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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-06-15 · 6 (15.6.1932) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
6 (15.6.1932)
Date
1932-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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denn .für die vom Landesverband unterstützten WohlfahrtsunsrBildungsinstitiitionen zahlt die Berliner Jüdische Gemeinde : in ger Mehrzahl der Fälle noch eigene Beiträge. Kann man da von mangelndem Opferwillen der Berliner Jüdischen Ge- [meinde sprechen? Wer das tut. ohne die Zahlen zu nennen, j.er begeht unzweifelhaft ein Unrecht und kennt wohl auch die Berliner Verhältnisse nicht genügend. Und wenn zur Begründung für ‘ die .Vorwürfe gegen Berlin dann auf vermeintliche. Verschwendung bei anderen Ausgaben hingewiesen wird; ■ so( sind. auch diese Vorwürfe in keiner Hinsicht berechtigter. Berlin hat. das sei Herrn Auerbach erwidert, seit dem]Kriege keine Leichenhallen gebaut Dieangeblichen" „prächtigsten Leichephallen“, finden sich leider im Gegenteil häufig in Klein- und Mittelgemeinden, und die „erstaunlich hoben Gehälter“ der Berliner Gemeinde sind durch die Bje s o 1 - dungsordqung bestimmt, nicht aber durch: Willkür wie leider in vielen anderen Städten. Sie sind s o „erstaunlich hoch“, daß ja; erfahrungsgemäß Berlin auf die Rabbiner] in den letzten Jahren in. pekuniärer Hinsicht eher abschreckend als anziehend wirkte; die betreffenden Fälle sind hoch iq allgemeiner Erinnerung.'Damit soll keineswegs die Höhe der Berliner Rabbinergehälter' als zu niedrig bezeichnet werden; aber daß Berlin den üblichen Rahmen'nach oben überschreite, ist wirklich eine Neuentdeckung, Auch sonst' treffen die Vorwürfe, wie leicht; zu beweisen wäre, nicht zu. Wann beispielsweise hat irgendein: verantwortlicher Führer des preußischen oder Berliner jüdischen - Gemeindelebens wegen der fehlenden Möglichkeit der Erhebung einer Laiidesumlage^ dic-Netwendigkeit des i Reichsverbandes bestritten? Und wo hat ernsthaft in der Diskussion um den Reichsverband' die Frage der Gemeindeautonomie eine Rolle gespielt?*:. - ' I Die Schwierigkeiten liegen auf völlig anderem (Gebiete. Sie sind geboren aus der Furcht der nichtpreußischen;Landesverbände, sic könnten von den preußischen Vertretern majorisiert werden, und sie sind weiter die natürliche Folge der - Auffassung; im Preußischen Landesverband (sowohl bei] Volksparteilern alp bei Liberalen!), daß die in der Praxis unzweifelhaft unberechtigten Befürchtungen der süddeutschen Vertreter nun -nicht zur Festsetzung von verfassungsmäßigen Bestimmungen" führen dürfen, nach denen umgekehrt die |400 000 Juden in Preußen nun weniger zu sagen hätten als die! 150000 Juden der anderen Landesverbände. Herr Rabbiner Dr. Auerbach hätte gut daran getan, in dieser Hinsicht einmal den völlig unmöglichen i Standpunkt der süddeutschen Verbände aufs Korn zu nehmen. (Die Preußen sind gewiß bereit,: in jeder. Hinsicht den Bedenken der anderen Landesverbände jRecKnimg zu tragen, soweit dadurch nicht ein demokratischer Aufbau im Grundsätzlichen verhindert wird. Sie Stimmen deshalb der Vorschrift einer qualifizierten Mehrheit; zu, soweit dies für notwendig gehalten wird. Sie sind wohl auch bereit, einer Reichsverbandsverfassung zuzustimmen, nach der es nicht als genügend erachtet wird, wennein Mehrheitsbeschluß nicht .auch die Zustimmung einer bestimmten Anzahl von Verbänden findet, d. h. also, daß eine Mehrheit nicht nur] rein {zahlenmäßig, sondern auch nach ihrer Verteilung auf die einzelnen Länder zu bewerten wäre. Die Preußen haben sich; ferner bereit erklärt; Rabbinern und Lehrern — neben der üblichen Delegation durch die Verbände — Sondersitze' einzuräumen. Wenn aber von Süddeutschland auf alle preußischen Wünsche mit,' sagen wir bescheiden, 90 prozentiger Ablehnung reagiert wird, so entspricht das wohl unzweifelhaft nicht: dem tatsächlichen Wollen der Mehrheit der deutschen Juden. { Was ist das für ein Zugeständnis,, wenn man mit Rücksicht auf die preußischen Wünsche an die Stelle des weit billigeren Einkammersystems zwei Kammern -Vorsicht, von denen die eine zwar. nach demokratischen Grundsätzen aufgebaut sein soll, aber nur in Abständen -von drei Jahren zusamraentreten wird? Wozu will man eine für jegliche praktische Arbeit völlig belanglose Einrichtung schaffen, die wahrscheinlich nur Roden und Kosten, aber keinen Segen verursachen (wird? Herr Rabbiner Dr. Auerbach sollte seine Angriffe gegen den restlos undemokratischen Geist der Süddeutschen richten utid nicht gegen diejenigen, die einen Reichsbun'd der jüdischen Landesverbände auf demokratischer Grundlage befürwortein. Daß der Reichsvefband ein Verband der Verbände: sein soll und bei dem gesamten Aufbau des Staatslebens in Deutschland, auch mir seih kann, ist jetzt unumstritten. Und däßj es unzweckmäßig wäre, wenn Wahlen an jedem Orte erstens für die Jüdische Gemeinde, zweitens für den jeweiligen Jüdischen Landesverband, und drittens auch noch für-den-;jüdischen Reichsverband erfolgen müßten, daß es vielmehr | zweckmäßiger ist und nicht weniger demokratisch, wenn :dje Delegation in den Reichsverband aus den Landesverbänden vor-" genommen werden würde, — das müßte eigentlich jeder einsehen. i . 1 ’ H "Herr Rabbiner Dr. Auerbach meint, daß eigentlich eine Organisation, wie sie jetzt geplant ist, bereits in der| Reichsarbeitsgemeinschaft der Landesverbände bestehe. Nifn, auch diese Auffassung beruht auf völliger Unkenntnis? Diesq Reichsarbeitsgemeinschaft ist ein nur rzujn Vegetieren verurteiltes Aufstieg und Niedergang einer Bewegung. - 4. See ZusammeH&uuA dec zionistischen Stoffmugen. - I Von Alexander Szanto.; { j Der Sommer des Jahres 1929 war schicksalsschwer für viele Völker und Staaten, bedeutete einen Wendepunkt für die Weltwirtschaft, leitete jene gewaltige„Krise ein, die' — an Ausmaß und Intensität.bis heute ständig zunehmend — das Fundament des bestehenden Gesellschaftssystems so [gewaltig ersclüitterte, wie kaum ein Ereignis je zuvor, ü;! Auch für den kleinen Horizont der zionistischen Welt brachte dieser Sommer einen völligen Umsturz. In (die erste Hälfte des August zwar fiel ein Ereignis, das die zionistischen Herzen höher schlagen ließ: die Gründung der Uewish- Agency.; In der zweiten Hälfte des gleichen Monates aber entlud sich'eiii Gewitter, das alle Blütenträume | jäh vernichtete: der-blutige Araberaufstand in Palästina. ‘ j So geringfügig der Anlaß war, der die Kämpfe* entfesselte. — ein formaler (Streit um die Klagemauer —.I so verheerend waren die: Auswirkungen, so vernichtend die Folgen! Die Zahl der Todesopfer auf beiden Seiten, ging in] die Hunderte, der. angerichtete Sachschaden erschien unabschätzpar, noch weit größer; und nicht wieder gutzumachen;aberj war der . entstandene moralische'Schaden.;j i j - Wie ein furchtbarer Keulenschlag traf dieses: Ereignis alle, die bis dahin vor der Araberfrage in Palästina; jlie Augen verschlossen? sie zu leugnen oder