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Jüdisch-liberale Zeitung · 1932-06-01 · 5 (1.6.1932) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
12 (1932-1933)
Issue
5 (1.6.1932)
Date
1932-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ufa aadmnm Artikel, Aeuderungen vtd VentMSye emhetoett eeter der Verantwortung die fUMtl m. Nr. 5 Berlin, 1. Juni 1932 12. Jahrgan j Die gemeindepolitischen Beschlüsse der Liberalen Vereinigung. Freiheit und Bindung. Zum Wochenfeste. Von Rabbiner Dr. Hermann Vogelstein, Breslau. Wir stehen an einer Zeitenwende. Auf allen Gebieten geht es in‘den Kämpfen um einzelne praktische Fragen, aber hinter diesen, die einem späteren Geschlecht vielleicht recht geringfügig erscheinen werden, stehen die Unterschiede in der Stellung, zu den großen Problemen. Und diese Probleme erscheinen durch zahlreiche Nuancierungen, Ueberschneidungen, Verschränkungen und — Unklarheiten in eigenartiger Abwandlung, ja vielfach von Grund auf anders als'früher. . Das Geburtsfest der jüdischen Religion drängt uns die Frage auf, ob und was das Judentum zu den neuen Problemen dieser Zeit zu sagen hat. Gedenktage sind ja nur dann wertvoll, wenn sie nicht bloß Erinnerungen wecken, sondern fruchtbar sind für Gegenwart lind Zu-' kunft Und. gerade unsrer liberalen Auffassung kann es nicht genügen, auf noch so große Leistungen des Juden-, tums in der Vergangenheit zu verweisen. Ein ganz besonderes Interesse bietet infolge der eigenartigen Abwandlung in der Gegenwart der Problemkreis, der 'das Verhältnis von Persönlichkeit und Autorität, Selbstbestimmung und Unterordnung, Indi viduum und Gemeinschaft, Freiheit und Gesetz umfaßt. Die mittelalterlichen Bindungen sind dahin, und der Individualismus der neuen Zeit sche'int ebenso abgetan zu sein. Wir finden in seltsamer.Verquickung schrankenlose Freiheit und blinden Gehorsam unter Verzicht auf .eignes Urteil und dessen Geltendmachung. Wir finden den Anspruch auf freie Meinungsäußerung 'in'i juo'eich die Unterdrückung andrer Meinung. Der Begrift der menschlichen Gemeinschaft wie der zu ihr gehörenden Einzelnen ist wesentlich verändert, und diese Anschauungen erfassen die Menschen fast mit der Kraft eines religiösen Glaubens. - Von Beginn an hat dieser Problemkreis das Judentum beschäftigt. Am Anfang unsres Festzyklus steht das Freiheitsfest. Denn so — und nicht „Fest unsrer Befreiung“ — ist das;,Seman Cherußenu“ unserer Gebete zu übersetzen. Die Peßach-Haggadah fordert die bewußte Beziehung auf uns selbst Das einmalige geschichtliche Ereignis ist nur der sinnfällige Ausdruck der Idee der Freiheit, die. das Judentum von jeher als religiöse Idee und als religiöses Ideal hingestellt hat. Aber nach dem biblischen Bericht ist das Zeichen, das Mose bei seiner Berufung als Bürgschaft seiner Sendung erhält, daß das befreite Volk an diesem Berge Gott.dienen werde. Vielleicht def prägnanteste Ausdruck dieses Gedankens ist die bekannte talmudische Deutung, daß das Zehnwort vom Sinai auf den steinernen Tafeln nicht „eingegraben“ (choruß) ist, sondern „Freiheit“ (cheruß). Der Ausspruch sagt in seiner Prägnanz besser, als noch so gründliche philosophische Darlegungen tun könnten, daß ungebundene Geister .niemals zu wirklicher Freiheit gelangen können. Unwillkürlich kommen '. bekannte Nietzsche-Worte mir in den Sinn. Wenn er sägt, daß nicht jeder einem Joche entrinnen darf; daß mancher seinen letzten Wert wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf; wenn er als etwas Gleichgültiges die Frage ablehnt: frei wovon? und statt dessen die Antwort verlangt auf die Frage: freLw.ozu?, die. Frage nach dem herrschenden GedanMi, so ist die Uebereinstimmung mit der jüdischen Auffassung des Freiheitsbegriffs unverkennbar. Das Judentum fügt freilich den beiden Fragen noch die dritte hinzu:'frei wodurch? und findet die Antwort: durch die Religion. Von hier aus. ergibt sich eine Auffassung des Persönlichkeitsbegriffs, die die Vollendung der Persönlichkeit nicht in schrankenloser Geltendmachung des eigenen Rechts, sondern in der Anspannung aller Kräfte zu höchster Leistung, in der Verantwortung gegen die anderen sieht. Das führt zur Bindung an die Gemeinschaft und durch die'.Gemeinschaft zu sozialer Verantwortung, die die Freiheit des Tuns durch die Schranken bindet, die die Rücksicht auf das Wohl der