Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 5 (1.6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Konstituierung des Vorstandes; Wahl des Arbeitsausschasses. Unmittelbar nach der Tagung trat der Vorstand zu seiner Konstituierenden Sitzung zusammen. Zunächst .wurde der Arbeitsausschuß gewählt, dem nunmehr folgende Herren angeboren: . Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender; Landgerichtsrat Dr. Arthur L i I i e n t h a 1, Schriftführer; Baumeister Georg Jacobowitz, Schatzmeister; Direktor Alfred J a u 1 u s, stellvertr. Schatzmeister; •Rabbiner Dr, Julius G a 11 i n e r; Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser; sowie'für die „Jüdisch-liberale Zeitung“ deren Redakteur George öoetz. ' Rabbiner Dr, Julius-Gailiner Ehrenmitglied der Liberalen Vereinigung. . Nach der Wahl des Arbeitsausschusses hatte der Vorstand sich noch einer angenehmen Pflicht zu entledigen. Der Vorsitzende des Berliner Liberalen Vereins, Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser, hatte den Antrag gestellt, unseren bewährten Führer und Vorkämpfer, den Berliner Gemeinderabbiner Dr. Julius Galliner, auf Grund seiner hervorragenden Verdienste um die Vereinigung zum Ehrenmitglied zu ernennen. Diesem'Anträge stimmte der Vorstand freudig und einstimmig zu. Feierlich wurde das neue Ehrenmitglied eingeführt und vom Vorsitzenden Heinrich Stern begrüßt Die Ehrung ist um so höher zu veranschlagen, als die Vereinigung für das liberale Judentum bisher nur zwei Ehrenmitglieder hat: Rabbiner Dr. Seligmann und Rabbiner Dr. Vogelstein; der verstorbene Begründer und erste Vorsitzende Justizrat Bernhard. Breslaue'r war Ehrenvorsitzender. Nun tritt Dr. Galliner in die Reihe dieser wenigen so hoch Geehrten. In der Reihe der Hochverdienten steht er schon lange: als er 1916 zum Gemeinderabbiner gewählt wurde, schrieb ihm Ludwig Geiger: „Ich . . . erhoffe von Ihrer Tatkraft und Gesinnungstreue ein kräftiges Fortschreiten des liberalen Gedankens.“ Diese Hoffnung hat ■Dr: Galliner erfüllt'; denn wie er in seiner Dankrede mit voller Berechtigung aüsführen durfte, ist ihm bei Uebernahme von Aemtern ständiger Leitsatz das Wort: „Man soll sich im Amte verzehren.“ Mit. dieser Haltung, mit seiner selbstlosen Hingabe, die vor. Opfern an Gesundheit und vor materiellen Einbußen nicht zurückschreckt, kann Dr. Galliner uns allen ein leuchtendes Vorbild sein; seine Ernennung zum Ehrenmitglied ist nicht nur wohlverdient, sondern sie weist auch symbolisch der Tagung, deren feierlichen Abschluß sie bildet, .ihren Sinn: diese Tagung, geschäftlichen Dingen zugedacht, aber immer mehr sich'geistigen Problemen zuwendend,'kann der Anfang eines neuen Aufschwunges sein, sofern alle wieder- oderneugewählten, Vorstandsmitglieder — wie es in einer von Frau Vorteuter (Dortmund) eingebrachten, von der Versammlung einstimmig angenommenen Resolution heißt — Ihr Amt nicht nur als Ehre und'Dekoratlon aullassen, sondern sich der Pflichten bewußt sind, die sie übernommen haben. Rundfunkgesprädi über Antisemitismus. Dr. Ludwig Holländer .