Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 12 (1932-1933)
- Issue
- 4 (15.5.1932)
- Date
- 1932-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Jahrgang Nummer 4 Jttbifdt'Iibetflle 3citung Beilage 15. Mai 1932 Wir Liberalen schaffen den-Friede Unterstützt der Abwehrverein den Zionismus? Ein „Offener Briet'*, der nicht veröiientlicbt wurde. Zu denjenigen politischen Organisationen, an deren Gedeihen und zweckmäßiger Führung wir deutschen Juden seit jeher lebhaftesten Anteil nehmen, gehört der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. Das hat seinen tiefen Grund. Die Gleichstellung, des jüdischen Teiles der deutschen Nation ist, wie man seit Stein und Hardenberg weiß, eine staatspolitische, eine deutsche Forderung, der Judenhaß mithin eine deutsche Gefahr. Zum Kampf um die Emanzipation ist freilich der bewußte Wille und die tätige Arbeit derJuden selber erforderlich; sie haben deshalb recht getan, als sie diesen Kampf selber in die Hand nahmen und sich im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ ihre machtvolle Organisation schufen. Ein stiller Schmerz blieb freilich dabei — damals, als man den Centralverein schuf, und er wird sich nie<ganz beseitigen lassen: was wir im Centralverein tun, das tun wir scheinbar lediglich als Juden, aus jüdischem- Spezial- und .Sonderinteresse heraus. Vielleicht ist es das einzige Gute an Hitler, daß er aus der kleinen Bewegung des .Antisemitismus“, welcher auch scheinbar nur auf die Juden zielt und dessen Abwehr daher vielen Nichtjuden unwichtig erschien, die große Bewegung des Nationalsozialismus machte, dessen Bekämpfung sich alle wirklich „national“, d-h. staatspolitisch’ denkenden Deutschen angelegen sein lassen. Wie dem aber auch sei, nicht der Nationalsozialismus allein, sondern auch der ihm zugrunde liegende „Antisemitismus“, der Judenhaß, ist staatsgefährlich, und es ist daher wichtig genug, daß eine Stelle da ist, die niemals und auf keine Weise in Verdacht geraten kann, dem Sonderinteresse der Juden zu dienen; die vielmehr unbestreitbar aus allgemein deutschen Gründen heraus den Antisemitismus bekämpft, weil sie näm- , lieh selber , aus Deutschen aller Bekenntnisse sich zusammensetzt und führende Deutsche christlichen Glaubens an ihrer Spitze hat. . Diese Stelle ist der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“, und nach allem Vorhergesagten begreift es sich von selbst, daß neben den Deutschen christlichen Glaubens und überhaupt den nichtjüdischen Deutschen auch die jüdischen Deutschen an diesem Verein seit je stark interessiert sind, ln früheren Jahren hat der Verein auch Wesentliches auf seinem Arbeitsgebiet geleistet. Mit dem' Aufkommen der Hitler-Bewegung, das wurde oben bereits angedeutet, wuchsen seine Aufgaben. Wenn trotzdem der Verein an Tätigkeit wie an Bedeutung eher zurück als vorwärts ging, so soll ihm deswegen kein Vorwurf gemacht werden.. Vielleicht liegt das daran, daß in dem gleichen. Maße, in dem der Antisemitismus sich zum Nationalsozialismus auswuchs, seine Bekämpfung von der lediglich der Abwehr des Antisemitismus dienenden- Orgänisation auf die allgemeinen politischen Parteien überging! Diese-Frage mag der Abwehrverein selber auf seiner Generalversammlung untersuchen; wir wollen da als Juden nicht hjneinreden. Völlig anders liegt es mit einem andern Problem, an dessen Klärung wir gerade als Juden das größte. Interesse haben. '■ Gleichstellung in Deutschland kann nur empfangen, wer sich selber gleichstellt, der Jude nur, wenn er sich, als deutscher Volksgenosse jüdischen Glaubens, oder jüdischer Abstammung fühlt. Wer also unsere Emanzipation will, der. muß den Zionismus ablebnen. Wer de'n Zionismus nicht eindeutig und entschlossen ableh.nt, der ist An xüe A&omenten xlec »JüdischsMetxrfeu, Zeitung,« Sollte die Zustellung unseres Blattes zeitweise unterbleiben oder aber verspätet erfolgen, so bitten wir darum, eine sofortige Beschwerde an Ihren Briefträger " oder an Ihr zuständiges Postamt zu leiten. 