anderen aüfrichtet. So ist die Religion und ihre Lehre die stete Erzieherin zur. Herstellung der in jedem Zeitalter von neuem zu schaffenden Synthese von Freiheit und Bindung., Die' Freiheit - der persönlichen ■ Ueberzeugung und die Freiheit des Wortes ist selbst in den Zeiten des Tiefstandes im alten Israel gewahrt worden. Nur in wenigen Epochen, sind die Propheten, diese unbequemen, rückhaltlosen Tadler, an freier Rede gehindert worden. Die Freiheit des Gewissens, der: religiösen. Ueberzeugüng. hat das Judentum zum erstenmal in den Makkabäerkämpfen und dann die Jahrhunderte hindurch gegen alle Versuche der Unterdrückung bis aufs Aeußerste verteidigt. Die Knebelung des Gewissens und Billigung der Fraktionspolitik in Preußen und Berlin. Am Sonntag, 22. Mai, fand die ordentliche Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum statt. Die Aussprache befaßte sich u. a, auch mit den gemeindepolitischen Ereignissen der letzten Monate und führte zu folgendem einstimmig gefaßten Beschluß: Die Vereinigung für das liberale Judentum ist der Auflassung, daß In der religiösen Elnheitsgemelnde ersprfeBIicbe Verwaltungsarbeit nur unter Erkenntnis und Anerkenntnis der weltanschauungsmäBigen Verschiedenheiten, bei Ausschaltung alles Trennenden und bei Beschränkung auf dasallen Gemeindemitgliedern Gemeinsame geleistet werden kann. Diese Grundsätze verbürgen ein gedeihliches Arbeiten und sichern den — ln dieser' politischen und wlrtschaitllchen Krisenzelt doppelt notwendigen — Frieden in der Gemeinde, ohne dem Wettbewerb der Weltanschauungen außerhalb der Gemeinde Abbruch zu tun. Die Vereinigung begrüßt es, daß die liberalen Fraktionen des Preußischen Landesverbandes und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin diesen Grundsätzen gemäß Zur bevorstehenden Gründung des Reidisverbandes. Die Frankfurter Besprechung. Am Sonntag, 22. Mal, fanden ln Frankfurt a. M. unter dem Vorsitz des Herrn Kammergerlchtsrat Leo Wolfl vertrauliche Beratungen der Vertreter der einzelnen Landesverbände statt, die die' Schaffung des Reichsverbandes zum Ziele haben sollten. Die Jüaische Telegraphen-Agentur meldet hierzu, daß über die Gestaltung und Zusammensetzung der Verbandsorgane ein eingehender Meinungsaustausch stattgeiunden habe, der nach langwierigen Beratungen eine Verständigung zwischen den- Auflassungen der Vertreter des Preußenverbandes und denen der anderen Landesverbände, Insbesondere der „Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen Landesverbände“ 'anbahnte. Aul Grund dieser Aussprache werde ein Entwurf im Anschluß an den von der Relchsverbandskommlsslon des Preußischen Landesverbandes -unterbreiteten Vorschlag ausgearbeitet. der ln etwa vier Wochen ln einer neuen Beratung erörtert werden soll. Es wird erwartet, daß nach dieser Beratung ln aller Kürze die Gründung des Relcbsverbandes vollzogen werden wird. Nach dieser Meldung hat es leider den Anschein, als sei die Frankfurter Tagüng ungenügend vorbereitetgewesen. Da innerhalb des Preußischen Landesverbandes zwischen den einzelnen Parteien eine Verständigung erzielt worden war, kann es sich nur darum handeln, daß seitens der süddeutschen Verbände Wünsche für die Reichsverbandsverfassung geäußert worden sind, die dem Preußenverbande vorher nicht bekannt gewesen waren. Die Tagung war aus allen Teilen Deutschlands sehr stark beschickt worden, und mit Rücksicht auf sie hatte der Preußenverband die Sitzung, seines Engeren Rats, die. am gleichen Tage stattfand, eigens nach Frankfurt verlegt Um so bedauerlicher ist es, daß die Vorfragen nicht schriftlich erledigt worden waren, wodurch erhebliche Kosten erspart worden wären. Mit Rücksicht auf die schwebenden Verhandlungen enthalten wir uns für heute einer eigenen Stellungnahme imd wollen hoffen, daß bis zur' angekündigten. nächsten Sitzung, die in etwa vier Wochen in Baden- Baden stattfinden soll, alle Fragen so weit geklärt sind, däß die Gründung erfolgen kann. Wie sehr wir diese Gründung für notwendig halten, ist hier oft genug ausgeführt worden. * m Es dari noch verzeichnet werden, daß. während die norddeutschen und süddeutschen jüdischen Landesverbände des Geistes hat es niemals anerkannt Wo der „Zeitgeist“ sie wirklich oder angeblich forderte, da hat das Judentum sich diesem Zeitgeist entgegengestellt ■ Aber die Bindungen hat es anerkannt, die