— Wilhelm StapeL Wie allgemein bekannt, hat vor kurzem zwischen" dem Schriftsteller von Oppeln-Bronikowski und Major a. D. Borck ein Rundfunkgespräch über den Antisemitismus stattgefunden, •das insofern unbefriedigend und bedenklich stimmen mußte, als Borck eine Reihe von Verdächtigungen und Drohungen gegen die Juden ausgesprochen hatte, während Oppeln- Bronikowski als Nichtjude mangels der nötigen Sachkenntnis seinem Gesprächspartner in keiner Weise gewachsen war. Die Leitung der Deutschen Welle hatte selbst die Zügellosigkeit des Herrn Borck tief bedauert, und sie veranstaltete nun am 24. Mai um 7 Uhr abends ein zweites halbstündiges Zwiegespräch mit dem Centralvereins-Dlrektor Dr; Ludwig Holländer und dem Hamburger Schriftsteller Wilhelm Stapel. Durch' die ’ hervorragenden, schlagfertigen Antworten, die Dr. Holländer seinem Partner geben konnte, wurden nicht nur Stapels Argumente glänzend widerlegt, sondern es dürfte auch der bedauerliche Eindruck des ersten Gespräches überwunden sein. Bekehrungen von Unbelehrbaren freilich dürften' auf dem Wege eines Rundfunkgespräches kaum zu erzielen sein, wie ja überhaupt alle Aufklärungsarbeit dort Ihre .Grenzen findet, wo Haß und Leidenschaftvon vornherein gewillt sind, sich der Logik und den Tatsachen zu verschließen. — Wir behalten uns vor, auf dieses Rundfunkgespräch in der nächsten Nummer in einem besonderen Zusammenhang zurückzukommen. Unterkunft für Jugendliche.. Das vom Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände unterhaltene Jacobsonheim in Seesen am Harz nimmt Jugendliche beiderlei Geschlechts im Alter von 14 bis 25 Jahren vom 15. Mal bis-zum 15. September zum Preise von 2,50bis 2,75 Mark für streng koschere Verpflegung und Imgis zu 14 tägigem oder 4wöchigem Aufenthalt auf. Meldungen sind, an den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände, Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 158, zu richten. . Versammlungskalender Mannheim. . Liberal-jüdische Vereinigung. . Montag, 6. Juni 1932, abends 8% Uhr Im Saale der Angust Lamey-Loge, C. 4, 12: „Religiöse Lyrik thoderner jüdischer Dichter.“ Auslührende: Raoul Alster, Mitglied des Natlonaltheaters Mannheim, and Hauptkantor Wolf LevL Eintritt IreL --■---=—i—:---- ' Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten. Mittwoch, 8. Juni, abends 854 Uhr, Aula der Schule Kälserstr.30: Gemeindeabend. Vortrag des Herrn Moritz RosenthaI, Mitglied des Gemeindevorstandes. Künstlerische Darbietungen unter. Mitwirkung der vereinten Chöre der Uberalen Synagoge Osten und Sangesfrednde 1927, sowie der Altistin FrL Lade Charlotte Bär. Kein' Unkostenbeltrag 1 Gesinnungsfreunde herzllchst willkommen! Gottesdienste Berlin-Norden. Liberale Synagoge Norden. Schönhauser Allee 162. Freitag. 3. Juni, abends 7.15 Uhr: Predigt stiid. theol. Gerhard Graf (Jiigendgottesdlenst). — Sonnabend. 4. Juni. vorm. 10 Uhr: Predigt Rabb. Dr. Swarsensky (Knabeneinsegnung. Neumondw'elhe). — Donnerstag. 9. Juni, abends 7.15 Uhr: -Schow u a u ß - Gottesdienst. Predigt Rabb. Dr. Swarsensky. — Freitag, 10. Jnnl. vorm. 10 Uhr: (Schowuauß). Predigt Dr. Swarsensky. — Freitag. 10. Juni, abends 7.15 Uhr: (Seelenfeier). Predigt Rabb.-Kand. Dr. Hirschberg. — Sonnabend,-11. JunL vorm. 10 Uhr: (Seelen!eier). Predigt Rabb.-Kand. Mehler. Berlin-Osten. Liberale Synagoge Osten. Kalserstr. 30. Aula der Mädchenschule. Freitag. 3. Juni, abends 7.30 Uhr: Predigt Rabb. Dr. Swarsensky. — Freitag. 10. Juni, abends 7.30 Uhr: Schowuauß, Predigt Rabb.