicht verlangen.“ ' Welch’ sonderbare Auffassung vom Wesen der Orthodoxie! Weiß Herr Dr. Braun nicht, daß für einen Orthodoxen die Ueberlieferiing eine absolute Geltung hat und, jeder menschlichen Kritik entzogen ist? Das Recht, zur Ueberileferung kritisch Stellung zu nehmen und sie veränderten Lebensbedingungen anzupassen, kann die Orthodoxie von ihrem supranaturalen Offenbarungsbegrifi aus überhaupt’ nicht anerkennen. Meine Forderung aber richtet sich nicht gegen die liberale Kritik am Judentum, sondern gegen die Einseitigkeit, mit der das Recht zur Kritik betont wird, ohne daß man - das Positive, das Wertvolle und Verpflichtende am Judentum sieht und anerkennt Herr Dr. Braun hat also entweder keine richtige Vorstellung vomorthodoxen Denkern oder er hat meine Worte nicht verstanden. Ebenso irrig ist seine Anschauung, daß Liberalismus tat verpflichtender Tradition nicht vereinbar ist Darin .verrät sich eine Unkenntnis der elementaren Gesetze des geistigen Lebens. Wie in der Natur erst durch das Zusammenwirken zentripetaler und zentrifugaler Kräfte eine bewegte. Körperweit entsteht so sind auch im geistigen Leben ein Beharrendes und ein Vorwärtstreibendes, normierende Tradition und Kritik miteinander: verbunden. Die Ueberileferung verleiht dem geistigen Leben eines Volkes und einer religiösen Gruppe Einheit und inneren Zusammenhang. Sie bestimmt die Richtung der Entwicklung, schafft die Möglichkeit eines organischen Wachstums - 'und eine über die Gegenwart hinausdauernde Existenz.' Wie das Judentum ohne Kritik leblos geworden und erstarrt wäre, so hätte es sich ohne Tradition und ihre Autorität überhaupt nicht erhalten können.. Das gilt vom liberalen Judentum ebenso wie vom orthodoxen. Es ist also dringend geboten, .daß : die Bedeutung der Ueberlieferung in unserem liberalen Kreis besser gewürdigt wird, als es im allgemeinen geschiebt- Wie wenig Braun mit seiner Kritik an meiner Auffassung im Recht ist, zeigen ierner seine weiteren Ausführungen. Er gibt zu, daß der schrankenlose Individualismus' im liberalen Judentum, überwunden werden muß, lind verlangt, daß die Freiheit der einzelnen durch ein allen gemeinsames Dogma eingeschränkt werden solL Wenn dieses Wort in seinem strengen Sinne verstanden werden sollte, dann wäre die geistige Freiheit -im liberalen Judentum beseitigt. Das wäre Orthodoxie. Ich nehme aber an, daß Dr. Braun nur die Anerkennung der wesentlichen Lehren des Judentums fordert, ohne dem einzelnen eine bestimmte Glaubensformel vorzuschreiben. Gehören aber diese jüdischen Glaubenssätze nicht auch zur Tradition des Judentums? Auf welchem anderen Wege sind sie zu uns gelangt? Woher wissen wir, was das Judentum lehrt? Und mit welchem Recht wird der consensus omnium verlangt? Wenn mein Kritiker die Forderung auf-’ stellt, daß wir liberalen Juden das jüdische Dogma anerkennen sollen, dann geht er, ohne es zu wissen, von der Annahme aus, daß das Judentum und die jüdische Tradition auf Grund ihres Wahrheitsgehalts Autorität beanspruchen dürfen. Oder sollen wir uns etwa im überlieferten Glauben zusammenfinden, nicht deshalb, weil das Judentum die Wahrheit lehrt und Anerkennung fordern darf, sondern weil solche Einheit im Interesse der Erhaltung des Judentums notwendig ist? Welchen Anspruch hätte’denn aber das Judentum darauf, erhalten zu bleiben, wenn nicht um seiner Wahrheit, um seines Wertes willen? Der ganze Unterschied zwischen der Anschauung Brauns" und meiner eigenen liegt also darin, daß ich für das Recht der Tradition eintrete, soweit nicht infolge der Veränderung im Denken und in den Lebensbedingungen die Notwendigkeit einer Umgestaltung vorliegt und Kritik geboten ist. Das gilt nicht nur für die dogmatische, sondern auch für die gesetzliche Ueberlieferung. Braun aber wählt aus der jüdischen Gesamt-' tradition den