zu verkleinern gesucht “ hatten. Nun1 half keine Vogel-Strauß-Politik mehr, kein himmelstürmender blinder Idealismus, keine-Selbsttäuschung: und kein Vertrauen in {die Worte der Führer. Der Augenblickwar gekommen, da {die Utopie an der Mauer der Wirklichkeit zerschellte — da die Ideologie, in die Welt. der Realitäten-gestellt, sich als zuschwach erwies. Die Opfer lagen auf der Strecke — die Lehre war teuer, allzu teuer bezahlt' Eine Enttäuschung folgte nun der anderen.; Selbstverständlich suchten die Zionisten eine Protestaktion in {die Wege zu leiten. Aber siehe da — der Protest .fand; in'der Weltöffentlichkeit-nicht den erwarteten Widerhall. Gerade in den freiheitlichen Staaten; in der demokratischen Presse, in den Kreisen, denen Judenhaß fremd war. stieß man] auf; skeptische Stimmen, wenn man darziilegen suchte, die Vorkommnisse in Palästina seien nichts anderes gewesen als ein' Pogrom.^eine Gebilde, weil inihr] für die Landesverbände verbindliche Beschlüsse überhaupt nicht gefaßt; werden-können, weil bei ihr jeder Beschluß durch den Widerspruch eines Verbandes, selbst des zahlenmäßig unbedeutendsten, verhindert werden kann,; und weil die Zusammensetzung dieser Arbeitsgemeinschaft ’ den Charakter des! Rrovisoriums in jeder HinsiEht verrät Ganz nebenbei: daß für den Reichsverband ein „neues kostspieliges Büro empdrschießen“ wird, ist auch eine völlig neue Entdeckung. Bisher! ist auf diesen Gedanken noch niemand gekommen. Wer die pinge kennt, der weiß, daß ein neues Büro auch gar nicht notwendig werden wird. Ueber den Aufgabenkreis des künftigen Reichsverbandes jetzt schon Entscheidendes zu (sagen, wäre gewiß verfrüht aber eine Bemerkung!-sei zum Schluß doch noch gestattet Der Reichsverband iwird weder] in absehbarer Zeit alle vorhandenen Schäden i im -jüdischen Gemeindeleben beseitigen können, noch wird erj die Vertretung der deutschen Judenheit in weltanschaulicher Hinsicht sein können., Er wird genug damit zu tun (haben, zunächst einmal die akutesten Nöte der jüdischen Gemeinden zu behandeln. Er wird einen Lastenausgleich für diejenigen Anstalten herbeiführen müssen, die allen Juden in Deutschland wesentlich sind, z. Bl die zentralen 'Wohlfahrtsorganisationen, die Rabbinerpnd Lehrerbildungsanstalten, und er,;wird mit diesem Lastenausgleich deren Existenz sichern? Er wird weiter dafür zu sorgen haben; daß das jüdische Leben in leistungsschwachen Landesverbänden nicht völlig verkümmert, und er wird schließlich die Aufgabe haben, als berufene Vertretung ] der deutschen Juden gegenüber den Reichsbehörden da aufzutreten, wo es sich nicht , um Fragen handelt, die {nach den verschiedenen Weltanschauungen der jüdischen {Parteien Deutschlands zu entscheiden sind, sondern nach* den praktischen Erfordernissen der Gemeinden. Möglich,, daß mit de*6 Zeit sein Aufgabenkreis wachsen wird, aber; vorerst zeigt sich noch immer in der Beschränkung der Meister, und auch dieser Reichsverband ist wohl des Schweißes der besten deutschen Juden würdig. { Neu-Isenburg. Das Heim des i Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg besteht jetzt 25 Jahre." Als es gegründet wurde, lebten wir deutschen Juden noch {unter Verhältnissen, die in weiten jüdischen Kreisen Entsetzen hervorriefen bei der Vorstellung, daß auch aus der jüdischen Gemeinschaft gefährdete, schwer erziehbare oder gar! verwahrloste Jugendliche hervorgehen könnten. Inzwischen (haben nicht weniger als 1133 jüdische Kinder und Jugendliche Schutz und Förderung im Isenbürger