Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 4 (15.5.1932)
- Date
- 1932-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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■;AZ^r, i ‘ - gegenstellen, daß wir nicht befriedigt davon sein können, wenn der Leib gesättigt wird, aber die Seele hungert Es wäre; freilich an der| Zeit zu prüfen, ob der alte Liberalismus,1 äufgebaut auf schrankenlosem Individualismus, heute unverändert aufrechterhalten werden kann. Hierbei, müssen' wir uns entschieden dagegen wehren, daß etwaigel politische Begriffe auf unsere Vereinigung übertragen werden. £>er Zusammenbruch des politischen Liberalismus: ist für uns ebensowenig ein Vorbild, wie die Begriffe' des politischen Liberalismus und des religiösen Liberalismus miteinander übereinstimmen. .Wenn auch von dem;Begriff dejs Liberalismus im ublieheB . Sinne auf unsere Bewegung zwei wesentliche Faktoren übernommen sind, nämlich | die Anerkennung der Fortentwicklung; und die Betonung des Rechtes des-Individuums gegenüber den Geboten der Gemeinschaft, so hat! das liberale Judentum doch stets erkannt, daß diese beiden Säulen allein das Gebäude nicht tragen. ' 5 ‘ ■7 Die Vereinigung für das liberale Judentum ist die Dachorganisation für^die örtlichen Vereine. Sie hat!aber auch ihr eigenes Leben. Als Dachorganisation; der örtlichen Vereine soll sie richtunggebend sein für eine liberale Gemeindepolitik im Reich. Es wird daher dringend erforderlich seiin zu besprechen, wie diese Organisation einer einheitlichen'Gemeinclepolitik im Reich, (insbesondere auch mit Rücksicht auf dem in Bälde auf tauchenden Reichsyerband, gesichert wird. Wir wollen kein Berliner, Hamburger,^ Königsberger, Münchener Judentum, sonder'pi ein'deütsches,liberales Judentum. Wir wünschen deutschjüdische Politik zu machen, und unsere Organisatfon sojl für die Gruppen richtunggebend sein in den gemeinsame^ Fragender Politik. ( Die [Frage der Berechtigung der Einheitsgemeihde, ihrer Ijlmgrenzung und Abgrenzung ist neuerdings wieder in die politische Debatte geworfen - wordenr Man wird zu ähr Stellung nehmen müssen, insbesondere jauch zu dem Problem: Nationales Juden- tum in deutschen jüdischen Gemeinden. j ■; Es scheint mir auch (von außerordentlicher Bedeutung,- neben den Fragen von Kultus und Schül-Politik,- für die eine j einheitliche j Richtlinie in liberalem. Sinne eine Selbstverständlichkeit ist, auch Fragen der Sozialpolitik näher) ins Auge zu fassen. Zweifellos ruht die Sozialpolitik, | wie auch jüngst der ■ Gemeindevorstanji der Berliner pemeiride ausgesprochen hat, auf neutraler Basis. Das schließt nicht aus, daß der religiöse Liberalismus hierfür eigene. Fjorderungen aufstellt und vertritt daß er), der Leben und Lehre in Einklang z!u bringen versucht, einmal! sachgemäß auf wissenschaftlicher Grundlage prüft, nicht, ob die sozialen Aufgaben 1 ankdie Religion herangebracht werden können, sondern umgekehrt ob unser Judentum auf dem Boden moderner Entwicklung;in die. sozialen Aufgaben von heute nicht so bereingeträgen werden kann, daß es von ihnen Besitz ergreift Religiöse „und soziale Gesinnung dürfen nicht- „zwei Kreise .sein,-die'sich nicht schneiden“, wie dies bei '.vielen „guten Juden“ der Fajl ist. ' j!.- < Diese Darlegungen führen schon auf das theoretische Gebiet Man kann uns mit Recht den Vorwurf machen, daß; wir in den letzten Jahren nicht genügend an der geistigen. Fortentwicklung unserer Bewegung .gearbeitet haben. Zu einer derartigen geistigen Arbeit .gehört' aber; nicht 'hur genügend Zeit, sondern auch ^seelische Freiheit. - Auch das Theoretisieren hat seine cjZeit Viele von uns waren und sind der Ansicht daß die Erfüllungpraktisch politischer Aufgaben zur! Zeit vordringlicher ist Ich persönlich habe immer auf dem gegenteiligen Standpunkt Beständen. Praktische Arbeit, die vön jahre- und jahrzehntelang feststehenden Sätzen ausgebt, wird ihrer Aufgabe, eine lebendige Bewegung zu schaffen, nicht’ gerecht Ein; Gemeindeliberalismus ohne geistige Grundlage ist ebenso tot. wie eine liberale Theorie, die nicht ständig überprüft, ob die Entwicklung des Lebens -der theoretischen Deduktion nicht ins Gesicht geschlagen hat.