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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-06-01 · 5 (1.6.1932) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
5 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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“ Spruch treten. Denn die Kämpfe gingen keineswegs nur mflidas Zeremonialgesetz; in der Tat betrafen sie ■ die Grundfragen. i i _ , Diese. .Grundvoraussetzung des Judentums ist die Beziehung i des Menschenlebens auf den heiligen Gott als jürgrund und als Zielpunkt. Von hier aus wird der allgemein gültige MaBstab für das Menschenleben gefunden, ein' hoher, von religiöser Glut erfüllter strenger, aber doch freudiger Pflichtbegriff, für den die Formei „die Freude an der j Pflicht“ kennzeichnend ist. Es ist eine der Gefahren dieser gärenden Zeit, daß sie für Ausbalancierung der Kräfte, für den Ausgleich der Spannungen nicht allgemein und ewig gültige Maßstäbe als Grundvoraussetzung I hat. Uns sagt das Fest der Offenbarung wieder, daß- Freiheit nur in der Bindung und Bindung nur mit Freiheit bestehen kann, daß aber hur die Bindung, die uns j an Ewiges knüpft, uns Freiheit gewährleistet. i | Die Delegierten-Tagung der - Liberalen Vereinigung. Sonntag, 22. Mai 1932, in Berlin.! , Dieses Mal Organisatorisches und Gemeindepolitisches im Vordergründe — Billigung der liberalen Gemeindepolitik in Preußen und Berlin — Liberale Führer-Konferenz im Herbst — Jüdisch -liberale Jugend — Religiöse Zukunftsäüfgaben. Drei angenehme Enttäuschungen hat die Tagung der Vereinigung für das liberale Judentum uns gebracht; das sei ausgesprochen selbst auf die Gefahr, daß von anderer Seite ein immerhinvorhanden gewesener. Pessimismus ungünstig gedeutet wird.! Pessimismus hin und Deutung her: Verlauf und Ergebnis stimmen froh und hoffnungsfreudig. i! Die Beteiligung war; unerwartet gut, - sowohl der Zahl als den- Persönlichkeiten nach. Zwar mußten wir auf einige unserer bewährtesten Freunde und Führer; verzichten, darunter aufsölche, die noch nie auf.einer Vereinigungstagung gefehlt haben —: das, lag daran,' daß am gleichen Tage in Frankfurt a. M. der Engere Rat des Preußischen i Landesverbandes 1 sowie .ferner die Vertreter der Landesverbände zur '■ Vorbereitung der Reichsverbandsgründung ihre Sitzungen ab- -bielten. -Während aber allgemein die Ansicht verbreitet ist, die Schwere der Zeit mache das Interesse an jüdischen, an religiösen Dingen erlahmen, zeigten die unerwartet rege Beteiligung und der Verlauf der Aussprache das Gegenteil. - In dem offiziellen Kommunique, das die Vereinigung an die jüdische Presse herausgegeben; hat, konnte-sie mit Freude feststellen, daß sowohl die liberalen Rabbiner als auch die liberale; Jugend auf der Tagung stark vertreten waren. Diese Tatsache sei auch hier freudig vermerkt i , . , Rechtsanwalt Heinrich Stern hatte als Vorsitzender selbst die Erstattung des Tätigkeitsberichtes übernommen. In seiner Eröffnungsrede gedachte er der vielen Freunde und Führer, die das' liberale Judentum seit der letzten Tagung in Breslau .1930 Verloren bat, darunter besonders der drei Vorstandsmitglieder der Vereinigung: Justizrat Wilhelm Pions- _ker; Direktor Hugo Ostberg und Georg Mecklenburg:, deren Wirken für unsere Sache unvergessen ist und bleiben wird. . | — - .:. Die Delegiertentagung war dieses Mal als rein geschäftliche; Tagung angekündigt worden. Stern begründete das mit der Notwendigkeit, ' der Mitgliederschaft öffentlich Bericht über diejenigen Maßnahmen zu erstatten,, die der Vorstand bzw.j dessen Arbeitsausschuß getroffen haben, um 'den Folgen der wirtschaftlichen Krise zu begegnen, die sich auch bei der Vereinigung, sehr