aus dem Begriff des heiligen Gottes, aus der Forderung der Verwirklichung -der Gottähnlichkeit sich ergaben. Es ist bezeichnend für den Freiheitsbegriff des Judentums, däß ein im Talmud wiederholt ausgesprochener. Grundsatz die- Pflichterfüllung, höher stellt als die freiwillige Leistung. Das steht im Einklang mit dem Wort des biblischen Spruchbuches: „Wer die Pflicht wahrt wahrt seine Seele,“ In der hellenistischen Zeit traf die jüdische Angchandelt haben: sie billigt einmütig das Verbalten dies :r Fraktionen und fordert die Fraktionen -zu konsequenter Foi tlührüng Ihrer bisherigen Politik auf. ' " tt. Liberale Führeriagung im Herbei. Einstimmige Annahme fand ferner ein vom Redakteur der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ eingebrachter Antrag, welcher darauf abzielt,* die .dringend notwendig: Vereinheitlichung'der liberalen Gemcindepolitik'herbeizuführen. Der Beschluß lautet: Die Vereinigung lür das liberale Judentum wolle unver zügllcb Maßnahmen ln die Wege leiten, die eine ständige um grundlegende Informierung aller liberalen Gemeindepolitiker und-elne einheitliche liberale Gemeindepolitik Im Reiche erstreben. Zu diesem Zwecke soll Im Herbst dieses Jahres eine Konlerenz jüdisch - liberaler Gemeindeführer einberufen werden. .. . -' (Ueber der: Verlauf der, Tagung siehe Hauptblatt Seite 2.) mangels innerer Einigkeit leider die Gründung wieder un vier Wochen hinauszögern müssen, die völkische Presse vor diesem, reinen Verwaltungsaufgabcn dienenden Relchsverband als von der „Organisierung der alllüdlschen Kräfte1 faselt und allerlei sinnlose Hetzartikel daran Knüpft. __ Verständigung im Preußischen Landesverband. Sicherung des Notelats und damit der _ Verbands-Leistungen. , Der Engere Rat faßte In seiner am 22. Mal ln Frankfurt a. M. abgehaltcncn. Sitzung einstimmig folgenden Beschluß: , “ „Der Organisation „Hechaluz“ wird auf Ihren Antrag als Beitrag für die Berufsausbildung von Mitgliedern, für ‘die ein Zuschuß erforderlich Ist. ein angemessener Jahresbeitrag bewilligt.“ Inzwischen hat am 25. Mal In Berlin der Ständige Ausschuß des Verbandstages eine Sitzung abgebalien und den gleichen Beschluß gefaßt. Eine sachUche Debatte fand nicht statt. Ebenfalls debattenlos und einstimmig, d. b. unter Zustimmung . der Vertreter aller Parteien, bat der Ständige Ausschuß folgenden zweiten -Beschluß gefaßt: „Die Notstandsumlage' von ’/u Prozent des Steuer- Solls wird In den Haushaltsplan wieder eingesetzt.“ . Es unterliegt keinem ZwelfeL daß der Große Rat .In seiner Sitzung am 19. Juni diesen Beschlüssen beitreten wird. Die vorstehenden Meldungen sind cjnc Bestätigung dessen, was in der vorigen Nummer hier gesagt worden ist. Durch die Wiedereinsetzung der 'Notstandsumlage wird der Landesverband in den Stand gesetzt, alle diejenigen Subventionen,und Beihilfen auszuzahlen, die in seinem Ausgabeetat vorgesehen waren, zu dem ihm aber auf der Einnahmeseite 120800 RM. fehlten, nachdem auf der Verbandstagung die Notstandsumlage, die mit ihren */” Prozent diese 120.8Ö0 RM. ausmacht, abgelehnt worden war. Die von den Liberalen inaugurierten Einigungsverhandlungen haben nun dazu geführt, daß durch den Beschluß des Ständigen Ausschusses und den zu erwartenden Beschluß des Großen Rates, also durch die erzielte Uebereinstimmung beider Gremien, der Landesverband seinen Aufgaben in vollem Umfange gerecht zu werden vermag,- eine Tatsache, die nicht hoch genug bewertet norden kann. (Ueber die parteipolitische Bedeutung der gefaßten Beschlüsse Siche .den Artikel: „Echte und‘unechte Befriedung der Gemcindearbeit“ In der Beilage.)' erkennung .der uneingeschränkten Geltung der'Offenbarung mit der Verehrung zusammen, mit der der Hellenismus den Begriff des Gesetzes umkleidete. Nur daß im Hellenismus diese Verehrung vielfach theoretisch blieb, während im Judentum dieser Begriff das gesamte Lehen regelte. Daß auch hier der-.richtige Ausgleich der Spannung oft nicht gefunden wurde, daß vor laufer Bindung bei manchem recht wenig Freiheit übrlgbllb, soll picht geleugnet werden. Die andre im Hellenismus aufkommende Strömung, die.Gegnerschaft gegen das Gesetz, die das junge Christentum, insbesondere den Apostel Paulus, kennzeichnet, mußte zu den Grundvoraussetzungen des Judentums in entschiedenen Wider-;

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