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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-06-01 · 5 (1.6.1932) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
5 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' 12. Jahrgang Nummer 5 Jüöijft-libetale Scitung; Beilage l.Juni 1932 iiimmmimiiiiiininiiiiiiiiniiimiiiiiininniiiTnniiiitti iiiiinnmiiniiniinmiiniimiiiiniiiiimnnniiiiinniiiniiiiiiiiiniiiiiiniiniiininiiiiiiimiiiiiiiimiiiniiiimiiiiNiuiinniiiniiiiimmniiii immiinnmraiiniimmiiiminiimiiiimuliiiiiuiMmiiiimimiHumMiiitiiiimmiimiimMiMiMimii 1. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“. Mi . Die Anhänger und Freunde unserer Bewegung waren am vergangenen Montag einer Einladung gefolgt, die diesmal von der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ äusging. Ein Novum also in der Versammlungsgeschichte des Berliner jüdischen Liberalismus, wie es wohl überhaupt das erstemal sein dürfte, daß eine jüdische Zeitung in Deutschland eineh eigenen Abend veranstaltet hat! Daß es für die Veranstalter keine Aktion nur in eigener Sache war, zeigte das Thema des Abends: „Pionierarbeit für liberales Judentum.“ Dieses Wort trifft gewiß auf die Tätigkeit der Zeitung zu, wie Verlag und Redaktion sie aufgefaßt wissen wollen. Es umfaßt aber darüber hinaus ein weit umfangreicheres Gebiet Und daß es als Thema einer Veranstaltung eine Anziehungskraft auszu-- üben vermochte, das bewies die große Anzahl der erschienenen Besucher. Der 600 Sitzplätze-umfassende. Saal des Cafe Leon reichte kaum aus, um den Versammelten Raum zu .bieten. Diese Anziehungskraft erwies sich! aber ferner auch - dadurch, daß die Führer unserer Gemeinde fast vollzählig erschienen waren: die liberalen Mitglieder des Gemeindevorstandes und der Repräsentanz, sowie viele bekannte Persön- .lichkeiten aus allen Teilen der Stadt,. Fünf Redner, beleuchteten das Thema in Kurzreferaten von allen Seiten. Bevor wir aber den Bericht hierüber folgen lassen, muß der künstlerischen Darbietungen des Abends ge- ' dacht werden. Daß sie die Veranstaltung „umrahmten“, wie es in Versammlungsberichten zu heißen pflegt würde in die- ' sem Falle bestimmt nicht ihren Wert zur Genüge kennzeichnen. Die Zuhörer jedenfalls betrachteten die Gesänge, von Herrn Oberkantor Leo Gollanin, die Rezitationen von Edith Herrnstadt-Oettingen, den Vortrag des von ' Cläre Löwenstein verfaßten Prologes nicht als Beigabe, sondern gaben durch nicht endenwollenden Beifall zu erkeii- *“ nen, daß der künstlerische Teil der Stimmung des Abends ebenso stark das Gepräge gab wie die sachlichen Referate. . Den Reigen der Redner eröffnete Rechtsanwalt Heinrich Stern. " ' . Als Vorsitzender der Vereinigung für.das liberale Judentum V kennzeichnete er die Rplle, die der Zeitung als dem Organ ' dieser Vereinigung zukommt: Soll das Organ gesund sein, so muß der Körper leben. Der Körper wird nur'leben, wenn das Organ gesund ist So. stehen Körper und Organ, Zeitung und Vereinigung innig und unzertrennbar miteinander im Zusammenhang. Beide können nur gedeihen, wenn sie nicht einer Partei allein-'Ausdruck und Stimme verleihen, sondern der Ausdruck einer lebendigen Bewegung sind. Eine lebendige Bewegung war das liberale Judentum, als es vor 125 Jahren in die Welt Kants und Goethes trat eine lebendige Bewegung ist es geblieben und soll es weiter bleiben. Wenn bei den letzten Wahlen im jüdischen Gemeindeleben das Feuer dieser Bewegung wieder aufgeflammt ist so ist es Aufgabe der Zeitung, diese Flamme weiterglühen zu lassen und in immer weitere Kreise hineinzutragen. Die Not unserer Zeit macht diese Aufgabe besonders schwer, aber auch ganz besonders wichtig. Wir hoffen und wünschen, daß das Judentum‘stärker ist als die Not der Zeit wie es noch immer stärker war