- Eine Politik des Schreibtisches ist!ebenso undankbarwie eine Gewerkschaftspraxis politischer! Haudegen, die unaufhörlich dieselben Leitsätze wiederholen, ohne sie zu überdenken und zu überprüfen, j Wir habbn das Glück,' in unserer Bewegung und in unserer' Vereinigung' religiös und politisch die verschiedensten Strömungen!zu vereinigen. Wir haben den Liberalisnjus der Evolution und;,der Revolution, wir haben die Mijnner der Tradition- Und der radikalen Reform. Beide Elügel sind notwendig in der praktischen Politik sowohl Wie in der theoretischen Durchdringung unserer Bewe- , .; . 1 gung. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung darf vor beiden Flügeln nicht haltmachen, muß vön beiden Flügeln" Befruchtung und Anregung entgegennehmen können. Die Versammlung wird zweifellos erhebliche Kritik an der Arbeit der Vereinigung bringen.'Fördernde Kritik ist willkommen, wenn sie Richtlinien für. die neue Arbeit gibt lieber a]lem aber muß die Ueberzeugung stehen, daß in der heutigen Zeit radikaler Ijkhlagworfe das Ziel des .religiösen Liberalismus unverrückbar das gleiche bleiben muß. Die Wege, auf denen wir zu unserm Ideal ’ gelangen,: mögen verschieden sein, dem Temperament,- den Generationen' entsprechend. - Unser Glaube ist der, daß auch in der heutigen Zeit das Ideal des prophetischen Judentums, dieses zeitlose, der Masse nicht unterworfene Ideal, richtunggebend seih muß für unsere Ueberzeugung und Arbeit. i Die Berliner Weltwirtschaftskonferenz. Von Dr. Kurt Zie-lenziger. In einem politisch außerordentlich bedeutenden Aufsatz, der unter dem Titel' „Selbstbesinnung“ in der letzten Sonntagsausgabe der „Germania“ erschienen ist,-schreibt Emil Ritter, der demnächst die Chefredaktion des führenden Zentrumsblattes übernehmen wird: „Der-. Liber aJis'mus. noch eben Sieger über die staatlichen Mächte der Vergangenheit, erweist sich selbst als unlebendig und alt e r s m ü de.“ Scheinen-nicht alle Tatsachen diesem katholischen Politiker recht zu geben? Haben nicht erst die Landtagswahlen in Preußen und den anderen deutschen Ländern bewiesen, daß der liberale Gedanke" nicht mehr 'über die genügende Zugkraft verfügt? Waren sie nicht ein Beweis dafür, daß Menschen, die bisher, im liberalen Lager gestanden und gekämpft haben mit fliegenden Fahnen in andere Lager hinüberwechselteri? Da Tausende von ihnen sich besonders um die Fahne des Zentrums scharten, ist es verständlich, wenn ein katholischer . Schriftsteller den Gedanken des Liberalismus für erledigt erklärt. Deshalb glaubt er auch an ein „Staats- und Gesellschaftsbild, das gleichnisweise als; .organisch“ bezeichnet wird“. Diese Auffassung von der j Staats- und Gesellschafts-, also damit auch der Wirtschaftsgestaltung, ist charakteristisch für eine Zeit, in der sich scheinbar a 11 es gegen den liberalen Gedanken Verschwörern hat. Sollte bei aller Differenziertheit zwischen religiösem, politischem und wirtschaftlichem Liberalismus nicht eine Organisation wie die liberaler Juden mit besonderer Aufmerksamkeit diese Entwicklung verfolgen? Die Errungenschaften, die die Revolution in Deutschland mit sich gebracht hatte! scheinen immer mehr abgebaut zu werden. Aber nicht nur im Innern Deutschlands wird die Freiheit des einzelnen immer stärker beschränkt, auch im Verkehr der Völkeruntereinander sind die scheinbar überwundenen Geister des Nationalismus und des Unfriedens wieder erwacht. Die Schrecken des Welt- , krieges hatten in den ersten Jahren nach dem Abschluß der Friedensverträge zu einer Epoclie der Verständigungsbereitschaft geführt. Man hatte eingesehen, daß nicht die merkantiiistischen Ideen, die schließlich mit Ursache des Krieges geworden’ waren, zum Heile der Völker führten, sondern nur -!