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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-06-15 · 6 (15.6.1932) · page 4

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
6 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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is&Tr: ^»'*w ^^•JSiäening:|der wirtschaftlichen Existenz und Politische >J^Jrreiheit. pari man uns vorwerfen, wenn wir für 'das. Gleiche tun?! Doch "Ist unser Ziel ^-vfeut^anderes:': Judenheit ist Trägerin des Judentums: die ■3.;* *r ib*..*:. j3£ “-s Judenlsoll|tt Wurzel fassen hier in ihren|;europäischen V_Heimatländern und'übefall in der Welt, damit däs Judeni . tum Wurzel fasse in der Welt.' Der -Gott des Judenf ’, tums ist klein-Gott der Juden, sondern Gott der Welt. I - Deshalb kennen wir auch kein Judentum um d^s. Juden* tums willen, t kein Judentum .der Selbstgenügsamkeit, kein Judentum im Winkel wollen, sondern ein emanzipiertes Judentum der Weite und der Tiefe. Darum sprechen wir nicht j/om Galuth, sondern von der Emanzipation; nicht "von Galuth-Verneinung, sondern von Geschichtsbejahung. Und wertn vorhin für die Idee des Judentums die Entwicklung verneint .wurde, für die Wirklichkeit des Judentums wird "sie bejaht: Verwirklichung des Judentums in der Welt, Emanzipation des Judentums ist dieser: Entwicklung Inhalt und Sinn. i . , Ein zweites Heim! -für erwerbslose jüdische Jugendliche in Berlin. h: "!. Das JugendpTlegedezernat der Jüdischen Gemein ie Berlin, die Berufsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde und der Reichsausschuß der jüdischen .Jugendverbände haben mit Unterstützung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden in den Räumen, des städtischen Jugendheims Charbttenburg, Goethestr. lff, ein zweites Heim für erwerbslose Jugendliche eröffnet Das Heim ist an allen Wochentagen in dpr Zeit von 2—6 Uhr geöffnet und bietet Gelegenheit zu beruflicher Fortbildung, sportlicher Betätigung und geselligem I Zusammensein. Unter zahlreichen: Hilfsaktionen, die vou| der Jüdischen Gemeinde zur Beseitigung der Not der jüdischen 1 Erwerbslosen eingeleitet worden sind, haben sich vor allem; die Maßnahmen für! die Jugendlichen bewährt, die einen Zusammen- ■ Schluß der; erwerbslosen Jugend in besonderen Helmen vorsehen. Audiin dem bereits im letzten Winter geschaffenen Heim in der Auguststraße 14/15 werden Kurse veranstaltet, die in benifsfürsorgerischer Hinsicht. den 'Jugendlichen Gelegenheit geben sollen, sich für den künftigen Beruf weiter vor- und fortzubilden.; Das fünfte Altersheim der Jüdischen Gemeinde Berlin. Vor kurzem ist mit den Umbauarbeiten: für das fünfte Altersheim der Jüdischen Gemeinde in Köpenick begonnen worden. Dort, wo bisher das Heim des deutsch-israelitischen Gemeindebundes'untergebracht war, soll jetzt ein der Neuzeit entsprechendes, mit allem notwendigen Komfort versehenes Altersheim entstehen. Die Anstalt wird 60 Betten enthalten, die Zimmer werden einfach, aber geschmackvoll gehalten sein, und in der Durchführung des Baus soll mit allen Mitteln die Erzielung einer größtmöglichen Behaglichkeit erstrebt werden. Das Haus wird einen besonderen Betsaal aufweisen, ferner ist für ein Arztzimmer gesorgt Die Bauarbeiten sollen so beschleunigt werden, daß mit der Eröffnung: des Heims binnen kurzer Frist zu rechnen ist. Wenn auch nicht zu hoffen ist, daß mit der Eröffnung der fünften Anstalt die Bettennot in den