-Kand. Mehler. , Berlln-Oberspree. Freitag, 10. Juni, abends 814 Uhr, ln der Volksschule Niederschöneweide, Berliner Straße (Ecke Hasselwerderstraße), Schowuaus-Abendgottesdienst mit See.lenfeler und Ansprache. ' Westend. Liberale Synagoge Westend. Lelstlkowstraße 7—8. Aula. Freitag. .3. Juni, abends“ 7.15 Uhr: Thorah-Vorlesung. — Freitag. 10. Juni, abends 7.15 Uhr: Scbowuauß, Predigt Rabb. Dr. Swarsensky. Liberaler Gottesdienst Schmargendorf. (Altersheim Berkaer Straße 32.) Freitag. 3. JunL abends 7 Uhr."— Sonnabend. 4. JunL vor-1 mittags 10 Uhr. — Donnerstag. 9. Juni, abends 8 Uhr: S c h o - wuauß.— Freitag. 10. JunL vorm. 10 Uhr: Predigt Rabb.' Dr. Galliner. — Freitag. 11. JunL abends 7 Uhr: Schowuauß.—. Sonnabend. 11. Juni, vorm. 10 Uhr: Predigt und Seelenfel e r. Rabbiner Dr. Swarsensky. Jüdische Retormzemelnde. Sonntag. 5. Juni. Johannlsstr. 16. vorm. 10 Uhr: Predigt Dr. Lehmann. — Klelststraße 10. vorm. 10 Uhr: Predigt Dr. RosentfaaL Freitag. 10. JunL Johannisstraße 16. vorm. 10 Uhr: Wochenfest. Predigt und Seelenfeier. Dr. RosentfaaL Sonntag. 12. Juni, Johannlsstr. 16. vorm. 10 Uhr: Predigt Dr. RosenthaL — Klelststr. 10. vorm. 10 Uhr: W o c h e n f e s t .- Predigt und Seefenfefer. Dr. Lehmann. In der ^Schweiz Kwthuaa»77 Jahr«, atu ftrtsaHnM, mit G—chift in dar Sdnrafae sacht stR Frialdn ia imimu1nii Alter . and |tftse VanaSgs&sverlialtaiaasn baWnwt zu worden, tosereat weQt diataa Sommer ia Peateddaad. Offert aat. Chiffre JH 4268 ZaaSdh weiser Annoncen A. G*» ZBrldi, Bahnhofatr.100, Denn erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkT. . .. auch völlig anders, als der Leser denkt, der deshalb' ■ gebeten wird, dies hier ganz bis'zu Ende zu lesen. Während der letzten Wochen hat in der nationalsozialistischen Presse, das ist allgemein bekannt, ein beispielloses Kesseltreiben gegen unseren Parteifreund Dr. Bernhard Weiß,' den Polizeivizepräsidenten von Berlin, eingesetzt Kübel des Hasses, des journalistischen Unilats, der Niedertracht und Gemeinheit sind über ihn entleert worden. Indessen unterscheiden sich die Angriffe keineswegs von dein, was sonst in der nationalsozialistischen Presse zu lesen; und wir Ratten . keinen Anlaß, unsere Leser mit dieser, bereits in den Tageszeitungen hinreichend erörterten Sache zu-langweilen, wenn nicht einer dieser völkischen Exzesse eben doch Interesse verdiente. Er lautet: „Das Kotumbus-Et zu entdecken, blieb der sogenannten deutschen Staatspartei Vorbehalten, jener Partei, die die sogenannte „Judenpresse“ hinter sich hat und israelitisch-liberalen Charakter trägt, eine Partei, die jetzt, in Preußen von ihren paar Dutzend Mandaten ganze zwei erretten konnte. Einer ihrer Wortführer, der israelitische Berliner Polizeivizepräsident Weiß, hat’s heraus. „Hitler und sein Anhang“, sagt er, müssen so behandelt werden, wie sie es als Staatsfeindeverdienen“. Staatsfeindei Herr Weiß, der Jude, dekretiert also, wer im deutschen Volk staatsfeindlich Ist'und ,wer nicht — als ob man ihn darum gebeten Bütte. Und er will auch „den demokratischen Staat vor' Selbstmord bewahren“* Er gestattet auch nicht, wie er in einer Berliner Versammlung erklärte, „daß die Grundsätze der Demokratie gegen ihre Feinde angewendet werden“. Herr Weiß, der Jude, verlangt also nichts weniger als die -Diktatur. Die jüdischen Sorgen des Israeliten Weiß!