Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 7 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Draan ter^erefoteung för ba* tfoero(e Jutenfuttt e. } Bezugspreis: .VlerteBährBch LSD RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei aßen Postämtern angenommen. Anzeigen nach Tarli. — Bel Nichterscheinen Inlolge Streiks oder höherer Gewalt besteht kein Anspruch aul Nachlieferung oder Rückerstattung der Sie „Mfr-Metole 3ei&tngueif$ebif am Land 15. jedes Monats. -Redaktion und Geschäftsstelle; Berlin SW 11, Haliesche Str. 1 Fernruf: F 5, Bergmann 3358, 3359. Bankverbindung: Kreditverein lUr Handel u Gewerbe e. Q. m. b. ft, Berlln N24. Postscheckkonto: - Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 64. . Vereinigung für das liberale Judentum e. V.: J Berlin 1370 69. nur für dhj*aig*a Aufsätze, dl* atudrtckUch alt ta ihrem Noam oAr la ihrem Auftrag* verfaßt geheuazekkaet tbd, di* Venetvertueg. Al Nr. 7 Berlin, 1. Juli 1932 12. Jahrgang Machet einen Zaun um den —Liberalismus! Von Dr. Siegfried Braun (Köln). Vorbemerkung. Mit der Veröffentlichung des nachstehenden Aufsatzes mochten wir die Diskussion über ein oft behandeltes Problem wieder eröffnen, ohne daß wir uns deshalb mit den Ausführungen des Verfassers in allen Teilen identifizieren können. Schriftleitung. Der Vorsitzende der „Vereinigung für das liberale Judentum“, Heinrich Stern, hat in Nr. 4 dieses Blattes sehr beachtenswerte Gedanken über die Arbeit im liberalen; Lager geäußert. Sie verdienen es, weiter ausgesponnen und zu letzter Klarheit gebracht zu werden; denn nur dann, wenn die religiöse Situation, in der sich die fortschrittlich gesonnene Judenheit befindet, bis ins Tiefste hinein erkannt wird, ist die Möglichkeit gegeben, aus der Krise herauszukommen, deren Vorhandensein niemand leugnen kann, der sich einen klaren Blick bewahrt hat 'Mir scheint ein Satz aus dem Aufsatz Sterns von grundlegender Bedeutung zu sein.. „Es wäre“, so schreibt er, „freilich an der Zeit, zu ' prüfen, ob der alte Liberalismus, aufgebaut auf schrankenlosem Individualismus? heute unverändert aufrechterhalten werden kann.“ Zwar meint der Verfasser hier nicht den religiösen, sondern den politischen Liberalismus; aber es ist doch unverkennbar, daß im Hintergrund der weiteren Darlegungen auch die Sorge, steht, wie wir auch auf religiösem Gebiet dem Begriff „Freiheit“ eine andre Fassung geben könnten. Ganz deutlich spüren wir diesen Unterton in den Worten: „Wenn auch von dem Begriff des Liberalismus im übliche?! Sfime^auf' ijnserd Bewegung -iwei wesentliche Faktoren übernommen sind, nämlich die. Anerkennung der Fortentwicklung und die Betonung des Rechts des Individuums gegenüber den Geboten der Gemeinschaft, so hat das liberale Judentum doch stets erkannt, daß diese beiden Säulen allein das Gebäude nicht tragen.“ Und auch in den folgenden: „Wir wollen kein Berliner, Hamburger, Königsberger, Münchener -Judentum, sondern ein deutsches liberales Judentum.“ Damit ist in aller Deutlichkeit ausgesprochen, daß liberales. Judentum ohne den’ auf einer unverrückbaren Grundlage ruhenden consensus omnium nicht die Kraft in sich trägt, gemeinschaftbildend zu sein. Es ist interessant zu lesen, was einer der Theoretiker des Liberalismus, Rabbiner Dr. L e w k o w i t z, in seiner Broschüre über die „Grundsätze des jüdisch-religiösen Liberalismus“ (Seite 15) ausführt: - „Unsere liberalen Parteigenossen müssen lernen, daß sie nicht nur liberal, sondern auch Juden sind und zur jüdischen Gesamtheit gehören. Sie dürfen nicht nur ihren Liberalismus, das Recht der Kritik und die Freiheit betonen, sondern müssen stärker als bisher ihre Zugehörigkeit zum geschichtlichen Judentum empfinden und die bindende und verpflichtende Kraft der Ueberlieferung anerkennen.