bemerkbar gemacht haben. Dank der Opfer ' intind ausländischer Freunde und infolge organisatorischer Veränderungen {unter denen die Ueberführung dieses Blattes auf dessen ’ jetzigen Verlag die wichtigste ist) iit nunmehr eine; ruhige Weiterarbeit der Vereinigung gewährleistet Es gelte' aber, eine gründliche Reorganisierung der Vereinigung und ihrer Gruppen im Reich vorzunehmen und zugleich auch die Richtlinien-fürdie Weiterarbeit festzutegen.; Und nun kam die''Zweite freudige Ueberraschung. Wirt- -schaftliche und politische Not von draußen, gemeindepolitischer Zwist infolge hitziger Ueberaktivität der Zionisten drinnen — das ist die Situation der deutschen Judenheit heute. Und so standen denn auch — neben den organisatorischen Anträgen — im Mittelpunkt der Verhandlungen die Thesen der Breslauer; Ortsgruppe, in denen die Grundsätze für die Verbindung der religiösen mit den sozialen Aufgaben niedergelegt sind, und' die gemeindepolitischen Anträge. Die Breslauer Thesen wurden einmütig angenommen und . werden nach endgültiger redaktioneller Bearbeitung durch den Arbeitsausschuß zur allgemeinen-Diskussion gestellt werden. Die sehr bedeutsamen gemeindepolitischen Beschlüsse bringen-wir an anderer Stelle dieses Blattes. Aber' die Diskussion —: sie zeigte, daß weder -die organisatorische noch die politische Arbeit des Liberalis- , mus für sich bestehen kann, sondern daß beides ruhen muß auf dem'geistigen! Fundamen t Die-Hinwendung zu religiös-geistigen Fragen begann eigentlich .bereits im Referat . des Vorsitzenden, sie wurde wieder aufgenommen durch den Vertreter der Jugend] Herrn Referendar Heinz Kellermann, dessen bedeutsame, tiefe Religiosität atmende Rede das Andenken an den JVater des Redners, unsern verewigten Rabbiner Dr. Benzion Kellermann, bei den Versammlüngsteil- •hehmern wachrief. Während aber Heinz Kellermann selber 'seine Rede vermutlich als Oppositionsrede aufgefaßt' hatte, zeigte der Gang der Verhandlungen- — das 'War die dritte Freude — daß die jungen und die alten Liberalen sich völligeinig sind in den Wünschen, die Kellermann vortrug: er selber bemängelte und die älteren Führer bedauerten, daß Gemeindepolitik zur Zeit so im Vordergründe ] steht, doch konnte nachgewiesen [werden, daß dieser Sachverhalt von außen her, durch die oben. geschilderte Situation] aufgezwungen ist Jung und Alt!waren sich einig in dem Vorsatz, die Arbeit der liberalen Vereinigung wieder dem geistigen Urgrund zuzuwenden. Diese Einigkeit der Generationen kam u. a. auch dadurch zum Ausdruck, daß eine Reihe von Anträgen, die Dr. Hugo Ho ff mann i (Frankfurt a. M.) namens der „Arge“ (Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands) gestellt hatte, einstimmig von der Versammlung angenommen wurde.; Die von der Jugend vorgebrachteii Wünsche, das Religiöse vor dem Gemeindepolitiscben wieder mehr hervortreten zu lassen, sind übrigens riicht so zu verstehen — das sei ausdrücklich hervorgehoben — als mißbillige die Jugend die Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin), der wiedergewählte Erste Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum. W.mi: antizionistische Haltung her Vereinigung. Wohl wünscht sie — gemeinsam mit uns Aelteren — diese innere Abwehr möchte unsere Kraft und Zeit weniger absorbieren — aber die jugendlichen Vertreter standeil so völlig auf dem Boden der universalistischen Lehre des Judentums, wurzeln so völlig in deutscher Kultur, daß sie weltanschauungsmäßig_ und gemeindepolitisch den Zionismus ablehnten und einmütig für die vorliegenden Anträge stimmten. Diese Anträge enthielten einmal die einmütige Billigung der liberalen Politik im Preußischen Landesverband und in der Berliner