Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 7 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar?\*. .v,.;:..i :-^.>;;,v-; -f. T I l : / *•*■ j1? IT 5f' Nicht Flucht, sondern Verständigung! r 7 . i Von Meta Fuß-Opet, Breslau.' * I Wir müssen uns leider darüber klar sein, daß die’ ' Zahl der Antisemiten , in den letzten Monaten ungeheuer ängewachsen ist. Der Ausfall der! Landtags-: 'wählen:muß auch denen die Augen geöffnet:haben, die bisher im Kampfe gegen den Antisemitismus gleiche gültig beiseite standen. - j Wer aber glaubt, sich nun: aus Er-; bitterung oder garaus Furcht in ein freiwilliges Ghetto zurückziehen zu müssen, der erweist unserer Gemein-- schaft keinen guten Dienst. * _ Ohne uns einem leichtfertigen Optimismus hin-- zugeben, dürfen wir doch annehmen, daß von den . —dreizehn Millionen, die Hitler gewählt haben, bei ~weitercf nicht alle ausgesprochene Judenfeinde sindl Gewiß,:die Partei der Nationalsozialisten hat die Ent4 rechtung der Juden in ihr Programm aufgenommen, und , sie hat. sicherlich gerade dadurch die meisten der-t jenigen,: die schon vorher Antisemiten waren, iriihren Bann gezogen.- Es sei; auch nicht geleugnet, daß es der Partei Hitlers außerdem gelungen ist, jeine; große Anzahl (teils radikaler, meist jugendlicher Elemente, teils. - politisch Ljurteilsloser Mitläufer aus Bürgerkreisen zu fanatisiercn und sie gleichfalls unter der | Fahne des Hakenkreuzes zu - sammeln. Diese Fanatiker,-die mit . Hitler durch dick und [dünn gehen, sie Werden auch “seinen.Antisemitismus ebenso gedankenlos wie freudig „■ bejahen,I sie sind es vor . allem, die das Heer der Antisemiten!so erschreckend vergrößert haben, j! 1 I . V! - Weshalb dürfen wir aber dennoch die tröstliche Ge- -wißheit haben, daß ein erheblicher Teil der nationalsozialistischen Wähler den Juden nicht feindlich gesinnt ist? Weil so sehr'viele nur ausj tiefster Verzweiflung heraus dieser Partei ihre Stimme gegeben haben, die notleidenden Männer und Frauen aus dem Proletariat, die Angehörigen des durch Verarmung ebenfalls: , zum Proletariat herabgesunkenen Mittelstandes,; sie wählten Hitler nicht deshalb, weil er den Kampf gegen die Juden auf seine Fahne geschrieben hat, sondern -weil sie in ihm! den letzten Rettungsanker sehen, die Erlösung aus' dem Elend, I das jahrelange Arbeitslosigkeit verursacht; sie erblicken in ihm den Wühdermann, von dem jeder, alles erwartet, weil er jedem von ihnen'alles versprach.' Kann man von diesen Unglücklichen, selbst wenn sie bisher eine freundliche Meinung von den Juden hatten, verlangen, daß sie an der antisemitischen Einstellung der Partei-Anstoß nehmen, daß ihnen das Wohl der Juden wichtiger ist als die Aussicht äuf eine Besserung ihrer Lebenslage? j Nein, : wir können . diese Menschen weder! tadeln, noch dürfen wir sie als unsere Feinde betrachten. Noch nicht! Wir dürfen aber auch nicht blind i sein gegen die Gefahr, daß .diese Menschen, die vorläufig noch keinen Haß gegen uns hegen, allmählich, durch die Lügen der nationalsozialistischen Presse aufgehetzt, trotz unserem-Kampf in Wort und Schrift ebenfalls zu ausgesprochenen Judengegnern werden; wenn nicht ._ - fortan imehr. als bisher auch jeder;:/eirizelne Jude (durch seine P-ersönlicHikeit der braunen Flut des Hasses entgegenwirkt. Hier ist der Hebel anzusetzen; auch für den ärmsten Juden besteht die Möglichkeit, gegen den Antisemitismus zu kämpfen, indem er. jeder in sein ejn.K-r eise, , sich bei den