3)ee Vettaq. ungeeignet, für unsere Emanzipation zu kämpfen; Das ist es, was dem Abwehrverein in diesen Blättern leider bereits einmal gesagt werden mußte und was heute wiederholt wird angesichts einer Zuschrift, die der hochangesehene Sanitätsrat Dr. Karl Borromäus Herrligkoffer, Ichenhausen (Oberbayern), an uns richtet Dr.Herrligkoffer hat an den Vorsitzenden des Abwehrvereins, Herrn Reichsminister a. D. Dr. Gothein, einen .offenen Brief gerichtet, dessen Veröffentlichung ihm von der Schriftleitung der Abwehrblätter unbegreiflicherweise abgelehnt wurde, so daß er sich nun gezwungen gesehen hat, uns um die Veröffentlichung zu bitten. Wir bedauern, daß dieser Umweg nötig wurde, aber wir erwarten, daß die Leitung des Abwehrvereins sich nunmehr deutlich erklärt, sei es in ihrem eigenen Blatt, sei es in diesen Spalten, die wir ihr ausdrücklich für eine derartige Erklärung zur Verfügung stellen. Wir möchten richtig verstanden werden: wir verlangen keineswegs, "daß der Abwehrverein sich jetzt mit Volldampf in innerjüdische Kämpfe stürzt und gegen den Zionismus zu Felde zieht; er soll all seine Energie und Aktivität gegen den Judenhaß ein-, setzen. Dasallein soll seihe Praxis sein; aber sie kann nur geleistet werden auf dem Boden der richtigen Theorie: daß nämlich wir deutschen Juden der deutschen Nation angehöjen und nicht einer imaginären jüdischen. Hierüber erwarten wir eine bündige Erklärung. Zu Dr. Herrligkoffers Brief, den wir nunmehr folgen lassen, sei noch bemerkt, daß der Verfasser als Nichtjude natürlich die im innerjüdischen Meinungskampf übliche Atisdrucksweise nicht beherrschen kann. Wenn er also „völlige- Verschmelzung“ der jüdischen mit den nichtjüdischen Deutschen fordert, so meint er nicht etwa das Abstreifen der jüdischen Religion. Und wenn er von uns und vom Abwehrverein „nationale" oder „deutschnationale“ Gesinnung fordert, so meint er das nicht im parteipolitischen Sinne der „Deutschnationalen Volkspartei“, sondern er meint es so, wie wir alle und z. B. auch der Centralverein „deutschnational“ ist; wir, würden „nationaldeutsch“ sagen, wenn nicht auch dieser Ausdruck von einer Partei, diesmal von einer jüdischen, okkupiert und in Mißkredit gebracht worden wäre. Der Brief lautet: . . Offener Brief an den Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Herrn Reichsminister a. D. Gothein. Sehr verehrter Herr Reichsminister a.D. Gothein! Sie stehen seit Jahren an der Spitze unseres Vereins zur Abwehr des Antisemitismus und sind auch aktiv in den Die mit großer Spannung erwartete Repräsentanten Versammlung vom 12. Mai ist im letzten Augenblick abgesagt' worden. Der Grund für diese Maßnahme ist darin, zu suchen, daß auf "Veranlassung und unter Führung der liberalen Fraktion und ihres Vorsitzenden. Dr. med. Kurt Fleischer, alsbald nach der Repräsentantenversammlung vom 7. April d. J. interfraktionelle Besprechungen stattgeiunden haben, um eine Verständigung zwischen den Parteien herbeizuführen. Diese Verständigung bezweckt nicht etwa nur. die persönlichen Verunglimpfungen zu bereinigen, zu denen sich Vertreter der Volkspartei im Anschluß an die von ihnen veranstalteten Tumultszenen leider lünreißen ließen-, sondern es ist der Wille der.liberalen Partei, den Frieden auf.längere Zelt herzustellen und zu sichern, damit die Gemeinde In Ruhe ihre sachlichen Arbeiten religiöser und sozialer Art zu bewältigen vermag. — Entsprechend der Erklärung des Gemeindevorstandes, die wir an anderer Stelle dieses Blattes veröffentlichen, sieht auch die liberale Fraktion eine Möglichkeit zur Verständigung und Sicherung sachgemäßer Arbeit — abgesehen von Maßnahmen