Gemeinde; zum andern streben sie sie Schaffung einer-einheitlichen liberalen Gemeindepolitik im ganzen Reiche an, wollen also einem längst empfundenen schweren Mangel unserer Position abhelfeh. Diese Beschlüsse bringen wir an anderer Stelle des Blattes. Die Anträge der Jugend lauten: 1. Jeder ..Ortsgruppenvorstand der Vereinigung, hat die Pflicht, bestehende' jüdisch-liberale Jugend-Organisationen ideell und materiell in der zu Ziffer 2 genannten Form zu unterstützen; besteht keine liberale Jugend-Organisation am Platze, ist eine solche möglichst' bald zu gründen; treten bei der Gründung Schwierigkeiten auf, sind liberal eingestellte junge Menschen als Vertrauensleute der „Arge", der. Gesamtvertretung jüdisch-liberaler Jugend Deutschlands, zuzuführen'. Die Ortsgruppen tragen dafür Sorge, daß liberale Jugendgruppen kein Sonderdasein neben der „Arge" führen. ' 2. Jede Ortsgruppe steht mit ihrer Jugend-Organisution in un-;' mittelbarer Verbindung z. B. dadurch, daß je ein Vorstandsmitglied beider Organisationen dem anderen Vorstand angebört. Zur materiellen Förderung der Jugendarbeit geben die Ortsgruppen der Gesämtvertretüng. der „Arge“, einen Betrag nach Maßgabe ihres Könnens. Soweit Jlis bestehen, fallen diese Betrüge den Jlis zu.. i - 3. Sämtliche Jugend-Organisationen sind verpflichtet, durch per- . sönliche Werbung dem Hauptverein .und sich selbst stets neue Mitglieder zuzuiühren: 4. Die „Arge“ übernimmt die Verpflichtung, 'die erhaltenen Beträge laut Ziffer 2 zu Werbezwecken zu verwenden. Diese Anträge wurden einstimmig angenommen. — Die ' Beitragsfestsetzung ' wurde so geregelt, daß! die Hauptgeschäftsstelle der Vereinigung von ihren Einzelmitgliedern bzw. von den Ortsgruppen für jedes Mitglied 2.— RM. jährlich erhält Die Ortsgruppen setzen den Betrag, den sie für ihreeigene Tätigkeit benötigen, selber fest . . Vorstandswahl. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt und durch eine Reihe von Neuwahlen ergänzt, insbesondere auch aus Kreisen des: jugendlichen Nachwuchses. Demnach setzt sich nun der Vbrstand aus; folgenden Personen zusammen (die Namen der neu gewählten Vorstandsmitglieder sind durch Sperrdruck hervorgehoben): ‘ R.-A. Heinrich Stern (Berlin), 1. Vorsitzender; R.-A. Dr. Rudoli Geiger (Frankfurt a. M.), 2. Vorsitzender; Landgerichtsrat Dr. Arthur Lilienthal'(Berlin), Schriftführer; Baumeister Georg Ja cobo witz! (Berlin), Schatzmeister; Direktor Alfred Jauius (Berlin), stellvertr. Schatzmeister; Rabbiner Dr. Leo Baeck, Dr. Hermann Berlak, R.-A.-Dr. Walfer Breslauer, Frai) Bertha Falkenberg, Rabbiner Dr. Julius Galliner, R.-A. ■ Dr. Moritz Galliner, Dr.! Moritz Garbäty, George Goetz, Bankier Wilhelm Graetz, Frau Annie Heinrichsdörff, Referendar Heinz Keller m.a n n, Bankdirektor Dr. h. c. Wilhelm Kleemann, Rabbiner Dr. Josef Lehmann, Landgerichtsrat Dr. Martin Lesser, Paul Pincus. R.-A. Dr. Julius L. Seligsohn, Frauj Alice Wei 1, Dipl.-Ing.! Bruno- Woyda, Dr. Kurt Zielen-' z i g e r, sämtlich Berlin; S.-R. Dr. .F. Baron (München),. Erich Bayer (Breslau), Alfred Berger (Breslau), Georg Berghoid (Danzig), Dr. Walter Blank (Köln), Rabbiner Gustav C oh «‘(Leipzig), Alfred Fabian (Breslau), Isidor Fabian (Königsberg), R.-A. Heinrich Frank (Köln), Nathan Friedmann (Dresden), R.-A. Dr. Hugo Hoffmann (Frankfurt a. MJ, R.-A. Richard Jung (Nürnberg), R.-A. Dr. Kann (Düsseldorf),. R.-A. Dr. Willi Katzenstein (Bielefeld), R.-A. Dr. Siegfried Kaufmann (Köln), Wilhelm Kronheim'(Magdeburg), Rabbiner Dr. Josef N o r d e n (Elberfeld), Frau Pauia Ollendorff (Breslau), Druckereibesitzer Moritz Rosenthal (Berlin), R.