Altersheimen, der Gemeinde behoben sein wird, so wird doch immerhin an dem Tage, an welchem das Heim in Köpenick seine Pforten öffnet, eine Miiderunglzu verzeichnen sein. Zum Etat Berliner Von gut unterrichteter Seite erhalten wir folgende Zu- •schrift: I " {; Der 'Etatausschuß;der Berliner RepräSentanteriyersammfung ist inj die Beratung des vom Gemeindevorstaiid vorgelegten Etats 1932: eingetreten, die Plenarberatungj soll im Laufe des Juni folgen. Der Zeitpunkt erscheint damit; gegeben, auch unsere Leser über die Finanzgebahrung der Berliner Gemeinde zu unterrichten. - ji Mit einem Wort der Kritik muß begonnen werden. Es entspricht nicht richtigdn Prinzipien der Finanzwirtschaft, daß ein Etat erst iri der Mitte des Etatjahres zur Verabschiedung gelängt Es ist gewiß zu verstehen, daß .eine gründliche Etatsberatüng bei Körperschaften, deren Mitglied ft ehrenamtlich und ohne Diäten tätiir sind und daher nicht iederzeit zur Ver- und ohne Diäten tätig sind und daiier nicht jederzeitjzur Verfügung stehen können, schwer in'kurzer Zeit durchzuführen . ist Trotzdem müßte durch organisatorische Maßnahmen zu erreichen sein, daß der Etat, wenn er dem Gemeindevorstand rechtzeitig, d. ti. vor. Beginn des Jahres, vorliegt (und das ist auch diesmal der Fall gewesen), alsbald verabschiedet und der Repräsentantenversammlung zugeleitet wird. | In diesem Jahre hat freilich der gerügte‘Uebelstand auch ein Gutes gehabt Es; war und ist möglich,, noch während der Etatberatungen Erfahrungen zu sammeln,, sie bei der ßeschluß- .fassung zu verwerten und damit dem Ideal der Uebereinstimmung von Anschlag und Ausgabe ein Stück näherzükommen. Dabei hat -sich erwiesen, daß sich bisher die ursprünglich gehegten-Befürchtungen, es sei wegen der Labilität ■ unserer gesamten Verhältnisse in diesem Jahre überhaupt nicht möglich, Finanzpläne, auf länge Sicht zu machen, nicht {realisiert haben.' Freilich ein politisches oder finanzpolitisches Ereignis kann immer' noch von einem zum andern Tag alle Kartenhäuser der öffentlichen (und privaten) Wirtschaft zum Einsturz bringen. [: -t' ETs sei davon abgesehen, unsere Leser durch eme Fülle . von Etatziffern zu langweilen. Nur die wichtigsten seien geriannt Der Etat schließt in Einnahme und Ausgabe mit einem -Betrage von!'! |! J J0281312.10 Reichsmark; .; i ' zieht man hjervon diejenigen Posten ab. die ihrer besonderen Natur nach mehrmals erscheinen, so verbleibt die Sufnme von etwa 9 ü Millionen Mark. Um diesen Betrag zu decken, ist ein Steuerbedarf von 4 891 800,— RM. vorgesehen: Mit dieser .Zahl sei das SteuersoU des letzten von den Gemeindebehörden verabschiedeten Etats verglichen, des Etats von 1930 mit 7035341,— RM. Zu diesem Vergleich ist anzumerkeri, daß im Jahre 1930 die — damalige — Verwaltung mit einim Fehlbetrag von etwjr' 1 Million RM. gewirtschaftet hatj: obwohl 1930 fast das: ganze Steuersoll eingegangen ist: Es sollen also gegenüber dem Verbrauch von 1930 etwa 3 Millionen RM. eingespart Tülerden, gegenüber dem des Jahres 1931; in dem : der Steuereingang einschließlich des zu Beginn dieses Jahres erhobenen -Notopfers etwa 6700 000,— RM. : betrug, etwa 2 Millionen RM. ]| Der Wirtschaftskrise und dem in ihrer Folge zu erwartenden Steuerrückgang ist also in erheblichem Maße Rechnung getragen — ‘ob.in genügendem, wird5 sich zu zeigen haben: Fast könnte:!man es bezweifeln, wenn man sich vor Augen hält, welche: rapiden Fortschritte die