“ Mehr kann auch der orthodoxeste Rabbi nicht verlangen. Es bedarf keines besonders großen Scharfsinnes, um die Hilflosigkeit herauszuspüren, der sich der Autor gegenübersieht, und um die Zwiespältigkeit zu finden,, die — das ergibt sich aus der Natur der Sache — allen derartigen Darlegungen anhaftet Indem zwei Grundhaltungen gefordert werden, die-sich nun einmal , nicht vereinigen lassen, werden diejenigen, an die die' Forderung ergeht, in die imangenehme Lage gebracht, in der sich — lehawdil — der bekannte Esel des Buridan fand, als man ihn zwischen zwei gleich große Heubündel stellte; er vermochte sich nicht zu entscheiden und mußte elendiglich verhungern. — .Ohne eindeutige Entscheidung werden wir nicht weiterkommen. Freilich will mir scheinen, als ob die von Heinrich Stern gewünschte Ueberprüfung der liberalen Grundsätze längst erfolgt sei. Es gibtkein Bekenntnis, dem nicht dogmatische Grundbestände wesensgemäß mitgegeben wären. Diese Meinung, kann niemand widerlegen; der sich klar darüber ist, in welcher Weise sich religiöse Gemeinschaften herausbilden. Es ist der in liberalen. Kreisen leider viel zu wenig gekannte . jüdische Denker Ach ad. Ha am gewesen, der einmal sehr treffend dargelegt hat,'wie der Protestantismus nicht etwa das ganze Dogmengefüge der Kirche verworfen, sondern wie er einen gewissen Bestand Die nächste Nummer der Jüdisch-liberalen Zeitung' (Nr. 8 vom 15. Juli 1932) erscheint als Sondernummer: Jüdische Aufbau-Arbeit'. Jüdisch-liberale Weltverbands-Tagung 4. bis 8. August im Haag. Konferenzthema: „Die Ueberwindung der falschen Assimilation durch das liberale Judentuiq,“ Die World Union lor Progressive Judalsm (Weltverband für religiös-liberales Judentum) hält vom 4. bis 8. August lm Zusammenhänge mit einer Vörstandssltznng eine Tagung ab. Das vollständige Programm wird noch bekanntgegeben; schon beute können folgende Einzelheiten mltgeteilt werden: Donnerstag 4. August, abends, oder Freitag, 5. August, nachmittags: Zusammenkunft der liberalen Frauen unter Leitung von MIß Lilly H. Montagu. / Freitag, 5. August, abends: Gottesdienst. Sonnabend, 6. August, morgens: Gottesdienst der liberalen Jugend; abends, 8,30 Uhr: Empfang der Konferenzteilnehmer mit Ihren Damen durch die holländische Jüdisch-liberale Vereinigung. Sonntag, 7. August, nachmittags, 3 Uhr: Round Table- Konferenz des Weltverbands-Vorstandes mit Gästen; Thema: „Die Ueberwindung der falschen Assimilation _durch das liberale Judentum.“ . abends: Oeßentljche Veranstaltungen Amsterdam. Montag, 8. August: interne Sitzung des Weltverbändvorständes. Für Konferenzteilnehmer, die nicht Vorstandsmitglieder sind: Besichtigung von Amsterdam. Die Vereinigung für das liberale Judentum als deutsche Sektion. des Weltverbandes ladet ihre Mitglieder zur Teilnahme an der Konferenz durch ein Rundschreiben ein, in dem es u. a. heißt: — 1 Im Zusammenhänge mit der Vorstandssitzung des Weltverbandes ist — weil infolge der wirtschaftlichen Lage eine Vollkonferenz nicht stattfinden kann — ein Zusammentreffenaller interessierten Liberalen geplant ,Wir rechnen mit recht zahlreichem Erscheinen unserer Gesinnungsfreunde aus Deutschland, schon um der neuen holländischen Gruppe des Weltverbandesdas brüderliche Interesse der Liberalen. der ganzen Welt zu zeigen. Die Teilnahme an; der Konferenz ist jedem Gesinnungsgenossen'nach vorheriger Anmeldung gestattet Unsere holländische Qruppe ist noch“ jung'und verhältnismäßig wenig zahlreich. Wir .sind daher leider nicht in der Lage, Pravitquartierfe .versprechen zu können. Jedoch hoffen wir, daß eine Reihe von Gesinnungsgenossen von der sicherlich außerordentlich anregenden Möglichkeit, -gern Gebrauch machen wird, mit den Freunden von diesseits und jenseits des Ozeans in Meinungsaustausch zu treten und die alten persönlichen Beziehungen zuj erneuern. Für manche von unseren' Freunden wird sich ja auch diese Reise mit der Sommerreise' verbinden lassen. Besonders wünschenswert wäre es, wenn unsere Freunde aus dem Rheinland, Westfalen und OsflrleslauJ. für die ja die Reise nach Holland nur .einen geringen' Aufwand an Zelt und Geld bedeutet, unsere Gesinnungsfreunde in Holland durch ihre Anwesenheit erfreuen und die Junge jüdisch-liberale Bewegung in Holland fördern würden. Wir bitten diejenigen unserer Mitglieder und Freunde, welche an der Zusammenkunft hr Holland teilnehmen wollen, uns sogleich unter genauer Adressenangabe Nachricht zu geben, damit wir die: Anmeldung an MIß Montagu nach London weiterleiten und die Zustellung des olfizlellen Programms dann erfolgen kann. I . t Vereinigung für das liberale Judentum e.’V. Berlin SWTI7 HallescheStr. 