Heim gefunden. Die Heimleitung und mit ihr der Jüdische Frauenbund wenderi; sich nach Ablauf eines Vierteljahrhunderts heute an die jüdische (Oeffentlichkeit; dieallgemeine Not bedroht auch dieses humanitäre Werk, das aber, gerade wegen dieser Not, welche viele Menschen in seelische und materielle Gefahr bringt, notwendiger ist als je. J j . Phot.: Spiwakowsky. Rabbiner Dr. Julius Galliner (Berlin) wurde zum Ehrenmitglied der Vereinigung für das - ] liberale Judentum i gewählt (Vgl. den Artikel in Nr. 5 der „Jüdisch-liberalen Zeitung“.) Abwehrverein und Zionismus. t Eine halbe Antwort. i Auf [ den Artikel „Unterstützt der Abwehrverein den Zionismus?“ in Nr. 3 dieses Blattes ist uns vom Vorsitzenden des .[Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“, Herrn Reichsminister a. D. Dr. Gothein, ein längeres Schreiben zugegangen, dessen - wichtigsten Teil wir unsern Lesern bekanntzugeben gebeten werden. Wir hätten das loyalerweise auch ohne' die ausdrückliche Bitte des Abwehrvereins getan, denn wir" hatten unseren Artikel Herrn Reichsminister a. D. Dr. Gothein mit der Bitte um klare Stellungnahme zugesandt, und unsere Leser haben ein Anrecht darauf, diese Stellungnahme kennenzulernen. j Herr Minister a. D. Dr. Gothein gibt zunächst eine ausführliche Erklärung, aus welchen Gründen seinerzeit der Aufsatz des Herrn Sanitätsrat Dr. Carl Borromäus Herrligkoffer (Ichenhausen, Oberbayern) verspätet und -in zwei Teile auseinandergerissen in den „Abwehrblättern“ zur Veröffentlichüng gelangt ist Hier scheint in der Tat eine Verkettung ( von - allerlei unglücklichen Umständen vorzuliegen, lind auf: alle Fälle kann gesagt werden, daß der Redaktion der „Abwehrblätter“ jeder böse Wille ferngelegen hat Die Einzelheiten dieser mehr redaktionstechnischen Seite der Angelegenheit können wir als unwesentlich übergehen. :! Anders liegt es freilich mit der Vorbemerkung, die die Schriftleitung der „Abwehrblätter“ dem Herrligkofferschen Aufsat?! verangeschickt hatte, und diese Vorbemerkung war ja der ] eigentliche Gegenstand unserer Beschwerde. Wenn wirauch bei diesem' Punkt' ebenfalls gern zugeben wollen, daß böser Wille keinesfalls vorliegt, so müssen wir es doch -jwie! bereits mit unserem Artikel „Abwehrverein auf Abwegen“; in Nr. 50/51 vom 23. Dezember 1931 getan —1 als „ein seltsames Verfahren“ bezeichnen, daß eine Schriftleitung einen Aufsatz, den sie bestellt und vorbehaltlos akzeptiert hat, durch eine Vorbemerkung entwertet, noch dazu ohne den Verfasser vorher über die geplante Vorbemerkung in Kenntnis zu setzen. Zugegeben, daß eine „Diffamierung“ der Herrligkofferschen Ausführungen nicht beabsichtigt war — die Wirkung ist die gleiche, und eine Entkräftung muß ja wohl auf alle Fälle beabsichtigt gewesen sein, denn wenn nicht: wozu dann überhaupt die Vorbemerkung? Ja, (wozu die Vorbemerkung? In dem Brief, den der Abwehrverein zu seiner Rechtfertigung schreibt heißt es: | {„Wir als Verein zur Abwehr des Antisemitismus, die* ■ wir; bewußt auch die religiöse Ueberparteilichkeit vertreten, haben nicht die geringste Veranlassung, in den , innerjüdischen Streit uns einzumischen. Zu solcher Einmischung haben wir um so weniger ein Recht, als es uns; die .wir hier an -leitender . Stelle lauter Nichtjuden sind, vollkommen unmöglich ist uns in die jüdischen Gefühle hineinzuversetzen und auseinanderzuhalten, was- ' jüdischer Nationalismus, was die Sehnsucht nach einem von antisemitischen Angriffen auf Leben und Ehre bei freiten Asyl und