Krise im Jahre 11931 ge- : macht hat Das Einkommen :der Zensiten der. Gemeinde besteht zu einem sehr erheblichen Prozentsatz j aus dem Ge- : schäftsgewinri von Handel und Gewerbe. : Wie viele Unter-: r nehmungen aber gibt es, die .im Jahre 1931 ihre Bilanz ohne i Verlust abschließen konnten? Die Reichseinkommensteuer- : Ziffern für das Jahr 1931 werden voraussichtlich erst; im Juli - oder August vorliegen. Fast könnte man es. bedauern; daß die Beratungen der Gemeindekörperschaiten sich nicht noth etwas ■ länger, bis zum,Eintreffen dieser Ziffern, hinziehen: dürften. Denn nipht gering ist dier Gefahr zu veranschlagen.!, daß aus Steuervorauszahlungen, die auf den Einnahmeziffern des . Jahres 1930 beruhen, falsche Schlüsse gezogen und Hoffnungen erweckt werden, die sich nicht realisieren lassen, j ■ Es ist klar, daß schon die aus den angegebenen Ziffern ersichtliche Einnahmereduktion größte Sparsamkeit | bei den Ausgaben zur Folge haben muß, wenn erneute erhebliche Etatsfiberschreitungen vermieden werden solferiJ Die Sparsamkeit ist in einer Richtung der Gemeinde sehr erleichtert wori den— hinsichtlich aller Personalausgaben, die durch)die verschiedenen Reichsnotverordnungen in erheblichem {Umfange gesenkt werden. Die Gehaltsreduktionen, die (sich (die Beamten- und Angestelltenschaft hat gefallen lassen müssen, belaufen sich seit Anfang 1931 auf etwa 28 Prozent der Anfangsgehäitcr, einen Prozentsatz, der sicherlich '■ über das Maß . der seither, .eingetretenen. Senkung der Lebenshaltungskosten nicht unerheblich hinausgeht Es ist daher gewiß zu {billigen, daß der Gemeindevorstand bei den mittleren und vor allem den untersten Gehaltsgruppen nicht, die äußersten, ihm rechtlich gebotenen Möglichkeiten der Gehaltssenkung erschöpft! hat Aber auch bei den Subventionen und den Sachausgaben aller Art mußte im einzelnen größte Sparsamkeit vorgeschrieben werden t— noch wichtiger wird sein, daß auch alle Dienststellen der Gemeinde sich die gegebenen .Notwendigkeiten jederzeit vor Augen führen! uid daß die Ansätze auch durchweg innegehälten werden. , j Dabei wird der vorgelegte Etat/im ganzen durch: einen ausgesprochen konservativen Zug g/kennzeichnet Jedes einzelne Aufgabengebiet dem sich die Gemeinde gewidmet hat wird aufrecliterhalten: bei aller Sparsamkeit im einzelnen wird jeder Leistungsabbau vermieden. Das aber ist die eigentlich entscheidende: Frage, die die Etatskritik wird beantworten müssen, ob diese konservative Haltung zu billigen ist oder ob der gemeindepolitische Umschwung eine grundsätzliche Neuorientierung hätte zur Folge haben sollen. Die Aufgabeh des Wohlfahrtswesens der ’ Gemeinde sind in Zeitläuften wie den heutigen ungeheure, ständig steigende. Eine Bereitstellung der gleichen Mittel wie bisher ist gleichbedeutend mit einem Rückgang der Wohlfahrtsleistungen, im EinzelfaU. Wäre es nicht eine dringende Aufgabe, für die Zwecke des Wohlfahrtswesens im weitesten Sinne eilten höheren Prozentsatz der Gemelndemittel heranzuziehen als bisher? Im Begleitwort zum Etat ist in Uebereinstimmung mit dem Programm der liberalen Partei festgestellt, daß es nicht Sache der Gemeinde, sei, ein eigenes Profanschulwesen zu unterhalten. Aber der in Konsequenz dieser Erkenntnis unternommene Versuch, die Volksschulen der Gemeinde in den Besitz der Stadt Berlin zu überführen, ist ati deren eigener Finanzlage bisher gescheitert, und eine weitere Folge, etwa die Einstellung der