“ — So weit der Angriff. Indessen, lieber Leser, Angriff ohne Gänsefüßchen. Denn nicht etwa der „Angriff“, die Zeitung des Herrn Goebbels. bringt diese Schmutzerei, sondern ein__ zionistisches Blatt, die In Wien erscheinende „Neue Welt“ in ihrer Ausgabe vom 29. April 1932. Die gleiche Zeitung brachte kürzlich eine Lobeshymne auf Goethe, daß er sich so schön rassestolz von den Juden-ferngehalten habe -*• leider gestattet es der Raum nicht, lenen sehr langen Aufsatz, also sehr ins Kraut geschossenen blühenden Qoetheblödsinn, hier abzudrucken. Es muß mit dem Erguß über Dr. Weiß genügen, um für heute zu zeigen, wie berechtigt die Behauptung ist, daß der Zionismus dem Nationalsozialismus und dem Judenhaß ln die Hand arbeitet und.völkisch, nationalistisch Ist wie jede andere völkisehe Bewegung auch. Freilich, ein Tell der Zionisten wird uns sehr'böse sein: die „Neue Welt“ Ist ein Blatt ' der sogenannten Revlsionisten-Partei innerhalb des Zionismus. Abei: läßt sich - leugnen, daß die Revisionisten damit eben innerhalb des Zionismus stellen, läßt sich leugnen, daß der Revisionismus diejenige zionistische Teilbewcgung Isfc-dle dem;' zionistischen Gedanken konsequent und mutvoll bis zum letzten Ende durchführL wie dies ein jeder weiß, der nicht nur den hier, veröffentlichten Angriff auf Dr. Weiß, sondern' auch die Reden Jabotinskys und die Schriften Klatzklns kenntl Die „Neue Welt“ erscheint in Wien, sie mischt sich In deutsche Verhältnisse — „als ob man sie darum gebeten hätte“! Dem Leser aber, der zunächst geglaubt hatte; er habeeinen ganz gewöhnlichen Angriff aus dem „Angriff“ vor sich, der dann aber, wie gebeten wurde, bis zum Schluß folgte, hat sich die Entdeckungsreise nach dieser Neuen Welt sicherlich gelohnt: hier wird etwas gezeigt Wenn auch nichts Schönes, - so doch etwas,' was -man wissen muß. —tz. Kümmert euch um die Elternbelratswablenl Das brandenburgische. Provlnzlalscbulkollegium hat den Termin für die diesjährigen Elternbeiratswahlen fßr Berlin auf Sonntag, den 26. Juni, festgesetzt Die „C. V.-Zeltung“ richtet einen Appell an die Jüdischen Eltern, sich vollzählig an den Wahlen zu beteiligen und dahin zu wirken, daß nicht der nationalsozialistische Einfluß in den Elternbeiräten ein maßgebender werde. Es sei gerade Im Interesse des Jüdischen Schulkindes dringend, notwendig, daß einer oder mehrerejüdische Vertreter im Eltembelrat einer Jeden Schule sitzen und sich tatkräftig am Leben der Schule beteiligen. Die Nationalsozialisten werden versuchen, eine möglichst große Anzahl ihrer Leute in die Elternbelrätq zu bringen bzw. die amtlichen Versammlungen mit viel Stimmenaufwand zu beherrschen. Alle fortschrittlich denkenden Eltern und ganz besonders die jüdischen Eltern müssen also möglichst zahlreich diese -Versammlungen besuchen. Sie müssen, wenn nötig, in der Diskussion reden und selbst Vorschläge für eine etwaige Einheitsliste machen. Die C. V.