was religiöse Verbundenheit mit den! Stätten des Ursprungs der eigenen Religion ist Deshalb! haben wir seit Jahren bewußt an diesen inneriüdischen Angelegenheiten uns desinteressiert erklärt“ •]■-. Rund heraus gesagt: wir halten diesen Standpunkt für Verhängnisvoll. Und wir halten ihn für die Bekämpfung des Antisemitismus unzureichend. Freilich: der Abwehrverein behauptet! in seinem Brief weiter: -! „Damit, daß wir dem Antisemitismus entgegenwirken,! arbeiten wir ja tatsächlich im Sinne der Emanzipation,! indem wir nämlich jene Schrankenniederzureißen ver-! suchen, die dem Juden das völlige Aufgehen im deutschen i Volke erschweren.“ - 1 ‘ Aber wir möchten denn doch gar zu gern wissen, wie denn der Abwehrverein das macht: „dem Antisemitismus entgegenwirken“. Es kommt dabei nämlich herzlich wenig auf (die Analyse der „jüdischen Gefühle“ an, von denen — wie von allem, was lediglich Gefühl ist — ohne weiteres angenommen werden kann, daß sie nicht klüger und logischer sind als die] Gefühle aller Menschen und darum auch der Antisemiten: Gefühle sind Vorurteile, die gerade ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus nicht allzu .schonungsvoll behandeln und nicht als Seelenheiligtümer ansehen sollte. Judenhaß selber ist, wie aller Haß, nur ein Fühlen; ihn zu zerstreuen bedarf (es des Denkens; seine Abwehr ist durchaus Sache der objektiven Wissenschaft Im! Verlaufe des Rundfunkgespräches, das, wie wir in. Nr. 5 dieses Blattes berichteten, kürzlich zwischen Wilhelm Stapel (Hamburg) und Dr. Ludwig Holländer stattfand, sprach (Stapel von der biologischen Verschiedenheit der Deutschen und Juden. Holländer bestritt das Bestehen einer derartigen Verschiedenheit, jedenfalls bestritt er ihren biologischen, d. h. unveränderlichen Charakter. Soweit eine Unterschiedlichkeit vorhanden, sei sie eine solche innerhalb des deutschen Volkes, von dem die jüdischen Deutschen ein der zur Genüge bekannten und berüchtigten Judenverfolgungen. Allerwärts suchte fnan den Dingen tiefer auf den Grund zu gehen, suchte man zu erkunden, weshalb die nationale Bewegung der Araber j sich mit solcher Heftigkeit gegen die palästinensischen Juden wandte — jener Araber, die doch niemals Antisemiten in dem gewohnten Sinne dieses Wortes gewesen waren, die] nichts gegen die Juden unternommen hatten, solange sie aus religiösen Gründen ins Heilige! Land kamen, die auch «still geblieben waren, als vor dem-Kriege die ersten jüdischen! Ackerbaukblonien entstanden, die aber jetzt dem nationalen j Herrschaftsanspruch der Zionisten ihren eigenen Nationalismus entgegensetzten. Außerhalb und innerhalb der Judenlieit mehrten sich die Stimmen, die besagten, daß der heiße Boden Palästinas nicht durch Proteste und Racheschwüre befriedet' werden könne, sondern daß etwas anderes not tue: Selbstbesinnung und Einkehr, 4ufgeben einer schlechten Politik und- Rückkehr von einem falschen Wege. Eine von Groß-Britannien eingesetzte parlamentarische Untersuchungskommission veröffentlichte nach genauer Prüfung der Lage in Palästina einen Bericht, der die zionistische These vom Pogrom {nicht anerkannte, sondern sich bemühte, nach beiden Seiten liin Licht und Schatten zu verteilen. Besonders peinlich mußte für die Zionisten die Feststellung sein, daß ihre Aspirationen im Gegensatz zu den Interessen der -Araber standen. Ip vorsichtiger Form, aber dennoch unzweideutig hieß es in dem Bericht der Untersuchungskommission: „Wir erachten jedoch, daß diejAnsprüche und Forderungen, die von zionistischer Seite hinsichtlich der Zukunft der jüdischen Einwanderung nach Palästina vorgebracht worden sind, von einer Art gewesen sind, daß sie unter den Arabern die Befürchtung geweckt haben, daß sie schließlich ihres (Lebensunterhaltes beraubt und unter die politische Herrschaft der Juden gebracht werden.