Andersgläubigen; Achtung und Zuneigung erringt. So: viele Christen gibt es, die von uns Juden nur deshalb ein verzerrtes Bild im ihrer Seele tragen, weil sie. mit' ihren jüdischen Mitbürgern wenig Fühlung, haben, oder — man denke an die Bevölkerung gewisser" - ländlicher Gegenden — weil sie selbst .mit Juden überhaupt" noch niemals etwas zu tun hatten. Es [sei dis Gebot: der-Stunde, daß wir, anstatt uns verbittert oder feige zurückzuziehen, mehr als je die Gelegenheit suchen, mit unseren christlichem Volksgenossen in-, regen Verkehr zu kommen, beruflich und gesellschaftlich, damit uns diese so kennenlernen,! wie wir von ihnen gekannt sein wollen. j Voraussetzung für einen solchen Verkehr, damit er entgiftend und versöhnend wirke, sei für den jüdischen Teil schärfste Selbstbeobachtung. Die aufreizende Entfaltung yon Luxus, die man früher manchem Juden mit Recht yerübelte,. wird sich heute den meisten unserer Glaubensgenossen durch ihre traurige Wirtschaftslage von selbst verbieten, aber es gilt auch, daß wir die häufig angeborene Lebhaftigkeit zügeln, um nicht durch jautes oder gar heraüsforderndes Benehmen.Anstoß zu erregen,1 es gilt ferner, im geschäftlichen Gebahren mehr als je die größte Korrektheit zu beobachten und im persönlichen Verkehr so entgegenkommend und hilfsbereit zu jsein, daß wir selbst die schon vom Antisemitismus; Infizierten zu unseren Freundenwandeln. Von Wichtigkeit ist es auch, daß wir eine gewisse Üeberempfindlichkeit ablegen, die vielen von uns eigen ist. Nicht jedes rauhe Wort ist so böse gemeint, wie es klingt. Das wollen wir auch unseren Kindern einprägen. Auch sie sollen sich nicht ängstlich [von ihren christlichen Gespielen und Mitschülern zurückzieheri, sondern sie sollen sich bemühen, ihre Freundschaft zu erringen. Das wird nicht immer leicht sein, weil leider schon in sehr vielen Schulen der Einfluß des Nationalsozialismus sich .übermächtig geltend macht, besonders in den Kleinstädten; aber wo es ohne seelische Schädigung unserer Kinder möglich ist; sollte man ihren Verkehr mit christlichen Kindern kräftig fördern und sie immer wieder zu. taktvoller Zurückhaltung und zu Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft ermahnen. Denn schon unsere Kinder sollen es wissen, daß sie sich als Juden mehr denn jeder andere zu beherrschen haben, daß sie immer überlegen müssen; wie ihr Verhalten auf andere wirkt; Man präge ihnen ein, daß. jeder einzelne Jude durch sein Verhalten die Verantwortung für die Gesamtheit seiner Glaubensgenossen trägt Wenn sich ein jeder Jude dieser hohen Verantwortung bewußt ist, wenn er seine christlichen Mitbürger nicht meidet, sondern die Verbindung mit ihnen sucht, wenn er Streitigkeiten vermeidet; wenn er als i Walther Rathenau.i ermordet am 24. Juni 1922; ‘Arbeitgeber gütig und gerecht, als Arbeitnehmer pflichttreu und zurückhaltend ist, wenn er die Not derer zu (mildern bestrebt ist, die ärmer sind als er, dann werden so viele Brücken -entstehen von Mensch zu Mensch, ]zwischen Christ und Jude, daß selbst eine steigende Haßflut' des Nationalsozialismus sie nicht hinwegreißen kann. Die Judenfrage. Von Hed-wig Ries. In allen Köpfen und Herzen denkender und betrübter jüdischer; und auch wohlwollender oder gehässiger1 nichtjüdischer Menschen drängt und quält das Problem: „Wie ist die Judenfrage zu lösen?