privaten Volksschulen, ist nicht gezogen worden. Hätte man nicht durch: grundsätzlichen Abbau des Schuletats oder durch andere sehr wohl'denkbare. Eingriffe in den Aufgabenbestand der Gemeinde (mani denke an Zusammenlegung von subventionierten Religionsvereinen, an Verbilligung des Anstaltsbetriebes durch Entlastung einzelner, für die liberalen Kreise bestimmter Anstalten von den besonderen Kosten und Schwierigkeiten der rituellen Anstaltsführung u. a. m.) die verfügbaren Mittel für die Wohlfahrtsaufgaben der Gemeinde vermehren1 sollen? Man|hat hiervon abgesehen und es vorgezogen, statt dessen an das offene Herz der Gemeindemitglieder,zu appellieren und yon allen denen, die hierzu noch in der Lage sind, besondere ppenden für die verschiedenen" Aufgaben des Wohlfahrtswesen zu erbitten (vgl. die Werbungen für die Winterhilfe und die Sammelaktion „Helfet dem Jüdischen Kinde“).!; Die Antwort auf die Frage, ob der eingeschlagene Weg der rechte gewesen, wird je nach Auffassung) Und Temperament des Befragten verschieden sein. Im großen gesehen hat der Gemeindevorstand für den Augenblick doch.wohl richtig gehandelt Ebenso wie es sich als unmöglich) erwiesen hat während der Krise zu sozialisieren, ebenso ist)es für die Gemeinde schwer durchführbar, in einem Augenblick angespanntester Finanzlage grundlegende Aenderüngen des Aufgabenkreises vorzunehmen. Wer in der Lage ist zu beobachten, welche Widerstände schon die geringfügigsten, lediglich finanziell und keineswegs politisch begründeten Abbaumaßnahmen infolge der Tatsache hervorrufen, daß j jeder hiervon heutzutage Betroffene vor der Gefahr) des wirtschaftlichen Nichts steht, der weiß, daß eine politisch betonte Reorganisation hunderterlei Interessen und Empfindlichkeiten verletzen und geeignet sein würde, Erschütterungen herbeizuführen, die die Gemeinde im gegenwärtigen Augenblick nicht ertragen kann. Damit ist nicht gesagt, daß {die Verwaltung nicht auch in der jetzigen Zeit den Mut haben .muß, ausgesprochene Auswüchse des national-jüdischen Regimes zu beseitigen; die Kämpfe der letzten Monate haben zur Genüge erwiesen, daß. sie diesen Mut gefunden hatl) Ebensowenig befreit die Notwendigkeit, zur Zeit im wesentlichen „auf der Stelle zu treten“, von der Pflicht, für eine lim ersten geeigneten Augenblick zu beginnende konstruktive und aufbäuende Reformarbeit sachlich gerüstet zu seih. - Noch eine zweite grundsätzliche Frage jbleibt zu entscheiden. Kann die Gemeinde nicht ohne Leisfungsabbau den erhöhten Anforderungen der Gegenwart, zumal auf dem <jebiet des Wohlfahrtswesens, gerecht werden, lind zwar durch Anforderung erhöhter Steuermittel? Vor einem Versuch der Art kann nicht eindringlich genug gewarnt werden. An. sich wird es für niemand Gegenstand dogmatischen! Glaubens sein, daß die Berliner Gemeinde nur 11 Prozent der||Reichseinkommensteuer erheben darf, während die Gemeinden draußen im Lande 20, 30, 50 und mehr Prozent erheben. {Vielleicht wird es notwendig sein, das Steuersystem der Gemeinde in: gewisser Weise zu verfeinern. Aber zu einer { Erhöhung des Steuersatzes, des Steuerdruckes überhaupt,! sollte man in der gegenwärtigen Wirtschaftslage, in der bei den rückgängigen Einnahmen fast jedes Steuerpflichtigen schon; die Beibehaltung des bisherigen Steuersatzes schwer getragen wird, nicht schreiten." Auch der Staat hat es empfunden, daß seine Zensiten sich Steuerlasten, die sie als zu drückend empfinden; zu