Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 6 (15.6.1932)
- Date
- 1932-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ 5er Eerefotemtö für 5aa (Gerate 3u5ettfom e. #. Bezugspreis: Vierteljährlich 1,50 RM. zuzüglich Bestellgeld. Einzelnummer 0,25 RM. Abonnements werden bei allen Postämtern angenommen. Anzeigen nach TarIL— Bel Nichterscheinen Infolge'Streiks oder büherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückerstattung der entsprechenden Bezugsgebühren. Sie JöMfdHiberale 3eiintifl“ etfdjetaf am 1. ttnö 15. jeftes ntonais. Redaktion und Geschäftsstelle: Berlin SW 11. Hallesche Str. 1 Herausgeber: Hanns I Loewensteln und Willi Tisch Verlag Schriftleitung: .George Goetz_• Fernruf: F 5, Bergmann 3358, 3359. Bankverbindung: Kreditverein (Ur Handel und Gewerbe e. G. m. b. K, Berlin N 24. Postscheckkonto: Jüdisch-liberale Zeitung: Berlin 227 M, '' Vereinigung für das liberale Judentum e. V, BerUn 1370 69. " DI* Vtrtinfgung für da* Ubtral* Judentum übernimmt nur für diejenigen Auftätz*, dli autdrücklkb al* In ihnm Mww od*r b Ihnm Auftrag* verfaßt gekennzeichnet ekd, die Verantwortung. AB* anderen Artikel, Aeußerwgen und VoncMg* erechekm mter der Verantwortung der fi Nr. 6 Berlin, 15. Juni 1932 12. Jahrgjanjg Schafft endlich den Noch immer Gegensätze zwischen Nord- und Süddeutschland. I. Wer trägt die Schuld an der Verzögerung? Von Rabbiner Dr. H. Auerbach, Stuttgart.. Vorbemerkung der Redaktion. Wir veröffentlichen den nachstehenden Artikel nicht, weil wir ihm zustimmen, sondern -weil er zahlreiche Einwände, die immer wieder in der Öffentlichkeit laut werden, zusammenstellt. Im Anschluß an die Ausführungen des Herrn Dr. Auerbach bringen wir dann eine Erwiderung von gut informierter Seite. Die Gründung des Reichsverbandes der deutschen Juden scheint in weite Ferne gerückt zu sein. An seine Stelle soll der Reichsbund der jüdischen Landesverbände in Deutschland treten. Ob da nicht bloß ein neuer Name für eine nicht mehr ganz neue Sache aufgetaucht ist? Denn die Landesverbände hatten schon seit längerem miteinander Fühlung. Ihre Vertreter trafen sich gelegentlich. Freilich glauben sie, in Zukunft noch häufiger miteinander nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich verkehren zu sollen. Doch mit dem neuen Namen .ist der deutschen Judenheit nicht viel gedient Wahrscheinlich wird er nur ein neues kostspieliges Büro emporschießen lassen. Den deutschen Juden fehlt es wahrlich nicht an Verwaltungskörpern. Der Reichsbund der jüdischen Landesverbände in Deutschland wird aus demselben Grunde nicht lebensfähig bleiben, aus dem der Reichsverband der deutschen Juden nicht ins Leben treten kann. Warum kommt er eigentlich nicht zustande? Weil er den Großgemeinden in Preußen, namentlich aber der Berliner Gemeinde als der größten, Opfer auferlegt Diese scheuen sie und berufen sich dabei auf die Autonomie der Gemeinden, die ihnen sehr zustatten kommt. ' Nach ihr brauchen sich die Großgemeinden nur um sich selbst zu kümmern — so legen sie in Wirklichkeit den Begriff Autonomie aus —, zählen in edler Großzügigkeit erstaunlich hohe Gehälter, bauen sich die prächtigsten Leichenhallen usw, Die kleinen und Mittelgemeinden haben dank ihrer Autonomie, an der ihnen nicht viel gelegen sein kann, das unantastbare Recht zu verkümmern und zu sterben. Oder wenn auch das nicht zieht dozieren Vorsteher preußischer Großgemeinden gelehrt juristisch: „Der Reichsverband der deutschen Juden ist nicht nötig; denn wir in Preußen können keine Landesumlage erheben. Dazu haben wir keine gesetzliche Handhabe“, als ob sie einer solchen bedürften, wenn sie gewillt wären, den schwächeren Gemeinden zu helfen. . ■ Da haben wir eine recht liebliche Veranschaulichung des Klal-Jisroel- oder des jüdischen Gemeinschaftsgedankens, der viel gepriesen, doch wenig betätigt wird. Das ist sehr beklagenswert Es ist jetzt allerhöchste Zeit, darin eine Aenderung eintreten zu lassen. ' . Die Großgemeinden Süddeutschlands waren und sind sich ihrer Verantwortung gegenüber den anderen Gemeinden bewußt So zahlen die Stuttgarter Juden an die Landgemeinden mehr als