■ . S' Phot.: Elli Marcus t ■ . . ‘ ’! r “ . Edith Herrnstädt-Oettingen, Lektorin für Sprechkunde an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Die bekannte Vortragskünstlerin wirkt an dem 1. Abend der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ am 23. Mai mit. der liberale Gedanke,-.der auf der Basis der Arbeitsteilung jedem Volke seinen Platz in der Weltwirtschaft zuwies. Der Völkerbund-und’seine Konferenzen, die . Gedanken eines Paneuropa und einer europäischen Zollunion versuchten eine neue liberale Aera herbeizuführen, in der es keine oder nur noch geringe Zollschranken geben sollte. Die Wirtschaftskrise, unter der die ganze Welt leidet, scheint auch die Geister verwirrt zu haben. Denn anstatt . auf eine gegenseitige Hilfsbereitschaft sich einzustellen, hat sie dazu geführt; daß die Zollmauern immer höher werden, daß ein Land nach dem andern danach strebt, „sich von dem andern unabhängig zu machen. Die „Autarkie“ ist heute die Parole. Die Prinzipien des Merkantilismus, der nichts anderes war als die erste nationalistische Bewegung, die Europa erlebte, sind wieder erwacht Wieder glaubt man, des andern Schaden diene dem eigenen Nutzen. Wieder bemüht sich jedes Land, nichts, einzuführen, aber möglichst viel zu exportieren, ohne zu bedenken: daß diese Rechnung unmöglich aufgehen kann.’ Bei der Bedeutung, die alle wirtschaftlichen Fragen in dieser Zeit der Umwertung aller Werte für die deutschen Juden besitzen, müssen wir auch diese Probleme mit offenen Augen .betrachten. Es war deshalb ein besonderes Verdienst der Redaktion und -des Verlages des „Berliner Tageblatts“, ausjeigener Initiative nach Berlin eine Weltwirtschaftskonfer-enz einzuberufen. Eine große Reihe bedeutender Wirtschaftsgelehrter. Wirtschaftspolitiker und Wirtschaftsprakrtiker war der Einladung dieses Blattes nach Berlin gefolgt. Es hätte sicherlich auch auf das Ausland einen besseren Eindruck gemacht, wenn die deutsche Presse etwas mehr Kenntnis von dieser Tagung genommen hätte, obwohl diese ausschließlich privater Natur war. Interessant ist es, zu konstatieren, daß gerade die „Germania“ als eines der wenigen führenden Blätter den Beratungen ihre Aufmerksamkeit geschenkt hat. -Auf der Konferenz, die vom 2. bis zum 4. Mai in den Räumen des Reichswirtschaftsrats tagte, erblickte man u. a. Professor Robbins von der Universität in London, ferner den Chefredakteur der „Financial News“ in London. Hobson, daneben Professor Gaston Yöze von der Pariser Sorbonne, den Generalbevollmächtigten des europäischen Zollvereins in Paris Lucien Coquet,; von der Universität Brüssel Professor de Leerner. ferner' den Präsidenten der Investment Corporationin Philadelphia William Stix Wassermann, den Präsidenten des polnischen Institutes für Konjunkturforschung Professor Dr. Lipinsky-Warschau, den früheren ungarischen Minister Baron Szterenyi, Professor Dr. von Mises aus Wien, den Chefredakteur von „Svenska Dagbiadet“, Stockholm. Dr. Helmer Key. Die deutsche Wirtschaftswissenschaft war u. a. durch den Rektor' der Berliner Handelshochschule. Professor. Dr. Bonn, den Rektor der-Handelshochschule Nürnberg Professor Dr. Sven Helander (Schwede von Geburt), ferner durch die Professoren Prion, Eulenburg, Lederer, Albert Hahn, Karl Brandt, die Wirtschaft selbst u. a.' durch Professor Georg Bernhard, Geheimrat Demuth. Bankier Hans Fürstenberg, Geheimrat von Donie vertreten. Unter den führenden Köpfen dieser Tagung begegnete man auch einigen maßgebenden Männern des deutschen Judentums. Eine Ansprache Oskar von Millers auf der Eröffnungskundgebung gab der Konferenz ein besonderes Gewicht. 