“ Die Folge dieses Berichtes war ein im Oktober 1930 von der englischen Mandatsmacht herausgegebenes „Weißbuch“ das größtes Aufsehen erregte. Von England wurde das Weißbuch als Interpretation und Ergänzung der Balfour-Deklaration bezeichnet, auf 'zionistischer Seite .aber sah man es als glatte Aufhebung der Balfour-Deklaration und des Mandates ah — und man hatte nicht ganz Unrecht damit Die (völlige Schwenkung Großbritanniens und der gesamten Weltmeinung in der palästinensischen Fragewurde.ih diesem Weißbuch und in der fast gleichzeitig, erfolgenden Suspension von 3000 jüdischen Einwanderungszertifikaten für Palästina offenkundig.' Und wenn auch später die britische Regierung ein beruhigendes Schreiben an die aufgeregten Zionisten richtete und gnadenhalber einige Einwanderer wieder , nach Palästina ließ j— die; Tatsache konnte nicht mehr verwischtwerden, daß den Engländern der ganze zionistische Rummel sehr gleichgültig und jedenfalls viel unwichtiger geworden war als das Verhältnis zu den Arabern. Die zunehmenden Sorgen der übrigen Welt drängten dann vollends das Interesse an dem zionistischen Experiment in den Hintergrund. Seithervollzieht sich -der Zusammenbruch der zionistischen Hoffnungen in rapidem Tempo. In Palästina stagniert die Einwanderung, stagniert die jüdische Bevölkerungsbewegung, stagniert die'Siedlungstätigkeit. Von 1929 bis 1931 hat (sich nach den amtlichen Zählungen die Anzahl der Juden im Lande nur noch um einige Tausend, die der Mohammedaner 'um etwa 100 000 vermehrt Der relative Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ist von. 17,5 auf 17,1 Prozent zurück- {gegangen. Die landwirtschaftlichen Siedlungen befinden sich 'aus finanziellen und anderen Gründen in großen Schwierigkeiten.! Die Hoffnung, ein im wesentlich agrarisch tätiges; Judentum aufzubauen, ist gescheitert Nach der letzten Statistikleben 73,5'Prozent der jüdischen Bevölkerung Palästinas (in den*Städten und nur 26,5 Prozent auf dem flachen Lande. 'Wie überall, macht sich auch auf diesem Erdenwinkel die wirtschaftliche Depression in furchtbarer Weise bemerkbar. (Die Arbeitslosigkeit ist beträchtlich, das Eiend groß — und zu alledem hängt das Damoklesschwert-eines neuen Ausbruches -der arabischen National-Leidenschaften über dem ganzen Siedlungswerk. Nirgends in der Welt sind! d i e Juden so gefährdet, wie in dem Lande, das nach Meinung der zionistischen Führer ihre Heimat sein soll. In der zionistischen Organisation selbst kracht es an allen Ecken und Enden. Ein sehr harmonisches Bild der Einigkeit ■boten ja die Zusammenkünfte der-nationaljüdischen Tempelhüter selten — auf dem jüngsten Baseler Kongreß aber, im ] Juli 1931, prallten nicht nur die Meinungen, sondern auch die Fäuste und Schädel gegeneinander. Die Enttäuschung über die erlittenen Mißerfolge hat eine radikale Richtung, die Revisionisten, groß werden lassen. Der-langjährige Vorsitzende der zionistischen Exekutive, der englandfreundliche Cha im Weizmann hat seinen Platz räumen müssen und ein hilfloser Greis, Nah um So ko low, bemüht sich jetzt, das schwer havarierte zionistische Schifflein durch die immer

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