“ Je nach der Einstellung zum Judentum und zu den Juden werden Erörterungen und Vorschläge aufgebracht. Von der inneren Umgestaltung an bis zur Gesamttaufe aller Juden,- von der immer fester zu knüpfenden! Verbundenheit der Juden mit ihren verschiedenen Heimat- und Aufenthaltsländern und deren Bevölkerung bis zur vollständigen Isolierung in einem : eigenen zu schaffenden Staatengebilde. Fast) jeder dieser Vorschläge enthält ein Körnchen Wahr- : heit; jede auf irgendeinem dieser Gebiete geleistete Arbeit ist wertvoll und hilft irgendwie vorwärts. Ja, selbst Haß;.und Unrecht hat treibende Kraft Aber keins dieser Momente bedeutet Lösung des Problems. ' Denn es gibt nur e i n e Lösung; Die Judenfrage wird einzig und allein gelöst werden durch ■ die Kultur der Völker, der Menschheit! Sie ist und wird sein eine Frage der Ethik, der- Geistes¬ und Gesinnungsstufung unter denjenigen Menschen, die das Uebergewicht, den großen Einfluß, die unentrinnbare Suggestion haben, die Führer zum wahren Aufstieg sein können. Wir leben in einer Zeit, in der Machtgelüste, Brutalität, sinkende Moral und steigende Not, Jagd nach materiellen Gütern, die Welt beherrschen. Menschen, die „guten Willens“ Sind; die Frieden, Gerechtigkeit und Liebe ersehnen,- dafür kämpfen und in ihrem eigenen Leben zu verwirklichen trachten, sind überaü noch in der Minderheit, werden von den treibenden Kräften der Unkultur einfluß- und machtlos gemacht, wenn nicht gar verfolgt. . j . Alle Arbeit für den Menschen!und am Menschen muß daher das eine, einzige große Ziel'haben, -kulturfördernd zu wirken, geistig, ethisch, hinaufpflanzend! Niemand unter uns lasse sich durch Rohheit und Unrecht, durch Stockung und Rückschritt beirren. ( Niemals mehr als heute gilt es, Israels Panier durch die Zeiten zu tragen. So i gewiß auf jede Nacht der helle Tag, so gewiß auf tiefen, harten Winter der lichte Frühling mit seiner Wunderkraft folgt, so gewiß wird die Menschheit heranreifen und emporklimmen auf mühsam-langem und schmerzvollem Weg. Und .dann wird die Judenfrage gelöst sein. Auf, Ihr Arbeiter am Kulturwerk, ermüdet und erlahmt nicht! lAuf. Ihr Geistesarbeiter. Ihr Friedensfreunde. Ihr Erzieher, Ihr Eltern! Jugend, Du. und in erster Reihe Du! Jeder, der Menschenantlitz trägt, ist berufen! Walther Rathenau, ermordet am 24. Juni 1922. Am 24; Juni jährte sich zum:zehnten Male der Tag, an dem Walther Rathenau von Mörderhand fiel. Die Reichsregierung veranstaltete eine Feier im Rathenau- Haiis im Grunewald, zu der Reichspräsident, Reichskanzler und Auswärtiges Amt Vertreter entsandt hätten. Am Grabe Rathenaus und ebenso an der Mordstelle in der Königsallee sind unzählige" Kränze niedergelegt worden; ah beiden Stellen standen am Todestage.Ehrenwachen des Reichsbanners. ' Die Presse hat -Rathenaus große Persönlichkeit und die Tragik seines Endes in vielen Artikeln gewürdigt Wir selbst haben einen Gedenkartikel für eine besondere Gelegenheit in den nächsten Wochen zurückgestellt. ~ .__• | Gedenkworte für James Simon. In den Berliner Synagogen wurde im Verlaufe des Gottesdienstes am Schowuaußfeste im Rahmen der Seelenandacht des Ablebens des Präsidenten des Hilfsvereins der Deutschen Juden, James Simon, gedacht. Auch in vielen Synagogen im Reiche wurde der Name James Simon in die Seelenandacht eingeschlossen. ' l. i i £' ■ Max Liebermann. Za seinem 85. Qeiudstag. am 20. Juti 1932. Von Dr. Ar t h u r G alji ner, Frankfurt a. M.*) . „Das Höchste; wozu es der Mensch bringen kann, ist: sich zur Freiheit durchzukämpfen, seiner Intuition folgen zu dürfen. Die Freiheit wird einem nicht geschenkt, sondern sie., muß erobert werden, und dieser Kampf heißt das Leben.