überlieferten Lehrgehalt und leugnet die Autorität des Religionsgesetzes, ohne auch nur den Versuch züs machen, eine solche Unterscheidung irgendwie zu begründen. Das ist Willkür und Inkonsequenz zugleich. Fort mit dem Zäun um den Liberalismus! Von Dr. H. Bachs (Berlin). In Nummer 7 vom 1. Juli d. J. dieser Zeitung tritt Herr Dr. Siegfried Braun (Köln) mit der Forderung hervör, „einen Zaun um den Liberalismus" zu machen, und zwar „aui dem Fundament eines Dogmas“, . . . „um endlich aus dem Stadium ständiger Verwässerung und Verflüchtigung aller jüdischen Gehalte herauszukommen.“ ' j Wenn man auch mit dem Bestreben des Verfassers, den Besitzstand des jüdischen Liberalismus zu sichern, einverstanden sein mag — die Richtung, die hier gewiesen wird, kann vom kritisch-liberalen Standpunkte |gar nicht scharf genug bekämpft werden.! .. ■ Denn Antrieb und Aufgabe de\s Liberalismus seit seinem Beginn war gerade der Kampf gegen den „Zaun“! — Hatte doch der den Männern der „großen Synagoge“ (Sprüche der Väter I. 1) zugeschriebene Satz „Und machet einen Zaun um die Thora“ im Zeitenlaufe, durch Talmud und Schulchan Aruch, eine so weitgehende Beherzigung erfahren, daß oft genug die Urgestalt (der Thora unkenntlich geworden war, daß ihr lebenswarmer Inhalt der Erstarrung verfiel, daß man von dem sittlich-religiösen Grundgedanken nur noch den „Zaun“ sah, hinter, dem er verborgen war. i Ein Zaun kann eine Scbutzwehr iür Gebäude und Kunstgebilde sein, — für Kulturinhalte, wie sie die i religiösen Ideen darstellen. Ist jede Umzäunung ein Hindernis für ihre Fortentwicklung. Und das, — so wollen wir doch meinen, — ist und bleibt die unantastbare Grundidee unseres Liberalismus, daß er freie Entfaltung hat nach allen Dimensionen, daß Fortschritt, ihm nicht „Verwässerung und Verflüchtigung“ bedeutet, sondern Strömen aus lebendigen Quellen und Anpassung an die Forderungen des Tages. i .Auf dem Fundament eines Dogmas“ . . .! — Daß Juden, gar noch liberale Juden, nach einem Dogma als Rettungsanker rufen, kann nicht ernst genommen werden. Kennt doch das Judentum das Dogma als Verbindlicbkeitssatz so wenig, daß die Aufstellung von Glaubensartikeln selbst bei der Orthodoxie stets Widerspruch und Argwohn hervorgerufen hat. Man denke, nur an Maimonides. — Und sollen! etwa die Zeiten wiederkehren des „großen“ und des .Jdeinen“ Bannfluches gegen die _ Zweifler? — — Auch zur Zeit der Aufklärung hat das Festbalten eines Moses Mendelssohn an dem dogmatischen Grundsätze, das Judentum sei die geoffenöarte Religion des Gesetzes, dem Abfall der folgenden Generation nicht gerade (Einhalt gebieten'können. — Und widerspricht nicht schon die bahnbrechende Mission der Propheten allem Dogmatismus? — ^Nichts anderes verlangt der Ewige von dir, als Recht tun, Güte lieben und ln Demut wandeln“, — das ist das „Dogma“ eines Mich(a! — Der heilige Eifer der Propheten gegen die Qlelchsetzung von Moral- und Kultgesetz ist doch gerade der Kampf gegen die Starre des Dogmas, und es bleibt ein untrennbares Attribut des Liberalismus, dem Dogmatismus den Kritizismusentgegengestellt zu haben. [ 's ,. Der „Verwässerung und Verflüchtigung jüdischer Gehalte“, der Braun entgehen will, kann nicht anders begegnet werden als durch die. klare und eindeutige Betonung des Religiösen im Liberalismus. Freilich muß die von Lewkowitz gezeigte Linie von der findenden Kraft der Ueberlieferung“ zu . einer „Verwässerung“ des Liberalismus führen. Vielmehr ist uns „nicht gebundenen“ Liberalen die Ueberlieferung nichts! mehr und nichts weniger als eine Quelle der ErkenntnisI der rein sittlichen Beziehungen zwischen Ewig-Göttlichem und. Mensch. Das Kultisch-Symbolische aber, durch die Zeiten geheiligt, jedoch nicht unabänderlich, ohne Ewigkeitswert, gilt uns als wandelbar und ist stets der Aenderung und.Anpassung