als die Feinde und die widrigen Umstände, die von außen her auf die Juden eindrahgen. Deshalb müssen wir uns mit den Tagesfragen auseinandersetzen und müssen zeigen, daß keine Erscheinung zu alltäglich ist als daß sie nicht vom Judentum 'der Prophetie erfaßt werden kann. Wir wollen zeigen, daß sowohl der Individualist wie der Mann der Gemeinschaft sich bei uns wohlfühlen können. Wir wollen eintreten nicht nur für den liberalen Gedanken, sondern auch für liberale Tat Mit einem Hinweis auf die beachtenswerte Tatsache, daß sich ' der jüdisch-liberale Gedanke jetzt auch in solchen Ländern zu regen beginne, die bisher, wie beispielsweise; Holland, in . religiöser Beziehung im tiefsten Mittelalter gestanden haben. - schloß der Redner seine Ausführungen, denen lebhafter Beifall folgte. . Sodann betrat der Vorsitzende des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser,. in dessen Händen auch die Leitung des Abends lag, die Rednertribüne, und führte die Zuhörer in die Praxis des Ge-. ■ meindelebens. Er skizzierte die . Aufgaben, die die Gegenwart an das Judentum stellt an die liberalen Juden ebensowohl. . wie an die anderen Richtungen. Denn keine Richtung ist Selbstzweck, alle sollten nur Mittel zu dem Zweck sein, der judenheit und dem Judentum zu dienen. Ueber die rein religiösen Aufgaben hinaus stellt uns die veränderte soziale Struktur unserer Gemeinden vor ganz'besonders schwierige Probleme. Die Statistik zeigt daß schon im Jahre 1930 -etwa 50 Prozent der deutschen Judenheit proletarisiert waren.-Seitdem ist diese Entwicklung weitergegangen. Das bedeutet für uns die Notwendigkeit der Berufsumschichtung, der landwirtschaftlichen Siedlung, der Arbeitsbeschaffung unsere besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Mit erhobener Stimme richtete -der Redner an die jüdischen Arbeitgeber die Mahnung, der jüdischen Arbeitslosen tatkräftig zu gedenken. Mit vollem ■ Recht stellte er fest, daß es in diesem Punkte leider oft traurig bestellt sei. Allen diesen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen, über die notwendigen Aufgaben der Gemetndepolitik Aufklärung zu schaffen und um Verständnis für diese Aufgaben zu werben — dazu ist. die Zeitung berufen. Der Referent schloß seine Ausführungen mit einem eindringlichen Appell an alle liberalen Juden, die Zeitung zu unterstützen, damit sie in Wahrheit Pionierarbeit leisten könne. Der starke Beifall, mit dem dieser Appell von der Versammlung aufgenommen wurde; läßt hoffen, daß er auf'fruchtbaren Boden gefallen ist C . ■ ■ Dr.-Kurt Fleischer, der Vorsitzende der Berliner liberalen Repräsentantenfraktion, kennzeichnete als nächster Redner in höchst anschaulicher Weise die Pflichten der jüdischen Presse bei der Schilderung der aktuellen Ereignisse. Wir verlangen von der jüdischen Presse, so sagte er, daß sie gerecht, wahrhaft und ehrlich sei. Selbstverständlich wird jedes Parteiorgan'die Arbeit der eigenen Fraktion ins Rampenlicht stellen und die Tätigkeit der anderen etwas zurücktreten lassen. Aber die Objektivität der Darstellung darf darunter nicht leiden. Leider ist festzustellen, daß diese Objektivität im innerjüdischen Gemeindeleben von der Gegenseite nicht immer gewahrt wird und daß weniger durch Verfälschung der Tatsachen als vielmehr durch Verschweigen von Vorgängen — gewollt oder ungewollt ' falsche Bilder hervorgerufen .werden. Das gilt nicht nur für die zionistische, sondern auch für die sogenannte neutrale Presse. Der Redner erläuterte dies an einigen Beispielen. Er machte unter lebhafter Aufmerksamkeit des Auditoriums’ Mitteilung von den in letzter Zeit geführten Einigungsverhandlungen zwischen Liberalen und Zionisten. Bei diesen Besprechungen haben die liberalen Vertreter u. a. mit Nachdruck gefordert, es müsse Sorge