an die eigene. Warum wollen nicht die Berliner Gemeinde, auf die es hauptsächlich ankommt und die anderen deutschen Großgemeinden diesem Beispiel folgen? Noch niemals gab man uns darauf eine klare, einleuchtende Antwort Vielleicht aus einem Gefühl der Peinlichkeit heraus. Die preußischen Großgemeinden möchten am liebsten alles für sich behalten und in der eigenen Gemeinde nobel sein. Sie haben nicht die Kraft diese engherzige Denkweise, die sie selbst sicherlich nicht billigen können, zugunsten der jüdischen Gesamtheit in Deutschland zu überwinden. Ein jüdisches Blatt * berichtete einmal, daß der .ehemalige Rabbiner der,Berliner Gemeinde, Prof. Dr.- Maybaum, in rührender Dankbarkeit an ihr rühmte, sie bezahle ihre Beamten nobel. An die Beamten der Kleingemeinden hat der gefeierte Prediger dabei leider nicht gedacht Vor kurzem sagte -ich zu einem Führer der Berliner Gemeinde, der leidenschaftlich für den Reichsverband der deutschen Juden eintrat: „Den können Sie schnell haben, wenn die Berliner Juden für die deutsche Judenheit einen Bruchteil von dem leisten wollen, was die Stuttgarter für die württembergische Judenheit tun.“ Aber da wurde ich belehrt darum gehe es ja nicht Es handele sich nicht um Geld, sondern um etwas viel Tiefergehendes: Wer nicht geben will, ist um „tiefgehende“ Grundsätze meistens nicht verlegen. Wohin der Mangel eines jüdischen Gemeinschaftsgefühls die deutsche Judenheit geführt hat darüber wußten unsere „Großen“ schon lange Bescheid. Aber sie hielten es für nützlich, sich in Schweigen zu hüllen und ließen großes Unrecht geschehen. Vor kurzem schrieb Rabbiner Dr. Leo Baeck: „Es gibt eine Geschichte dessen, wozu die Menschen geschwiegen haben, und sie ist eine Geschichte menschlicher Enge und Niedrigkeit“ Das ist sehr richtig, JMan täte gut die Menschen nicht nach dem zu beurteilen, was:sie so schön sagen, sondern worüber sie so weislich schweigen. Ein schweres Unrecht taten die Großgemeinden in Preußen an den Kleingemeinden und deren Beamten. Diese waren nicht selten arme, unglückliche Menschen, der Herrschsucht und Willkür eines Gemeindegewaltigen preisgegeben. Ihr sehr kärgliches Gehalt war nicht immer gesichert, .sondern vielfach durch Wegzug eines Wohlhabenden oder seinen Austritt aus der Gemeinde in Frage gestellt. Wurde er arbeitsunfähig, nutzte ihm nicht immer seine Pensionsberechtigung. Kam es doch vor. daß seine Gemeinde selbst bei gutem Wißen nicht in der Lage war, ihn und einen neuen Beamten gleichzeitig zu bezahlen. Da griff Verbitterung in den Seelen jüdischer Kleinbeamten dient machen, wenn sie ihn ins Dasein riefen. Darüber hinaus würde er möglicherweise die Keimzelle bilden, a as [der sich die Gesamtorganisation der Judenheit entwickelte: Was das aber für das Judentum zubedeuten hätte, läßt sic t noch gar nicht absehen. Es würde vielleicht dann erst zu der Ihm gebührenden Geltung in der Welt kommen, die jüdische Lehre, die einen solch mächtigen Denker wie-Hermann Coh in bebegeisterte und einem solch tiefsinnigen Geist wie Franz Rosenzweig. der „Stern der Erlösung“ war. Der Relthsyerband der deutschen Juden ist des Schweißes der besten' deutschen Juden würdig. Der Berliner Gemeinde, die allein ihn zuwege bringen könnte, harrt eine schicksalhafte Aufgabe. II. Phantasien um den Reichsvjs band — und die Wirklichkt: II. Von Wenn einmal die Entstehungsgeschichte des Rclihsyerbandes geschrieben werden wird, so dürften viele Mängel offenbar werden, die heute im iüdischen Gemeindelebin vorhanden sind. Seit Jahren sind in Nord- und .Süddeut: chländ, in Groß- und Kleingemeinden, alle veranwortungsbr wußten Führer des jüdischen Gemeindelebens davon Uberzen gt. {daß der Reichsverband notwendig ist, und doch sind bis ler die Pläne zu seiner Verwirklichung sämtlich gescheitelt, veil Am die A&owtetUeu. dec „Jüdisch* Mecalm Zeitung!*! 