-A. Dr. Ernst Scheyer (Liegriitz), Rabbiner Dr. Davin Schönberger (Aachen), Frau Ottilie Schaenewald (Bochum), Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann (Frankfurt), Hauptlehrer Karl Stiefel (Mannheim), Jacob Valk (Hamburg), Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein (Breslau), Frau HJ Vorreuter (Dortmund), Rabbiner Dr. Albert Wolf (Dresden). J Dieser Vorstand -soll noch durch einige Kooptationen er-* gänzt werden. f ■' Die mehr als neunstündige Verhandlung wurde — da der Erste Vorsitzende Stern zugleich" Referent war — in ihren Hauptteilen von unserem altbewährten Meister der Verhandlungsleitung und Abstimmung, dem stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Rudolf Geiger (Frankfurt a. M.) geleitet Aufstieg und Niedergang einer Bewegung. 3. Der Aufstieg*! j Von Alexander Szanto. | . Wehn sich mehrere Quellen zu einem gemeinsamen Flußlauf vereinigen oder wenn zwei Flüsse zu einem großen Strom verschmelzen,' so pflegen in der Regel die aus verschiedenen Richtungen kommenden' Gewässer in dem neuen Bett noch eine kurze Strecke deutlich erkennbar nebeneinander herzu-- fließen, so daß man aus der Färbung, aus den sonstigen physijkalischen Eigenschaften, aus mitgeschwemmten Fremdkörpern und so weiter auf den Herkunftsort der einzelnen Wasserrinne schließen kann. Bald aber vermengen sich die ' Wellen,, die Wasserpartikelchen wirbeln durcheinander — ein einheitlicher Strom fließt dahin und keines Menschen Auge vermag schließ-- lieh mehr zu erkennen, ob die einzelne Woge dieser oder jener;Quelle entsprang. •' j Äehnlich verhält es sichoft mit politischen Belegungen, die, aus verschiedenen Quellen stammend, sich endlich zu einem einheitlichen Ganzen entwickeln. Für den Zionismus] wie er sich kurz vor dem Weltkriege präsentierte,] trifft dies gewiß zu. Dehn gleichgültig, ob die Anhänger der zionistischen Bewegung aus direkten Nachfahren der Herzischen .'Judenf staats-Idee sich rekrutierten, oder ob sie später hinzugekommen und neue Erkennmisse mitgebracht hatten, gleichgültig] ob es die-instinktiv zum Zionismus drängenden Ostiuden oder die. im' Rationalen wurzelnden westeuropäischen; Literaten waren, gleichgültig, auch, ob es.sich um die auf Orthodoxreligiösem Boden stehenden Misrachisten oder die einen Trop; fen scheinsozialistischen Oeles mitbringenden: Poale-Zion-Leute' handelte — im wesentlichen stand eine Bewegung da mit eini heitlicbem Charakter, einheitlichen Zielen und vor allem mit; einheitlichen1 Kampfmethoden. - j i" Gemeinsam .war den aus verschiedenen Richtungen zum' Zionismus gekommenen Elementen der Wunsch, in [Palästina einen jüdischen Staat zu schaffen, den sie vorläufig aus takti-] sehen; Gründen als .Heimstätte“ bezeichneten. Gemeinsam war ihnen ganz besonders der nationalistische Geist, den sie! dem Beispiele der europäischen Völker entlehnt batten.' Die Zionisten, diese geschworenen Bekämpfer der „Assimilation" merkten gar nicht, wie sehr sie in diesem Punkte selbst sich assimilierten. Assimilation bedeutet Annäherung, Anpassung an fremdes Kulturgut, Uebernahme artfremder Gedanken und Geistesrichtungen. Und Assimilation in schlechtem Sinne war es zweifellos, wenn die Zionisten den Geist des Chauvinismus, den Ungeist der Gewalt übernahmen, wenn sie sich bei ihrem , Sehnen'nach „jüdischem; Volkstum“, bei ihren schönen Reden über die „jüdische Renaissance“ von dem wahrhaft jüdischen f Geiste religiös-ethischer Menschheitsmission entfernten und dafür den Glauben an'nationale Sendung, an völkische Belange, an rassische Eigenart übernahmen. Gemeinsam war und blieb aber ferner auch die Verworrenheit der Ideologie; gemeinsam blieb das Gekünstelte und Krampfhafte in der praktischen Betätigung, gemeinsam vor allem die völlige Aussichtslosigkeit der ganzen