'In seiner einführenden Ansprache umriß Chefredakteur Dr. Felix Pinner das Thema der Konferenz: „Was internationale Arbeitsteilung und Austauschhandel bedeuteten, hatte man in den Jahrzehnten vor dem großen Kriege erfahren. In diesen Jahrzehnten, die iwir heute als die Erfüllungs- und Glanzzeit des kapitalistischen Systems vor Augen haben, hatte die Bedürfnisbefriedigung! der ganzen Welt eben dank jener Arbeitsteilung einen gewaltigen Aufschwung genommen.“ Jetzt aber sei die gesunde Regel jeder internationalen Kapitalaustauschwirtschaft, daß' Gläubigerländer passive Handelsbilanzen und Schuldnerländer aktive Handelsbilanzen haben, in ihr Gegenteil verkehrt. Gewisse autarkische Tendenzen würden heute als das positive System einer neuen und angeblich besseren Oekonomie verherrlicht. Diese Flucht in die Autarkie lediglich wegen zeitlicher Mängel des Systems gliche der Zerstörung einer Eisenbahn mit der, Motivierung, aus falscher; f ’ j.; " ’ Aufstieg und Niedergang einer Bewegung. 1 2. SUtffwmqm und Entumefe. j!'Von'Alexander Szanto. S! „Ich werde mein Volkjmch Palästina führen wie Napoleon seine Armee nach Italien,- mme Schuhe!“ 1 Diese-Stelle aus einem Briefe Th eo do r; H e f-z 1 s'jan seinen Freund und Mitkämpfer Max Nordau ist.kennzeich- ■ nend für den Ueberschwang der Hoffnungen, für die hem-: müngslose. Zuversicht, mit der der Verfasser; des „Judenstaates“; an die Verwirklichung seiner Idee heranging. Yon dem bis 'daliin nicht übermäßig temperamentvollen Mahne _ schien ein Dämon Besitz ergriffen zu haben, seitdem er (die Berufung zur Lösung des Judenproblems in sich entdeckt hatte. Mit einem einzigen Ruck gab er seinem .Leben eine neue Wendung, stellte er seine ganze Persönlichkeit auf die heue Aufgabe ein. Bewundernswert die Aktivität, die-er in ü. Reden und Schriften entfaltete; erstaunlich der Eifer, mit dem er eine Organisation auf die Beine stellte und eine Reihe von Kongressen zustande brachte! In aller Herren Länder trommelte er Anhänger und Freunde zusammen, mit Politikern (der verschiedensten Staaten begann er Unterhandlungen,'bald jiie, bald da tauchte er auf, um für seine Idee zu werben und: zu wirken. j;;j; Die Enttäuschungen blieben natürlich nicht aus. Die Unzulänglichkeit des auf dem geduldigen -Druckpapier so -jbestechendj wirkenden Projektes erwies sich im gleichen Augenblick, da der Schritt in die Arena der Politik gewagt wurde. Indessen konpte die Erfolglosigkeit seiner ersten Bemühungen . Herzl nipht schrecken. Von dem Gedanken besessen, um jeden Preis die Jud&nirage als nationales Problem aufzurollen und zu lösen, schlug er die absonderlichsten Wege ein, um! zu dem erhöhten Ziele zu gelangen. Unter diesen Absonderlichkeiten sind die Verhandlungen mit dem Papst noch nicht einmal die ^abwegigsten. „Da Herzl zeitlebens dem T e 1 i g i ö s e n Leben des "Judentums fremd gegenüberstand, so war es yon seinem Standpunkt aus schließlich gar nicht so absurd, wenn erlden: Gedanken aufwarf, '„alle Juden mit der Unterstützung des Papstes dem Katholizismus zuzuführen, unter Beibehaltung ihrer völkischen Sonderart und.ihrer Überlieferungen“*). Das Kopfschütteln, das er mit solchen Gedanken bei seinen Freunden hervorrief, steigerte sich aber zum i lebhaften Protest, als Herzl im August 1903 direkte Verhandlungen mit dem russischen Innenminister Pleh we führte. Es war’kurze Zeit nach den furchtbaren Judenpogromen von Kischinew, deren