dafür getragen werden, daß nicht von zionistisch angehauchten Rabbinern von der Kanzel herab Hetzreden gehalten werden, die es vielen Synagogenbesucbern unmöglich machen, im Gptteshause zu verbleiben oder wenigstens dem Gottesdienste mit der nötigen inneren Hingegebenheit zu folgen. Schließlich ist eine Einigung über die strittigen Fragen dank der Initiative und dem Friedenswillen der Liberalen zustandegekommen. All dies, ist in der zionistischen und zum Teil auch in der sogenannten neutralen Presse entstellt worden, und aus der Darstellung dieser Blätter muß der uniformierte Leser den falschen Eindruck gewinnen, als ob die Liberalen die Friedensstörer in der Gemeinde sind. Gegenüber solchen journalistischen Methoden stellte der Re* ferent die Forderung auf: Die jüdische Publizistik soll sich halten an einen Spruch unserer Väter: Die Welt ist aufgebaut auf drei Dingen: Gerechtigkeit, Wahrheit und Frieden. Die jüdische Presse und ganz besonders unsere liberale Zeitung hat demgemäß drei Pflichten: Gerecht zu urteilen, wahrheitsgemäß zu berichten und friedvoll sich auseinanderzusetzen. (Anhaltender Beifall.) Nach den drei Vertretern der repräsentativen jüdischliberalen Organisationen und Körperschaften kam nunmehr die Zeitung selbst durch die Vertreter ihrer Redaktion und ihres Verlages zu Worte. Redakteur George Goetz' gab einen Rechenschaftsbericht'über seine Leitung des Blattes. Er führte aus: ln Spanien besteht der schöne Brauch, daß der Hausherr, der einen Gast bei sich begrüßt, auf sein eigenes Haus zeigend, ihm sagt: „Estä su casa — dies ist Ihr Haus.“ So sagt auch die „Jüdisch-liberale Zeitung“ zu allen Freunden, die ihrer Einladung gefolgt sind: „Dies ist Ihre Zeitung.“- Eine Zeitung will und soll sein Ausdruck eines bestimmten Kreises, aus dessen Gedankenwelt heraus und für dessen Gedankenwelt sie^ schafft Daß der Zeitungsschreiber seiner Partei dienen will — das dürfte keinen Gegenstand der Kritik bilden, sobald man weiß, wie und aus welchen Gründen er, gleich jedem anderen Parteimitglied, zur Partei gekommen ist Was wir Berliner Juden und die Jüdische Gemeinde ohne die liberale Partei wären, das weiß jeder, der die „glorreiche“ Aera Kareski-miterlebt hat Was einen anderen oft gehörten Vorwurf .betrifft, eine Zeitung rufe überhaupt die „Oeffentliche Meinung“ erst hervor, so sage ich: Wenn es zum Segen ist —' sei’s drum! In dem besonderen Falle unserer Zeitung darf gesagt werden: die „Oeffentliche Meinung“, die große jüdisch-liberale Bewegung, ist bereits da. Und trotzdem müssen und wollen wir noch mehr „Oeffentliche Meinung“, .machen. Wir wollen durch Propagierung der liberalen Ideen, und durch Verbreitung aufklärender Nachrichten unserer Partei Anhänger werben sowohl unter den Lauen, den In-. differenten, als auch unter denen, die noch immer nicht wissen, daß das liberale Judentum in Theorie und Praxis eine aufbauende, positive und aktive Richtung ist In bezug auf die dringend notwendige geistige Vertiefung muß die Zeitung, der von Bruno Woyda die entscheidende Linie gegeben worden ist, allerdings „Oeffentliche Meinung“ machen, indem sie die Formulierungen findet für das, was allen Liberalen unformuliert vorschwebt In der Auseinandersetzung mit dem Gegner muß sie auch formulieren, gegen wen .wir uns wenden, und warum wir es tun. Die Orthodoxie Ist nicht der eigentliche Gegner; sie schaift kein Unglück, wie der Zionismus, der in Palästina Juden yordie' Flinten der'Araber bringt und uns hier die Errungenschaften eines hundertjährigen Emanzipationskampfes' gefährdet und der uns, soweit er religiös frisiert geht einreden will, der Gott des Judentums sei ein Gott der Juden wie Pallas Athene eine Göttin der Athener. (Starker Beifall.) Nach dem Redakteur der Verleger: Hanns Loewensietn