-Zekuoz. das Organ des ' Centralverelns -deutscher Staatsbürger -Jüdischen Glaubens. bat aus Anlaß Ihres zehnjährigen Bestehens eine Sondernummer (Nr. 22 vom 27. Mal 1932) herausgegeben, in der sie Rechenschaft Ober dos Gewollte und Erstrebt« der Centralvereins-Bewegung und der Ccntralverelns-Zeltung gibt. Neben den sehr aufschlußreichen Aufsitzen über dl« Tätigkeit der Zeitung enthält die Nummer eine Anzahl Glückwünsche führender Persönlichkeiten aus Kultur und Politik. — unser Verhältnis zum Centralverein und damit auch zu seinem Organ Ist zu bekannt, als daß es an dieser Stelle mehr als eines schlichten Glückwunsches bedürfte. ■ jüdischen Volkes“ wurde erfüllt, sondern eine viel weniger besagende. Formel akzeptiert die den Juden eine Heimstätte in Palästina unter ganz bestimmten Kautelen und mit dem ausdrücklichen Vorbehalt der Wahrung der Rechte der übrigen Bevölkerung zusicherte. . Der drohende 'Konflikt zwischen 'Arabern und Juden in Palästina zeichnet -sich in dem gewundenen Text der Balfour-Dekläration bereits deutlich ab. - Als nach Kriegsende der Völkerbund die Balfour-Deklaration sanktionierte und Palästina zum englischen Mandatsgebiet erklärte, schienen die zionistischen Blütenträume zu reifen. Einige Jahre lang konnten sich die Jüdischen Nationalisten bi der Illusion wiegen, ihr Spiel gewonnen zu haben. Es begann die Einwanderung und Ansiedlung Jüdischer Kolonisten in Palästina. Zwar konnte nichL wie man gehofft, hatte, ein erheblicher Bruchteil der in der -Welt zerstreuten fünfzehn Millionen Juden in die „neugewonnene Heimat“ überführt werden; aber immerhin gelang es, etwa 100.000 Leute ins Land zu bringen. Sie kamen Voller Enthusiasmus, weil man ihnen erzählt hatte, es sei „ihr Land“, das sie zu be-. siedeln und zu bebauen hätten. Und sie fanden zu ihrem Erstaunen, daß die Einwohner dieses Landes ihnen den Besitzanspruch streitig machten. Sie gingen, voller Eifer und mit einem rührenden Idealismus an die praktische Arbeit1 und schufen Siedlungen, Kolonien, Städte. Aber sie erlebten auch bald bittere Enttäuschungen und mußten die Grenzen der wirtschaftlichen Kraft des kleinen Landes erkennen. Viele wandelten wieder aus — im Jahre 1927 überstieg die Rückwanderung sogar die Einwanderung um 2300 Personen. Es begann auch der Aufschwung der nationaljüdischen Bewegung in der Diaspora. Wenn vor dem Kriege die überwältigende -Mehrheit der Juden in aller Welt den .Zionismus abgelehnt batte, so schien sich jetzt dieses Bild Zu ändern. Ein Teil der jüdischen Jugend ließ sich von den Scheinerfolgen der Ziobisten blenden. Nicht nur ln Osteuropa, wo wirtschaftliche Not und politische Bedrückung die jüdischen Massen der Verzweiflung in die Arme trieb, auch in Mittel-, und Westeuropa und ganz besonders in Amerika wuchs die Zahl der zionistischen Parteigänger. Sie zogen in die Gemeindestuben ein,, sie entfalteten eine lärmende Agitation, sie spielten sich als geistige Führer der Judenheit auf. Aber hinter Ihrem zur Schau getragenen Siegesbewußtsein merkte man die innere Unsicherheit Die Ueberbeblichkelt mit der sie ihre nichtzionistischen Glaubensgenossen behandelten, die Anmaßung, die sie der nichtjüdischen Umwelt gegenüber bekundeten, war nur der Deckmantel, unter dem sich ihre Angst vor der sichtbar heraufziehenden Katastrophe verbarg. Tragisch ist das Schicksal der Gutgläubigen, die ln dieser Periode des Aufschwunges den Sirenenklängen des jüdischen Nationalismus Gehör schenkten, tragisch das Los der Chalüzim aus Rußland und Polen, die!mit glühender Begeisterung und heißem Opfermut sich dem palästinensischen Gedanken verschrieben und bald so grausam enttäuscht wurden, tragisch das Geschick der ostjüdiseben Proletarier, die dem Lockruf eines Jüdischen nationalen Sozialisums folgten und ihre Klasseninteressen dem Idol einer nationaljüdischen Solidarität opferten.