Bewegung. Solange nicht außergewöhnliche historische Ereignisse-eintraten, blieb der Zionismus eine1 von 'der Mitwelt halb mit mitleidigem Humor, halb mit spöttischer Ablehnung betrachtete Scharlatanerie, eine , politische i Karrikatur, eine Hintertreppenangelegenheit der Weltgeschichte. Wenn auch innerhalb des Judentums die besonnenen Elemente allmählich begannen, der zionistischen Agitation energischer entgegenzutreten, iSO ist doch rückblickend festzustellen, daß im großen und! ganzen die jüdische wie die nichtjüdis'che Oeffentlichkeit den Zionismus kaum sehr ernst nahm und seine Anhänger zumeist mit dem gleichen Interesse betrachtete, das man heutzutage etwa den Mitgliedern der - Weißenberg-Sekte oder den Jüngern irgendeiner überspannten Kunstrichtung entgegenbringt;. Der Weltkrieg war die „ruhmreiche“ Zeit, da der Weizen nicht nur für dieMilitaristen aller Länder, sondern auch für politische Abenteurer] für gutgläubige Phantasten, für Wirrköpfe jeder'Art blühte. Den Zionisten dämmerte in der völligen Ausweglosigkeit ihrer Situation ein Hoffnungsschimmer, als die Türkei aktiv in den Weltkrieg eingTiff. Denn nun war es klar, daß der Ausgang des großen Ringens auch über die Zukunft der unter türkischer Herrschaft stehenden Gebiete in Arabien und seinen Rahdländem entscheiden würde. Diese Chance begriffen die zionistischen Führer. Um aber darüber hinaus zu erkennen, daß gerade das gewaltige Erlebnis des Weltkrieges' ein Erwachcen auch der arabischen Unabbängigkeitsaspirationeh mit sich bringen würde — dazu reichte ihr politisches Fingerspitzengefühl wiederum nicht aus. In beiden Lagern der kriegführenden Staatengruppen wurde die zionistische Agitation wirksam. In Deutschland gelang es, einige einflußreiche Persönlichkeiten für die Sache zu interessieren. Professor B a 11 o d veröffentlichte 1917 eine Abhandlung über „Palästina als jüdisches Ansiedlungsgebiet“, in der er ausführte, es liege im Interesse der Mittelmächte, wenn sich größere jüdische Massen in der Türkei ansiedelten. Graf Bernstorff führte als deutscher Botschafter in Konstantinopel Besprechungen mit der türkischen Regierung im Interesse der jüdischen Ansiedler. Alle diese bescheidenen Versuche wurden natürlich illusorisch in dem Augenblick, da die Waage des 'Kriegsglückes sich auf die andere Seite neigte. Die bessere Witterung hatten jene Zionisten besessen, die ihre Karte von vornherein auf den Sieg der 'Entente setzten. Ihnen.gelang es, im November 1917, also noch vor der völligen Eroberung Palästinas durch britische Truppen, den englischen Außenminister zu der folgenschweren Erklärung zu veranlassen, die seither unter dem Namen ,J3alfour-Deklaration“ in die. Geschichte eingegangen ist Ein „Bündnis Englands mit - dem jüdischen Volke“ haben überschwängliche Nationaljuden diese Deklaration genannt Allzu spät erkannten sie, daß es bei diesem ,;Bündnis“ nicht zwei gleichberechtigte Partner, sondern einen! Nutznießer und einen Düpierten gegeben hatte. Für die Engländer ]war die Balfour-Deklaration eine politisch-agitatorische Kriegsmaßnahme. Sie konnten die Sympathien gewisser jüdischer Kreise und die Anleihen einiger reicher jüdischer Finanziers gut gebrauchen und machten da-' für. eine Geste, die sie nichts kostete, sondern ihnen, obendrein noch die Aussicht bot hach Kriegsende ihre Truppen in dem politisch und strategisch so wichtigen palästinensischen Qebiete zu halten. Sie warfen den Zionisten einen Brocken hin, der mager genug war. Demi nicht die von zionistischer Seite bei den vorangegangenen Verhandlungen gestellte Forderung nach „Wiedererrichtung! Palästinas als nationales Heim des

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