3n den nächsten Jagen total Jhnen durch den tBcieftcagec 3hees zuständigen Postamts die faltige. Akonnementsquittung Jfüc die kommenden 3 Ulonate Juli, August, Septemkec 1932 mcgelegt werden. See Akonnementspceis beträgt wie bisher J\M 0.50 pto Tttonatj demnach werden 917111J50 zuzüglich ^Bestellgeld duech die} Jost erholen. JmJnteressc einet pünktlichen und regelmäßigen Zustellung dec mJüdisch*Ükecalet. Zeitung" kitten Wie, die Akonnementsquittung hei Votlegung einzulösen odee, Jfüc de» JjoSI dec Abwesenheit, in Jheem SCause Anweisung füc die Einlösung dec Quittung su kinteelassen.' " Vergessen Sie* nicht: — i ' ’ - 3m jedes jüdisch=Meca£e3tausgeAöd die „Jüdisch* MdeahZeUtutg** Platz. Sie übertrug sich leicht auf die Kinder. Devjüdische Beamtenstand, nicht bloß der einzelne jüdische Beamte, erlitt dadurch großen sittlichen Schaden. Um die zufriedenen Hochbesoldeten und die unzufriedenen, sehr spärlich- Besoldeten, die selbst in Zeiten wirtschaftlicher-Blüte mit Sorge in die- Zukunft blicken mußten, {konnte sich kein Band herzlicher Brüderlichkeit schlingen, i . Wo. gibt es eine zweite Religionsgemeinschaft, die in der Besoldung gleicher Beamtengruppen einen. Unterschied von solch schreiendem Ausmaße kennt! Was Wunder, daß das Unkraut gewissenloser Günstlingswirtschaft bei Besetzung von Kultusposten, namentlich Rabbinerstellen, üppig wucherte. In der Großstadt saß einer der „Großen“, der über gute Beziehungen zu guten, d. h. gut zahlenden Gemeinden verfügte, und brachteseinen Schützling dort gut unter. Dieser brauchte noch nicht einmal die Prüfung gemacht zu haben, schon vorher übersprang er in kühnem Sprunge alle Zwischensprossen und sah sich gleich zu Beginn auf die höchste Sprosse der „Karriere“ hinaufgehoben. Sein vielgewandter Gönner stellte ihm das Horoskop eines künftigen Religionsphilosophen' und .empfahl den religionsphilosophischen Embryo dem nichts Böses ahnenden, harmlosen Gemeindevorstand. Diesem Unwesen würde der Reichsverband in kurzetn ein Ende , machen. Er würde die Beamtengehälter in der Weise festsetzen, daß sie überall einigermaßen gleich wären. Mit einem Schlage würde dann die Günstlingswirtschaft aufhören. Jeder Beamte würde in Freiheit und Freudigkeit seine Pflicht tun, gestärkt durch das Bewußtsein, hinter ihm stehe nicht bloß seine Kfeingemeinde, sondern die deutsche Judenheit, die in dem Reichsverband der deutschen Juden zusammengefaßt ist Darum ist der. Reichsverband der deutschen Juden zum Segen' der deutschen Judenheit notwendig. Die jüdischen Großgemeinden in Deutschland würden sich um sie sehr vertheoretische Erwägungen und Befürchtungen stärker wa]ren als die Erfordernisse der Praxis. Herr Rabbiner Dr. Auerbach glaubt, die Schvle keifen für das Zustandekommen des Reichsverbani es Stellen zu sehen, bei denen sie, wie jeder ernsthafte kenner der Materie weiß, nicht vorhanden sind. Al Tatsache, daß seine! Argumente den Auffassungen viel :r er lUf fehlt am sind sy rig-_ an Sichdie- Unsie. informierter entsprechen, verlohnt wohl ein Eingehen Wer ist schuld Jan dem Nichtzustandekommen? NsRütiich Berlin! Es ist ja. nachgerade schon, zur großen Mode ley/orden, Berlin als den {leibhaftigen Teufel darzustellen. In Berlin zanken sich die Menschen nur -noch herum, ln Berit i jede Opferwilligkeit, in Berlin-'wird organisiert uni Organisieren-das Geld verschleudert usw. Solche Reifen im Reiche, und nicht zuletzt ln Sflddeutschland. recht 1 ell'ebt Hat man den Sündenbock geschildert, so ist man einet kritischen Betrachtung des eigenen Handelns enthoben uni kann sich selbst als Musterknabenzeichnen. Fürwahr verlockend; hat doch schon Wilhelm Busch die Worte geprägt: „Qelti das ist ein Hochgenuß, Schwebst du so mit Wohlgefallen . Als ein sel’ger Kritikus . Hoch {erhaben über allen.“ ' . Herr Rabbiner Dr. Auerbach meint, die Berliner.Genfeinde könne den Reichsverband unschwer schaffen, wenn sl: nur opferwilliger sei. Wie ist die Wahrheit? Berlin zahlt at den .Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden einen Beitrag, der für das Jahr 1932 etwa 390 000,— RM. ausmichen dürfte. Das bedeutet, daß für leden Berliner Juden ein Kopfbeitrag von etwa 2,20 RM. gezahlt wird, oder für jeden Zensiten ungefähr 13,— RM. } Diese Beiträge! werden fast ausschließlich für Inter- Stützung leistungsschwacher Gemeinden und. Beihilfe > an Rabbiner, Lehrer und Beamte in kleinen Gemeinden g< zahlt.