- Aber neben der Tragik steht die Schuld! Die Schuld der Führer, die unerfüllbare Hoffnungen weckten, die künstlich die kühnsten Illusionen züchteten und die es unterließen, vorden immer deutlicher werdenden Gefahren zu warnen. Und wenn nach dem Wendepunkt!in der zionistischen Entwicklung Stimmen der Kritik und der Anklage laut wurden, so kann es - nicht zweifelhaft sein, an welche Adresse diese Anschuldigungen zu richten sind. (Ein Schlnßartikel folgt) Max Liebermann: BüdnisaussteUung* In den schönen Räumen des Vereins Berliner Künstler (Tiergartenstraße 2 a) befindet sich während dieses Monats (bis zum 6. Juni) eine Ausstellung von 33 Porträts Max Llebermanns aus allen Epochen seines Schaffens, ■' von den- Anfängen bis zum ~Jahre 1932. gleichsam als Vorfeier seines 85. Geburtstages. Die Ausstellung errang in der gesamten Presse einen außerordentlichen Erfolg, außerordentlich des-' hafbj weil hier eine Kunstform gefeiert und sogar erneut zum Maflstab genommen wurde, welche in den Knnstkreisen, denen ' die- Zeitgemäßheit der. letzten Stunde alles Ist. für überwunden galt Biese Tatsache des Erfolges ist für uns speziell noch dadurch erfreulich, daß ln dieser Hochflut des Antisemitismus einzig eine solche Leistung wirkungsvolle- Propaganda machen kann und die Lüge vom Parasitentum der Juden einzudämmen vermag. -.. Diese räumlich kleine Ausstellung ist doch gleichzeitig ein Kulturbild; denn, es läßt sich denken, daß gerade; die fort- ' schrittlich führenden Persönlichkeiten dem Meister, der seiner Generation als Revolutionär galt, „gesessen“ haben, während in den Jahren seines unbestrittenen Triumphes nur die oberen Zehntausend zu seinen Auftraggebern gehören konnten.' So wimmelt es im Katalog von Gehelmräten, Kommerzienräten und Generaldirektoren; und doch — nichts Konventionelles Ist in diesen Bildnissen. Das Menschliche und olt genug das' - allzu Menschliche Ist ln diesen Figuren gegeben. Und nun erleben wir das seltsame Schauspiel, daß alle diese Menschen, deren BUd'durch das Gehirn eines Genies hlndurchgegangen ist. sich zu ähneln scheinen. Trotz dieser äußeren Gelockertheit: im. Benehmen und sich Geben: welche .Gespanntheit Ir den Zügen, welche Zielstrebigkeit Im Blick, der den' Beschauer fast beunruhigt, welche willentliche Konzentration ln diesen Stirnen! GemÜL Stimmung wird man in diesen Bildern vergeblich suchen; die reine Malerfreude an der Farbe kennt Liebermann in diesen Porträts nicht Vielleicht Dt es nlchl abwegig,-wenn man sie überhaupt als. graphische Werke betrachtet Einzig In den Famlllenbildern tritt —'wohl unbewußt vielleicht wider Willen — Gefühl zutage.,/ Die Eltern —Ir /einer an Rembrandt angelehnten Komposition —sitzen sehr kühl, sehr beherrscht und dennoch sehr patriarchalisch Int. halbdunklen Zimmer' am grünen Kachelofen. Das Bild der Enkelin mit Wärterin bat eben der Großvater gemalt . Vor allem aber ist da eine Wand, auf der drei Generationer der Liebermannschen Familie Zusammenhängen,' die Eltern der Meister, seine.Tochter:. wie in diesen Werken die gleicht rassige Gestalt variiert erscheint, das ist ein Erlebnis, welcbtj über dasrein Künstlerische schon hinausweist — . Dr. Fritz SalomonskL