gab' als Mitherausgeber der Zeitung seine Auffassung über die Pflichten der Verlagsleiter bekannt: Verleger der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ sein, heißt nicht seine Berufspflicht so aufzufassen, daß man nur für die Füllung der Zeitungsspalten mit lesenswertem und aktuellem Material und für die Ausbreitung des Blattes sorgt sondern es heißt vor allem, daß man mit festemWillen und unerschütterlichem Optimismus an die Sache glaubt der man dieht Wenn wir den Verlag. übernommen haben, so konnten wir das um so eher tun, als wir uns zu den Juden rechnen, die' durch nichts an dem Glauben einer besseren Zukunft des Judentums sich beirren lassen und die im liberalen Gedanken die Verkörperung eines neuzeitlichen Judentums erblicken. Das Judentum, seit Jahrhunderten verfolgt und durch die Länder gehetzt das Judentum, dem. es gelang, die geistigen Fesseln des Ghettos von sich abzustreifen und gerade hier in unserem deutschen Vaterlande zu einem-machtvollen Kulturfaktor heranzuwacbsen — dieses Judentum wird auch weiterhin seinen Platz bewahren, unbeschadet aller politischen Anfeindungen und wirtschaftlichen Krisen der Gegenwart Da aber eine glückhafte Zu- . künft niemandem mühelos in den Schoß fällt sondern verdient und erkämpft werden muß, so wird auch .das Judentum-und vor allem der jüdische Liberalismus in Deutschland noch manchen harten Strauß auszufechten haben, bevor das Ziel seiner Wünsche erreicht ist Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ wird an diesen Kämpfen teilnehmen, sie wird kommenden' Auseinandersetzungen nicht aus. dem Wege gehen. In erster Linie yirird sie einen erbitterten Kampf führen gegen die Kulturschande des Antisemitismus. Sie wird sich weiter mit aller Schärfe dagegen wehren, daß jüdische Richtungen .das Judentum, dem Lande zu entfremden suchen, dem sie ver? bunden sind trotz Anfeindungen und Verfolgungen, dem sie zugehören und das Deutschland: beißt Die „Jüdisch-liberale Zeitung“ will aber nicht nur Künderin des Kampfes und Rnferin im Streite sein. Ihr vornehmstes Bestreben geht dahin, die Werte jüdischer Religiosität aufzuzeigen und jüdische Ethik zu verbreiten. In Variierung eines bekannten Wortes möchte ich sagen r Der Weg zur Erfüllung ist mit guten Vorsätzen gepflastert Guten Willen, Energie und Schaffensfreude besitzen wir. Helfen Sie uns-nun, unsere guten Vorsätze in. die Tat umzusetzen! Dann wird unsere Mühe ihre edelste Belohnung finden darin, daß wir die -unser harrenden Aufgaben erfüllen und uns den Ehrentitel „Pioniere[des liberalen Judentums“ verdienen können! (Reicher Beifall.) Die Referate der fünf Redner hatten auf die überfüllte - Versammlung sichtlich einen .starken und tiefen Eindruck ausgeübt Die gespannte Aufmerksamkeit, mit der das Auditorium den Rednern folgte, der spontane Beifall, der sich immer wieder erhob, zeigten zur Genüge,, wie innfg die Verbundenheit zwischen Tribüne und Saal, zwischen -Sprechenden und Zuhörenden war. Keine Minute lang zeigte sich ein Nachlassen . der konzentrierten - Spannung, kein Mißklang störte den Ver- . lauf des Abends. Und trotz der inzwischen erheblichvorgerückten Zeit war nach den Referaten noch Aufnahme-- und Begeisterungsfähigkeit in reichlichem Maße vorhanden, uni die-abschließenden künstlerischen Darbietungen voll zu ihrem Rechte gelangen zu lassen. Frau Edith Herrnstadt-Oettingen rezitierte mit ihrer hohen Kunst zwei Gedichte von Jakob Loewenberg und riß insbesondere mit dem pazifistischen Gedicht „An die Soldaten des großen Krieges“ von Engelke die Zuhörer hin. Den Höhepunkt bildete die von Oberkantor Gollanin mit vollendeter Meisterschaft vorgetragene Arle aus „Judas Maccabäus“. Des Beifalls war schier kein Ende. Alles ln allem: Ein vortrefflich gelungener Abend. Eine so gut gelungene Veranstaltung, daß ' ihr nach Möglichkeit weitere folgen sollen. ' - ‘ ' S-rto. An die Zeitung. Prolog, verfaßt für den 1. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ am 23. Mal 1932. Von Cfäre Loewenstein. Das Wort, ein Kobold istts voll arger Tücke, ' Das, kaum gezeugt, dem Aetlier sich vereint; ’ Es fliegt umher, bald Hindernis, bald Brücke, - " Dem Menschen dienend und des Menschen Feind. Will man es fassen, flugs ist es entschlüpft, Soll es entweichen, haftet es-voll Trotz. Bald ist das Wort dem Bruder Geist verknüpft, . Ein Eigenbrödlcr bald, bald grober Klotz — — bis jäh das flüchtige Gebild der Luft Von finsteren Gesellen ward bedrängt. Und was in Freiheit aufblitzt und verpufft, In schwarze Lettern wurde eingezwüngt. - Der Buchstabe erstickt' des Wortes Schwall, Und dies fand, eingefangen, seinen Meister, ln Schrift verwandelte sich Ton und Schall, Und sie, die Schrift, beherrschte nun die Geister. Was längst vergessen wäre und verklungen, Wär' des Geschehens Träger nur das Wort, Das pflanzt zu ewigen Erinnerungen Die Schrift durch Ketten der Geschlechter fort Im ,Anfang wardsie liebevoll und heilig . - . Gemalt auf Pergament von Künstlerband. Als ruhevoll die Menschheit und nicht eilig Ihr Leben nur, nicht den Betrieb gekannt Es schuf ein Volk die Schrift der Schriften, kündend Das Wunder, das die ganze Welt bezwang,. . Das Dunkel scheuchend und-das Licht entzündend: Die Bibel, die dem Gottesgeist entsprang. Und durch Jahrhunderte von . Judas Weisen Ward aufgeschrieben ihres Qrübelns Frucht, ~Des Schöpfers heiliges Gesetz zu preisen, War ihres Daseins Sehnen, Sinn und Suchtl - Auch weltliche Gelehrte hinterließen In Weisheit der Gedanken tiefe Spuren, - Die uns die Geistesströme neu erschließen Der alten, lang versunkenen Kulturen. Doch plötzlich wandelte ln Druck sich Schrift; Was kunstvoll einst geschrieben, ward gesetzt Und starrt statt hihgehaucht mit Kiel und Stift In seelenlosen Druckertypen letzt . i— Und doch war Segen ln derneuen Kunst: Das Buch für alle kam ünd ward verbreitet . Es fand der Menschen Schätzung, Ihre Gunst, Und hat Ihr Blickfeld grenzenlos geweitet — - Ein ernstes Wesen aber ist das Buch, Bedächtig wird’s geschrieben und gedruckt Und spröde widerstrebt es dem Versuch, Zu sagen; was im Tagestempo zuckt Und weil dem schwerem strengen Buche fehlt Der flinke Mund, die blitzesschnelle Leitung, . Drum hat man eind Schwester Ihm gewählt Das Fluidum von Mensch zu Mensch: dle'Z e 11 u n gl Die Zeitung! Mächtig wie ein Element Durchflutet heißer Atem Ihre Spalten, > Für alles Menschliche ein Dokument,.- Ist sie, der Spiegel unsrer Zeitgestalten. Sie ist uns Freund und treuester Begleiter, ‘ Scharmant und launisch, klug und rauh und ehrlich. Sie stimmt uns traurig, skeptisch oder heiter. Und ist wie täglich Brot uns unentbehrlich. — Wir hier sind Juden! Jüdische Belange - Erheischen, daß in seiner Art man bleibt Drum sind erfüllt wir von dem Innern Drange Nach einer Zeitung, die für Juden schreibtl Doch kann uns keine Zeitung etwas bieten, Die in sich trägt die enge Weltanschauung Von überalterten und strengen Riten, Die nur Entsagung sind und nicht Erbauung! Auch kanh die Zeitung jener uns nichts sagen. Bei denen Blut und Rasse höchste Stufung,, Die „Volkstum“ in das Judentum getragen, Vergessend unsrer göttlichen Berufung. An jene Brüder nur geht der Appell, - I Für die der Glaube eigne, freie Wahl, Die ewig sich erneuern wie der Quell: Wir nennen diese Juden liberal! ‘Auf sie allelirlst unser Blatt geeicht Was sie bewegt, wir wollens ihnen geben; Von hoher Warte ihnen dargereiebt, " [ Sei jüdisches Geschehen .-und Erleben. Die Zeitung redet durch :den Mund der Besten I 245545

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