verwaltungstechnischer Art, wie: z. B. Reform der Geschäftsordnungfür die Repräsentantenversammlung — einzig und allein auf einer solchen Grundlage gegeben, die die bestehenden Grundsätze und weltanschauungsmäßigen Gegensätze anerkennt. Die liberale Fraktion hat daher alle sogenannten Vermittlungversuche von Außenstehenden abgelehnt. da alle diese Versuche lediglich auf eine Ucberbrückung und Verwischung hinauslaufett, die nicht nur jeder ehrlichen Politik ins Gesicht schlagen, sondern darüber hinaus aucli den Keim zu dauernden neuen Konflikten in sich tragen würden. Kampf durch, eine Anzahl sehr schätzenswerter Beiträge in den Abwehrblättern eingetreten. Es ist Ihnen auch ganz gewiß eine Bewegung nicht entgangen, die innerhalb der Judenschaft selbst lebhafte Wellen geschlagen hat, der Aufruf des Philosophen Constantin Brunner an die Juden, sie möchten die Emanzipation, die ihnen vor hundert Jahren das Ghetto geöffnet hat, weitertreiben und die letzten Konsequenzen dieser Emanzipation,"das ist die völlige Verschmelzung mit ihren Mitbürgern und Staatsgenossen, durch ihre Selbstemanzipation zur Wirklichkeit machen. Dabei ist selbstverständlich, daß deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens nichts gemein haben können mit dem Zionismus, mit der völkischen Abtrennung und Absonderung der Juden und mit den Bestrebungen zur Gründung eines Judenstaates in Palästina. Ich habe die letzte Arbeit des Philosophen, welche seine sämtlichen Gedanken über Emanzipation und Zionismus zusammenfaßt unter dem Titel: „Höre Israel und höre Nicht-Israel“, in unseren Abwehrblättem auf Wunsch der Schriftleitung besprochen und den Inhalt auszugweise wiedergegeben. Es ist dies der Artikel, welcher in den beiden letzten Nummern der Abwehrblätter erschienen ist: „Der Antisemitismus im Liciite Constantin Brunners.“ Die Schriftleitung hatte offenbar an diesem Artikel keine besondere Freude. Trotz wiederholten Versprechens, er solle „sofort, in der nächsten Nummer“ erscheinen, wurde die Drucklegung immer wieder verschoben; aber er sollte, trotz seiner relativen Länge, in einer Nummer gebracht werden, mir müsse die Schriftleitung in einer Vorbemerkung ihren Standpunkt hervorheben. Auch dieses Versprechen ist gebrochen worden; der Artikel wurde auseinandergerissen und - dadurch seiner Stoßkraft beraubt, überdies hat die Schriftleitung in ihrer Vorbemerkung die Tendenz der Brunnerschen Ausführungen infamiert und die Partei des Zionismus ergriffen. ' Ich gestatte mir nun die Anfrage an Sie, Herr Reichsminister: Steht der Abwehrverein auf bewußt nationalem Boden oder nicht? Ist er ein deutscher Verein? Nach den bisherigen Beiträgen möchte ich das glauben. Sie stehen allesamt auf der'Voraussetzung, daß die Juden mit zu den guten deutschen Staatsbürgern gehören und durchweg national denken.. Wenn nun aber die Schriftleitung der Abwehrblätter gleichfalls deutschnational denkt, wie kann sie fremdnationalen und antinationalen Bestrebungen das Wort reden und damit dem Antisemitismus dienen, statt ihn zu bekämpfen? Was geht in Teufels Namen den Schriftleiter der Abwehrblätter die zionistische Bewegung an? Mir ist von dem Redakteur der „Jüdisch-liberalen Zeitung“ ein Artikel_zugeschickt .worden mit der Ueberschrift: ,.Ab- Fiir die unbedingt notwendige Gesundung unseres üenieindelcbens und für die Herstellung des unentbehrlichen Friedens ist die Erkenntnis und Anerkenntnis der nun einmal bestellenden Anschauungsgegensätze die erste Voraussetzung, iind es ist eiii hohes Verdienst der liberalen Fraktion, daß sie sieh aut dieser altein'möglichen Grundlage iiir die Schaffung des Friedens eingesetzt hat. -' ' In einer Besprechung am vergangenen Mittwoch ist es zunächst gelungen, iiir den Preußischen L-a u d e s v e r b u u d die Frage des Hechaluz zu regeln. Der Beschluß lautet: .