entziehen verstehen. Und für die Gemeindemitglie¬ Wissen Sie schm, daß die luxemburgische Regierung 360 Auslandsjüden, meist polnischer Staatsangehörigkeit, mit ihren Familien aus- __ w;eisen will, obwohl die Betreuenden zum -größten Teil 'seit Jahren in Luxemburg ansässig sind? daß die hitlerfreundlichen „Daily News“ in England das unsinnige Gerücht verbreitet haben, die Berliner Juden übersiedelten in Massen nach München, um die bayerische Bewegung zur Loslösung vom Deutschen Reich zu unterstützen? . daß nunmehr auch in England, und zwar, am 12. Mai d. J. ■ iri Leeds, eine Synagogenschändung stattgefunden hat? daß die englischen Juden sich gegen den Plan eines „Jüdischen Weltkongresses“ (über den auch wir kürzlich berichteten) erklärt1 haben? ■ daß bei den letzten französischen Kammerwahlen am 8. Mai 1932 insgesamt 18 Juden als Deputierte in das Parlament gewählt wurden?' daß aus Anlaß des 300. Geburtstages von Benedikt Spinoza (24. November) die französische Münze eine Spinoza- Medaille hat schlagen lassen? daß vor genau hundert Jahren, am 5. Juni 1832, in Kanada das Gesetz in Kraft trat, das den Juden die politische und bürgerliche Gleichberechtigung brachte? daß Max Liebermann, der seit 16 Jahren alljährlich zum Präsidenten der Akademie der Künste wiedergewählt worden war, mit Rücksicht auf sein hohes Alter die Annahme einer Wiederwahl abgelehnt hat und an seiner- Steile Max von Schillings gewählt wurde? der sind die Wege und Mittel hierfür bekanntlich weit geebneter als für den Staatsbürger. Wie oben betont wurde, daß im Augenblick die Gemeinde alles tun muß, um Erschütterungen ihres Bestandes zu vermeiden, so muß die Steuerpolitik) gleichem Ziele gerecht werden. Durch bedenkenloses Anziehen der Steuerschraube würde man leicht statt des erhofften Plus ein Minus, erzielen. . Außerdem' aber gibt es noch einen besonderen Grund gegen) die Heranziehung der letzten steuerlichen Reserven, den von verantwortlicher Stelle auszusprechen Bedenken bestehen mögen, der aber in der öffentlichen Erörterung nicht übergangen werden ‘ darf. Niemand weiß, vor welche Notwendigkeiten uns die politische Entwicklung dieser Tage noch stellen) wird. Man stelle sich den Fall vor, daß eine jeden rechtsstaatlichen Empfindens bare Regierung eines Tages den jüdischen Beamten ihre Rechte nehmen oder die Waffe des wirtschaftlichen Boykotts legalisieren würde. Würden nicht in solchem Moment dem Wohlfahrtswesen der Gemeinde ganz neue Aufgaben gestellt werden, Aufgaben, für die auch das letzte j Gemeindemitglied, das jetzt-von aller noch so gut geleiteten Werbearbeit der Gemeinde nicht erfaßt wird, zu erhöhter Leistung sich bereitfinden'würde? — D|e Betrachtungen, die wir zu dem vom Gemeindevorstand vorgelegten. Etat. 1932 angestellt haben, dürften erwiesen haben,1 daß der Entwurf mit Recht von der Tendenz beherrscht ist, nach Möglichkeit zu sparen, aber einen grundsätzlichen Leistungsabbau ebenso wie eine Steuererhöhung zu vermeiden: Ob im-einzelnen nicht noch manches zu bessern; ist, wird die Beratung der Repräsentantenversammlung, ob das Ziel zu erreichen ist, wird die Zukunft lehren. Sollten die, effektiven Steuerziffem ergeben, daß man die Hoffnungen noch zu hoch gespannt hat, so wird der Geriieinde die bittere Wahl zwischen Leistungsabbau und Steuererhölmng nicht erspart bleiben — und in diesem Falle würde eine Verwaltung, die den Kern der Gemeindearbeit und den Bestand