“ Mit diesen Worten — sie sind, einem Brief vom August vorigen Jahres an den Schreiber dieser Zeilen entnommen —! gibt , der Vier- - iindachtzigjährige die'.Quintessenz seines Daseins, seines Ringens uiid Strcbens! Er bekennt sich mutig zu dem Sprach, den Goethe seiner Selbstbiographie vorangestellt: ’<> pü Zxpsi; c-j r.x-.lj-ii-x-.': „Der Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht erzogen.“ Und er”hat sicli darum immer mit Ernst und Eiier für eine Erziehung eingesetzt, die kraftvoll den ganzen Menschen erfaßt, die ihn durch Kampf und ehrliche Arbeit zur Freiheit führen will. ■ ' _ Liebermann als Erzieher! Das Thema weckt die Erinnerung an ein schon fast vergessenes' Buch, das vor mehr als vierzig Jahre'n ungeheures Aufsehen erregte,1 an das vielgerühmte und vielumstrittene Buch „Rembrandt als Erzieher!“ Ein widerspruchsvolles Buch! In der Absicht und mit dem heißen Wunsche geschrieben, das deutsche -Volk .vor kulturellem-Zerfall .zu retten, mischt der Verfasser Wahres mit Falschem, koppelt zwei unvereinbare Gedankensysteme und Willensrichtungen zusammen: Paul de Lagardes Sehnen nach neuer vertiefter Gemeinschaftsbildung; seinen Kampf gegen Kultur,. Politik, Konfession, mit-der Ideenwelt Nietzsches, dem jede Gemeinschaft Mißtrauen erregte, der jede Gemeinde als „Herde“ erklärte, — zwei Welten also, unvereinbar wie Wasser und Oel. Aber gleichgültig, was er, der „Rembrandt-Deutsche“ aus Rembrandt machte — er sah in ihm den Inbegriff selbständig echten deutschen. Wesens und somit den_Erzieher der deutschen Nation. Darum: „Zurück zu Rembrandt!“ Nicht zu seiner Malweise, sondern zu seiner Denkweise! Sich selbst treu bleiben, aber mit Rembrandts ■ *) Wir verweisen unsere Leser!auf das vom gleichen Verfasser - im Verlag J. Kauffmann, ( Frankfurt: a. M. erschienene Buch „Max Liebcrmann, der-:Künstler-‘und der Führer“. | Augen in die Welt blicken, aus eigener Natur schöpfen, zu-;! gleich aber auch; aus seinem Volkstum, seinem wichtigsten : : Verhältnis. Um so mehr wird der Mensch leisten. In prophe-' . tischen Worten verkündet der Verfasser dem deutschen Volk einen Messias niederdeutschen Stammes, der die dritte Refor-! mation vollziehen und das künstlerisch^ Zeitalter heraufführen werde — unter dem-Zeichen Rembrandts! Wußte er nicht, daß im Lande Rembrandts damals ein Künstler große Werke schuf und als Mensch ydrkte, der mit Rembrandts Augen die Welt, das Leben, die Menschen schaute, der verzückt in Amsterdams Gassen ausrief: „Das alles ist Rembrandt!“, der aber zugleich sich y ganz j und gar treu! blieb —: Jozef Israels, der Schöpfer einer neuen künstlerischen Kultur in Holland!? Und ahnte er nicht, daß im Zentrum Niederdeutschlands, in Berlin, ein Künstler lebte und zum kupstpolitischen Führer wurde, auf den die Charakterschilderung des Zukunftskünstlers durchaus zu passen schien, nur daß er aus dem verhaßten Berlin stammte und; aus dem nicht minder, gehaßten Judentum —: Max Lieber-: mann!? -- Es ist fraglich,1 ob der „Rembrandt-Deutsche“ (Langbehn) jemals in Liebermann den Künstlerheros seiner Sehnsucht erblickt hätte, es ist aber keine Frage, daß Liebermann nicht nur die treibende Kraft für das Kunstleben Berlins, sondern geradezu eine Macht im kunstpolitischen Leben Deutschlands darstellte, daß er der künstlerische Erzieher Deutschlands wurde,: der — ganz im Sinne Langbehns — Altes und Neues