bedürftig. Maßgebend sind nicht so sehr „Richtlinien“, als die von Benzion Kellermann als: „Forderungen des j Tages“ präzisierten, noch heute gültigen, weil noch: nicht erfüllten grundsätzlichen Punkte des Liberalismus, die im folgenden kurz zusammengestellt seien: Alles Dogmatische und aller Wunderglauben ist abzulehnen. . - Der Ritus ist nicht als Gesetz zu achten, ist dciii Sittengesetz nicht gleichzustcllen. Die Wissenschalt des Judentums muß frei, ungebunden und kritisch-methodisch sein. - i. Die Kenntnis der biblischen und nachbiblischen Schriften, insbesondere der Prophetismus und die Poesie der 'Bibel, auch die vergleichende Rcligionsgcschichtc müssen jedem Liberalen! (geläufig werden' und .sowohl Jugendlichen wie Erwachsenen zugänglich gemacht werden. Neben den althergebrachten und modernisierten Formen des Gottesdienstes ist eine! durchgreifende Liberalisierung des Gottesdienstes erforderlich: Das Uitlgchct ist zurilckzusUllen, iie Andachtszeit beträchtlich zu kürzen, die Ilibelvorlesung an ethische und poetische Telle zu beschränken, an die Stelle der Predigt, sollte der aufkiärendc Lehrvortrag treten. — kurz eine völlige Neugestaltung, den Forderungen der Gegenwart angepaßt, muß Platz greifen, damit weitesten Kreisen, namentlich den Heranwachsenden! die Teilnahme am Gottesdienst zum Bedürfnis wird. —! ■ Wenn Sicherungen dieser Art. — auch die Mithilfe des Hauses für religiöse Feien) muß dem Liberalismus dienstbar gemacht werden, — wenn diese;,festen Formen” zum wesentlichen Bestandteil des. Liberalismus werden, dann ist seine Zukunft auch ohne „Zaun“ und ohne „Dogma“ verbürgt. Nur aus dem Gemeinschaftsgefühl heraus und von innen heraus ist die Erhaltung und fortlaufende Er-( neuerung des Liberalismus zu erwarten, nicht aber durch die" Diktatur eines „Dogmas“, und schon gar nicht von „Männern, die das Judentum mit allen seinen Weiten~und Tiefen aufsgründlichste kennengelernt haben“! — „Und das Ist der ewige Sinn des geschichtlichen Judentums, daß es sich nicht ln den Formen restbannen, und festgraben läßt, die geschichtlich entstehen und.ebenso vergehen, sondern daß es andle Ideen glaubt als an die Quellen sel.ner Macht, an deren unetschöpfliche Bedeutung und.niemals versJegende Fruchtbarkeit (Hermann Cohen. Jüdische Schriften II, 423).“ Abonnentenr die verreisen, erhalten die »JUdisch-liberale Zeitung'' nachgesandt, wennsle dem Posfamt| Ihres Wohnortes die Anschrift ihres Ferienaufenthaltes angeben. Die Juden in der deutschen Wirtschaft. Eine neue Veröffentlichung Dr. Zielenzigers. Im Zinnen-Verlag (Wien und Zürich) ist soeben ein Buch unter dem Titel „Der Jud’ ist schuld“ erschienen, an dem namhafte Persönlichkeiten aller Richtungen mit Beiträgen beteiligt sind: Antisemiten wie Reventlow, Dinter, Feder, Blüher; Neutrale oder Phüosemiten wie Sombart und Heinrich Mann; Juden wie Feucbtwanger, Elbogen, Theilbaber. Unser Gesinnungsfreund Dr. Kurt Zielenziger ist in dem Buche mit einem Aufsatz „Die Juden in der deutschen Wirtschaft“ vertreten, aus dem wir einige besonders markante Stellen, darunter den Schluß des Aufsatzes mit freundlicher Genehmigung des Verfassers hier folgen lassen. ' * In der Epoche des Merkantilismus hatten die Fürsten die Juden vielfach ln ihr Land gerufen. Als Spezialisten. Als Förderer des Qewerbefleißes. Als finanzielle Berater. Sie entwickelt! in Brandenburg- Preußen die Seidenmanufaktur, die: Goldschmiedekunst und den Tabakbau. Finanzieren: die' zahlreichen kriegerischen Unternehmungen. Aber man holt sie zunächst nur auf Zeit Selbst der Große Kurfürst läßt sie in Berlin ursprünglich nur auf 20. Jahre zu. Es bleibt vor ihnen eine Schranke: Die Armp des Landesvaters umfangen huldreich die Franzosen und Böhmen. Sie' Gegen Faschismus für Brot und Freiheit

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