der Gemeinde erhalten will, ü en jetzt mit guten Gründen noch vermiedenen Weg des Leistungsabbaus doch zu beschreiten genötigt sein. Achtung vor der Kanzel! -gjJiS© Früher gab es einmal ein Thema: ..Achtung vor dem Almemori“, und ganz veraltet ist dieses Thema auch heute wahrlich noch nicht Noch immer drängen sich in den .Kantorenberuf Elemente, die nicht hineingebören. Man muß das richtig) verstehen: ist einer ein würdiger Mann,-hat er allzeit) treu ] zum Judentum gehalten und besitzt er im Hinblick auf das Musikalische und Hebräische die Fähigkeiten für den Beruf.l so mag er komirien, aus welchem Kreise er wolle: ümsatjeln, um seinen Platz in der Welt auszufüllen, galt noch nie als unehrenhaft! Mit Recht aber verwahrte man sich dagegen! daß abgesungene Konzert- oder Opernsänger, die sich zeitlebens wenig aus "dem Judentum gemacht haben, engagementlos geworden, sich auf ihre jüdische Gemeinschaft und die guten Beamtenstellen, die sie vergibt, besinnen, notdürftig und rasch „Kantor lernen“ und sich um ein Amt bewerben. Dazu | war einsichtigen Gemeindevorstehern der Almemor noch stets zu schade. Um so betrüblicher ist es, daß nun auch noch die Kanzel gegen|eine:gewisse.NivelIierung in Schutz genommen werden muß! {Heute liegen die Dinge so,- daß jeder junge Rabbiner es zunächst leicht hat und die Synagogen füllt Nun ist es gewiß [wünschenswert daß der Prediger sein Publikum fesselt aber diese Tatsache allein kann noch nicht den Ausschlag für seine"! Berufung geben. Da müssen vielmehr die Führer der Gemeinde, die Vorsteher und Repräsentanten, in Freiheit und Selbständigkeit des Urteils entscheiden. Sie dürfen sich nicht damit Iberuhigen, daß das Publikum den" betreffenden Redner angeblich hören will, denn die attraktive Wirkung känri ja unter Umständen auf ganz andere Fahrigkeiten z.urückgehen als auf dasjenige, was Izum Prediger der Gemeinde legitimiert Der Vorsteher und der Repräsentant, der sich auf die Stimme des Publikums beruft, muß sich gesagt sein lassen, daß er selber nur Publikum ist und nicht Führer. Zum Führer aber wurde! er gewählt und man erwartet von ihm ein Urteil, das sich über dasjenige der Allgemeinheit erhebt Dies um so mehr, | als er kraft seines Amtes" ja auch mehr weiß als die Allgemeinheit, der nicht alle Einzelheitenzur Kenntnis kommen und die nicht immer die Gründe kennt, warum ein Gemeindebeamter eine umstrittene Persönlichkeit ist Diese Gründe brauchen keineswegs parteipolitischer Natur zu sein. Aber {steht! ein Beamter parteipolitisch auf anderem Boden als die Mehrheit der Gemeinde und als ihr Vorstand, so wird man ihn nur dann zum Prediger berufen, wenn man von seiner) Persönlichkeit seinem Charakter, seinem Wissen und der Tiefe seiner Welt- und Lebensauffassung, durchdrungen ist Eine solche Persönlichkeit gereicht der Karizefauch dann zur Zierde, wenn sie in den heute so umstrittenen Fragen des Judentums anders denkt als die Mehrheit und die verantwortlichen Männer der Gemeinde. Ist das alles aber nicht der Fall, so wird es völlig gleichgültig, ob der Kandidat Partehnänn! ist oder nicht: vor der Partei rangiert die Würde der Kanzel; diese Würde,ist ein hohes Gut das nicht verschleudert werden darf. Persönliche Rücksichtnahme ist da ebensosehr Schwäche wie das Horchen aufs Publikum; Schwache aber ist Sünde. Und für jede Sünde kommt die Stunde der! Reue und Verantwortung.

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