„Der Organisation Hechaluz wird auf ihren Antrag als Beitrag für die Berufsausbildung von Mitgliedern, lür die ein Zuschuß erforderlich Ist, ein Jährlicher Beitrag von 2J01T RM. bewilligt.“ , ‘ Diese von unserem Parteifreunde Briitib W'oyda entworfene Einigungsformcl entspricht durchaus der-im Landesverband für derartige Subventionen üblichen Praxis und besagt . das gleiche wie diejenige Formulierung, die s. -Z. im Hauslialtsausscliuß des La.ndesverbattdes von Liberalen und Zionisten besehlussen, im Plenum dann aber von der zionistischen Fraktion abgelehnt worden war. — Es ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß nun sehr bald auch über die anderen strittigen Punkte, besonders in der Berliner Reprüsentaiitenversammiung. eine Ucbcrciiikunft erzielt und alsdann in die sachliche Arbeit eingetreten wird. Die Vereinbarungen sollen, soweit sie die Berliner Gemeinde betreffen, bis Ende 1933 gelten. Bis dahin Ist also der ruhige Fortgang der Gemeindcarbeft gewährleistet. — Die derzeitige Wahlperiode läuft bekanntlich Ende 193-i ab. der Eltern hat bet vielen Kindern schwere Schädigungen hervorgerufen. Jedes dritte jüdische Kind in Berlin ist, wie die Statistik zeigt, gezwungen, die ärztliche Hilfe der gemeindlichen Stellen in Anspruch zu nehmen, Fast ausnahmslos handelt es sich dabei um Hungerkrankheiten, hauptsächlich um Tuberkulose (bei Kindern meist Folge der Unterernährung), Rachitis und psychische Störungen (z. B. Stottern) Infolge quantitativer und qualitativer Unterernährung. Die Aerzte stehen hier an der Grenze der ärztlichen Kunst:-gegen Unterernährung hilft keine Medizin, sondern nur bessere-Verpfle-■ gting und gesunder Aufenthalt. Dies zu ermöglichen-ist das Ziel der Aktion, die damit zugleich unseren Bestand an Menschen erhalten will, indem sie die jetzige Kindergeneration rettet und ertüchtigt. Wie dringend dies nötig, erhellt aus den Zahlen, die Direktor Heinrich Stahl, der Vorsitzende des Wohlfahrts- und Jugendpflegcamtes der Gemeinde, kürzlich Vertretern der Pressebekannt gab und die zeigen, daß schon seit einer Reihe von Jahren die Sterbefällc erheblich die Zahl der Geburten überschreiten. Eine kräftige, lebenstüchtige Jugend heranztibilden, ist daher oberstes und heiligstes Gebot Sogenannte große Geldgeber gibt 'es aber unter uns schon lange nicht mehr; der „jüdische Reichtum“ war. schön immer nur Legende, wie sehr er es heute fst, zeigen gerade die Zustände, denen diese Aktion abhelfen will. Deshalb wendet sich die Gemeinde an ieden einzelnen, der auch nur den kleinsten Betrag entbehren kann. Jedermann soll aufgefordert sein, dieses Werk^ tatkräftig zu fördern! (Spenden erbeten auf Postscheckkonto: Berlin Nr. 29 640, Wohlfahrtsamt der -Jüdischen Gemeinde, Sommerhilfe.) Wo ist das jüdische Herz? Eine viel gerühmte jüdische Tugend sclteini Im -Aussterben begriffen zu sein.- Das „jüdische Herz“, von dem man so gern spricht, schlägt es eigentlich noch? Diese und ähnliche Gedanken stiegen gestern in mir auf. als Ich als Helfer bei der Hilfsaktion „Jüdisches'Kind in Not“ mit det; Sammelbüchse die'Juden einer Nebenstraße des Bayerischen Platzes aufzusuchen hatte. Seit altersher spielt das „Zedokoüben“ eine große Rolfe im Judentum. Jüdisches Solldaritätsgefühl; EINLADUNG zur . jocriootUjebpjQ JLuinLyArsa m m I li n d KREDITVEREIN für Handel und Gewerbe e. o. m. b. h. Berlin N 24 Oranienburger Stralje 3 Am Hackeschen Markt " Reichsbankgirokonto Dresdner Bank Genossenschafts-Abteilung K 52 Bank des Berliner Kassenvereins . Postscheckkonto: Berlin Nr.'805 Fernsprecher: D 2 Weidendamm 0852 Kassenstunden: 9—5 Ohr Die Bank des jüdischen Mittelstandes Ausführung sämtlicher bankmäßigen Geschäfte Kontokorrent- und Scheckverkehr - Sparkonten An- und Verkauf von Wertpapieren Vermittlung von Hypotheken und Grundstöcken Häuserverwaltung