in der rechten Weise mischte, der- Künstler und Politiker in Einem ist und der [ stets bekundet:- Kunstpolitik ist Geistespolitik! Er schreibt, redet, bestimmt den Geschmack der Gesellschaft; er erobert: die modernen Menschen für die Kunst, wie Jer die moderne! Kunst für die Menschen erobert Er hat die) deutsche Kunst wieder im Ausland zu Ehren gebracht bat aber auch die aus-: ländische. Kunst in unser Land zu ziehen gewußt und hat die: Deutschen zur Erkenntnis dessen, gebracht was in künstle-: rischen Dingen not tut Die zersplitterten-Kräfte hat er gesammelt bat in die Zerfahrenheit unseres. Kunstlebens Einheit und Zielbewußtheit zu bringen verstanden,j wahrlich: erzieh e rische Leistungen von ungeheurem Ausmaß.; Das alles hat er "erreicht, nicht allein durch Wort, und Schrift durch Verwaltungsarbeit und diplomatische Verhandlungen, sondern letzten Endes durch seine persönlichste Leistung, durch SeineKünst Wäre diese nicht so stärk und gut so überzeugend — nie und nimmer hätte er den Einfluß gewinnen können. - Seine Kunst: ist gut weil sie in der Tradition wurzelt weil sie vom modernem Geiste' erfüllt ist, weil sie — trotz aller Einflüsse und Rezeptionen — ganz persönlich, ganz Liebermannisch bleibt Von allen zu lernen und doch ein Eigener zu bleiben — darin liegt die starke Fähigkeit zur Selbsterziehung. Wie er seine Lehrmeister sich sucht, wie er nicht rastet, bis er in bedeutenden Werken die empfangenen Eindrücke verarbeitet und in selbstgeprägter Form gestaltet hat, das offenbart die Aufgeschlossenheit und zugleich! Abgeschlossenheit seiner künstlerischen Natur. Und es gibt kein Ende in seiner Entwicklung — der „immer rege Trieb‘‘ drängt ihn vorwärts; ist ein Ziel erreicht, wird schon ein neues gesteckt, einen Stillstand kennt er nicht. Kunst, ist ihm ein ewig Bewegtes, ein Flutendes: jeder Stillstand, jedes bindende Gesetz, jedes Dogma wäre ihr Tod und der seine. „Ich habe die Kunst, alt zu sein.' immer noch nicht gelernt“, schreibt er mir vor wenigen Tagen. Seine Kunst will und soll nicht Abschrift der Natur sein. „Das Unsichtbare sichtbar zu machen, das ist, was wir Kunst nennen.“ Ein Künstler, der darauf verzichtet, das Unsichtbare, das hinter der Erscheinung liegt — nennen wir es Seele, Gemüt, Leben —. vermittelst seiner Darstellung auszuwirken, ist kein Künstler! ';,Aber der Künstler, der auf die Darstellung der Erscheinung verzichten 'wollte, zugunsten einer starken Auswirkung seines Empfindens, ist ein — Idiot Denn wie soll das Uebersinnliche ohne das Sinnliche begriffen werden?“ Damit scheidet er sich deutlich vom konsequenten Naturalismus. : Nicht die Wirklichkeit selbst sondern das'Verhältnis des Künstlers zur Wirklichkeit bedingt seine Kunst Er sieht die Natur nicht nur optisch, sondern erschaut sie als lebendiges Ganzes und erschauert darob in ■ der Seele: „Nur wer den ' Odem Gottes in der Natur spürt, wird in Wirklichkeit lebendig gestalten können.“ Mit diesen Worten entbüilte er das tiefste Geheim'nis seiner Kunst: höchste Sensibilität gegenüber allen Erscheinungen in der Natur;- das Spinozistische „natura sive deus“ kommt seiner Weltanschauung am nächsten, er erlebt es und gestaltet dieses elementare Erlebnis. Diese tiefe Erkenntnis der Welt und der Dinge bat seine Kunst vor plattem. Realismus bewahrt, hat ihr die Stärke verliehen, auf Genera-, tionen erzieherisch zu wirken, und ihm zugleich die Freiheit des Urteils.'gewahrt, durch-die er der Jugend weiten' Ranm l