1. Reichsbund jüdischer Landesverbände im Werden. . Verständigung zwischen Nord- und Süddeutschland. Baden-Baden, .26. Jonl (Prlvat-Telegramm für die „Jüdisch-liberale Zeltnng“). Vertreter des Preußischen Landesverbandes und der süddeutschen Verbände haben sich bebte In Baden-Baden zu einer eingebenden Aussprache über die Bildung der Relchsorganlsation zusammengefunden. Das Ergebnis Ihrer Beratungen berechtigt zu der Annahme, daß auf der gewonnenen Grundlage eine vollkommene Ver-. ständlgung erzielt wird; dieses Ergebnis soll nunmehr den einzelnen Verbänden zur Stellungnahme zugeleitet werden. Wie erinnerlich,'hatte bereits am 22. Mai in Frankfurt am Main eine Konferenz von Vertretern aller jüdischen Landesverbände stattgefunden; jedoch war es damals nicht möglich gewesen, die Reichsverbandsangelegenheit voranzubringen, weil gegenüber dem vom Preußenverband vor langer Zeit-ais Verhandlungsgrundlage ausgearbeiteten Verfassungsentwurf die Vertreter der süddeutschen Landesverbände Abänderungsvorschläge machten, zu denen die preußischen Vertreter nicht ohne weiteres Stellung nehmen konnten, so daß eine zweite Zusammenkunft für den 26. Juni in Baden-Baden verabredet wurde. Inzwischen'waren die süddeutschen Wünsche schriftlich -niedergelegt und dem Preußenverband übersandt worden, so daß im Verlaufe der Tagung des Großen Rates am 19. Juni in Berlin über die j süddeutschen Wünsche beraten werden Die Mitteilung 'eines in Köln, erscheinenden indischen Blattes, daß die Gründung des Reichsbundes gescheitert sei. entbehrt nicht nur, wie die obige Nachricht zeigt, leder Grundlage, sondern sie muß auch deshalb alsunverantwortlich bezeichnet werden, weil das genannte Blatt seine unrichtige Mitteilung mit völlig aus der Luft gegriffenen Vorwürfen gegen, die preußischen Unterhändler verknüpft hat, als wollten diese durch besonders rigorosen Widerstand 'gegen die sfiddeutschen Wünsche den Reichsbund mit Absicht zu Fall bringen. Dem- Preußenverbande aus die Gründung besonders eifrig betrieben-worden ist, und daß ja auch -die „Jüdisch-liberale Zeitung“ im vollsten Einvernehmen mit der Liberalen Fraktion des Preußischen Landesverbandes sich fortgesetzt und mit größtem Nachdruck für die Gründung eingesetzt hat Wir begrüßen-es, daß nuninehr zwischen den Vertretern der nord-- und’ süddeutschen Landesverbände eine vollkommene Verständigung stattgefunden bat, welche eine brauchbare ' Grundlage fßr die demnächstlge Schaffung der Reichsorganisation darstellt. Ueber die weiteren Verhandlungen werden wir'unsere Leser auf dem Laufenden dieses Gefüges übernommen habe; völlige Dogmenlosigkeit sei auch ihm sinnlos erschienen. Ebenso müsse, so führt Achad Haam dann weiter aus, auch in jedem wie immer sonst gearteten Judentum Dogmatisches anerkannt werden, wenn anders nicht der. Weg zum .religiösen Nihilismus offen bleiben solle. 1 Hier liegt meines Erachtens der allein mögliche Ausgangspunkt jeder kommenden geistigen Auseinandersetzung Innerhalb des Liberalismus. Wollen wir .endlich aus dem Stadium ständiger Verwässerung und Verflüchtigung aller, jüdischen Gehalte herauskommen,'so wird es nötig sein, „einen Zaun um ..die- Thorah zu machen“, nicht im Stil des rigorosen Rabbinismus, aber doch auf dem Fundament eines Dogmas. Wie .dessen Beschaffenheit zu sein hätte, das zu eruieren wäre Aufgabe der Männer, die das .Judentum mit all seinen Weiten und Tiefen aufs gründlichste kennengelernt haben. Ich bin mir sehr wohl der ungeheuren Schwierigkeiten bewußt, die sich dieser geradezu revolutionär anmutenden Tat entgegenstellen: auch der Gefahren, die sich aus der entschlossenen Abkehr von altgewohnten Ideologien ergeben. Ich sehe aber keinen andern Weg, um endlich einmal sicheren Boden unter die Füße zu bekommen.' Religion und Freiheit im Sinne eines schrankenlosen Individualismus sind nicht vereinbar, wenn es | sich darum handelt, den Fortbestand einer religiösen; Gemeinschaft sicherzustellen. Der Mensch, der glaubt, der Verbundenheit mit andern entraten zu können, mag seine Beziehungen zur Gottheit . nach eigenem Ermessen gestalten; wer dagegen sich einer während dreier Jahrtausende gewordenen und geistig durchgebildeten Gruppe .verhaftet findet, der braucht der festen Form, unter deren Schutz sein Dasein das rechte Gleichgewicht bekommt.