Urheberschaft man nicht ohne Grund dem genannten erzreaktionären Staatsmann zuschrieb.: Die meisten Juden, und unter ihnen auch viele Zionisten, empfanden es als einen auffallenden Mangel an Würde und Selbstachtung, einen Mann, dessen Hände mit dem Blute der Glaubensgenossen besudelt waren, einen Machthaber, der als Schrecken der russischen Judenheit galt, aufzusuchen und seine Unterstützung für ein phantastisches Projekt zu erbitten. Doch ■ derartige Bedenken existier-! ten für Herzl nicht. Mit einer geradezu maniakalisch anmutenden- Hartnäckigkeit versuchte! er immer wieder, seine Ge-i danken allen realen Hindernissen zum Trotz vorwärts zu; tragen und dem Schicksal mit List das abzutrotzen, was auf anderem Wege versagt blieb, f Im gleichen Jahre hätten Herzl und seine Freunde ver-; mocht, einige englische Politiker für die zionistische Idee zu interessieren. Durchaus nicht aus philanthropischen Gründen oder gar aus Sympathie Tür die jüdischen Nationalisten, sondern aus rein geschäftsmäßiger Berechnung machte der englische Kolonialminister Chamberlain ihnen den Vorschlag, ansfatt des unerreichbaren Palästina ein anderes Gebiet, nämlich die britisch-afrikanische Kolonie Uganda zu besiedeln und dort, unterhalb des Aequators, das so heiß ersehnte Judenreich unter englischem Protektorat zu begründen.- Ob das gelungen wäre, mag'dahingestellt bleiben. Für die Engländer Hätte es jedenfalls den Vorteil gehabt, daß man eine eigene Kolonie unter Investierung jüdischer Kapitalien und mit Hilfe jüdischer Arbeitskraft urbar machen lassen und sich obendrein noch den Anschein eines guten Werkes hätte geben fassen können. Nun hatte - zwar schön der erste Baseler Zionistenkongreß im Jahre 1897 proklamiert: - *) Nach dem. Zeugnis des ihm nahestehenden Oberrabbiners J. Landau. „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte' in Palästina.“ ' Aber da Herzl stets verkündet hatte, daß Palästina kein unbedingtes Postulat für den Judenstaatsgedanken sei, so war er jetzt augenblicklich Feuer und Flamme für das Uganda- Projekt. Und weil es für ihn einen Unterschied’zwischen Utopie und Realität nicht gab und er alles bereits als erfüllt änsah, was in Wahrheit nebelhafte Verhei.ßung war, so traf er sogleich Vorbereitungen für die Uebersiedlung nach Zentral- Afrika. Es gibt aus jener Zeit ein Schreiben von’ihm an die Wiener Kultusgemeinde, wonach sogar die sterblichen Ueberreste seines Vaters nach Uganda überführt werden sollten! Das Uganda-Projekt scheiterte schließlich an dem Widerspruch jener Zionisten, die im Gegensatz zu Herzl und dessen engeren Freunden religiös waren und für die der bekannte Segensspruch „Im nächsten Jahre in Jerusalem“ gleichermaßen eine religiöse wie eine i nationale Verheißung war. Es hat später noch einen Zionisten gegeben (David Trietsch), der als künftigen Judenstaat die Insel Cypern vorschlug, es hat einen anderen Zionisten gegeben (Achad Haam), der Palästina nicht als staatliches, sondern als kulturelles und moralisches Zentrum des- Judentums wünschte, es gab einen Haufen von zionistischen Gruppen und Grüppchen, die allemit irgendeinem anderen Programm auftraten oder ein besonderes Steckenpferd ritten. Nach dem Fehlschlagen all dieser Phantastereien kam man doch immer wieder auf den einen Gedanken,, auf das eine Bemühen zurück: f vom Beherrscher der Türkei, einen „Charter“, einen Freibrief für die jüdische Siedlung in Palästina zu erlangen. „Wenn Seine Majestät, der Sultan, uns Palästina gäbe“, so schrieb Herzl, „könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhang bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte.“; ~ Auch hier kein Wort über die Auseinandersetzung mit der eingesessenen Bevölkerung des Landes, dafür aber verschwom-